23.07.2013

Gottes Troubadour

Ein italienischer Patriziersohn brach mit dem Bürgerleben, predigte Demut und Armut. Rasch fand Franz von Assisi Anhänger in ganz Europa.
Welch ein missratener Sohn! Eine Schande für die Familie! Was hatte der Tuchhändler Pietro Bernardone nicht alles in seinen Jungen investiert. Eine Ausbildung in der Pfarrei von San Giorgio, damit er Lesen und Schreiben, Rechnen und Latein lernte. Edle Gewänder, damit er sich nach der Mode kleide. Und Geld - genug, um verschwenderische Gelage zu feiern, um Eindruck zu schinden bei seinen Freunden. Ein stolzer Kaufmann hätte er werden sollen, ganz wie sein Vater: geachtet, gefürchtet, beneidet von den Bürgern Assisis.
Und nun? Steht sein Sohn in aller Öffentlichkeit nackt vor ihm. Vor den Augen des Bischofs und all der Edlen und Einfachen, die sich an diesem Frühjahrstag im Jahre 1207 zur Gerichtsverhandlung auf dem Domplatz von Assisi eingefunden haben.
Giovanni Battista Bernardone, genannt Francesco, ist angeklagt, zum wiederholten Male Geld und Waren aus dem Geschäft des Vaters gestohlen zu haben. Für wohltätige Zwecke und den Wiederaufbau einer Kirchenruine, wie er selbst behauptet. Pietro Bernardone schäumt vor Zorn. Er will seinen Sohn enterben, er ist am Ende seiner Geduld.
Mit der Gerte hat er Francesco zu züchtigen versucht, ins Verlies werfen ließ er ihn. Und trotzdem spricht dieser Nichtsnutz weiter von Gott und von höheren Aufgaben, zu denen er berufen sei. Aus so einem wird kein Kaufmann mehr. So soll nun das Gericht entscheiden.
Doch Francesco wartet gar nicht erst ab, bis ein Urteil gesprochen wird. Er geht auf seinen Vater zu, entledigt sich seiner teuren Kleidung, wirft sie ihm vor die Füße, dazu alles Geld, was er noch besitzt, und ruft aus: "Bis heute habe ich dich meinen Vater genannt auf dieser Erde; von nun an will ich sagen: Vater, der du bist im Himmel."
Mit dieser öffentlichen Loslösung von seiner wohlhabenden Familie stellt Francesco sein Leben ganz in den Dienst des Glaubens - so wie er ihn versteht. Visionen sollen den etwa 25-Jährigen auf seinen neuen Weg geführt haben; er sagt, er habe die Stimme von Jesus Christus gehört, es war ihm, als habe er die Wundmale des Gekreuzigten an sich gespürt. Er glaubt, denselben Lebensweg wie der Heiland gehen zu müssen, einen Weg in Armut und Demut.
Dass aus ihm, dem verhätschelten Patrizier, nicht nur ein armer Büßer, sondern einer der wichtigsten christlichen Ordensstifter werden soll, weiß er noch nicht. Er wird in die Geschichte eingehen - als der heilige Franziskus (Franz) von Assisi.
Der Chronist Thomas von Celano (1190 bis 1260) hat die Geschichte der unerhörten Wandlung als Zeitgenosse und teilweise Augenzeuge miterlebt; er hat die erste Biografie über den "kleinen Armen", den "Poverello", wie sie ihn zu Lebzeiten nennen, verfasst. Darin beschreibt er ihn als Charismatiker, als außerordentlich redegewandt, "mit fröhlichem Antlitz und gütigem Gesichtsausdruck", als dunkelhaarigen Mann "von nicht gerade großer Gestalt, eher klein als groß", mit "mächtiger, lieblicher, klarer und wohlklingender" Stimme.
Auch der inszenierte Bruch mit dem Vater geht auf die Beschreibungen des Thomas zurück - ebenso wie die vielen Legenden, die den Lebenswandel des Kaufmannssohns erklären sollen.
Geboren im Jahr 1181 oder 1182, verbringt Franziskus demnach eine unbeschwerte Jugend. Zu jener Zeit regiert noch der Stauferkaiser Barbarossa. Als 1197 dessen Nachfolger Heinrich VI. stirbt und das Kaiserreich in die Krise gerät, sieht Papst Innozenz III. eine Gelegenheit, seinen Kirchenstaat zu vergrößern. Assisi soll den Staufern abgerungen werden, doch die Bürger der Stadt wehren sich. So kommt es 1202 zum Krieg zwischen Assisi und seiner umbrischen Rivalin, dem papsttreuen Perugia.
Franziskus, damals noch der gehorsame Sohn Giovanni, kämpft mit. Er hofft auf Ehre und träumt davon, Ritter zu werden. Doch das Schicksal ist gegen ihn: Er gerät in Gefangenschaft, sein Vater kauft ihn frei. Danach fällt er in eine tiefe Krise. Es ist der Anfang vom Ende seiner Dolce Vita. Zwar geht er irgendwann wieder mit seinen Freunden zechen, doch dann, inmitten eines Straßenumzugs, so erzählt es der Chronist, hat er eine Art Erleuchtung. Er erstarrt; seine Beine und die Sprache versagen. "Er wurde vom Herrn heimgesucht", notiert Thomas.
Wenige Zeit später betet Franziskus in einem zerfallenen Gotteshaus vor einem Kruzifix. Da hört er eine Stimme: "Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät."
Zunächst versteht der Poverello diese Eingebung wörtlich und restauriert - mit dem Geld seines Vaters - Kirchenruinen in der Umgebung von Assisi. Dann schließlich begreift er, dass nicht der materielle, sondern der geistige Zerfall der Kirche gemeint war. Er soll in die Welt gehen und predigen, das ist der Auftrag, er soll die Menschen bekehren, die sich immer weiter von der Lehre Christi entfernen. Habsucht und Dekadenz herrschen unter den Reichen, ein trostloser Überlebenskampf besteht unter den Armen. Konkurrenz statt Nächstenliebe ist das Motto der Zeit. Und was tut der Klerus?
Wandelt "abseits der apostolischen Pfade", wie Thomas schreibt, "als die Nacht der Sünden ihre Mitte erreicht hatte". Kirchenfürsten leben in Palästen, erfreuen sich an ihrer Macht und an ihren Mätressen - Franziskus muss auch sie zur Demut ermahnen. Aber werden sie ihn anhören? Nach dem Bruch mit dem Vater ist der Poverello ein Ausgestoßener. Er solidarisiert sich mit Leprakranken, hüllt sich in Lumpen, lässt Bart und Haare wachsen. Die Honoratioren von Assisi verachten diesen Hippie, doch es gibt auch Bewunderer. Bernhard von Quintavalle und Pietro Catanii, zwei angesehene Juristen, dazu Ägidius, ein Handwerker, schließen sich ihm an.
Sie bilden die Keimzelle einer Gemeinschaft, die Franziskus den "Orden der geringeren Brüder" (Minderbrüder) nennen wird. So entsteht eine Reformbewegung, die wie einst Jesus Armut und Demut vorlebt und Frieden predigt.
Auf ihrer ersten Missionsreise werden die Bettelbrüder wegen ihrer abgerissenen Kleidung als Verrückte abgetan. Der Bischof von Assisi rät ihnen, es mit der Bescheidenheit nicht zu übertreiben. Und auch der Papst rümpft die Nase, als Franziskus mit seinen inzwischen elf Gefährten im Frühjahr 1209 eine Audienz in Rom erhält.
Sie geben schon ein bizarres Bild ab, diese barfüßigen Landstreicher mit ihren notdürftig zusammengeflickten Kutten, umringt von hochmütigen Kardinälen in prunkvollen Gewändern und dem Heiligen Vater, Innozenz III.
Doch Franziskus zeigt sich unbeeindruckt. Er überreicht dem Papst ein Schriftstück mit den Regeln seines Ordens. Er braucht die Zustimmung des Pontifex, um seine Brüder zu schützen und nicht als Ketzer dazustehen. Denn von denen wimmelt es in Europa gerade: Katharer, Waldenser und andere Häretiker provozieren Rom mit abweichlerischen Glaubensvorstellungen, dazu kommen die Bettelorden der Dominikaner und Karmeliter.
Ihre Forderung: Zur apostolischen Urform des Christentums zurückzukehren. Sie suchen ihr Heil im Verzicht, in Buße und Gottesfurcht; den ausschweifenden Lebensstil des Hochklerus prangern sie als lästerlich an. Doch nicht alle hadern mit der Amtskirche. Einige, wie die Dominikaner, leben in Armut, verstehen sich aber dennoch als "Hütehunde" Gottes (domini canes) und dienen sich sogar der Inquisition an.
Jene Bettelmönche bleiben bei der offiziellen Lehre, viele von ihnen gehören schon bald selbst zur kirchlichen Elite. Sie mühen sich, die rasant steigende Popularität der Armutstheologie im Sinne Roms zu nutzen.
Franziskus hätte durchaus auf dem Scheiterhaufen der Inquisition landen können. Fordert nicht auch er radikalen Besitzverzicht und stellt damit die Privilegien der römisch-katholischen Kirche in Frage? Und dann diese Frechheit, ständig Bibelzitate zu benutzen - etwa Christi Forderung, alles Geld den Armen zu schenken, wodurch ein "bleibender Schatz im Himmel" zu erwarten sei. Ist das nicht ein offener Vorwurf an den Klerus, er versündige sich gegen die Bibel?
Innozenz zögert. Aber der machtbewusste Jurist ist schlau genug, das Potential des Franziskus zu erkennen. Zwar missfallen ihm dessen sozialistische Ansichten. Doch der Poverello zeigt sich gehorsam und stellt die Autorität des Papstes nicht in Frage. Braucht die Kirche nicht genau solche Bettelmönche als Verbündete, um ihr Ansehen zu stärken? Ignorieren lassen sich die Armutsbewegungen jedenfalls nicht mehr. Und mit Inquisition allein ist dem Abweichlerproblem nicht beizukommen.
Am Ende erhält Franziskus die mündliche Zustimmung für seinen Orden. Überglücklich, so leben zu dürfen, wie sie es für richtig halten, stürzen sich die Minderbrüder in die Missionsarbeit.
Ihre Anhängerschaft wächst schnell. Wohin der "kleine Arme" kommt, lassen die Menschen die Glocken läuten. Sie lieben es, dem "Troubadour Gottes" zu lauschen, wie er in süßen, sanften Worten die Schöpfung preist. Unter seinen Bewunderern ist auch eine Jugendfreundin aus adeligem Hause, Klara von Assisi. In der Nacht zum Palmsonntag 1212 flüchtet sie mit einer Dienerin aus ihrem Elternhaus, um sich den Minderen anzuschließen.
Das allerdings kann Franziskus nicht zulassen. Seine Beziehung zu Frauen ist ohnehin problematisch. Seinen Gefährten empfiehlt er: "Alle Brüder, wo immer sie seien und wo auch immer sie hingehen mögen, sollen sich hüten vor dem bösen Blick der Frauen und vor dem Umgang mit ihnen."
Noch in der selben Nacht bringen sie Klara in einem Frauenkonvent unter. Ein Orden, in dem auch Frauen auf Wanderschaft gehen, ist für Franziskus unakzeptabel. Er befiehlt seiner Freundin, hinter Klostermauern zu leben, wo Klara eine eigene Gemeinschaft gründet: die "Armen Damen", die späteren Klarissen.
Ein Keuschheitsapostel mag Franziskus sein, ein Griesgram ist er deswegen noch lange nicht. Ein "Narr in Christo", so sieht er sich selbst. Einer, der lacht und tanzt, während er predigt; einer, der schon deswegen kein Pessimist sein kann, weil er an die "untergründige Güte und Schönheit in allen Geschöpfen" glaubt, wie der Religionswissenschaftler Helmut Feld schreibt.
Diese Sanftheit unterscheidet den Poverello von all jenen Armutstheologen, die auf die Menschen nicht mehr hoffen mögen. Franziskus glaubt nicht an den Weltuntergang, er glaubt an die Erlösung. Schließlich ist die Welt für ihn ein von Gott geschaffener und damit heiliger Ort, einschließlich aller Kreaturen, die darin leben.
"Sein Umgang mit Tieren, Pflanzen, Naturerscheinungen zeigt, dass er von der Beseelung aller Dinge überzeugt war; und noch viel mehr: Er sah die gesamte Schöpfung erfüllt von göttlichem Leben", sagt Feld.
So soll Franz von Assisi auch den Vögeln gepredigt haben: "Meine Brüder Vögel, wie müsst ihr euren Schöpfer loben, der euch Federn als Gewand, Fittiche zum Fliegen und alles gegeben hat, was ihr braucht!"
Dabei kann der "Narr in Christo" nicht ignorieren, dass in seiner Welt viel Krieg und Hass zwischen den Völkern herrschen. 1219 macht er sich mit zwölf Brüdern ins Heilige Land auf, um den ägyptischen Ayyubidenherrscher Malik al-Kamil zu treffen. Das ist ein Kreuzzug, wie ihn Franziskus versteht: Nicht töten, sondern das Gespräch suchen, Frieden säen - schlimmstenfalls als Märtyrer sterben.
Der Sultan, heißt es, soll von seinem Besucher tief beeindruckt gewesen sein. Verhindern aber kann der Poverello ein weiteres Schlachten nicht. Er kehrt nach Europa zurück, wo seine Gemeinschaft längst über Italien hinausgewachsen ist, nach Frankreich, Deutschland, Spanien.
Von den Strapazen der Orientreise wird sich Franziskus nie mehr ganz erholen. Er erblindet nach und nach; obwohl er immer magerer und schwächer wird, fastet er weiter, bis zum Exzess.
1226 stirbt der kleine Arme, der Legende nach auf dem nackten Erdboden liegend, wie es seinem letzten Wunsch entsprach. Kurz zuvor hatte er seinen berühmten "Sonnengesang" verfasst. Ein Bruder singt ihn, während Franziskus dahindämmert: "Gepriesen seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen (...) Bruder Sonne, (...) Schwester Mond und die Sterne."
Schon zwei Jahre nach seinem Tod wird Franz von Assisi heiliggesprochen. Bald entzweit sich seine Gemeinschaft: Viele Brüder fordern eine laxere Auslegung des Armutsideals; andere bleiben kompromisslos. Etwa hundert Jahre nach seinem Ende verfügt die Kirche, dass es der Ordensstifter übertrieben habe: Geld und Eigentum seien keine Sünde, die Behauptung, dass auch Jesus besitzlos gewesen sei, dagegen sei Ketzerei.
Der subversive Geist des Francesco Bernardone scheint damit gebändigt, so wenigstens hoffen die Kirchenoberen; der Heilige Stuhl darf sich sicher wähnen. Vorerst. ■
Von Daniel Steinvorth

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2013
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