28.01.2014

Ein drittes Rom

Einen neuen Gipfel seiner Macht erreichte Byzanz im 11. Jahrhundert, als es die Bulgaren unterwarf. Missionare brachten das orthodoxe Christentum bis nach Russland - mit weitreichenden Folgen.
Der Kaiser kam aus einfachen Verhältnissen. Basileios I., genannt der Makedonier, wurde als Bauernsohn um 811 beim damals bulgarischen Adrianopel geboren, heute im Westen der Türkei. Seine Eltern waren Leibeigene des Fürsten Krum, eines der mächtigsten Herrscher Europas.
Basileios gelang die Flucht ins Byzantinische Reich. Er wurde Stallknecht bei einem Verwandten des Kaisers. Der als attraktiv beschriebene junge Mann lernte bald eine reiche Dame kennen, die ihn bei sich aufnahm und förderte. Der muskulöse Zuwanderer fiel sogar dem Kaiser auf.
Michael III. war von Basileios so begeistert, dass er ihn zu seinem persönlichen Begleiter und Leibwächter machte. 866 ernannte er ihn gar zum Mitkaiser, "von der Hand des Kaisers Michael, aber durch Wahl und Entscheid Christi, des ewigen Kaisers", so die offizielle Formel.
Bloß, der Aufsteiger wollte die ganze Macht. Im September 867 ermordete Basileios den Imperator und machte sich zum Alleinherrscher.
Eine zentrale Mission seines Vorgängers und Lehrers aber übernahm Basileios I. Er vergrößerte den byzantinischen Einfluss auf Bulgarien. Kaiser Michael war es gelungen, Anfang 864 den bulgarischen König zum Christentum zu bekehren. Der Einfluss auf Bulgarien stärkte die Macht von Byzanz und den Anspruch, eine führende Größe Europas zu sein. Die Kontrolle Bulgariens war über die Landbrücke nach Griechenland gesichert. So erhielt das Reich Ressourcen, die es zum Kampf gegen die muslimische Konkurrenz im Osten dringend brauchte.
Doch das Imperium, das Basileios mit Mitte fünfzig übernahm, erwies sich als Sanierungsfall. Die Staatskasse war leer. Denn Kaiser Michael war ein Lebemann gewesen, der Erfolge mehr im Bett als auf dem Schlachtfeld suchte. In verlustreichen Kriegen mit den Arabern hatte Byzanz Kreta, Sizilien und Gebiete Kleinasiens verloren.
Dennoch war Basileios' Vorgänger ein strategischer Wurf gelungen, dessen weltgeschichtliche Wirkung kein Zeitgenosse ahnen konnte. Um 861 hatte Kaiser Michael III. die griechischen Brüder Konstantin und Michael als Missionare in die Gegend zwischen Dnjepr und Wolga entsandt. Die beiden Priester und Gelehrten brachten dem werdenden Russenreich das kyrillische Alphabet und das orthodoxe Christentum.
Als die Heiligen Kyrill und Method werden sie in der orthodoxen Kirche bis heute verehrt. Zu ihrem Gedenken begeht Russland jedes Jahr am 24. Mai den "Tag des slawischen Schrifttums und der slawischen Kultur".
Der vom Bauernsohn zum Kaiser aufgestiegene Basileios I. wusste, dass ein verlässliches Rechtssystem seinen Staat im Inneren stabil und nach außen anziehend machte. Er erließ Gesetze, die sein Nachfolger Leo VI. zu einer Sammlung von 60 Büchern vereinte. Seine Gesetzesarbeit brachte Basileios I. den Beinamen "zweiter Justinian" ein, in Anspielung auf den byzantinischen Rechtsstifter.
Systematisch studierte der Kaiser das Militärwesen, ließ sich Vorträge über Kriegszüge und Feldherrnstrategien halten. Seine Studien setzte er bald in die Tat um: Er führte den Grenzkrieg mit den Arabern fort und eroberte Zypern zurück. Auch Bari und Kalabrien in Süditalien unterwarf er erneut. Damit waren die Byzantiner wieder die Herren an der Adria. Erfolg hatte der Kaiser auch im Osten. Er schlug um 871 die Sekte der Paulikianer in ihrer zentralanatolischen Hochburg Thephrike.
Mit dem armenischen Reich fand er einen Kompromiss. Armenien, ältester christlicher Staat der Welt, wurde zum Verbündeten gegen das arabische Kalifat. Für die Sicherheit von Byzanz waren Partner im Kaukasus ebenso wichtig wie Bundesgenossen auf dem Balkan.
Dort schloss Basileios I. 870 Frieden mit den Bulgaren. Der Sohn des bulgarischen Zaren, Boris Simeon I., erhielt in Konstantinopel gemeinsam mit den Kindern des Kaisers eine umfassende Ausbildung. Herrschaft durch Integration lautete die Zauberformel von Byzanz.
Diesen Code des imperialen Staates bewahrten auch die Nachfolger. Der Kaiser starb im August 886, angeblich an den Folgen eines Jagdunfalls in der Nähe seines Landsitzes.
Doch gerade gegenüber den Bulgaren erwies sich das Integrationsangebot von Byzanz als zweischneidig. Beim bulgarischen Zaren Simeon I., der am Hof von Konstantinopel großgeworden war und dort Theologie und griechische Philosophie studiert hatte, weckte die Botschaft eigene Großmachtgelüste. 893 bestieg er den bulgarischen Thron.
Ein Triumph Bulgariens
Schon ein Jahr später griff er überraschend die Byzantiner an. 914 forderte der militärisch erfolgreiche Bulgarenzar von Byzanz den Titel "Kaiser der Rhomäer" und damit den universalen Herrschaftsanspruch. Mehrmals marschierte er bis vor die Tore Konstantinopels, konnte die Stadt aber nicht einnehmen. Mit dem Weltmacht-Impetus, den sie sich von Byzanz abgeschaut hatten, erreichten die Bulgaren unter Simeon I. die größte Machtentfaltung. Bulgarien erstreckte sich vom Schwarzen Meer bis zur Adria, von der Donau bei Belgrad bis nördlich von Saloniki.
Byzanz wurde dem bulgarischen Herrscher gar tributpflichtig. Simeon proklamierte die Unabhängigkeit der bulgarischen orthodoxen Kirche. Für Byzanz war die Existenz eines konkurrierenden orthodoxen Reiches in unmittelbarer Nachbarschaft provozierend und demütigend zugleich.
Doch innere Streitigkeiten schwächten und spalteten schließlich das bulgarische Reich.
Am Ende des 10. Jahrhunderts fand sich in Byzanz ein Herrscher, der entschlossen war, der bulgarischen Herausforderung radikal zu begegnen. 985, gerade 29 Jahre alt, kam Basileios II. an die Macht, indem er seinen Großonkel stürzte.
Der neue Kaiser, klein und untersetzt, galt den feinsinnigen Byzantinern als "ungepflegt und roh", schrieb der Historiker Georg Ostrogorsky, aber auch als "ein Mann von eiserner Willensstärke und einzigartiger Tatkraft". Er reorganisierte das Heer und schuf so eine Streitmacht, die in der Lage war, "durch die Strategie der schrittweisen Zermürbung den Feind zum Ermatten zu bringen", so der Schweizer Militärhistoriker Paul Meinrad Strässle.
Auf diese Weise nahm Basileios II. den bulgarischen Gegner ins Visier. Nach anfänglichen Misserfolgen gelangen den Byzantinern ab 996 Offensiven. Entscheidend war die Schlacht von Kleidion 1014 im Südwesten Bulgariens. Dort besiegte das byzantinische Heer in einem Tal 15 000 bis 20 000 Bulgaren. Nach der Schlacht ließ der byzantinische Potentat 14 000 bulgarische Gefangene blenden.
Das brutale Vorgehen brachte dem Kaiser später den Beinamen "der Bulgarentöter" ein. Maßgeblich für den Sieg war nicht nur die gute materielle Ausstattung des byzantinischen Heeres etwa mit Maultieren und Lastpferden. Dessen größte Ressource war der Kampfgeist seiner Krieger. Den Byzantinern galt der Schlachtenausgang als Gottesurteil, der Glaube an die gerechte Sache stärkte die Widerstandskraft.
Auf dem Gipfel der Macht
Basileios II. sah in seinen Streitkräften ein ihm von Gott gegebenes Machtmittel, seine Feldzüge erschienen ihm als heilige Kriege. Aus dieser Überzeugung kämpfte der Kaiser 32 Jahre lang gegen die Bulgaren. Schließlich eroberte Basileios II. 1018 deren Hauptstadt Ochrid und gliederte Bulgarien in sein Imperium ein.
Siegreich kehrte der Kaiser 1023 nach Konstantinopel heim, angeblich unter Hochrufen des Volkes. Das Imperium von Byzanz war auf einem neuen Gipfel seiner Macht. Es reichte vom heutigen Armenien über Süditalien bis Kroatien an der Adria, von der Donau bis nach Nordsyrien. Diese Ausdehnung sollte Byzanz nie mehr erreichen.
Basileios II. erkannte offenkundig, dass dieses Imperium nicht nur mit Brutalität zusammenzuhalten war. Gerade auf dem Balkan setzte der Kaiser auf "eine Mischung von Gewalt und Diplomatie", wobei das Diplomatische überwog, urteilt die britische Historikerin Catherine Holmes.
Der Imperator beließ der bulgarischen Kirche einen autonomen Status. Sie wurde von einem örtlichen Erz bischof geleitet. Auch die Selbstverwaltung und das Steuersystem mit Naturalabgaben blieben den Bulgaren erhalten.
Seinen Herrschaftsbereich hatte der Kaiser auch im Südkaukasus ausgedehnt. Er verleibte sich Teile des Königreiches der Abchasen ein, am Südostufer des Schwarzen Meeres. Zudem besetzte er den Süden Armeniens rund um den Van-See. Georgien unterwarf er militärisch, in insgesamt drei Feldzügen bis 1021.
Russen als Bundesgenossen
Beim Kampf um die Region südlich des Kaukasuskamms standen Basileios II. Verbündete zur Seite, die Jahrhunderte später Vormacht im Kaukasus wurden: die Russen. Der Großfürst Wladimir, Führer der Kiewer Rus, der Keimzelle des russischen Staates, hatte dem byzantinischen Kaiser kurz nach 980 etwa 6000 Kämpfer nordischer Herkunft gesandt, die Warägergarde. Die langen Kerls aus dem Norden wurden als Elitetruppe häufig an Brennpunkten eingesetzt, in Armenien, Syrien und Sizilien.
Um den Bund zwischen Byzanz und den Russen zu festigen, gab Basileios II. seine Schwester Anna dem Großfürsten zur Frau. Wladimir wurde 988 getauft. Monate später ließ er seine Landeskinder zur Massentaufe bei Kiew in den Fluss Dnjepr steigen. Der Herrscher führte so in seinem Reich das orthodoxe Christentum ein.
Dass damit die Wurzeln eines neuen Weltreiches gelegt waren, dürfte Basileios II. kaum geahnt haben; er starb am 15. Dezember 1025 in seinem Hauptpalast in Konstantinopel.
Denn dem Kaiser war es zunächst vor allem ganz pragmatisch darum gegangen, Verbündete gegen die Bulgaren wie gegen die Araber zu finden. Doch die byzantinische Reichsidee fiel auf fruchtbaren Boden "in jenem ungeheuren Zwischenreiche, wo Europa gleichsam nach Asien zurückfließt, in Russland", wie Friedrich Nietzsche 1886 in "Jenseits von Gut und Böse" schrieb.
Eine orthodoxe Kirche für Moskau
Zunächst blieb die russische Kirche unter dem Patriarchat Konstantinopels. Als das Großfürstentum Moskau die Nachfolge der Kiewer Rus antrat, sorgte sich dessen Großfürst Wassilij I. am Ende des 14. Jahrhunderts um das Profil seines Gemeinwesens. "Wir haben zwar die eine Kirche, aber wir haben nicht mehr den einen Kaiser", schrieb er dem Patriarchen von Konstantinopel. Der Kirchenfürst antwortete mit einem beschwörenden Appell an alle Rechtgläubigen, sich dem "Kaiser der Rhomäer" in Byzanz unterzuordnen.
Doch der hatte in Russland keine Macht. Moskaus Realpolitiker ahnten wohl, dass die Tage der Kaiserpracht am Bosporus gezählt waren. So erklärte sich die russische orthodoxe Kirche 1448 für eigenständig, fünf Jahre bevor die Truppen des Sultans Mehmed II. die Mauern Konstantinopels stürmten - der Untergang von Byzanz.
21 Jahre später verwendete der russische Großfürst Iwan III. erstmals den Titel "Zar", abgeleitet vom lateinischen "Caesar" und dem griechischen "Kaisar". Zwar blieb er ungekrönt, fortan aber führte er großspurig den Titel "Bewahrer des byzantinischen Throns".
Sein Großfürstentum war die einzige christlich-orthodoxe Großmacht, die die islamischen Eroberer nicht unterworfen hatten. Um sich als legitimer Erbe von Byzanz zu zeigen, hatte er 1472 die Nichte des letzten oströmischen Kaisers Konstantin XI., Sophia Palaiologa, geheiratet.
Iwan III. errichtete den Moskauer Kreml als Steinbau anstelle früherer Holzbauten. Er vervielfachte das Staatsgebiet. Unter seiner 43-jährigen Herrschaft, der längsten in der russischen Geschichte, nahmen die geistigen Impulse aus Byzanz materielle Gestalt an.
Idee des Kaisertums
Sein Sohn Wassilij III. setzte das Werk des Vaters fort und erweiterte den russischen Staat nach Westen und Osten. Er schuf den Kern seines Reiches in bewusstem Abstand zum katholischen Westen. Fremde aus dem westlichen Europa, klagte der habsburgische Diplomat Siegmund von Herberstein 1516, würden den Russen als "nicht rechtgläubig und als Schismatiker, so hassenswert wie die Mohammedaner", gelten.
Das bedeutete auch: Dem Papst in Rom und den weltlichen Wünschen westeuropäischer Führer verweigerte sich das Moskauer Reich.
Zu Zeiten von Wassilij III. sprach der Mönch Filofej aus einem Kloster bei Pskow im Nordwesten Russlands die programmatischen Worte: "Denn zwei Rom sind gefallen, das dritte aber steht, und ein viertes wird es nicht geben."
Den Anspruch Moskaus als drittes Rom setzte Wassilijs Sohn Iwan IV. mit aller Konsequenz um. Er ließ sich im Januar 1547 in der Uspenski-Kathedrale im Moskauer Kreml vom Metropoliten Makarij die mit Fell umkränzte Zarenkrone aufsetzen. Aus Konstantinopel übernahm er die Idee des Kaisertums, das Zeremoniell und endgültig den doppelköpfigen Adler als Staatssymbol.
Es war ein mächtiges und zugleich schweres Erbe, das Moskaus Herrscher übernahmen. Die Idee des Imperiums enthielt indes ein tragfähiges Konzept für einen Vielvölkerstaat. So lebten im Moskauer Machtbereich Russen und Kaukasier, Baschkiren und Tataren und seit dem 18. Jahrhundert auch mehrere Millionen russifizierte Deutsche vereint unter der Zarenkrone.
Doch im Reich unter dem Doppeladler grassierte die Korruption. Parasitäre Fürsten, Bojaren, plünderten die Staatskasse, regionale Statthalter setzten auf die "Kormlenije", ein Durchfüttern mit Hilfe von Bestechung. Noch heute heißen Ministerien und Gebietsverwaltungen im russischen Volksmund "Kormuschka", Futterkrippen. So fanden sich in der Elite des Landes immer wieder Frondeure und Verräter; byzantinische Hofintrigen wurden Teil des kulturellen Erbes.
Zar Iwan IV., im Westen auch "der Schreckliche" genannt, überbrückte den Graben zwischen sich und dem Volk nach byzantinischem Vorbild durch eine virtuose Selbstinszenierung.
Selbsterklärte Erben
Die "Selbstherrschaft" des Zaren, laut Iwan IV. auf "Gottes Ratschluss" gegründet, überlebte seinen Schöpfer, der 1584 starb. Die politische Macht dieser selbsterklärten Erben von Byzanz wuchs noch, als die russische orthodoxe Kirche unter Regent Boris Godunow sich 1589 endgültig für unabhängig erklärte. Der Moskauer Metropolit wurde Patriarch. Zwar erzwang Zar Peter I. Anfang des 18. Jahrhunderts eine Reform von oben, indem er das Patriarchat durch einen "Heiligen Synod" ersetzte, mit einem vom Zaren ernannten Oberprokuror an der Spitze.
Doch auch die ihrer Selbständigkeit beraubte Kirche war sich mit den Zaren einig im imperialen Anspruch. Diese Tradition erwies sich als so stark, dass sie noch im 20. Jahrhundert zwei radikale System- und Richtungswechsel überlebte. Zwar kamen nach der bolschewistischen Revolution 1917 zunächst Abenteurer ans Ruder, denen Russland vor allem Brennholz für das Feuer der Weltrevolution war.
Unter dem Kommando kosmopolitischer Kommunisten gerieten Kirchen unter Abrisshämmer, die traditionelle Byzanzkunde wurde unterdrückt. Doch der Kommunistenführer Josef Stalin wandelte sich zum Imperator. In der Kirchenpolitik schaltete er um, als 1941 die Heere katholischer und protestantischer Länder, geführt von Adolf Hitlers Wehrmacht, nach Russland einfielen.
Während die Wehrmacht im Spätsommer auf Moskau vorrückte, ließ Stalin das bolschewistische Radaublatt "Der Gottlose" einstellen - offiziell wegen Papiermangels. Im Mai 1942, die Wehrmacht sammelte sich zum Vormarsch in den Kaukasus, durfte die orthodoxe Kirche in Moskau den Würdenträger Sergej zum Metropoliten wählen.
Anfang September 1943, in Stalingrad und Kursk hatte die Sowjetarmee die Hitlertruppen entscheidend geschlagen, empfing Stalin Sergej und zwei weitere Metropoliten im Kreml und lobte die "patriotische Tätigkeit der Kirche".
Parallel ließ Stalin auch die Byzanzkunde wieder aufleben, mit einer Arbeitsgruppe an der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Der frühere Priesterseminarschüler hatte erkannt, dass Moskau als drittes Rom über das Dritte Reich siegen konnte.
"Moskau ist das Dritte Rom", sekundierte 1946 die Zeitschrift des Patriarchats. Dass der ein Jahr zuvor gewählte Patriarch Alexij jahrelang Gefangener der Geheimpolizei gewesen war, wurde diskret verschwiegen.
Stalin stellte die neu erweckte Kirche unter die strenge Kontrolle der Geheimpolizei. Der Leiter des "Rates für Angelegenheiten der russisch-orthodoxen Kirche" der Regierung, Georgij Karpow, war zugleich auch Chef der für die Kirche zuständigen Abteilung im Geheimdienst NKWD. Dabei kannte sich der grobschlächtige Oberst mit der Folter besser aus als mit Theologie.
Langfristig aber wirkten die Kirchenoberen geistig stärker auf ihre Betreuer vom Geheimdienst als umgekehrt. Byzanzforscher brachten in der Fachzeitschrift "Wisantiiski Wremmenik" (Byzantinische Annalen) selbst zu Stalins Zeiten schon mal subtile Botschaften. So warnte der Historiker Mitrofan Lewtschenko 1949, Byzanz bleibe "für alle Zeiten und Völker ein tragisches Beispiel" dafür, wohin "die Herrschaft einer korrumpierten und unkontrollierten Bürokratie" führe.
Putin lässt Byzanz wieder aufleben
Wie tief verwurzelt die byzantinische Leitidee im politischen Leben Russlands ist, zeigte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991.
Zwar machten der russische Präsident Boris Jelzin und sein erster Außenminister Andrej Kosyrew den Eindruck, das schwächelnde Mütterchen Russland werde imperialen Ambitionen entsagen und sich künftig eng an westliche Partner schmiegen.
Doch unter dem Präsidenten Wladimir Putin, wie Basileios I. ein Aufsteiger von unten, lebte das Erbe von Byzanz an der Moskwa wieder auf. Ende Januar 2008 zeigte das russische Staatsfernsehen den Dokumentarfilm "Untergang des Imperiums. Die Lektion von Byzanz". Der Autor, Erzabt Tichon, Vorsteher des Moskauer Sretenski-Klosters, ist ein konservativer Geistlicher mit besonderer Nähe zu Putin und zudem gelernter Dokumentarfilmer.
In seinem Werk nannte er Russland "die geistige Nachfolgerin von Byzanz" und polemisierte gegen "gierige Europäer" und "Barbaren aus Brüssel, London, Paris und Nürnberg". Der "Hass des Westens auf Byzanz", so der Kirchenmann, "setzt sich bis heute fort". Russland jedoch könne "ausschließlich als Imperium existieren".
Die Geschichtslektion im Staatsfernsehen löste heftige Debatten aus. Liberale Intellektuelle waren entsetzt. Die Tradition von Byzanz, so die Altdissidentin Walerija Nowodworskaja, bedeute "Vergötterung des Staats und des Staatsführers, die völlige Abwesenheit von Demokratie". Der Schriftsteller Wiktor Jerofejew mahnte: "Wir brauchen kein Imperium, sondern allgemeinmenschliche Werte." ■
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2014
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