23.07.2013

Falkenjagd im Speisesaal

Königin Eleonore herrschte über ein Reich, das zur Legende wurde: Aquitanien. Was machte ihr Regiment im westlichen Frankreich zum Vorbild höfischer Kultur?
Kurz hinter dem Flughafen Paris-Orly zweigt die Autobahn A10 westlich von der Autoroute du Soleil ab. L'Aquitaine heißt die Straße nun. Wer ihr folgt, überquert bei Tours die Loire und erreicht schon bald Poitiers. Eine kleine Rast gefällig? In der lieblichen Stadt residierten jahrhundertelang die Herzöge jener Region, der wir uns nähern.
Bordeaux ist die Hauptstadt der Region Aquitanien im Südwesten Frankreichs. Ein Teil des Baskenlandes gehört ebenso dazu wie die Dordogne, wo sich Tausende von Engländern der Renovierung längst aufgegebener Bauernhäuser widmen. Das Licht, die Luft, die gelassenere Lebensart, alles zeugt davon, dass Paris weit ist und der Süden erreicht. Die Autobahn endet sang- und klanglos im Norden von Bordeaux - eine kleine Schlampigkeit, wie es dem Klischee entspricht, das (Nord-)Franzosen über ihre okzitanischen Mitbürger bis heute pflegen.
So klar umrissen Aquitanien heute auf der Landkarte aussieht, so unscharf war dessen Geografie vor tausend Jahren. Wer im Mittelalter von Aquitanien sprach, meinte einen weitläufigen Landstrich, der sich von knapp südlich der Loire bis zu den Pyrenäen und von der Atlantikküste bis ins Zentralmassiv hinein erstreckte. Wo genau die Grenzen verliefen, wen scherte das schon? Viel interessanter war der Ruf des damals größten Herzogtums Frankreichs, verheißungsvoll und geheimnisumwittert, voller Glanz und Unruhe.
Aquitanien war ein Mythos am Rande Europas, jedenfalls aus mitteleuropäischer Sicht. Man munkelte von blühenden Landschaften und regem Handel. Starke, eigensinnige, rauflustige Leute lebten dort, die schöne Kirchen bauten, wie anderswo auch. Aber die Aquitanier wussten offenbar besser zu leben, leichter, freier, auch freizügiger als anderswo. Der Hof ihrer Herrscher, die als Erben der Karolinger mal Könige, mal Herzöge waren, galt als gebildet, säkular, sinnlich. Das ließ die Klosterbrüder im kalten Norden träumen und erschauern.
An der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert, urteilt der britische Mediävist John Gillingham, sei Aquitanien "die zivilisierteste Provinz Frankreichs" gewesen. Das will etwas heißen, hat doch Frankreich bekanntlich ohnehin "die Kultur erfunden und die Barbarei anderer Völker eingedämmt", wie die Bonner Historikerin Alheydis Plassmann nur halb ironisch schreibt. Man kann das Herzogtum im Südwesten durchaus als Wiege der ritterlich-höfischen Kultur des Hochmittelalters bezeichnen.
Ob das mit der vergleichsweise starken Stellung der Frauen am Hof zusammenhing? Nicht umsonst hat eine Frau die Wahrnehmung der Nachwelt auf ihre Heimat geprägt. Eleonore von Aquitanien, geboren um 1122, war in vielfältiger Weise ungewöhnlich. Sie wuchs auf unter dem Einfluss ihres Großvaters Wilhelm IX. (1071 bis 1126), bekannt als erster Troubadour. Mit seinen offenherzigen Liebesgedichten machte der Herzog schon zu Lebzeiten Furore.
Die Enkelin trat rasch aus seinem Schatten. Ihre mindestens 80 Lebensjahre brachten ihr eine Sonderstellung ein zu einer Zeit, da die meisten Menschen auf ein höchstens halb so langes Leben hoffen durften. Als Frau insgesamt zehn Geburten zu überleben, die letzte davon mit deutlich über 40 Jahren, kam damals einer Sensation gleich.
Zusätzlich übte Eleonore Macht aus, und zwar erhebliche: Herzogin von Aquitanien, Kreuzfahrerin, Königin zunächst von Frankreich, später von England, Mutter zweier Söhne, die ebenfalls als englische Könige berühmt wurden, Richard Löwenherz und Johann Ohneland. Keine Parallele von heute würde der Existenz dieser Frau halbwegs gerecht. "Eine überlebensgroße Figur der Geschichte, eine lebende Verkörperung der Extreme Hass und Liebe", schwärmt der Amerikaner Ralph Turner in seiner Biografie.
Schon die Zeitgenossen und unmittelbar Nachgeborenen schwelgten in Superlativen, positiven wie negativen. Den Lobpreisungen zufolge war Eleonore eine außergewöhnliche Schönheit mit den üblichen, seit der Antike geläufigen Attributen: "Haare wie Gold, eine Stirn wie Milch, Augen wie funkelnde Sterne, ein rosiges Antlitz, flammend rote Lippen, Zähne wie Elfenbein."
Ob Eleonore wirklich blond war? Das bleibt ebenso offen wie der Wahrheitsgehalt der Anfeindungen, die sie vor allem postum trafen: Machtgeil und sexsüchtig sei sie gewesen, intrigante Rebellin gegen ihren zweiten Mann Heinrich II., unzuverlässig, ja beinahe des Teufels; eine echte Südfranzösin eben. So klang es aus den Schreibstuben nördlicher Klöster, wo dieses Bild vor allem entstand.
Im vergangenen Jahrhundert begann dann ein Phänomen, das John Gillingham spöttisch "die romantisierende Eleonore-Industrie" nennt. Da erschien die berühmteste Aristokratin des Mittelalters plötzlich als Erfinderin der Liebesheirat, treusorgende Gattin und Mutter, ja Protofeministin. Der langjährige Bürgermeister von Bordeaux und Premier Frankreichs von 1969 bis 1972, Jacques Chaban-Delmas, wollte in ihr sogar eine Vorkämpferin fürs unabhängige Okzitanien entdeckt haben.
Ehrgeizig und fähig sei sie unbedingt gewesen, glaubt Turner. Gleichzeitig gebe es keinen Zweifel daran, dass Eleonore teilweise "den Hang zur Zügellosigkeit geerbt" hatte, den ihr Großvater in seinen Minneliedern besang. Damit hören die Gewissheiten aber auch schon auf: Wie alle seriösen Historiker warnt beispielsweise Ursula Vones-Liebenstein vor den häufigen Unwägbarkeiten infolge spärlicher und parteiischer Quellen.
Dabei weiß man über Eleonore vergleichsweise viel. Fast 200 von ihr signierte Dokumente sind bekannt, Gründungs- oder Schenkungsurkunden meistens, dazu ein halbes Dutzend eigenhändig geschriebener Briefe. Die Mehrzahl stammt aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, als Eleonore bereits Königin von England geworden war. Am englischen Königshof wurde mit Hilfe der "pipe rolls", der amtlichen Schriftrollen, penibel Bilanz über Einnahmen und Ausgaben geführt. Hätte es solche Datensammelwut nur auch in Südfrankreich gegeben. Von "unschätzbaren Einzelheiten über das Alltagsleben" schwärmt Turner, "über Ausgaben für erlesenes Tuch, Feinkost und Wein, über Zahlungen an ihre Domestiken und Günstlinge, durchweg Zeugnisse ihres Wohlstandes".
Dass die künftige Herzogin und Königin schon von Geburt an keine Armut litt, lässt sich auch so denken. Wie viel Geld ihre Stammlande abwarfen, sah Eleonore am Marktplatz ihres Geburtsortes Poitiers mit eigenen Augen: Dort wurde in ihrer Jugend ein Dom mit dem selbstbewussten Namen Notre-Dame-la-Grande fertiggestellt, dessen prächtige Westfassade von der hohen Kunst örtlicher Bildhauer zeugt. Die zur Kirche von Saint-Hilaire gehörige Schule hatte bereits im 11. Jahrhundert als wichtiges kulturelles Zentrum im Frankreich südlich der Loire gegolten.
Wilhelm VIII. (1025 bis 1086), Eleonores Urgroßvater, ließ sich nach der Vereinigung der Herzogtümer Gascogne und Aquitanien offiziell stolz "Herzog der gesamten Monarchie von Aquitanien" nennen, fühlte sich also einem König beinahe ebenbürtig.
In Poitiers aufzuwachsen bedeutete zu Eleonores Zeit, an der Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Sprachen und Kulturen zu leben. Das Mädchen dürfte schon früh beides gelernt haben, die langue d'oil Nordfrankreichs - gewiss mit markantem poitevinischem Dialekt - und die langue d'oc des Südens.
Das Provenzalische, heute am ehesten als Okzitanisch bekannt, war die Sprache der Dichter und Höflinge an den weiter südlich gelegenen Residenzen des Herzogs in Bordeaux und Saintes ebenso wie in Poitiers. Die Ursprünge des dortigen herzoglichen Schlosses reichten in die Merowingerzeit zurück; im 11. Jahrhundert kam ein Burggraben hinzu - und jener Maubergeon-Turm, in dem der Troubadour-Herzog Wilhelm IX. ganz offen seine Mätresse unterbrachte.
So munter er dichtete und liebte, als Amtsträger gab sich der Herzog traditionell. Wie seine Vorgänger aus der Dynastie der Ramnulfiden, Grafen von Poitou und Herzögen von Aquitanien, sah er sich als Nachfolger Karls des Großen und legte dementsprechend Wert auf dynastische Würde und Prachtentfaltung.
Seit langem gab es am Hof feste Bereiche. Verwaltungszentrum war die "Kapelle" mit rund einem halben Dutzend niederer Geistlicher. Ihr stand ein Kaplan vor, der gelegentlich auch Kanzler genannt wurde; neben der geistlichen Betreuung war das gelehrte Team zuständig für die Bearbeitung von Schriftsätzen aller Art.
Im Saal, dem Empfangs- und Festraum des Schlosses, sorgten Bedienstete für den Nachschub an Speis und Trank. Ein Butler beispielsweise kümmerte sich ausschließlich darum, dass der Weinkeller gut bestückt war. Bei Festen und feierlichen Hoftagen gehörten zwingend die Unterhaltungskünstler dazu, Jongleure, Akrobaten und Narren ebenso wie die Troubadoure.
Deren Stimmen mögen im festlichen Getümmel bald heiser geworden sein, zogen sich prächtige Festgelage doch häufig über den ganzen Tag. Von acht Stunden spricht Chrétien de Troyes (1140 bis 1190), der Pionier des höfischen Romans. "Wollen wir mal hoffen, dass der Dichter ein wenig übertreibt", meint dazu Léon Gautier, ein Literaturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, der eine verblüffend anschauliche Schilderung des Lebens bei Hofe liefert.
Detailreich schildert Gautier die 10-Gänge-Menüs, die sich Ritter wie Wilhelm IX. auftragen ließen: Beginnend mit einem stark gepfefferten Hirschbraten über Wildschwein, Pfau, Täubchen und Hasen kam alles auf den Tisch, was in den Wäldern rings um die Herzogspfalzen erjagt worden war. Obst und Gemüse spielen eine allenfalls untergeordnete Rolle, Vegetarier kamen nicht so recht auf ihre Kosten.
Ohnehin musste über einen robusten Magen verfügen, wer mit den kriegserfahrenen Männern tafelte. Die Rittergesellschaft sei "nicht zimperlich gewesen", erläutert Gautier. Zum Beispiel war es üblich, während des Essens kleinere Singvögel im Saal fliegen zu lassen. Anschließend durften die herzoglichen Jagdfalken ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen - ein kleines Gemetzel zur Unterhaltung.
Die Sehnsucht nach Kurzweil war groß. Selbst auf aquitanischen Burgen, inmitten lieblicher, mit Reichtümern gesegneter Landschaft, war das Leben häufig monoton. "Die Langeweile war einer der größten Feinde des Ritters, besonders an langen Winterabenden", weiß Gautier.
Also spielte man Schach und Backgammon oder erzählte sich schlüpfrige Geschichten. Vielleicht kam hier ja auch die Idee auf für jene Liebesgerichte, die Eleonores dubiosen Ruf verstärkten. Dabei handelt es sich nicht um amouröse Mahlzeiten, sondern um gerichtsähnliche Verhandlungen über die Liebesprobleme junger Hofschranzen, samt Zeugenaussagen und Urteilen. Ob wohl wahre Liebe innerhalb einer Ehe überleben könne, das war eine der brennenden Fragen der Zeit, mit denen sich die höfische Gesellschaft beschäftigte. Die Antwort war für einen Gerichtshof unter Vorsitz der in beiden Ehen enttäuschten Eleonore ebenso naheliegend wie skandalös: nicht wirklich.
So ähnlich beantworten Historiker allerdings auch die Frage, ob die hübsche Geschichte denn wohl wahr sei. Der einzige Zeuge, Andreas Capellanus, war Hofschreiber beim französischen König, was ihn nicht gerade als Freund Eleonores ausweist. Wenn der Liebesgerichtshof nicht gänzlich erfunden ist, halten Forscher ihn am ehesten für ein Spiel, ideal geeignet für lange Winternächte, ehe man sich in die Betten zurückzog.
Die Kammer - ursprünglich nur das Schlafzimmer des Herzogs - stand mit zunehmendem Reichtum für den gesamten Wohnbereich der Fürstenfamilie. Hier regierte der Hofkämmerer oder Chamberlain, dessen Rolle sich im Lauf der Zeit vom Bettwäschebesorger zum Schatzmeister des fürstlichen Haushalts wandelte. In der Küche waltete der Chefkoch, und die Aufsicht hatte ein Seneschall genannter Vertrauter des Herzogs inne. Eine "geschlossene Welt", resümiert Martin Aurell, Mediävist in Poitiers, "manchmal harmonisch, manchmal gequält von Konflikten". Bundeskanzleramt und Weißes Haus lassen schon von Ferne grüßen. Und auch eine weitere Feststellung Aurells klingt ziemlich modern: "Im Kontext des Hofes wurden Herkunftsmythen, jüngste Geschichte und romantische Fiktion bewusst manipuliert."
Das trifft natürlich auch für die Zeit vor dem 12. Jahrhundert zu, in der Wilhelm und Eleonore lebten. Die Aquitanier galten schon mehr als tausend Jahre zuvor als irgendwie anders - hatte nicht bereits Julius Cäsar dies gleich im ersten Satz seines "Gallischen Krieges" anklingen lassen im "aliam Aquitani", dem "anderen Teil" Frankreichs? Auf Römer folgten Westgoten und Franken; zwischendurch wagten sich auch die Mauren über die Pyrenäen, bis Karl Martell sie aus Aquitanien vertrieb.
Einfach hatten es die Karolinger mit den selbstbewussten Aquitaniern bestimmt nicht. Das Königshaus sei von deren Leichtsinn (levitas) sogar angesteckt worden, meldet sorgenvoll ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber. Worin der Übermut bestand, wird leider nicht näher erläutert. Wein, Weib und Gesang? Belege fehlen. Immerhin hat die renommierte Londoner Professorin Janet Nelson als Zeitpunkt für die Entstehung des berühmten Waltharius-Versgedichtes die Zeit um 830 am Hofe Pippins I. von Aquitanien und seiner Königin Ringart vorgeschlagen.
Diese Sage vom Westgotenkönig Walter von Aquitanien enthält auch eine "berührende Darstellung junger Liebender", analysiert Nelson. Solcherlei Levitas hätte am Kaiserhof gewiss Stirnrunzeln verursacht. Jedenfalls holte der kaiserliche Großvater nach Pippins Tod dessen gerade 15-jährigen Sohn Pippin II. ins Frankenreich zurück, um ihm die südländischen Flausen auszutreiben und ihm die nötige Würde (gravitas) beizubringen.
Schon Mitte des 9. Jahrhunderts muss es also in Bordeaux, Poitiers und an sonstigen Schauplätzen aquitanischer Machtentfaltung deutlich lustiger zugegangen sein als in der Aachener Kaiserpfalz, wenn es sich nicht nur um kaiserliche Propaganda handelt.
Stetige üble Nachrede setzte später auch Eleonore zu, die als Frau ohnehin besonders exponiert war. Zugegeben: In Aquitanien genossen Damen traditionell deutlich größere Freiheiten als weiter nördlich in Europa: Sie konnten erben und mitreden, gelegentlich sogar selbst die Macht ausüben. Das lag an Überresten römischer Rechtstradition, die man sich im Westen des früheren Reiches bewahrt hatte. Regentinnen waren hier nichts Ungewöhnliches.
Ermengarde, eine Zeitgenossin Eleonores, regierte beispielsweise von 1134 bis 1192/93 unangefochten die Vizegrafschaft von Narbonne an der Mittelmeerküste. Ihr Mann taucht in den Quellen kaum auf. Damit sei Ermengarde kein Einzelfall gewesen, glaubt ihr Biograf Fredric Cheyette: "Fast jede große Dynastie in Okzitanien ... konnte Namen von Matriarchen in ihrer fernen oder jüngeren Vergangenheit aufzählen, Namen von Frauen, deren Leben eine ebenso hohe Dichte an Hofkabalen, Festlichkeiten und Kriegen aufwies wie das ihrer männlichen Zeitgenossen."
Für Eleonore gilt das allemal. Als sie 1146 zum Kreuzzug aufbrach, begann eine höchst ungewöhnliche Abenteuerreise. Die Luftveränderung brachte allerdings offenbar wenig Bewegung in das Eheleben des französischen Königspaares. Ob die frustrierte Aquitanierin deshalb wirklich mit ihrem raubeinigen Onkel Raymond ins Bett ging, wie man schon bald im Abendland munkelte? Jedenfalls habe Ludwig VII. seine Gattin gegen deren erbitterten Widerstand aus Raymonds Bleibe in Antiochia aufs abfahrbereite Schiff zerren lassen - aber vielleicht hatten seine Knechte ja lediglich eine spannende Schachpartie unterbrochen?
"Ich habe keinen Mann geheiratet, sondern einen Mönch", soll die Königin gezetert haben. Auf der Heimreise betätigte sich der Papst höchstpersönlich als Eheberater und verdonnerte die beiden, das Nachtlager zu teilen. Ergebnis war freilich wieder ein Mädchen, im patriarchalischen Denken des 12. Jahrhunderts also eine Enttäuschung.
Wäre es nach Eleonore selbst gegangen, hätte sie wohl ohne Scheu zu den Waffen gegriffen. Das war nun freilich auch für Frauen im Süden tabu, schon um Gefahr für Leib und Leben auszuschließen. Wobei man zugeben muss, dass sich auch für die aufwendig geschützten Ritter das Risiko in Grenzen hielt. Im Gefecht zu sterben, urteilt Gillingham nüchtern, "war Sache der Armen". Wenn es doch einmal einen hohen Herrn erwischte, wie 1199 Richard Löwenherz bei der Belagerung einer Burg im Limousin, war meist ein unglücklicher Zufall im Spiel, im konkreten Fall auch der Leichtsinn des schlecht gerüsteten Feldherrn. War es seine typisch aquitanische Levitas?
Das hätte sein Urgroßvater Wilhelm IX. weit von sich gewiesen. Gewiss sei der Troubadour-Herzog, der noch 1912 vom britischen Gelehrten Henry Chaytor als "mopsfideler Lüstling" apostrophiert wurde, "ein frohsinniger, säkularer, ja antiklerikaler Geist" gewesen, resümiert Turner. Offenkundig gut gebildet, schrieb Wilhelm IX. zarte Liebesgedichte und pralle Zoten in der Sprache seines Volkes, versammelte Künstlerstars an seinem Hof und ließ seiner Sexualität so freien Lauf, dass ihn seine Frau Philippa öffentlich des Ehebruchs anklagte. Obendrein handelte es sich bei der Mätresse um die Gattin eines Vasallen, des Vizegrafen von Châtellerault. Die nachfolgende Exkommunikation scheint Wilhelms Stellung im Herzogtum wenig geschadet zu haben. Nicht nur Paris war weit weg, auch der Papst in Rom.
Was im Zweifelsfall schwerer wog: Wilhelm ging keinem Streit mit untreuen Vasallen aus dem Weg. Er hatte verinnerlicht, was zu jener Zeit allgemein galt: In einer Gesellschaft ohne funktionierende staatliche Institutionen oder Kommunikationsmittel gelang Herrschaft nur durch Präsenz. Der Feudalherr musste regelmäßig Einladungen oder formelle Einbestellungen zu glanzvollen Hoftagen aussprechen, befreundete Vasallen besuchen und in den Gebieten der weniger Treuen seine Macht demonstrieren, notfalls mit planvoller Verwüstung.
Die moderne Trennung von Privatleben und öffentlicher Sphäre kannte das Mittelalter ohnehin nicht, gibt Turner zu bedenken: "Wie anderswo im westlichen Europa kam auch in Aquitanien die herzogliche Macht aus persönlichen Beziehungen oder Beziehungsgeflechten, in die die Vasallen eingebunden waren und die durch gegenseitiges Vertrauen und Freundschaft oder Ehe zusammengehalten wurden."
Die Zentrale staatlicher Machtausübung war also gebunden an die Person des Herzogs; seine Regierungsmannschaft folgte ihm überallhin. Diesem "dauernd umherziehenden" Hof (Aurell) flossen alle Informationen zu. Hier wurden Entscheidungen getroffen, von den mitreisenden Schreibern in angemessene Form gebracht und dann nach außen übermittelt. Das Reisen war kein pures Vergnügen. Heinrich II., Eleonores zweiter Ehemann und von 1154 bis 1189 englischer König, klagte häufig über wund gescheuerte Schenkel vom vielen Reiten in seinem riesigen Herrschaftsgebiet, das von den Pyrenäen bis zur schottischen Grenze reichte. Immerhin sind sich die Quellen darin einig: Der Wahnsinn hatte Methode.
Die Route kam erst nach langer Debatte unter den wichtigsten Hofräten zustande, sollte sie doch möglichst vielen die Macht des Herzogs demonstrieren. Normalerweise wurden die Reisen sechs Wochen im Voraus geplant, damit der Haushofmeister Zeit hatte, die aufwendige Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen.
Die täglichen Etappen betrugen 35 Kilometer, was auf Pferden oder in geschlossenen Wagen gut zu bewältigen war. Dennoch wirkten manche Hofschreiber wie Petrus von Blois (1135 bis 1203) regelrecht traumatisiert von der Herumzieherei. "Wir Höflinge müssen tägliche Erschöpfung ertragen", klagte Petrus, "sind dauernd unausgeschlafen und schweren Gefahren ausgesetzt: Gefahren lauern bei der Überquerung von Flüssen und Meeren, von Bergpässen, aber auch durch verlogene Kollegen."
An all die Beschwernis und die Geschichten alter Zeiten mag sich erinnern, wer heute auf dem Weg in den Süden vielleicht mal im Stau stecken bleibt, auf der Autobahn mit dem schönen, glamourösen Namen L'Aquitaine. ■
Prächtige Festgelage mit zehn und mehr Gängen dauerten nicht selten den ganzen Tag.
Als Eleonore 1146 zum Kreuzzug aufbrach, begann eine höchst ungewöhnliche Abenteuerreise.
Von Sebastian Borger

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2013
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