Von wegen nicht autorisiert: Antwort auf Marina Weisband

Von Merlind Theile
Marina Weisband

Marina Weisband

Foto: dapd

Marina Weisband, die frühere Geschäftsführerin der Piratenpartei, hat in ihrem Blog  mich und meinen Artikel "Die gute Fee" (SPIEGEL 45/2012) kritisiert. Eine erstaunliche Reaktion, denn bislang hatten Frau Weisband und ich nie Probleme miteinander.

Ich kenne Marina Weisband seit ihrem ersten Auftritt vor der Bundespressekonferenz im Oktober 2011. Damals schrieb ich einen Artikel über sie und das Frauenbild der Piraten ("Kein Geschlecht, kein Problem", SPIEGEL 41/2011) . In den folgenden Monaten führten wir immer wieder Gespräche, persönlich und am Telefon. Wiederholt schrieb ich über sie, zuletzt in der Meldung "Kopieren erlaubt" (SPIEGEL 39/2012) , in der es um ihr Buch ging.

Unser Kontakt war offen und freundlich.

Seit ihrem Rückzug im April habe ich mit Frau Weisband immer wieder über ihre mögliche Rückkehr in die Bundespolitik gesprochen. In der Partei ist Weisband ungemein populär, und angesichts der Krise des Bundesvorstands wurden die Rufe nach Weisbands Comeback nach meinem Eindruck zuletzt lauter. Dieses Stimmungsbild in der Partei war Anlass für meinen jüngsten Artikel über Frau Weisband.

Am Freitag vor zwei Wochen rief ich sie an und fragte, ob wir uns in der folgenden Woche in ihrem Wohnort Münster treffen könnten. Frau Weisband willigte ein. Wir trafen uns am folgenden Mittwoch in einem Café. Zu solchen Gesprächen wird kein Politiker gezwungen. Hätte Frau Weisband nicht mit mir reden wollen, hätte das Gespräch nicht stattgefunden.

Ich habe das Gespräch nicht aufgezeichnet, weil ich kein Wortlautinterview mit Frau Weisband führen wollte. Dass sich Journalisten bei solchen Treffen "nur" Notizen machen, ist absolut üblich. Ob aus dem Gespräch wirklich ein Artikel entstehen würde, war am Mittwoch tatsächlich unklar. In diesem Punkt hat Frau Weisband Recht. In anderen Punkten aber behauptet sie die Unwahrheit.

Frau Weisband schreibt in ihrem Blog:

Viele vernünftige Leute haben mich gefragt: "Hast du die Zitate echt so gebracht? Sind die autorisiert?" Ich danke für die Nachfrage. Die Antwort auf Beides ist: "Nein".

Das ist falsch.

In einem Telefonat am Freitagmittag habe ich Frau Weisband gesagt, dass der Artikel über sie aller Voraussicht nach im nächsten Heft erscheinen und welchen Tenor er haben würde: Dass sich viele ihre Rückkehr wünschen und sie selbst nun abwägt, ob sie für den Bundestag antreten soll oder nicht. Mit diesem Inhalt war Frau Weisband völlig einverstanden. Sie bat bloß darum, ihre wörtlichen Zitate vorab zu sehen. Also mailte ich ihr die für den Text vorgesehenen Zitate am Freitagnachmittag zur Autorisierung.

Alle Zitate des Artikels sind so gefallen, und Frau Weisband hat sie kurz nach Erhalt der Mail telefonisch so bestätigt. Lediglich bei einem Zitat bat sie mich, ein Wort einzufügen. Aus "Für die Piraten wäre es das Beste, wenn ich wieder antreten würde" - so stand es in meinen Notizen - wurde: "Für die Piraten wäre es wohl das Beste, wenn ich wieder antreten würde." Auch diesem Wunsch habe ich entsprochen.

Die Behauptung, ich hätte die autorisierten Zitate im Nachhinein verfremdet, ist ebenso falsch. Die abgedruckten Zitate entsprechen Frau Weisbands Autorisierung.

Frau Weisbands merkwürdige Reaktion erklärt sich für mich am ehesten aus der konfusen Lage der Piraten.

Die Partei war angetreten, das politische System zu verändern, speziell die Regeln des Betriebs, in dem Politiker wenig offen aussprechen und die interessantesten Informationen in der Regel nur "im Hintergrund" zu haben sind. Die aufschlussreichsten Zitate müssen wir Journalisten der Öffentlichkeit meist vorenthalten. Das ist oft ärgerlich und in jedem Fall intransparent.

Die Piraten dagegen wollten Transparenz, das heißt auch: Ein Politiker sagt, was er denkt und steht dazu. Kein Abwägen der Worte, keine Schreibverbote. Dass Marina Weisband und viele andere Piraten inzwischen dazu übergegangen sind, ihre Sätze im Nachhinein ebenfalls absegnen oder gar korrigieren zu wollen, zeigt, wie stark sich die Partei inzwischen den Regeln des etablierten Systems angepasst hat. Das ist zwar schade, aber in gewisser Weise nachvollziehbar.

Ärgerlich wird es, wenn Politiker ihre eigenen, sogar autorisierten Aussagen hinterher ungeschehen machen wollen, indem sie der Presse unsauberes Arbeiten vorwerfen. Im Fall von Marina Weisband ist es nun leider so passiert.

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