26.11.2013

SeitenblickTore zum Wissen

Humanistische Bibliotheken legten den Grund für das Bildungsideal der Neuzeit.
Wer in Florenz vor der Basilika San Lorenzo steht, sieht nur raue Ziegel, zu einer Marmorfassade hat es nie gereicht. Dafür birgt das Innere der Kirche zwei Kanzeln des Bildhauers Donatello, und die beiden Sakristeien sind Heiligtümer der Architektur- und Kunstgeschichte. Kenner aber wissen noch eine wichtige Adresse.
Durch den Eingang links von der Kirchenfassade erreicht man über den Kreuzgang einen zehn mal zehn Meter großen Raum, der von einer Prachttreppe ausgefüllt wird. Der legendäre Michelangelo hat die dreiläufige Stufenkaskade mit perspektivischen Tricks besonders grandios aussehen lassen - denn der ebenfalls von ihm entworfene Saal dahinter barg kostbarste Geistesgüter. Es ist die Biblioteca Laurenziana, das Bücherparadies der Medici.
Als die lichte Halle mit ihren Pult-Lesebänken 1571 eingeweiht wurde, standen hier etwa 3000 Handschriften und eine Fülle von Drucken bereit, etliche mit bewegter Geschichte. Giovanni de' Medici, der von 1513 bis 1521 als Papst Leo X. die Kirche regierte, hatte den von Kriegsverlusten und Pfändung dezimierten Bestand mit Geschick und Glück großenteils wieder vereinigt. Damit rettete er die bedeutendste Keimzelle humanistischer Buchsammlungen.
Schon seit 1425 hatten die Medici, von der Neugier auf antike Texte angesteckt, mehrere gelehrte Erkundungen finanziert. Sie übernahmen die Codices des Sizilianers Giovanni Aurispa, der auf seinen Reisen in Konstantinopel mehr als 230 Klassiker-Manuskripte ergattert und sich dafür verschuldet, ja selbst seine Kleidung verpfändet hatte. Kurz darauf waren weitere Handschriften hinzugekommen, die Francesco Filelfo ähnlich aufopfernd im griechischen Osten erworben hatte.
Als 1437 dem alten Cosimo de' Medici stolze 800 Handschriften zufielen, die sein intellektueller Berater, der Büchernarr Niccolò dei Niccoli, hinterlassen hatte, machte er die Hälfte der Bände wenig später im Kloster San Marco öffentlich zugänglich. Bald kamen 200 Werke hinzu, die der Buchhändler Vespasiano da Bisticci dem Großkaufmann und Mäzen unter Einsatz von 45 Schreibern in knapp zwei Jahren geliefert hatte.
Auch Cosimos Privatbibliothek war von ihm selbst und seinen intellektuell ebenso anspruchsvollen Erben immer weiter aufgestockt worden - so dass die Vereinigung all dieser Schätze auch die Büchernachlässe wichtiger Antiken-Forscher wie Coluccio Salutati oder Poggio Bracciolini in die Sammlung der Laurenziana gelangen ließ. Schon diese Reichtümer machten Florenz bei späteren Humanisten zum Pilgerziel.
Denn Handschriften, vor allem nichtkirchliche, waren keineswegs billig zu haben. Neben hochgebildeten Textfahndern, die bis in den Orient ausschwärmten, mussten Pergamentmacher, Schreiber, studierte Korrektoren, Miniaturenmaler und Buchbinder ihren Lohn bekommen. Edlere Bände entsprachen dem Gegenwert eines Hauses oder Grundstücks. Kein Wunder, dass Wissenschaftler, denen es in erster Linie um Gehalt und Sinn der alten Texte ging, ihre privaten Codices gründlich markierten, hüteten und mit klugen Anmerkungen weiter aufzuwerten suchten.
Natürlich ließen die prestigebewussten Medici ihren Fundus von Originalwerken edel ausstatten. Andere Magnaten folgten dem Beispiel. Solange das Geld floss, lieferten Schreibstuben nach Wunsch ein splendides Wappen vorweg, herrliche Initialbilder und Randverzierungen, die eine Handschrift bisweilen zum reinen Vorzeigestück machten. Selbst alte, unansehnliche Import-Codices versuchte man so zu veredeln.
Humanistische Gelehrte gaben sich meist mit Schlichterem zufrieden. Ziemlich häufig mussten sie einen Text eigenhändig abschreiben. Aber das störte sie nicht: Schließlich studierte man so dessen Gehalt noch intensiver als beim gewöhnlich halblauten Lesen. Häufig kannten Fachleute die Werke, von denen sie am meisten hielten, dank unablässiger Lektüre nahezu auswendig.
Als Cosimo de' Medici seine ersten Bibliotheken anlegen ließ, fragte er den Geistlichen und passionierten Büchersammler Tommaso Parentucelli nach einer Aufstellung des Wichtigsten. "Für die Begründung einer Bücherei ist dieser Kanon unentbehrlich", verkündete später Tommasos bester Lieferant und auch Biograf, der geschäftstüchtige Vespasiano da Bisticci. Ganz oben auf der Liste des Erstrebenswerten rangierte natürlich die Bibel, dann die Kirchenväter samt entsprechenden Kommentaren. Philosophisch galt Aristoteles als Maßstab; hinzukommen sollten weitere Denker der griechischen Antike, aber auch arabische und hebräische Autoren. Grundschriften der Mathematik und Musiktheorie durften ebenfalls nicht fehlen.
Von lateinischen Dichtern, Rednern und Geschichtsschreibern nannte Tommaso nur die wichtigsten - sich auf diesem Gebiet auszukennen, hielt er für selbstverständlich. "Tore zu allen Künsten und Wissenschaften" und dienstbereite "Freunde" seien seine Bücher, hatte im Jahrhundert zuvor der große Literat Francesco Petrarca erklärt. Sein kollegialer Freund Giovanni Boccaccio schrieb, in Gesellschaft der eigenen "Büchlein" sei ihm wohler als jedem König unter einer großen Krone. Seither propagierten Humanisten ihren Bildungseifer wie eine Art weltlicher Frömmigkeit.
Mit den Medici gleichziehen wollte Federico da Montefeltro, Herrscher der Bergstadt Urbino. Neben erstklassiger Kunst und einer Prunkresidenz strebte er auch nach Kleinoden der Gelehrsamkeit. Seinen Studienraum schmückten über raffinierten Holzintarsien die Porträts alter Geisteshelden; für Bücher, auf feinstem Pergament geschrieben und herrlich illustriert, sorgte Vespasiano da Bisticci wieder in Rekordzeit.
Welthistorisch unumkehrbar wurde die bibliophile Leidenschaft all der Enthusiasten und Mäzene, als Tommaso Parentucelli, der sammelwütige Florentiner Theologe, nach kirchlicher Blitzkarriere 1447 zum Papst gewählt wurde. Als Nikolaus V. hatte er nun die Mittel, ein Schatzhaus des menschlichen Geistes zu verwirklichen. Bis nach England und Preußen wurden gutbezahlte Abschreiber entsandt. Rund 1200 Bände kamen in nur acht Jahren zusammen; die ihm wichtigsten 56, meist antike Klassiker, behielt der Papst bei sich im Arbeitszimmer.
Zwar soll Nikolaus' Nachfolger über die angebliche Verschwendungssucht geschimpft haben. Viele kostbar verzierte Einbände wurden sogar zu Geld gemacht. Aber spätere Päpste förderten die Bibliothek dann reichlich. 1657 gelangten auch die edlen Codices aus Urbino in den Vatikan. Es war eher ein Akt der Nostalgie: Längst hatten gedruckte Werke die Handschriften überflügelt.
Die humanistische Vision umfassender Bildung aber lebte triumphal fort. Erst die Wissensfluten des 19. und 20. Jahrhunderts und das Internet haben Bücherfreunde gezwungen, den schönen Traum vom Universum der Bibliotheken neu zu überdenken.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 6/2013
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht