23.07.2013

Faszinierende Ferne

Lange galt das Mittelalter als dunkle Durststrecke der Geschichte - heute ist es eine Projektionsfläche abenteuerlicher Phantasien. Wie sah die Alltagswelt zwischen 500 und 1500 wirklich aus?
Kühn ragt sie auf über dem Tal, die Burg hoch oben an der Felswand. Seit Jahrhunderten wohnen hier, in den Südalpen zwischen Brixen und Trient, die Herren von Ketten.
In der Gipfelregion "mit dem Sturm und den Wolken", bei Steinbock und Adler, beginnt das "Reich der Geister", wo kein Christ sich hintraut. In den riesigen, oft undurchdringlichen Wäldern trifft man auf den "Hirsch, Bären, das Wildschwein", Wölfe "und vielleicht das Einhorn"; unten am Fluss ringen Burgherren und Bischöfe seit Generationen blutig um den Grundbesitz, den die Bauern mühevoll bewirtschaften.
Steht man im Burghof, wirkt das Gemäuer am Steilhang dann allerdings eher "wie aus Hühnerställen zusammengefügt". Da liegen "Bauern- und Kriegsgerät, Stallketten und Wagenbäume" durcheinander; die aus dem fernen Portugal ankommende junge Ehefrau findet ihr neues Domizil "über alles Erwarten hässlich". "Knechtlärm, Pferdegewieher und Balkentragen" dringen durch, weil kaum ein Fenster verglast ist. Klamm und zugig haust man hier; gegen Krankheiten wissen Bader oder Arzt nur wenig Rat. Und Sommer für Sommer zieht der Herr ins Gefecht, nach dem immer gleichen Rhythmus von Gier und Vergeltung: "Tat geschieht, weil andre Tat geschehn ist."
Zwar verschaffen ein Kaplan, ein Schreiber "zum Vorlesen" und eine "lustige Zofe" etwas Unterhaltung; manchmal kommen sogar "reisende Doktoren und Schüler" vorbei. Aber das sind in den Augen des harten Herrn von Ketten "mit scholastischer Tünche überzogene Lümmel", die es hauptsächlich auf seine Vorräte an Wein und Speisen abgesehen haben.
Ist dieses Bild des späteren Mittelalters, das der Schriftsteller Robert Musil 1923 in seiner Erzählung "Die Portugiesin" gezeichnet hat, realistisch? War das damalige Leben wirklich für die allermeisten Menschen kurz, beschränkt und eintönig, dreckig und brutal, mysteriös und voll ererbter Sorgen? Bot es dennoch zugleich, mit den Worten des großen niederländischen Geschichtserzählers Johan Huizinga, "immer und überall unbegrenzten Raum für glühende Leidenschaftlichkeit und kindliche Phantasie"?
Eine kurze Antwort darauf würde heute kaum ein Historiker wagen. Zu unterschiedlich sind Jahrhunderte und Regionen, Standes-, Familien- und Einzelschicksale, zu viele vage Stimmungswerte müsste man berechnen - ganz abgesehen von dem Problem, nach welchem Maßstab dann das Urteil ergehen könnte. Und was heißt überhaupt "Mittelalter"? Wann fing es an, wie weit soll es reichen?
Benutzt wurde der Begriff schon um das Jahr 1200: Der christliche Endzeitdenker Joachim von Fiore verkündete, die göttliche Heilsgeschichte laufe in drei großen Stadien ab, die er nach Vater, Sohn und Heiligem Geist benannte. Noch befinde sich die Welt in der "media aetas", der mittleren Periode des Gottessohnes. Dann aber werde - nach Überwindung einer ersten Antichrist-Gestalt - die erleuchtete Harmonie des dritten Zeitalters folgen. Erst hinterher dräue Christi Wiederkunft mit dem finalen Weltgericht.
Spätere Chronisten blieben von derlei Spekulationen unbeeindruckt. Die Idee vom Mittelalter kam erst wieder auf, als Humanisten des 15. Jahrhunderts ziemlich verächtlich "mittlere Zeit" nannten, was die nun verehrte, vorbildhafte Antike von der Neuzeit trennte. Seit der hallische Geschichtsprofessor Christoph Cellarius 1688 in einem Handbuch die Jahrhunderte zwischen Kaiser Konstantin dem Großen (gestorben 337) und der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 als "Mittelalter" bezeichnete, wurde das Wort geläufig. Heute ist damit in der Regel die Zeit zwischen 500 und 1500 gemeint.
Wer sich vom Alltag innerhalb dieses Jahrtausends auch nur annähernd eine Vorstellung machen will, kann mit der Überlegung anfangen, auf welche Errungenschaften und Selbstverständlichkeiten jemand zu verzichten hätte, der als Zeitreisender ins Mittelalter aufbräche. Rasch wird dann klar, wie enorm sich die damalige Lebensweise vom heutigen hochtechnisierten, informationsgesteuerten und medial wie maschinell bis an die Grenzen des Machbaren beschleunigten Dasein unterscheidet.
Da weder Elektrizität noch Verbrennungsmotoren existierten, waren die wenigen technischen Geräte, die es gab - Mühlen zum Beispiel -, auf Naturkräfte wie Wasser und Wind oder die Muskeln von Tier und Mensch angewiesen. Handarbeit beherrschte das Leben; über die tägliche Schufterei hinaus noch Sport zu treiben wäre niemandem eingefallen. Da nur die wenigsten Wege zu Straßen ausgebaut oder gar gepflastert waren, konnten selbst kürzere Transporte und Reisen zum Abenteuer werden.
Behausungen aus Stein besaßen außer Gott selbst allenfalls Adlige und Herrscher; gewöhnliche Menschen lebten in Unterkünften aus Holz und Lehm, die fast nie mehr als ein Stockwerk hatten. Heizung und Kochfeuer waren häufig identisch. Wasser strömte nicht sauber und wohltemperiert aus dem Hahn, sondern musste im günstigen Fall vom Brunnen geholt, anderswo aus Flüssen und Teichen herbeigeschafft werden. Da abseits alter Römerstädte jegliche Kanalisation fehlte, blieben Fäkalien und Abfälle meist in unhygienischer Riechnähe. Medizinisch wirksame Mittel gegen Krankheiten existierten nur wenige, Quacksalberei dafür umso mehr.
Fensterglas, bekannt erst seit dem 12. Jahrhundert, war reiner Luxus für Kirchen oder Paläste. Die meisten Häuser blieben düstere Rückzugsorte, von Öllampen oder Kerzen schwach erhellt. Entsprechend lebte man weit mehr bei Tageslicht, im Freien und mit der wetterwendischen Natur; Mobiliar gab es spärlich, Stühle fast nur als Thron und Ehrenplatz. Schrauben aus Metall fehlten; selbst Nägel und Draht waren bis ins Spätmittelalter nicht leicht verfügbar. Materialien wie Gummi, Aluminium oder Zement kannte man nicht, von Kunststoffen zu schweigen.
An Speisen waren weder Kartoffeln noch Tomaten, nicht einmal Reis zu haben. Gemüse- und Getreidekost prägte den Alltag. Salz war so kostbar, dass man es hoch besteuerte und mitunter wie ein Zahlungsmittel verwendete. Tabak zum Rauchen: Fehlanzeige. Und Gewürze kannten die meisten nur aus Geschichten von fernen Ländern.
Bildhafte Darstellungen gab es praktisch nur in kirchlicher Umgebung. Gedrucktes fehlte, und die handschriftlich hergestellten Bücher auf Pergament waren extrem teure Raritäten. Aber lesen oder gar schreiben konnten ohnehin nur die wenigsten. Nachrichten, die nicht als Urkunden amtliche Form erlangten, mussten mündlich ihren Weg finden; das ging kaum schneller als mit Eilboten zu Pferd. Da es aber bis zum 13. Jahrhundert allenfalls in Klöstern Uhren gab, waren Zeitpläne etwas Ungefähres. Terminwünsche "über Jahr und Tag" hatten jedenfalls bessere Aussicht auf Erfolg.
Kompassnadeln waren Experten zwar bekannt, wurden aber nur wenig verwendet - Geografie über die nähere Umgebung hinaus diente nach den Worten des Mediävisten Horst Fuhrmann sowieso hauptsächlich der "Aufzeichnung des entfalteten Heilsgeschehens". Auf Weltkarten erschien zum Beispiel meist Jerusalem als Mittelpunkt der Erdscheibe (siehe Seite 30). Weit wichtiger als Ortskunde waren geistliche Ratschläge, mit Hilfe welcher Gelübde, Fürbitten, Almosen, Pilgerreisen und Stiftungen man nach dem Tod der Gefahr entging, im Fegefeuer oder gar unwiderruflich in der Hölle zu landen.
Schon aus Mangel an Papier fand kein Papierkrieg statt, aber auch weil bis ins Spätmittelalter praktisch keine örtlichen Behörden, Banken, Börsen oder Versicherungen existierten. Ebenso wenig gab es eine Polizei oder Gleichheit vor dem Gesetz im heutigen staatsbürgerlichen Sinne. Schriftlich dokumentiert wurde selbst in Adelskreisen nur das Wichtigste. Von der Wiege bis zum Grab blieb der Mensch fest in Familie, Diensthierarchie oder klerikaler Gemeinschaft eingebunden. Individuelle, private Liebhabereien, für die es Muße brauchte, waren allenfalls Reichen und Mächtigen möglich.
Könnte sich der Zeitreisende dem Denken anpassen, das all diesen herben Bedingungen entsprach, wäre ein Kurzbesuch im Mittelalter vielleicht sogar relativ erträglich. Vom heutigen Lebens- und Bewusstseinsstandard aus betrachtet aber wirkt das Alltagsleben der Epoche ernüchternd, ja beängstigend - in erschreckendem Ausmaß "finster", wie die seit dem Frühhumanisten Francesco Petrarca verbreitete Formel es behauptet.
Sehr lange konnte sich dieses düstere Image halten. Noch die Aufklärer, allen voran Voltaire, verbreiteten ein denkbar schwarzes Bild von pfäffisch gegängelten, feudal tyrannisierten und materiell wie geistig barbarisch rückständigen Frühzeiten Europas. Aber seit etwa 1750 wendete sich langsam die Stimmung: Das Mittelalter wurde interessant.
Literaturkenner entdeckten die reizvolle Eigenart alter deutscher Dichtung, zum Beispiel des Nibelungenliedes. Der junge Universaldenker Johann Gottfried Herder urteilte 1774, Lehnswesen, Rittertum und Gotik seien Ausdruck des "gesunden nordischen Verstandes". Es habe damals durchaus "Sprachseligkeit, muntere Schnellkraft, leichte Gefälligkeit und glänzende Anmut" gegeben - die Kreuzzüge seien da bloß ein christliches Missgeschick, "eine tolle Begebenheit, die Europa einige Millionen Menschen kostete". Trotz solcher Pannen verdiene das Mittelalter Respekt als eigenständiges "Wunder des menschlichen Geistes".
Dieses Ideal urwüchsiger Volkstümlichkeit wurde nach den Gewaltexzessen der Französischen Revolution noch verstärkt durch die Sehnsucht nach politisch-intellektueller Stabilität. Hatten Ritter und Mönche nicht einfacher und übersichtlicher zu leben verstanden? Der junge Dichter Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte, rühmte schon 1799 in seinem Essay "Die Christenheit oder Europa", dass in den "ächtkatholischen oder ächtchristlichen Zeiten" Kleriker die "erfahrnen Steuerleute" der Menschen gewesen seien.
Unversehens war das Mittelalter zur Idylle, ja zur Utopie mutiert: "Mit welcher Heiterkeit verließ man die schönen Versammlungen in den geheimnisvollen Kirchen, die mit ermunternden Bildern geschmückt, mit süßen Düften erfüllt, und von heiliger erhebender Musik belebt waren." Leider, so Novalis, sei dieses einfache, selbstverständlich fromme Dasein dann von Zweifeln untergraben, im "Drucke des Geschäftlebens" der Neuzeit aufgerieben und endlich "als Trug und Wahn ausgeschrien" worden.
Anfang des 19. Jahrhunderts gab nationale Empörung gegen den Diktator Napoleon der Begeisterung fürs Mittelalter immer stärkeren Auftrieb. Der virtuose Poet Ludwig Tieck übersetzte Minnelieder; der Erzähler Friedrich de la Motte Fouqué dichtete nach hochmittelalterlichen Vorbildern idealisierte, von der Aura des Abenteuerlich-Exotischen durchzogene Ritterromane ("Der Held des Nordens"). Für den katholischen Dichter Joseph von Eichendorff bot das germanische "Urmittelalter" auch politisch die passenden Vorbilder von "Heldenmut, Freiheit und Tugend", natürlich unter strikt christlichen Vorzeichen.
Historiker nutzten den Boom und machten aus der bislang oft belächelten Mittelalter-Forschung ein Spezialfach. Von den Resultaten - zum Beispiel der Entdeckung vieler wertvoller Handschriften - profitierte gleich die nächste Erzählergeneration. So wollte der hochgebildete Journalist Gustav Freytag in seinem Romanzyklus "Die Ahnen" (1872 bis 1880), einem Familienpanorama von der Spätantike bis zur Revolution von 1848, Helden für Bürger des neuen wilhelminischen Kaiserreichs schaffen. Vier der sechs Bücher schildern breit und bunt das Mittelalter, mit manchen Anleihen bei den romantisch-abenteuerlichen Schmökern von Walter Scott ("Ivanhoe", 1820).
Freytag und seine Kollegen wie Joseph Victor von Scheffel ("Ekkehard", 1855) hielten sich zwar nach Möglichkeit an verbürgte Details, aber wichtiger waren ihnen herzergreifende Geschichten. Ein realistisches Bild des fernen Alltags hätte das Publikum nur verschreckt. Immerhin löste die neue Mittelalter-Mode auch Spott aus. So ließ der amerikanische Humorist Mark Twain 1889 einen kapitalistisch versierten, mit einem Colt bewaffneten Yankee aus Connecticut am Hof des sagenhaften Königs Artus auftauchen. Der zeitversetzte Held rastet nicht, bis Dampfschiffe und Zeitungen kursieren, was der sympathisch-kuriosen, aber reichlich scheppernden Ritterwelt am Ende den Garaus bereitet.
Im 20. Jahrhundert hat der Trend zur Unterhaltung das Mittelalter dann vollends vereinnahmt. Umberto Ecos Weltbestseller "Der Name der Rose" (1982) ist ein Klosterkrimi, in dem die Sherlock-Holmes-Gestalt in Kutte ermittelt, Michael Crichtons "Timeline" (2000) eine Action-Zeitreise ins kriegerische Spätmittelalter. Auch in Ken Folletts beliebter Kathedralbau-Saga "Die Säulen der Erde" (1990) und ihrer 200 Jahre später spielenden Fortsetzung "Die Tore der Welt" (2008) dient das Zeitkolorit weitgehend der neckischen Kostümierung.
Genau damit aber lässt sich Geld verdienen. Unentwegt beliefert heute eine rührige Industrie die Fans mit neuem historisch garniertem Stoff, von geheimnisvollen Verschwörungen über bunte Festivals bis zur Esoterik. Besonders beliebt sind Verfilmungen und Spiele, vorzugsweise am Computer. Im fließenden Übergang zu den virtuellen Welten der Superhelden und Internetkampfspiele ist das Mittelalter eine Heimstatt kollektiver Phantasien geworden, wo jeder seine Rollenträume ausleben kann.
Dorfplanung in "Die Siedler", Kreuzzugsdramatik in "Castle Fight" oder "Assassin's Creed", aber auch "Magische Amulette, rätselhafte Schriftrollen und mysteriöse Bruderschaften" (Eigenwerbung) in "Torpia" sowie jede Menge Monster-Horror: Die "Wunschmaschine" Mittelalter, wie der Historiker Valentin Groebner sie nennt, läuft bestens.
Gegen die hemmungslosen Klitterungen auf Bildschirmen wirken reale Events wie "Spectaculum" oder "Ritterspiele", von denen landauf, landab allein bis Ende dieses Jahres noch weit über 300 stattfinden sollen, nachgerade zahm: Pferdeduft und Graupensuppe, Turniergeplänkel, Met-Ausschank und Bardenlieder bieten ausgefallene, familienfreundliche Kurzweil für alle Sinne.
Inzwischen hat sich die Szene etabliert; eine ganze Zunft spezialisierter Schausteller lebt von der Neugier aufs Mittelalter - oder was man dafür halten möchte. In der Regel ist das Flair des Urtümlichen durchaus gut gemeint, selbst wenn im Hintergrund schon mal der Stromgenerator tuckert oder versehentlich Kartoffelbrei serviert wird.
Trotzdem: Wer etwas über die Realität im Mittelalter erfahren will, hat es momentan schwerer denn je, so viel Halbwahres und schlicht Erfundenes ist im Umlauf. Ausgerechnet die beinah grenzenlose Verfügbarkeit von Informationen hat dazu beigetragen, dass inmitten dubioser Thesen und geschäftstüchtiger Shows kaum noch erkennbar ist, welch simplen, aber fundamentalen Bedingungen das mittelalterliche Leben und Denken unterworfen war.
Da stand als Erstes Gottes gewaltige Ewigkeit gegen das dürftig-sündhafte Menschengeschöpf. Die "kosmische Mythe" des Christentums - wie der große Mittelalter-Kenner Wolfram von den Steinen sie genannt hat - durchdrang jegliches Denken und Handeln. Mochten Kleriker noch so viele menschliche Schwächen haben: Zu ihrer Botschaft über den Sinn irdischen Daseins, wo zwischen Paradies und Endgericht das Selbstopfer des Gottessohns am Kreuz und seine Auferstehung die Richtung wiesen, gab es keine Alternative.
Nur Kirchenmänner konnten zeitlichen Segen spenden; nur sie vollzogen die unerlässlichen Riten von Taufe, Eheschließung und Totenfeier. Dass daneben Klöster als Zentren des Jenseits-Heils und der Fürsorge für Arme und Kranke, als Schatzhäuser der Bildung, aber auch als vielseitige Unternehmen im Leben aller eine wichtige Rolle spielten, zählte ebenso zu den Selbstverständlichkeiten.
Von der himmlischen Herrschaft wurde jede irdische mit gerechtfertigt. Zweifel an Gottes festgelegter Ordnung der Welt durfte es nicht geben. Sie regierte vom Sternenlauf bis hin zum erblichen Besitz, zum überkommenen Rang von Herr und Knecht, Adel und Volk, sie bestimmte Maße, Gewichte und den täglichen, wöchentlichen, jährlichen Rhythmus ganz normaler Tätigkeiten. Wer etwas ändern wollte, störte womöglich den ewigen Heilsplan. Weisheit beruhte auf der Autorität ehrwürdiger, oft heiliger Lehrer; fromme Denker entschuldigten sich geradezu für eine ungewöhnliche Idee.
Überhaupt: Neugier und Eigensinn galten als riskant, Demut und Ergebenheit als das Klügere. Auf sein Recht pochen konnte ohnehin nur, wem es verbrieft war - bis weit ins späte Mittelalter blieb das die Ausnahme. Viel wichtiger war es, inmitten der unkalkulierbaren Gefahren Menschen zu kennen, auf die man sich verlassen konnte: im Normalfall erst die Familie, dann Nachbarn, Herren und Getreue. Dorf oder Königshof, Mönchsgemeinschaft oder Stadtquartier: Der Einzelne bedeutete nur insoweit etwas, als sein Tun die Gemeinschaft stärkte.
Obwohl Neuerungen meist als dubios, ja sündhaft galten, veränderte sich der Alltag im Lauf der Jahrhunderte doch erheblich, wie viele Indizien belegen. Rodung und Kolonisation etwa erschlossen neue Ackerflächen. Da zugleich die bäuerliche Technik sich verbesserte, konnte langfristig das Land mehr Bewohner ernähren - bis der Raum knapp wurde und sich Jüngere ohne Aussicht auf genügend Erbe auswärts verdingen mussten, etwa als Krieger. Allein zwischen 1150 und 1200 stieg die Bevölkerung Europas nach Schätzungen rasant von 50 Millionen auf über 60 Millionen Menschen.
Handwerk und Handel gediehen am besten, wo Bedarf sich ballte und städtische Märkte den Austausch förderten; dort gehörte, wer mit Arbeit sein Brot verdiente, dann nicht nur der Sippen- oder Kirchspielgemeinschaft, sondern beinahe zwangsläufig auch einer Gilde oder Zunft an. Im 15. Jahrhundert war die Spezialisierung der Gewerbe so weit vorangeschritten, dass selbst die Paternostermacher, die mit Bohr- oder Drechselwerkzeugen Kugeln für die Rosenkränze der Betenden herstellten, eigene Zünfte gründeten.
Je seltener Landesherren unablässig als oberste Richter und Aufseher ihr Territorium durchreisten, desto nötiger war schriftliche Rechenschaft über Erträge und Verträge. Eine genauere Verwaltung erforderte mehr gebildete Fachleute, speziell Juristen - mit ein Grund, weshalb von 1300 an in Europa immer mehr Hochschulen entstanden. Kanzleien der Regenten, einst hervorgegangen aus der Hofkapelle des Königs, waren schon infolge des erhöhten Urkundenbedarfs seit dem 12. Jahrhundert zu Behörden angewachsen; mit ihnen stieg stetig die Zahl der Beamten.
Diese vielfältigen, keineswegs flächendeckend ablaufenden Entwicklungen zeigen, dass es im Spätmittelalter den einen, überall ähnlichen Alltag der Bauern, der Städter, der Mönche oder Kleriker kaum noch gab. Immer diverser entwickelten sich die Lebensformen. Nur der universelle Rahmen von Glauben und Herrschaft blieb erhalten. Dass auch er langsam morsch und brüchig wirkte, lag weniger an der erhöhten Spezialisierung als an der sprunghaft wachsenden, immer rascher verbreiteten Weltkenntnis und Intellektualität.
Wie die neue Kosmologie des Kopernikus und die Entdeckung Amerikas das bisherige Weltbild umkrempelten, so machte der Buchdruck von Mitte des 15. Jahrhunderts an Ideen in nie gekanntem Ausmaß zugänglich. Forschung und Experimente, neue, radikale Formen der Wahrheitssuche auch auf intellektuellem Gebiet hatten Humanisten in Italien schon während des 14. Jahrhunderts praktiziert; nun drang die neue Geisteshaltung kritischen Zweifelns und Fragens bis zu den weniger Fachkundigen vor.
"Wenn sich das Allgemeine nur noch in Fragmenten sehen lässt, nicht mehr im Verhalten von Menschen zueinander verkörpert, ist das Mittelalter vorbei" - mit diesem bedächtig-nüchternen Satz hat der Historiker Arno Borst das Ende der Epoche einzukreisen versucht. Genau betrachtet liefert er auch eine Erklärung für den Mittelalter-Boom: Gerade die gewöhnlichen Lebensumstände dieser fernen Welt erscheinen heute so herzhaft ursprünglich, dass der harte Alltag damaliger Menschen den Schimmer des Echten, Einfachen und obendrein Abenteuerlichen bekommt. Dieser Reiz wird sich wohl so bald nicht verlieren. ■
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2013
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