Der SPIEGEL

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21. August 2013, 14:46 Uhr

Nachruf

Claus Jacobi - unvergessen

Von Heinz Egleder

Der Journalist Claus Jacobi (04. Januar 1927 - 17. August 2013) gehörte zu den mutigen Journalisten im Lande. Rudolf Augstein war im Frühjahr 1952 auf den "Zeit"-Jungredakteur Jacobi aufmerksam geworden: Er hatte als 25-Jähriger das Türmchen vom Palais Schaumburg, dem Dienstsitz Konrad Adenauers, als "Lüg ins Land" bezeichnet. Grund genug, um "Jaco" zum SPIEGEL zu holen - nach tüchtigem Gehaltspoker um den dreifachen Salär wie bei der "Zeit".

Als Bonn-Korrespondent des SPIEGEL schrieb Jacobi eine Aufsehen erregende Titelgeschichte über Königin Juliana der Niederlande und deren Wunderheilerin Greet Hofmans. Die SPIEGEL-Auflage wurde angekurbelt, Augstein war entzückt, der damalige Dialog mit Jaco ist überliefert: "Du kannst Dir was wünschen." Jaco: "Ich möchte Korrespondent in Amerika werden." Augstein: "Nach dieser Geschichte kann ich dich sowieso an keinen europäischen Hof mehr schicken." Jaco wurde Washington-Korrespondent für den SPIEGEL und ab Januar 1962, neben Johannes K. Engel, Chefredakteur in Hamburg.

Der charismatische Jaco war mit der Gründer-Klicke des SPIEGEL gut Freund: Mit den Augsteins und den Brawands fuhr das Ehepaar Jacobi in Urlaub, mit Hans Detlev Becker und Johannes K. Engel wurde jahrzehntelang Weihnachten gefeiert. Ein gemeinsames Weihnachtstreffen blieb noch bis ins Jahr 2005 feste Tradition; dabei war Jaco bereits Ende der sechziger Jahre aus dem SPIEGEL-Verlag ausgeschieden. Er machte dann Karriere bei Springer, wo er es zum Chefredakteur, zum "Redaktionsdirektor" und gar zum Herausgeber brachte.

Warum eigentlich blieb Jacobi nur bis Heft 52/1968 Chefredakteur? Hatte er bei der von ihm verantworteten SPIEGEL-Affäre keine gute Figur gezeigt? Das Gegenteil ist der Fall: Er hatte den Fallex-Beitrag eigenhändig und erstklassig redigiert, das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde erst im März 1965 eingestellt. Der 1962 für 18 Tage Inhaftierte war, anders als Augstein und Becker, während seiner Haftzeit niemals ängstlich und stets durch Besonnenheit und Standfestigkeit aufgefallen. Jacobi war in der Redaktion sehr beliebt, Augstein sagte über ihn: "Wenn Jaco ins Zimmer tritt, verbreitet er gute Laune."

Wieso also schied der Vollblutjournalist bei uns aus? Die Jacobi-Memoiren "Fremde, Freunde, Feinde" von 1991 geben darauf keine Antwort, wohl aber eine Befragung durch die SPIEGEL-Hausdokumentation im Jahre 2007: "Zunächst lief alles so gut, dann liefen diese 68er-Proteste an", sagte Jacobi: "Rudolf wollte nun den SPIEGEL politischer machen … und das war etwas, was ganz und gar gegen meine Überzeugung war. Ich war der Meinung, dass der SPIEGEL und der Journalismus etwas viel Wertvolleres waren als politische Parteien oder politische Richtungen."

So trennten sich die Wege mit dieser Medienpersönlichkeit, der 1946 als Volontär bei der "Hamburger Allgemeinen" anfing, 1947 zur "Welt" ging, dann zur "Zeit", nebenbei für den "Stern" jobbte, dann 17 Jahre für den SPIEGEL arbeitete, danach in leitender Position bei Springer: bei der "Welt am Sonntag", bei der "Bild" und zwischendurch bei der "Wirtschaftswoche". Unglaublich, welche Bandbreite dieser "Journalist des Jahrhunderts" ("Die Welt" in einem Nachruf) abgedeckt hat. Bis zu einem schweren Sturz mit folgeschweren Schädelverletzungen schrieb Jacobi an seiner "Bild"-Kolumne "Mein Tagebuch". Dieser Mann hinterlässt ein einzigartiges Tagebuch des deutschen Journalismus. Auch der SPIEGEL wird Jaco nie vergessen.

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