Chinas neue Protestkultur

Proteste am Foxconn-Werk in Taiyuan
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Proteste am Foxconn-Werk in Taiyuan

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Es waren die Zahlen, die mich bei meiner Recherche über die Randale in einem Foxconn-Werk verblüfften: 2000 Arbeiter, die bei den Unruhen dabei waren, und 10.000 Schaulustige, die zusammenliefen, um die Massenschlägerei zu beobachten. Und das in China, wo Sicherheitskräfte normalerweise alles tun, um Menschenansammlungen zu verhindern. Zumal, wenn es sich um eine johlende, aufgebrachte Menge handelt. Was also war geschehen im Foxconn-Werk in Taiyuan, das auch Teile des iPhones produziert? Woher kam diese Wut?

Meine Recherche in Taiyuan sollte die Ereignisse jener Nacht vom 23. auf den 24. September rekonstruieren. Es ging mir darum, Augenzeugen zu finden und deren Berichte abzugleichen mit den Informationen, Fotos und Videos, die bereits im chinesischen Internet kursierten, zum Beispiel beim Kurznachrichtendienst Sina Weibo. Denn längst hat die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die Deutungshoheit verloren über das, was im Land passiert. Auf der anderen Seite ist längst nicht alles wahr, was sich rasend schnell per Mikroblog verbreitet.

Dass sich vor dem Eingang des Foxconn-Werks in Taiyuan gleich mehrere Polizeiautos postiert hatten, dass in China ohnehin an jeder Ecke Kameras hängen, dass Plakate alle Beteiligten dazu aufriefen, sich freiwillig bei der Polizei zu melden, all das machte die Arbeiter nicht gerade gesprächiger. Manche hatten auch Sorge, dass Kollegen sie sehen könnten, zusammen mit einer ausländischen Journalistin. Bei Foxconn arbeiten Zehntausende Arbeiter aus verschiedenen Landesteilen zusammen in einem Werk, viele werden von einer Fabrik zur anderen transferiert, je nach Auftragslage. Sie kennen einander nicht gut, wissen nicht, wem sie vertrauen können. Einem Arbeiter, der von Schlägen der Polizisten berichtete, war von seinem Chef bei Foxconn eingebläut worden zu schweigen.

Um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen, folgte ich ihnen in das Wohnviertel außerhalb der Fabrik, einer heruntergekommenen Gegend mit kleinen Läden, billigen Absteigen, Müll auf dem Asphalt - weit weg von der coolen, glamourösen Apple-Welt, die die Männer und Frauen selbst erschaffen. Hier fügten sich die Puzzleteile zusammen zu einem Bild von jener Nacht, gestützt auf zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Arbeitern in Hauseingängen, Restaurants und der Privatwohnung eines Mannes, der die Ereignisse selbst beobachtet hatte. Sie alle erzählten von ihrer Wut auf das Wachpersonal in der Fabrik, die sich in jenen Stunden Bahn brach. Auch wenn Foxconn selbst, mit den Vorwürfen der Arbeiter konfrontiert, erklärt, die Wachmänner seien angehalten, Mitarbeiter mit Respekt zu behandeln.

Die Unruhen bei Foxconn zeigen jedoch auch, dass eine neue Generation von Fabrikarbeitern herangewachsen ist, die vieles nicht mehr hinnehmen will. In ganz China ist in den letzten Jahren eine neue Protestkultur entstanden. Bauern, Fließbandarbeiter, Taxifahrer, aber auch die neue Mittelschicht kämpfen lautstark für ihre Interessen. Bis zu 180.000 so genannter "Massenvorfälle" im Jahr, schätzen Wissenschaftler, ereignen sich in China. Die Spannungen, die eine Gesellschaft im Umbruch aushalten muss, entladen sich so plötzlich wie heftig. Wie kürzlich in Taiyuan.

Im aktuellen SPIEGEL berichtet Sandra Schulz zusammen mit dem Kollegen Wieland Wagner über die Tumulte im Foxconn-Werk in Taiyuan - und die Rolle der Polizei.



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2 Leserkommentare
metti86 03.10.2012
thomastumaspiegel 04.10.2012

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