24.09.2013

Zerfall der Imperien

Der geopolitische Konfliktstoff zwischen den europäischen Mächten war auch 1918 nicht beseitigt, im Gegenteil. Die Wurzeln für den Zweiten Weltkrieg wurden im Ersten gelegt.
Bis heute werden die Folgen dieses ersten Weltkrieges in Europa unterschiedlich beurteilt: In Warschau und Prag wird man ihn kaum mit George Kennan als die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnen, sondern als Rückgewinnung nationaler Selbständigkeit feiern. Die Briten sehen in ihm weiterhin einen Sieg, für den sie große Opfer bringen mussten, während Deutsche und Franzosen, obwohl sie sich 1918 als Verlierer und Sieger gegenüberstanden, vorwiegend mit Melancholie und Bitterkeit zurückblicken.
Den klügsten unter den zeitgenössischen Beobachtern, Max Weber etwa, war klar, dass der Krieg das Ende der europäischen Weltherrschaft bedeutete. Während einige deutsche Historiker den Krieg in Analogie zum Zweiten Punischen Krieg betrachteten, in dem Rom zum Imperium aufstieg, wobei sie Deutschland die Rolle Roms und den Briten die Karthagos beimaßen, sah Weber, als er sich ebenfalls dieser Analogie bediente, in den Vereinigten Staaten von Amerika das neue Rom. Zum Schaden der Europäer haben die Amerikaner diese Rolle allerdings erst nach einem weiteren Krieg noch schrecklicheren Ausmaßes übernommen.
In der Sicht des frühen 21. Jahrhunderts ist dieser Weltkrieg eher ein Ende als ein Anfang. Das war anders, solange sich mit der Oktoberrevolution von 1917 in Russland noch die Vorstellung eines weltpolitischen Neubeginns verbinden ließ.
Was lange Zeit, von einigen zumindest, auf der Habenseite der Geschichte verrechnet worden ist, gehört längst in die Minusspalte: Der Rote Oktober hat nicht gehalten, was er versprach; die Revolution brachte keine Befreiung der Arbeiter und schon gar keine gerechtere Gesellschaft. Und der gegenwärtige Aufstieg der neuen Zaren in Moskau und St. Petersburg, wie die Stadt inzwischen wieder heißt, nachdem sie 1914 ihren deutsch klingenden Namen hatte aufgeben müssen, lässt ihn als eine Episode der Weltgeschichte erscheinen - eines der Produkte jenes Zerfalls, der durch den Krieg in Gang gesetzt worden war.
Der Zusammenbruch der drei großen Imperien, Österreich-Ungarns, Russlands und des zuletzt stark schwächelnden Osmanischen Reichs, die Mittel- und Osteuropa sowie Kleinasien und den Nahen Osten beherrscht hatten, hinterließ ein machtpolitisches Vakuum, das Revisionskriege beförderte. Der Krieg von 1914 bis 1918, der seinen Ursprung vom Balkan aus genommen hatte, schuf dort und in Teilen Mitteleuropas eine zerklüftete Politiklandschaft, im Innern der Staaten wie in deren Verhältnis zueinander. So fand sich die instabile deutsche Republik mit ihrem durch den Versailler Frieden beförderten Revisionsdrang auch noch in einem politisch instabilen Umfeld wieder.
Fast alle Nationen Mitteleuropas und des Balkans, die aus dem Zerfall der drei großen Imperien hervorgegangen waren, wurden damals von Groß-Ideologien beherrscht: Großrumänien, Großpolen, Großgriechenland und Großserbien, das sich als Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen bezeichnete, bildeten einen Raum extremer Unverträglichkeit; die Polen hatten sich in einem Anschlusskrieg bis 1920 gegen die Rote Armee behauptet, die Griechen dagegen hatten ihren bis 1923 dauernden Krieg gegen die Türkei verloren. 1912 und 1913 bereits hatten der Erste und der Zweite Balkankrieg stattgefunden, der "Dritte Balkankrieg" war nicht zuletzt infolge deutschen Ungeschicks schließlich zum Weltkrieg eskaliert; nach dessen Ende gingen die Balkankriege in modifizierter Form weiter.
Der postimperiale Balkan macht den Europäern bis heute zu schaffen, und eine Änderung ist nicht abzusehen. Dass im Umgang mit diesem Raum äußerste Vorsicht geboten ist, ist eine der politischen Lehren des Ersten Weltkriegs.
Zu allem Unglück war Deutschland nach Kriegsende in seiner geopolitischen Mittellage verblieben, die vor 1914 Teil seiner Einkreisungsobsessionen gewesen ist. Der Krieg war nicht zuletzt daraus entstanden (und hatte sich aus einem lokalen Konflikt auf dem Balkan in einen großen europäischen Krieg verwandelt), dass die deutsche Führung den Ring der Mächte um sie herum hatte aufsprengen wollen.
Als Bismarck nach der Reichsgründung erklärte, Deutschland sei nun "saturiert", also gesättigt in seinem Machtanspruch, hatte er das Problem der Mittellage nach außen entschärft. Das Kaiserreich, so seine Botschaft, sei kein potentieller Aggressor.
Diese Lösung zur Pazifizierung einer unruhigen, gleichzeitig vor Kraft kaum zu bändigenden und sich doch ständig bedroht fühlenden Mitte stand nach dem Versailler Friedensvertrag als politische Option nicht zur Verfügung: Für Polen, Tschechen und Franzosen war klar, dass die Deutschen das Ergebnis des Großen Krieges revidieren wollten - durch politischen Druck oder militärischen Zwang. Vorerst aber waren sie weder zu dem einen noch dem anderen fähig.
Es wäre politisch vernünftig gewesen, die deutsche Mitte in ein europäisches Sicherheitssystem einzubinden und sie so zu neutralisieren, wie das 1990 gelang. Weil man sich dazu nicht wirklich entschließen konnte und zu den dann politisch erforderlichen Konzessionen gegenüber Deutschland nicht bereit war, fühlten sich die Deutschen abermals eingekreist. Immer wieder liebäugelten sie mit der Sowjetunion, einem ebenfalls ausgeschlossenen Akteur, um den neuerlichen Ring aufzubrechen. Das zeigt sich etwa im Vertrag von Rapallo, in dem Deutschland und Sowjetrussland schon 1922 den Verzicht auf Reparationen und die Wiederaufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen beschlossen.
Es gibt eine geostrategische Verbindungslinie von Rapallo zum Hitler-Stalin-Pakt im August 1939. Sie ist der Versuch der Deutschen, aus ihrer Mittellage zu entkommen und noch einmal anzupacken, was im ersten Krieg nicht gelungen war: den Kontinent von der Mitte her anstatt den Rändern politisch zu ordnen. Das lief in jedem Fall auf die Durchsetzung einer Hegemonie in Europa hinaus. Mit Hitler steigerte es sich dann zu einem Projekt des imperialen Größenwahnsinns.
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten in der Historiografie dieses Krieges, dass gerade in Deutschland, von wo aus die Begrifflichkeit des Weltkriegs gegen die in Frankreich und England gebräuchliche Bezeichnung des Großen Krieges durchgesetzt worden ist, die globale Dimension dieses Krieges und seine globalen Folgen weithin aus dem Blick geraten sind. Das gilt weniger für den in Afrika geführten Krieg, an den die einstige Kolonialmacht Deutschland immer wieder einmal erinnert wird, als vielmehr für den Nahen Osten, wo der Krieg eine Reihe bis heute ungelöster Probleme hinterlassen hat. Aber auch für Ostasien, wo die Verbindungen zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg ebenso eng waren wie in Europa.
Um die ostasiatischen Konstellationen zu begreifen, muss man etwas weiter schauen. Der Krieg hatte hier nur kurz gedauert, und eigentlich war es nur in der deutschen Kolonie Kiautschou zu Kampfhandlungen gekommen. Ende 1914 hatten die Japaner gesiegt und sich die deutsche Kolonie angeeignet, womit sie einen weiteren Fuß in der chinesischen Politik hatten.
Ihre starke Stellung in diesem Raum hatten sie nicht nur dem Sieg über Russland im Krieg von 1904/05 zu verdanken, sondern auch dem bereits vor Kriegsbeginn beendeten Abzug des Großteils der britischen Kriegsflotte, die der deutschen Seerüstung wegen in der Nordsee und im Nordatlantik konzentriert wurde. Tirpitz' Flottenprogramm hatte die Briten genötigt, ihre Seeherrschaft in Regionen aufzugeben, die sie seit dem 18. Jahrhundert kontrolliert hatten. In der Folge bauten die Japaner ihre Dominanz im Pazifik aus; dabei kam den Deutschland abgenommenen pazifischen Inselgruppen große strategische Bedeutung zu.
Während des Krieges konnten weder Briten noch Amerikaner etwas dagegen unternehmen, da die Japaner mit der Möglichkeit eines Bündniswechsels spielten - eine Idee, die von dem deutschen Außenstaatssekretär Arthur Zimmermann 1917 kräftig befeuert wurde. Also machte man Japan Konzession um Konzession.
Wie in Europa sind auch in Ostasien die Wurzeln für den Zweiten Weltkrieg im Ersten gelegt worden. Der Untergang des Osmanischen Reichs hat Folgen gehabt, die bis heute andauern. Der Raum vom östlichen Mittelmeer bis nach Persien hatte zum Osmanischen Reich gehört, bis die Briten ihn 1917/18 eroberten. Hier hat das Empire die größten Gewinne aus dem Krieg eingestrichen, während es in Europa nur den Status quo wahren konnte. In Mesopotamien und auf Teilen der Arabischen Halbinsel jedoch war es die Russen und die Deutschen als lästige Konkurrenten los. In Syrien allerdings musste es die verbündeten Franzosen als Juniorpartner hinnehmen. Die Briten nahmen hier das Great Game, das sie gegen die Russen in Zentralasien gespielt und der Allianz gegen Deutschland zuliebe aufgegeben hatten, wieder auf.
Der deutsche Feldmarschall Colmar von der Goltz, der den Briten 1916 südlich von Bagdad eine schwere Niederlage beigebracht hatte, sagte dem freilich keine große Zukunft voraus: Die Herrschaft des weißen Mannes werde im 20. Jahrhundert zu Ende gehen.
Von der Goltz wollte einen islamischen Aufstand gegen die Briten entfachen, um den Deutschen zum Sieg zu verhelfen. So recht er im einen Fall gehabt hat, so sehr hat er sich im anderen geirrt. Stabile Nationalstaaten sind im Nahen Osten bis heute nicht entstanden.
Noch bevor in den Verträgen von Versailles, Saint Germain und Trianon die politische Landkarte Mitteleuropas neu gezeichnet wurde, offenbarte sich freilich eine ungeahnte innenpolitische Konsequenz dieses Krieges: Dem Staat war eine Bedeutung für die Lebensführung der Menschen zugewachsen, wie er sie zuvor nie besessen hatte. Der Sozialstaat in Europa ist im Wesentlichen ein Ergebnis des Ersten Weltkriegs, und er konnte es werden, weil der Krieg einen Steuerstaat von zuvor unvorstellbaren Dimensionen hervorgebracht hat.
Um die Kosten des riesigen militärischen Unternehmens wenigstens teilweise zu finanzieren, wurden in Deutschland von der Umsatz- bis zur Vermögensteuer immer neue Abgaben eingeführt. Lange vor dem Krieg schon hatte man die Sektsteuer erfunden, die zur Finanzierung der Kriegsflotte beitragen sollte.
1919 lag die Flotte versenkt auf dem Grund von Scapa Flow, aber die Sektsteuer blieb, ebenso wie all die anderen Steuern, die unter Verweis auf die Kriegskosten eingeführt worden waren. In den anderen beteiligten Ländern war das ähnlich: Der Staat brauchte Geld, um die Schulden zu bezahlen, die er für den Krieg gemacht, und die Folgen, die dieser hinterlassen hatte.
Institutionell betrachtet war also der Staat der eigentliche Gewinner des Krieges. Der Weltkonflikt machte ein Neuarrangement bei der Aufgabenverteilung zwischen Staat und Gesellschaft erforderlich, und dabei ging eine Fülle von Aufgaben, die traditionell von der Gesellschaft erledigt wurden, auf den Staat über.
Immerhin hatte dieser Staat den Familien ja den Ernährer genommen und ihn an die Front geschickt, und wenn der gefallen war, musste er nun selbst die Versorgungsaufgabe übernehmen. So bekam die Redewendung vom "Vater Staat" eine neue Bedeutung. Auch die Hunderttausenden Invaliden, die der Krieg ausgespuckt hatte, waren auf dauerhafte Versorgungsleistungen angewiesen.
Es waren keineswegs nur die Reparationszahlungen an die Siegermächte, die für den immensen Finanzdruck sorgten, der auf der Weimarer Republik lastete. Die sozialpolitischen Leistungen des jungen Staatswesens waren beachtlich, aber sie genügten in den seltensten Fällen den Erwartungen, die an es herangetragen wurden. Auch das hat zur politischen Instabilität in Deutschland nach Kriegsende beigetragen.
Die offene Bürgerkriegsstimmung, die in der Weimarer Republik immer wieder aufbrach, verdankte sich allerdings zur anderen Hälfte der verleugneten Niederlage im Weltkrieg und der Behauptung, die eigentliche Schuld trage die politische Linke.
Neben dieser Dolchstoßlegende verbreitete sich überdies eine Revolutionslegende, wonach die Deutschen sich 1918/19 in einer Umwälzung eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung geben wollten, aber daran durch ein Bündnis sozialdemokratischer Arbeiterverräter mit den alten Eliten gehindert worden seien. Was die rebellierenden Massen tatsächlich gewollt hatten, waren Frieden und Brot. Weil das alte Regime ihnen das nicht bot, hatten sie es gestürzt.
Zur Spaltung der Arbeiterbewegung kam die Deklassierung der Mittelschichtangehörigen hinzu. Es war vor allem ihr Krieg gewesen, in den sie mit großer Begeisterung gezogen waren, für den sie ihre Söhne geopfert und ihr Vermögen als Kriegsanleihe gezeichnet hatten. Der Krieg war von ihnen als die Chance begriffen worden, sich als leistungsfähig und staatstragend zu beweisen und damit aus dem Schatten des Adels herauszutreten. Deswegen war die Niederlage in diesem Krieg auch vor allem ihre Niederlage.
Zwischen Schulden und Schuldgefühlen schwankten sie nun hin und her und kamen dadurch ihrer gesellschaftlichen wie politischen Aufgabe nicht nach: eine Mitte zu bilden, die sozial integrierend und politisch zusammenhaltend war. ■
Von Herfried Münkler

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2013
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