23.07.2013

Joch der Sklaverei

Über Jahrhunderte war das Leben der Bauern von Plackerei, Abgaben und strenger Kontrolle geprägt. Nach und nach regte sich Widerstand.
Nein, wie sein Vater wollte Helmbrecht auf keinen Fall enden. Der junge Bauernsohn mit den schulterlangen, gelockten Haaren dachte nicht daran, für immer auf dem heimischen Acker zu schuften. Helmbrecht hatte andere Pläne: Er wollte Ritter werden, künftig ein angenehmeres Leben führen - und genau das eröffnete er eines Tages seinem überraschten Vater. In den Versreimen des mittelalterlichen Epikers Wernher der Gärtner klang es um das Jahr 1250 so:
Trink, Vater, Wasser weiter, für mich ist Wein gescheiter. Auch Grütze magst du essen: Ich will sie bald vergessen und mich am frisch gekochten Huhn in aller Ruhe gütlich tun. Auch will ich bis an meinem Tod nur essen feines Weizenbrot; denn Hafer ist für mich zu schlecht.
Er schwor sich, nie wieder Säcke zu schleppen, Mist zu schaufeln und mit Ochsen die Felder zu bestellen. Schließlich könne ihn die harte Pflugarbeit "in peinlichste Verlegenheit" bringen, falls eine Frau aus edlem Geschlecht Schwielen an seinen Händen entdeckte. Der Adel werde einen Bauern nie als Gleichrangigen akzeptieren, warnte der Vater den Sohn. Sein einfacher Rat: "Geh aufs Feld und nimm den Pflug, dann nützest du der Welt genug."
Mit seinen Versen über den rebellischen Bauernspross muss Wernher der Gärtner einen Nerv der Zeit getroffen haben, denn er trug sie an Höfen überall im deutschsprachigen Raum vor. Seine Erzählung vom blonden Jüngling, der sich schon in den feinsten Seidenkleidern wähnte, mag satirisch überzogen gewesen sein. Und doch verrät sie der Nachwelt einen Traum, der sich durch das gesamte Mittelalter zog: die Sehnsucht der Bauern, ihrer Armut, Plackerei und Unfreiheit zu entkommen.
Der Wunsch der Ackersleute nach sozialem Aufstieg war im 13. Jahrhundert offenbar derart verbreitet, dass Wernher der Gärtner - vermutlich ein Adeliger oder ein Geistlicher - seiner Geschichte einen warnenden Schluss verpasste: Helmbrecht geriet, nachdem er trotz aller Mahnungen den heimischen Hof verlassen hatte, nicht an ehrenhafte Edelmänner, sondern an gesetzlose Raubritter. Mit denen zog er mordend und plündernd von Dorf zu Dorf. Doch die Bande wurde gefasst und auch Helmbrecht schließlich von Bauern an einem Baum aufgeknüpft.
Die Botschaft war klar, und sie findet sich in Variationen in etlichen Schriften wieder: Wer Bauer war, sollte Bauer bleiben und demütig wie Christus jegliche Qual ertragen. "Du musst sein, was Gott will", predigte der Franziskaner Berthold von Regensburg im 13. Jahrhundert den Geknechteten und fragte rhetorisch: "Wer sollte uns den Acker bestellen, wenn ihr alle Herren wärt?"
So wurde den Menschen die ungerecht verteilte Arbeitslast als gottgewollte Ordnung erklärt. Im 11. Jahrhundert fasste der französische Bischof Adalbero von Laon die Aufteilung der Gesellschaft in einem banalen Satz zusammen: "Die einen beten, die anderen kämpfen, die dritten arbeiten." Gern zogen christliche Gelehrte in dieser Zeit auch Vergleiche mit dem menschlichen Körper: Der Kopf entspreche der Kirche, der Mund den Predigern. Die Hände wiederum seien die Ritter, bereit, die Kirche mit dem Schwert zu verteidigen. Und die Aufgabe der Bauern? Sie waren in diesem Bild die Füße, die das Gewicht des ganzen Körpers tragen mussten.
Eine Last, die zunehmend schwerer wurde: Die Bauern, von denen die meisten in germanischer Zeit noch in Freiheit gelebt hatten, gerieten zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert fast ausnahmslos in Abhängigkeit von den aufstrebenden Großgrundbesitzern. Gründe dafür gab es viele: Die Bevölkerung wuchs rasant, für neue Ackerflächen mussten Wälder gerodet und Sümpfe trockengelegt werden. Der Kampf um fruchtbares Land nahm zu, und weil die Bauern mit verbesserten Pflügen und anderen Werkzeugen ihre Felder intensiver bewirtschaften konnten, wurden sie sesshafter - damit aber auch gefährdeter.
Denn gleichzeitig erweiterten die Großgrundbesitzer ihre wachsenden Ländereien zunehmend mit Hilfe von gepanzerten Reiterkriegern. Daraus bildete sich langfristig das Rittertum, eine machtbewusste Kriegerkaste, deren Feldzüge auch regelmäßig Äcker und Dörfer verwüsteten. Zudem konnten die fränkischen Könige die Bauern selbst zum Kriegsdienst verpflichten; die immens teure Ausrüstung mussten sie mitbringen, was viele endgültig ruinierte.
Freiheit bedeutete immer häufiger Armut und Wehrlosigkeit: Etliche Bauern suchten daher freiwillig den Schutz eines mächtigen Grundherrn; andere wurden dagegen gewaltsam verknechtet. Schon bald waren die Mehrzahl der Bauern sogenannte Halbfreie oder Hörige - persönlich frei, aber de facto unfrei, da sie sich in absoluter Abhängigkeit zu ihrem Grundherrn befanden: Sie bestellten das von ihm gepachtete Land, mussten dafür aber einen großen Teil ihrer Ernteerträge abliefern und zusätzlich Arbeitsdienste auf seinem Gutsbesitz verrichten. Noch schlechter waren die leibeigenen Bauern gestellt, die fast so rechtlos wie Sklaven auf dem Hof ihres Herrn schufteten und keinerlei Ackerflächen besaßen.
Die Profiteure dieser Ordnung überzogen die Geknechteten auch noch gern mit Spott: In derben Gedichten amüsierten sich Adel und Bürgertum regelmäßig über die vermeintliche Dummheit, Tölpelhaftigkeit und Trunksucht der Bauern. Die Kirche wetterte gegen ihr angeblich sittenloses und sündhaftes Benehmen, während die Landbesitzer ihnen ständig Ungehorsam und Faulheit unterstellten. Autoren wie der Nürnberger Diplomat Lorenz Schaller verfassten regelrechte Hass-Traktate:
"Von den Bauern ist kein einziger gut. (...) Sie sind grausam und unmenschlich, sie reden eitel und mit gespaltenen Zungen. Sie sind vollgefressen wie die Kröten, sie ziehen nachts aus wie die Eulen und stehlen wie die Räuber, verspritzen Gift wie die Drachen. Man sollte die Bauern erschlagen. (...) Unheil und Pest möge sie treffen." Wie hier im ausgehenden Mittelalter wurden die häufig als dickbäuchig und einfältig karikierten Ackersleute jahrhundertelang belächelt und verhöhnt.
Doch wie waren sie jenseits dieser Zerrbilder wirklich? Zwar gibt es Tausende schriftliche Quellen über sie - aber da nur die wenigsten schreiben konnten, fehlen Aufzeichnungen von ihnen selbst. Und trotzdem können sich Historiker ein überraschend gutes Bild vom bäuerlichen Alltag machen. Denn neben Liedern, Gedichten oder Predigten gibt es noch eine weit nüchternere Quellenart: Rechtsvorschriften, die das Zusammenleben der Bauern mit ihren adeligen oder kirchlichen Grundherren detailliert regelten.
Das Leben der Bauern war demnach in ein extrem enges Korsett an Regeln gepresst. Da gab es etwa genaue Vorgaben, wie breit ein Mühlweg zu bauen ist ("so weit, dass ein Ross dem anderen mit einem Sack ausweichen kann") und wann der Bauer einen neuen Zaun zu setzen hat ("ehe er aussät, sonst wird er bestraft"). Schon im Frühmittelalter unterschied eine fränkische Rechtssammlung 20 verschiedene Formen des Schweinediebstahls und teilte die Tiere dabei ähnlich penibel wie heute die EU in unterschiedliche Klassen ein. Und selbst wenn sich benachbarte Bauern stritten, etwa um Nutzpflanzen, die über den Grenzzaun wucherten, gaben Rechtsbücher wie der berühmte "Sachsenspiegel" Antworten:
"Rankt der Hopfen über den Zaun, so greife der, auf dessen Hof die Wurzeln sind, so weit er kann und ziehe den Hopfen herüber. Was er herauszieht, gehört ihm. Was auf der anderen Seite bleibt, gehört dem Nachbarn."
Nicht immer waren die Vorschriften derart nüchtern formuliert. Im Dorfrecht von Schwarzenbach bei St. Gallen beispielsweise wurde auf humorvolle Art geregelt, wie weit die Hühner eines Bauern auf das Nachbargrundstück laufen durften: Für die Messung der Entfernung musste sich die Bauersfrau auf den Dachfirst stellen und versuchen, "eine Sichel, die sie mit der linken Hand an der Spitze gefasst hat, unter dem rechten Bein fortzuwerfen". So weit sie die Sichel in dieser akrobatischen Haltung werfen konnte, so weit durften auch ihre Hühner laufen - also nicht besonders weit. Varianten dieser Regelung forderten von Bauersfrauen in anderen Regionen Fähigkeiten im Eier-Weitwurf oder Pflugeisen-Schleudern.
Allerdings dürften sich in den Dörfern, von Hochzeiten und Feiertagen abgesehen, selten solch ausgelassene Szenen zugetragen haben. Denn spätestens sobald es um die Abgaben ging, die die Bauern an ihre Grundherren zu leisten hatten, wurde nicht mehr mit unterhaltsamen Spielchen, sondern mit präziser, bürokratischer Kälte gemessen.
Auch Konflikte innerhalb des Dorfes, so lassen es ausführliche Strafkataloge vermuten, wurden oft mit Gewalt gelöst. Da gab es etwa pauschale Entschädigungen für Verletzungen an "Mund, Nase und Augen, Zunge und Ohren oder am Geschlechtsglied"; Finger und Zähne wurden gesondert abgegolten. "Wie bei wilden Tieren", klagte Bischof Burchard von Worms im Jahr 1023, seien innerhalb eines Jahres 35 Menschen der Gemeinde St. Peter ermordet worden, weil die Bauern immer wieder wegen Nichtigkeiten oder Trunkenheit übereinander herfielen.
Solche Schilderungen mögen übertrieben gewesen sein, und womöglich spiegelte die zweifellos vorhandene Gewaltbereitschaft auch den Zorn auf die tägliche Ausbeutung. Denn obwohl sich die Regelungen im Laufe der Zeit stark veränderten und ohnehin regional sehr unterschiedlich waren, gab es doch eine Gemeinsamkeit: Die Steuer- und Abgabenlast war so erdrückend, dass der Alltag der Bauern häufig zum Überlebenskampf wurde.
Da war nicht nur der Kirchenzehnte (zehn Prozent aller Erträge mussten an die Kirche abgeben werden), den jedermann leisten musste, wollte er nicht "Raub am Eigentum Gottes" begehen. Auch die Grundherren, gleichgültig ob es sich nun um einen Bischof oder einen adligen Landbesitzer handelte, verlangten Pachtzinsen in Form von Naturalien und Geld.
Bauern, die nicht zahlten, mussten harte Strafen fürchten: "Wer seinen Zins nicht an den festgelegten Tagen gibt, der soll ihn in doppelter Höhe am zweiten Tage zahlen", heißt es 1230 etwa im "Sachsenspiegel". Im schlimmsten Fall verloren Zahlungssäumige das Recht, das gepachtete Land an ihre Söhne zu vererben, oder wurden gleich zu Leibeigenen herabgestuft.
Zu den Abgaben auf die eigenen Erträge kamen noch die sehr unbeliebten Frondienste, selbst wenn die hörigen Bauern dafür die Ernte auf ihren eigenen Äckern vernachlässigen mussten. Diese Frondienste waren Arbeitsdienste am Hof und auf den nicht verpachteten Ländereien ihrer Grundherren: etwa Weinberge bebauen, Vieh hüten, Bier brauen, Getreide dreschen, Brote backen und Eicheln für die Schweinemast mahlen.
In der Regel fiel für die Hörigen dabei wenig bis nichts ab, wie ein typisches Beispiel aus der Gemeinde Friemersheim am Rhein zeigt: Wenn dort ein Bauer seinem Grundherrn, dem Abt des örtlichen Klosters, 24 Brötchen aus dem Korn des Klosters gebacken hatte, durfte er davon nur eines behalten. Und von einem Kessel gebrauten Bieres blieben ihm lediglich anderthalb Krüge Nachbier - zweitklassiger Gerstensaft also, der aus der ausgekochten Maische nochmals gebraut wurde.
Zudem mussten die Bauern ihrem Landbesitzer oft noch Gebühren für die Nutzung der Wälder, Weiden oder Bäche bezahlen. Besonders akribisch achtete der Lehnsherr darauf, dass seine Leute ihr Korn ausschließlich in seiner Mühle mahlen ließen - und kontrollierte das sogar mit einer Frühform der doppelten Buchführung. Wenn ein Bauer sein Korn trotzdem heimlich bei sich mahlte oder zu einer fremden Mühle brachte, wurde er hart bestraft.
Wenig lief ohne Zustimmung des Grundherrn. Der verbot sogar Eheschließungen, falls er dadurch einen Bauern an einen anderen Lehnsherrn verlieren würde. Nur mündlich überliefert ist, dass der Bauer ihm seine künftige Frau für den ersten Beischlaf anzubieten hatte. Das viel zitierte "Recht der ersten Nacht" ist nicht sicher belegt. Die Gebühr, die der Grundherr erhob, damit er es nicht ausübte, soll im Volksmund zynisch Jungfernzins genannt worden sein.
Solch willkürliche Ausbeutung der "armen Männer", wie die Ackersleute in vielen Quellen genannt werden, ging sogar über ihr Leben hinaus: Im Todesfall musste die Familie dem Landbesitzer ihr bestes Schwein oder Rind vermachen; ein Koch begutachtete, ob es sich wirklich um hochwertige Tiere handelte. Starb die Bauersfrau, wurde ihr teuerstes Kleid zwangsweise vererbt.
Zwar hatten die Bauern, etwa durch die Erfindung der Dreifelderwirtschaft, ihre Äcker im Laufe der Jahrhunderte ertragreicher bewirtschaften können. Doch ihr Überleben war durch die agrartechnischen Fortschritte keineswegs gesichert, denn das wirtschaftliche Risiko trugen sie allein: Die Abgaben an ihre Herren waren Fixbeträge - unabhängig von möglichen Missernten.
Dürre, Schädlinge oder Naturkatastrophen trieben daher regelmäßig Tausende in den Hungertod. Da berichten Annalen von Menschen, die in ihrer Verzweiflung Baumrinde aßen, das Blut ihrer Weidetiere tranken oder gar zu Kannibalen wurden. Fasziniert von der Insektenplage, beschreibt ein Chronist aus Fulda detailliert das "breite Maul" und die "steinharten Zähne" der Heuschrecken; sie seien in so großen Schwärmen gekommen, dass sie die Sonne verdunkelten und "in einer Stunde 100 Morgen Feldfrüchte abfraßen".
Wahlweise mit heidnischen Zauberformeln oder christlichen Gebeten versuchten sich die Bauern gegen solches Unheil zu wappnen. Sie segneten alles, wovon ihr Leben abhing: Saatkörner, Schweine, Rinder und sogar Bienen, die sie bei Anrufung der Jungfrau Maria baten, bloß nicht in den fernen Wald zu fliegen.
Wie hilflos die Menschen dennoch den Launen der Natur ausgeliefert waren, zeigt im 15. Jahrhundert ein offizieller kirchlicher "Befehl" gegen gefräßige Nacktschnecken: Darin wurden die örtlichen Pfarrer ernsthaft angewiesen, mit erhobenem Kreuz und Weihwasser gegen Nacktschnecken vorzugehen und die Schädlinge dreimal zu ermahnen, das Verwüsten der Felder bitte zu unterlassen. Blieben die Tiere "auf Anstiften des Satans" weiter uneinsichtig, "so verfluchen und exkommunizieren wir sie".
Ernährer der Welt sollten die Bauern sein. Doch unter solchen Umständen war ihr eigene Not oft derart groß, dass Berthold von Regensburg eine Brandrede gegen die Maßlosigkeit der Grundherren hielt: "Ihr Räuber, ihr Ausplünderer, (...) ihr unrechten Richter und habgierigen Wucherer: Was wollt ihr Gott antworten am jüngsten Tage, wenn diese armen Gotteskinder (die Bauern) dann über euch klagen werden? Denn da steht mancher vor meinen Augen, der jetzt hundert Pfund Geldes für seine Arbeit haben müsste, und der nicht so viel hat, dass er sich vor dem Froste schützen kann."
Ein Aufruf zur Rebellion war das allerdings nicht. Denn auch Berthold dämmte den Zorn, indem er den Bauern himmlischen Reichtum für ihre irdische Schufterei versprach. Doch nicht immer ließen sich die Landwirte mit der Hoffnung auf Gerechtigkeit im Jenseits vertrösten. Trickreich wehrten sie sich gegen den Abgaben-Wucher, zumindest lassen das die vielen Klagen der Adeligen vermuten. Da ist etwa die Rede von Bauern, die versuchten, ihren Herren schlechte Ware unterzujubeln: Kranke Tiere seien für gesunde ausgegeben, verdorbenes Korn sei ganz unten im Getreidesack versteckt worden.
So wuchs das gegenseitige Misstrauen. Ab dem 12. Jahrhundert durften Bauern vielerorts keine Waffen mehr tragen; dies sah die noch junge, aufstrebende Ritterschaft als ihr alleiniges Privileg an. Die Bauern, die noch im Frühmittelalter regelmäßig an Kriegszügen teilgenommen hatten, sollten sich fortan auf ihre Feldarbeit konzentrieren und sich bescheiden kleiden: ein grober Bauernkittel, der nur grau oder schwarz sein durfte; kurze Kniehosen; Riemenschuhe aus Rindsleder. Jeglicher Protz war verpönt.
Die strengen Kleidervorschriften waren zwar vorrangig der Versuch, eine dauerhafte und sichtbare Standesgrenze zwischen Adel und Bauernschaft aufzubauen. Gleichzeitig zeugten sie aber von der Angst der Oberschicht vor Aufständen. Wenn ein Bauer mit einem Schwert angetroffen werde, so hielt es die Regensburger Kaiserchronik von 1150 fest, dann sei er gefesselt vor die Kirche zu bringen und "mit Haut und Haar" zu verprügeln.
Trotz solch rabiater Maßnahmen eskalierten manchmal die Konflikte zwischen Grundherren und Bauern, etwa als der Bischof von Osnabrück im 11. Jahrhundert plante, ein neues Kloster im Teutoburger Wald zu errichten. Das dafür vorgesehene Waldstück wollten auch die örtlichen Bauern gemeinschaftlich nutzen, weil sie dort viele Eicheln für ihre Schweinemast vorfanden. "Der ungebildete Haufe", klagte ein kirchlicher Chronist, habe daraufhin den Statthalter des Bischofs mit Waffengewalt bis nach Osnabrück verjagt.
Damit war der Streit für die Bauern jedoch nicht gewonnen: Mit massiven Drohungen konnte sich langfristig der Bischof durchsetzen. Seine immer noch widerspenstigen Untertanen ließ er fortan "durch Schläge zur Zahlung ihrer schuldigen Abgaben" zwingen.
So endeten die meisten Machtproben. Nur in wenigen, sehr entlegenen Randgebieten konnten sich die Bauern über Jahrhunderte ihre Unabhängigkeit und Freiheit bewahren. "Sie wählen lieber den Tod, als sich unter dem Joch der Sklaverei zu beugen", heißt es in einer Chronik bewundernd über die widerspenstigen Friesen, der keinem Herrn unterworfen seien. Und im norddeutschen Dithmarschen erschlugen Bauern 1144 sogar den Grafen von Stade, weil sie "seine Unterdrückungen nicht mehr länger ertragen konnten".
Nicht weit von Dithmarschen, im Stedinger Land westlich der Weser, gingen die Bauern so weit, dass ein blutiges Exempel an ihnen statuiert wurde: Nachdem sie dem Erzbischof von Bremen die Zahlung von Abgaben verweigert hatten und 1229 auch noch überraschend seine Strafexpedition zurückgeschlagen hatten, schritt Papst Gregor IX. ein. Er ließ die Stedinger als Ketzer exkommunizieren und rief zum Kreuzzug gegen diese "wilden Bestien" auf.
Im Mai 1234 kam es in der Wesermarsch zum ungleichen Duell zwischen den mit Langspießen und Kurzschwertern bewaffneten Bauern und den gepanzerten Kreuzrittern. 6000 Aufständische seien "durch die Truppen des Herrn zermalmt" und "von Lanzen durchbohrt" worden, notierte ein kirchlicher Chronist zufrieden über das vorhersehbare Ende der Schlacht.
Kriegsähnliche Unruhen wie in Stedingen waren jedoch ganz seltene Ausnahmen und blieben lokal begrenzt. Viel häufiger wurde im Hochmittelalter dagegen um die verhassten Frondienste gestritten, die die Bauern oft absichtlich versäumten oder in einem passiven Widerstand verrichteten: langsam, nachlässig, widerwillig.
Vielerorts war die Arbeitsleistung derart schlecht, dass die Grundherren einlenkten, zumal sich den Bauern mit dem Aufblühen der Städte im 11. Jahrhundert Alternativen boten: Flohen sie vom Land, konnten sie in der Stadt ihr Glück als Handwerker versuchen und galten dort nach einem Jahr und einem Tag rechtlich als freie Bürger.
Dadurch gerieten erstmals die Grundherren unter Druck: Manche versuchten, die Arbeitsmotivation ihrer Bauern zu steigern, indem sie ihnen eine Gewinnbeteiligung bei den Frondiensten versprachen. Andere senkten für besonders harte Arbeiten wie das Trockenlegen von Sümpfen die Steuerlast oder lockten ihre Untertanen, indem sie ihnen Privilegien verliehen.
Der bäuerliche Unmut blieb trotz solcher Maßnahmen groß und stellte schließlich das ganze System der Frondienste in Frage: Seit dem 12. Jahrhundert konnten sich die hörigen Bauern von den lästigen Arbeitsdiensten freikaufen, indem sie zusätzliche Steuern zahlten. Fortan verpachtete der Grundherr meist seine gesamten Ländereien und ließ seinen Hof ausschließlich von Leibeigenen und Bediensteten in Schuss halten.
Das mag die Situation vieler Bauern verbessert haben. Manch erfolgreicher Landwirt war im Spätmittelalter wirtschaftlich bessergestellt als ein verarmter Ritter und versuchte sich, sehr zum Unwillen der Oberschicht, wie ein Edelmann zu kleiden. Den viel gehegten Traum vom sozialen Aufstieg in den Klerus oder den Adel konnten jedoch nur die wenigsten verwirklichen.
"Weiß Gott, wie ich vom Pfluge weggeholt und der heiligen Wissenschaft verpflichtet wurde", wunderte sich der Bauernsohn Werner Rolevinck im 15. Jahrhundert über sein Glück. Ihm war nach einer juristischen Ausbildung in einem Kölner Kloster der Sprung zum angesehenen Theologen gelungen.
Empathie für das Schicksal seines einstigen Standes löste der rasche Aufstieg bei ihm aber offenbar nicht aus. "Eine allgemeine Unterordnung von Mensch zu Mensch ist ohne Zweifel gerecht", schrieb Rolevinck 1472 in einem Verhaltenskodex für den "guten Bauern", der seinem Herrn stets "demütig" zu gehorchen habe.
53 Jahre später sollte niemand mehr auf solche Worte hören: Erstmals kam es auf deutschem Boden zu einem revolutionären Flächenbrand, als im Bauernkrieg von 1525 Zehntausende für Menschen- und Freiheitsrechte zu den Waffen griffen. ■
In derben Gedichten amüsierten sich Adel und Bürgertum regelmäßig über die angebliche Dummheit der Bauern.
Von einem Kessel gebrauten Bieres blieben dem Bauern lediglich anderthalb Krüge zweitklassiger Gerstensaft übrig.
Vom 12. Jahrhundert an konnten Bauern sich durch höhere Steuern von den verhassten Frondiensten freikaufen.
Von Christoph Gunkel

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2013
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