23.07.2013

Das andere Rom

Gut 200 Jahre lang war Paris mit seiner Universität der intellektuelle Mittelpunkt der westlichen Christenheit. Studenten führten schon damals ein turbulentes Leben.
Im Quartier Latin am linken Ufer der Seine ging es hoch her. Das Viertel der Lateiner war das jüngste der Stadt, die unter König Philipp II. um die Wende zum 13. Jahrhundert gerade erst neue Umfassungsmauern bekommen hatte. Studenten drängten sich in den engen Gassen; zwischen den zahlreichen Kirchen breiteten sich Tavernen und Freudenhäuser aus. Arme Wanderscholaren irrten umher und riefen nach Brot: "Vergesst die lieben Kinder nicht!" Die Zecher lärmten bis spät in die Nacht - ein ständiges Ärgernis für rechtschaffene Bürger und die Obrigkeit.
Es war während der Karnevalszeit des Jahres 1229, als Studenten in einer dieser Spelunken eine Schlägerei vom Zaun brachen. Die herbeigeeilten Soldaten des Stadtvogts eröffneten die Jagd auf die Krawallbrüder. Unter ihren Hieben kamen auch zwei anerkannte Professoren zu Schaden. Die Stadt weigerte sich, den Opfern ein angemessenes Schmerzensgeld zu zahlen - woraufhin die gesamte Universität in einen Vorlesungsstreik trat.
Volle drei Jahre blieb sie geschlossen. Es war wohl der erste Universitätsstreik der europäischen Geschichte, und er endete mit einem Sieg der akademischen Protestler: Papst Gregor IX., der selbst in Paris studiert hatte, verlieh ihnen in seiner Bulle "Parens scientiarum" allerlei Privilegien, um die "Mutter der Wissenschaften" fortan vor behördlichen Übergriffen zu schützen.
Legendär war der Ort da längst. Von weit her strömten seit Jahrzehnten Lern- und Lehrbeflissene an die Seine. Paris, wo hochgebildete Weltkleriker, Franziskaner und Dominikaner miteinander diskutierten, war Motor der intellektuellen Entwicklung vor allem zwischen 1230 und 1280. Hier trafen sich so wichtige Köpfe wie Albertus Magnus, Bonaventura, Thomas von Aquin, Siger von Brabant; zu ihren Kollegen zählten auch Roger Bacon, Raimundus Lullus, Meister Eckhart, Johannes Duns Scotus, Wilhelm von Ockham - eine beispiellose Kette der scharfsinnigsten Denker ihrer Zeit, die der Theologie, der Philosophie und der Wissenschaft jene Form gaben, die als Scholastik bezeichnet wird.
Paris war Mitte des 13. Jahrhunderts die einzige Stadt in Europa, die politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Funktionen vereinte - dreigeteilt in die Cité mit dem Königspalast, die Ville mit Handel und Gewerbe und die Universität. Die Zahl der Einwohner wuchs rasant, von 30 000 Ende des 12. auf 200 000 Anfang des 14. Jahrhunderts. Im Jahr 1354 schrieb der italienische Dichter Petrarca nach einem Besuch an der Seine: "Parisius est communis patria, velut altera Roma" - Paris ist ein gemeinsames Vaterland, ein anderes Rom. Noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts mokierte sich der Erzhumanist Erasmus in seinem "Lob der Torheit" nicht ohne Respekt, die Pariser sähen theologisches Wissen wie ihren Alleinbesitz an, das fast allen anderen versagt bleibe.
Über die frühen Gründerjahre der Pariser Universität ist wenig bekannt. Als der Kanoniker und Hofkaplan Robert de Sorbon 1253 das theologische Kolleg am Fuß der Montagne Sainte-Geneviève am linken Seine-Ufer gründete, das dann als Sorbonne weltberühmt werden sollte, bestand die akademische Anstalt im Grunde schon seit Jahrzehnten - hervorgegangen aus dem Zusammenschluss etlicher Pariser Schulen: der Kathedralschule von Notre-Dame, der Schule auf der Montagne Sainte-Geneviève sowie der Klosterschule der Abtei Saint-Victor ganz in der Nähe.
Im Februar 1257 bestätigte König Ludwig IX. Sorbons Stiftung eines Hauses mit anliegenden Ställen in der Rue Coupe-Gueule (heute Rue de la Sorbonne) in der Nähe der früheren römischen Thermen. Es beherbergte zuerst 16, dann 30 Stipendiaten, sogenannte bursarii, und sechs junge Magister, die nach der theologischen Doktorwürde strebten. Sorbon formulierte das lateinische Motto für das neue geregelte gemeinschaftliche Zusammenleben: "Vivere socialiter et collegialiter et moraliter et scholariter."
Straße und Viertel hatten einen schlechten Ruf; Mord und Totschlag waren hier nicht eben selten. Die Rue Coupe-Gueule wurde deshalb zur Sicherheit des neuen Wohn- und Lehrheims an beiden Enden mit Pforten abgesperrt, als wäre das Quartier Latin ein Rotlichtviertel und Tummelplatz der Unterwelt.
Die Kolleggenossen ("socii") bekamen freie Kost und Logis; dazu erhielten sie ein Taschengeld ("bursa"), je nachdem auch einen Zuschuss für die Anschaffung der akademischen Tracht. Das größer werdende Collège nahm dann auch zahlende Gäste ("hospites") auf, die fünfeinhalb Sous pro Woche entrichten mussten, genauso viel, wie die "Börsianer" bekamen.
Es dauerte nicht lange, und die Theologen der Sorbonne waren als schlichtende Autoritäten in allen möglichen Streit- und Gewissensfragen begehrt; ihre Gutachten beanspruchten beinahe akademische Unfehlbarkeit. Als Robert de Sorbon starb, hinterließ er der Stiftung seinen beträchtlichen Besitz.
Geistiger Ahnherr der Pariser Universität könnte allerdings schon eher Peter Abaelard genannt werden. Der säkulare Philosoph (1079 bis 1142) war einer der bedeutendsten Denker des Mittelalters. Seine zahlreichen Schüler, darunter mehrere Päpste, verbreiteten seine Konzeption der Wissenschaft in ganz Europa. Petrus Venerabilis, Abt des Großklosters Cluny, rühmte ihn als "den Sokrates Frankreichs, den Platon des Westens, unseren Aristoteles".
Abaelard verstand Wissen und Erkenntnis als Kritik und Diskussion, nicht mehr als Weitergabe eines festen Kanons von Lehrsätzen. Zum Entsetzen der Traditionalisten hielt er Wahrheit für etwas, das gesucht werden musste und nicht fertig bereitlag. Seine dialektische Schrift "Sic et non" (Ja und Nein) wurde grundlegend für die "scholastische Methode", widerstreitende Autoritäten gegeneinanderzustellen, um einen rationalen Ausgleich zwischen ihnen zu erreichen.
Zum Fanal wurde der unglückliche Liebesbund Abaelards mit der adligen Héloïse, deren Hauslehrer er war. Er schwängerte sie und heiratete sie heimlich nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes. Dann schickte er seine Frau in den Nonnenkonvent von Argenteuil. Héloïses Onkel und Vormund Fulbert, Kanoniker an der Kathedrale Notre-Dame, nahm Rache an dem berühmten Philosophen, indem er ihn entmannen ließ.
Abaelard überlebte den Anschlag und ging als Mönch in das Kloster Saint-Denis. Später legte er öffentlich Rechenschaft ab. Auch wenn an der Echtheit seiner "Historia calamitatum mearum" (Geschichte meiner Nöte) erhebliche Zweifel laut wurden: Der autobiografische Bericht - für das Mittelalter eine Rarität - hat dem brillanten Logiker für immer die Aura romantisch-poetischer Tragik verliehen.
Ratio und Vernunft, Individualität und Menschenwürde, der Zweifel als Weg zur Wahrheitsfindung: All das machte Abaelard zu einem außerordentlich frühen Vorläufer der Aufklärung. Sein rastloser Forschergeist prägte den "für Paris so charakteristischen Denkstil, die Verbindung von Logik und Theologie", resümiert der Philosophiehistoriker Kurt Flasch.
Schon in den ältesten erhaltenen Statuten der Pariser Universität von 1215 tritt die "Universitas magistrorum et scholarium", die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, als selbstbewusst agierende Institution auf. Aber geistliche wie weltliche Mächte betrachteten die akademische Freiheit mit Argwohn. Immer wieder kam es zu Konflikten, Disputen und Häresieverdächtigungen. Stets musste die Pariser Universität ihre Autonomie zwischen König, Papst, Bischof und Stadtbehörden behaupten.
Die Studenten, in der Regel junge, unverheiratete Männer aller Stände, Arme wie Begüterte, hatten einen den Klerikern ähnlichen Status. Sie unterstanden allein der geistlichen Gerichtsbarkeit; ihre Person und ihr Eigentum durften nicht angetastet werden. Auch wenn die Zahl der Kollegien rasch zunahm, musste sich die große Mehrheit, ob schon graduiert oder nicht, doch nach anderen Unterkünften umsehen, privat oder in beaufsichtigten Hospizen. Steigende Mieten trieben schon damals junge Akademiker auf die Straße.
Freilich gab es auch immer wieder Klagen über das angeblich zügellose Leben vieler Studenten: Sie würden lärmen und raufen, huren und saufen, dem Glücksspiel frönen und Schulden machen, brave Bürger und Stadtknechte verspotten und provozieren - alles im Schutz ihrer akademischen Immunität. Der Kardinalbischof Jacques de Vitry (1160/70 bis 1240), bekannt als Prediger für den Kreuzzug gegen die Katharer, wetterte, die Universität Paris sei ein internationales Parlament der Sünde und Treffpunkt des Lasters aus der ganzen Welt. Die Scholaren streiften herum, statt zu lernen, wechselten unentwegt die Lehrer und hörten nichts zu Ende, geschweige denn, dass sie einen Abschluss machten.
Als im Jahr 1200 eine Gruppe aufgebrachter Bürger, die vom Probst angeführt wurde, in einer Art Selbstjustiz mehrere Studenten ermordete, musste König Philipp II. den Scholaren ein Privileg erteilen, das ihnen strenge Bestrafung der Übeltäter zusicherte und ihnen erlaubte, sich im Fall einer Anklage der zivilen Gerichtsbarkeit zu entziehen. In seiner Bulle "Parens scientiarum" von 1231, die den großen Universitätsstreik beendete, forderte Papst Gregor IX. dann König Ludwig IX. auf, alle Privilegien zu erneuern. Ausdrücklich erlaubte er den Universitätsangehörigen, die Vorlesungen einzustellen, wenn ihre Vorrechte verletzt würden. Die Universität sollte selbst für Ordnung sorgen; körperliche Strafen waren verpönt.
Spätestens hiermit hatte sich die Universität als korporatistische Institution mit vier Fakultäten etabliert: Artes oder die freien Künste, Medizin, Jura und Theologie. Der Dekan der "Artistenfakultät" fungierte gleichzeitig als Rektor. Wichtiger als die Zugehörigkeit zu einer der Fakultäten war für das tägliche Leben jedoch der Zusammenschluss der Professoren und Studenten in vier "Nationen" je nach Herkunft: die französische, picardische (für Nordfranzosen, und Wallonen), normannische und anglodeutsche.
Das Studium der Artes, das mit dem Bakkalaureat abschloss, war Vorbedingung für die Aufnahme an den anderen Fakultäten. Oft waren die Erstsemester erst 14 bis 15 Jahre alt; sie sollten lesen und schreiben können, die Grundrechenarten und möglichst etwas Latein beherrschen. Mehr brauchte es nicht für die Zulassung - alles Weitere vermittelte das Studium generale der Artistenfakultät. Wer es nach vielen Jahren bis zum Magister oder gar zum Doktor der Theologie brachte, galt als hochgelehrt. Doch solche Ausdauer hatten nur wenige.
Das Pensum konnte tatsächlich einschüchtern: Jeder Theologe der Pariser Fakultät musste zwei Jahre lang die "Sententiae" des Petrus Lombardus, ein Kompendium aus Kirchenlehrerworten, studieren und einen selbständigen Kommentar dazu verfassen. Die Vorschrift wirkte wie ein gedankliches Korsett.
Doch gelang es großen Geistern, trotz der Sentenzen-Mühle ihre Originalität zu wahren. Drei von ihnen prägten das geistige Leben in Paris und weit darüber hinaus von der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an: Albertus Magnus (um 1200 bis 1280), Thomas von Aquin (1224 bis 1274) und Bonaventura (1217 bis 1274). Vor allem auf diese drei geht zurück, was seither "scholastische Methode" heißt.
Albertus studierte und lehrte fünf Jahre, von 1243 bis 1248, in Paris, kehrte dann nach Köln zurück und baute dort nach Pariser Vorbild das Generalstudium der Dominikaner auf. Sein Schüler Thomas, der bis heute als größter katholischer Kirchenlehrer gilt, hielt sich zweimal als Lehrer in Paris auf: von 1252 bis 1259 und wieder von 1268 bis 1272. Dort begann er seine "Summe gegen die Heiden", dort schrieb er zuletzt auch an seiner hochgepriesenen "Theologischen Summe" - gewaltige intellektuelle Bauwerke, in denen sich die christliche Doktrin mit der Weltkunde und logischen Präzision des Aristoteles zu einem stimmigen Ganzen verbinden sollte. Eine "summa" war bei den Scholastikern die systematische Wissenserfassung eines gesamten Fachgebiets.
Bonaventura, der dritte Denker jener Glanzzeit, sah in der Rationalitätsfreude der Aristoteliker allerdings auch eine Gefahr. Anders als Albertus und Thomas war er Franziskaner; 1257 gab er seine Lehrtätigkeit in Paris auf, um den Orden zu leiten. Reaktionär war Bonaventura nicht; seine Bedenken förderten sogar noch das Aufkommen eines vertieften Vernunftverständnisses. Das hinderte den Pariser Bischof Etienne Tempier 1277 nicht daran, 219 an der Artistenfakultät diskutierte Thesen als Irrlehren zu verurteilen - ein folgenschweres Signal in der Geistesgeschichte jener Zeit.
Als Bonaventura, Thomas und Albertus kurz nacheinander starben, endete eine Epoche. Zwischen 1270 und 1350 wurde die Landkarte des mittelalterlichen Geistes reicher, bunter und bewegter. Paris blieb zwar ein kosmopolitisches Zentrum der Gelehrsamkeit. Aber die Universität exportierte so ausgiebig Wissenschaft, dass sie allmählich ein Opfer ihres Erfolgs wurde.
Neugründungen von Universitäten mehrten sich, bis die Sorbonne ihr Beinahemonopol verloren hatte. Am Ende des 14. Jahrhunderts ließen sich die Zeichen des Niedergangs und der doktrinären Erstarrung nicht mehr übersehen. Scholastisches Wissen war so subtil und kompliziert geworden, dass es nach Haarspalterei aussah und jeden Bezug zum gelebten Glauben der Menschen und zum Boden ihrer Erfahrung vermissen ließ.
Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich (1337 bis 1453), der erwachende Nationalismus und seit 1378 die Spaltung des Papsttums zwischen Rom und Avignon brachten Paris weiter ins Hintertreffen. Als Kanzler der Universität mühte sich Jean de Gerson (1363 bis 1429) um die Einigkeit der Kirche wie um die der Pariser Doktoren. Vergebens: Lehrer und Studenten, die den römischen Papst anerkannten, verließen die Universität.
Der aufkommende Humanismus machte den Autoritätsanspruch von Paris und seiner reformunwilligen Lehrer dann vollends zunichte. Es war leicht geworden, über die Gelehrten, ihre Spitzfindigkeit und ihre Weltfremdheit zu spotten. Der große französische Schriftsteller der Renaissance, François Rabelais, stellte die Professoren der Sorbonne in seinem Romanzyklus "Gargantua und Pantagruel" als Esel und Hochstapler hin.
Die Moderne brach nun in Italien an. Erst im 20. Jahrhundert haben Ideenhistoriker neu gewürdigt, welch einzigartige Rolle das mittelalterliche Paris für die intellektuelle Geschichte Europas gespielt hat. ■
Von Romain Leick

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2013
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