29.07.2014

Normanne auf dem Thron

Wilhelm der Eroberer war ein brutaler Kriegsherr, doch er erwies sich als geschickter Staatslenker.
Der Mann, der England den Angelsachsen entreißen sollte, wuchs in der französischen Normandie auf. Von der märchenhaften Kindheit eines Fürstensohnes war für ihn wenig zu spüren. Der illegitime Sohn des normannischen Herzogs Robert I. und der Tochter eines Gerbers, 1027 oder 1028 in Falaise geboren, wurde groß in einer Atmosphäre brutaler Machtkämpfe. Adelige bereicherten sich durch Feldzüge gegen Nachbarn.
Der Junge erlebte Mord und Totschlag aus nächster Nähe. In seinem Schlafzimmer ermordeten Verschwörer den Haushofmeister. Auch sein Hauslehrer starb eines gewaltsamen Todes. Mit seinem Onkel musste er immer wieder vor Aufrührern fliehen, sie versteckten sich in Hütten armer Leute. So blickte er früh in menschliche Abgründe.
In den ersten Jahren seiner Herrschaft musste der junge Herzog sich immer wieder gegen Aufstände durchsetzen. Mal rebellierten seine Vasallen, mal waren Lehnsleute des französischen Königs die Frondeure. Doch allmählich festigte "Wilhelm der Bastard", wie ihn seine Feinde verächtlich nannten, seine Macht in der Normandie. Sein Erfolgsrezept, das Bündnis von Krone, Altar und Adel, sollte sich auch später in seiner Königsherrschaft bewähren.
Als er um 1051 Mathilde, die Tochter des Grafen Balduin V. von Flandern, aus politischen Gründen heiratete, protestierte Papst Leo IX., der bedeutendste mittelalterliche Papst deutscher Abstammung. Er lehnte die Verbindung angeblich wegen einer zu engen Verwandtschaft der Familien ab. Doch mit dem späteren Papst Nikolaus II. gelang Wilhelm eine Verständigung. Dabei half ihm, dass das Kirchenoberhaupt gerade Verbündete gegen einen Gegenpapst suchte. Papst Nikolaus II. genehmigte die Ehe, was das Ansehen des Herzogs hob. Seine Stellung festigte auch, dass er kriegerische Angriffe der Provinz Anjou und des französischen Königs erfolgreich abgewehrt hatte. Eindruck machte schon seine kräftigte Statur; mit einer Größe von 1,78 Metern überragte er die meisten seiner Zeitgenossen.
Beim Ausbau seiner Macht stützte er sich vor allem auf die Kirche. Zehn herzogliche Klöster unterstanden ihm in der Normandie. Der normannische Adel zahlte erhebliche Dotationen an die Klöster. Dabei ging es nicht um reine Wohltaten aus christlicher Überzeugung. Die Klöster spielten eine wachsende Rolle in der Geldwirtschaft. Normannische Adelige nutzten Klöster, um Ländereien zu verkaufen, mit Mönchen als Maklern.
Wilhelm sorgte schließlich für eine Übernahme von Klöstern durch weltliche Adelige. Einen der Bischofssitze von Rouen bekam sein Halbbruder Odo von Bayeux. Die Söhne derselben Mutter waren mehr als drei Jahrzehnte enge Gefährten in der Führung des normannischen Herrschaftsgebietes und unterstützten sich darin, die Feudalaristokratie mit ihren Grafen und Vicomtes der Macht des Herzogs zu unterwerfen.
Wilhelms Vertrauter William Fitz Osbern verfügte über interne Informationen aus England. Denn sein Bruder war einer der Hofprediger König Eduards des Bekenners. Und so wusste der Herzog der Normandie ziemlich gut Bescheid über das Militär der Engländer.
Die Nachrichten von jenseits des Kanals verfolgte Wilhelm besonders aufmerksam. Der englische König lag in einer Dauerfehde mit Schottland und Wales. Auch er war normannisch geprägt, denn er hatte vor seiner Krönung mehrere Jahre im Herzogtum Normandie verbracht.
In seinem Dienst standen normannische Adelige und Prälaten, Normannen erwarben in England Boden und bauten Burgen, etwa Richards Castle bei Hereford nahe der Grenze zu Wales.
Während Herzog Wilhelm seine Rivalen besiegt und so sein Reich erheblich gestärkt hatte, konnte sich die englische Königsmacht nicht gegen ihre Gegner auf der Insel durchsetzen.
Aus der Schwäche Eduards entstand Wilhelms Plan, England zu erobern. Umsichtig weitete der normannische Herzog seinen Einfluss auf den Inselstaat aus. In den letzten Jahren der Herrschaft Eduards hatte er mögliche Nachfolger fest im Blick. So machte er Harold Godwinson, Earl von Wessex, einen der Thronanwärter, 1064 zu seinem Vasallen, der ihn bei einem Feldzug begleitete.
Als Eduard der Bekenner im Januar 1066 schließlich starb, wählte die englische Ratsversammlung (Witenagemot) Harold zum neuen König. Diesen Schritt erklärte Wilhelm für illegitim: Der kinderlose Eduard habe ihn zum Nachfolger bestimmt, über seine Großtante war er tatsächlich mit dem angelsächsischen Königsgeschlecht verwandt. Zügig bereitete er die Invasion vor. Die Zeichen standen günstig: Nicht nur der spätere Kaiser Heinrich IV. hatte für ihn Partei ergriffen, sogar Papst Alexander II. sandte eine geweihte Fahne an das Invasionsheer.
Wilhelms Kriegsschiffe waren am 12. August startklar, doch er spielte auf Zeit in einem erfolgreichen Nervenkrieg. Er ließ seinen Gegner Harold an der englischen Küste so lange warten, bis der wegen Versorgungsproblemen am 8. September sein Heer auflösen musste.
Drei Wochen später schlugen die Normannen los. Zu Wilhelms Truppe gehörten zahlreiche Söldner aus verschiedenen Teilen Frankreichs und sogar aus Süditalien. Zwar ließ der Herzog für den Krieg werben wie für einen Kreuzzug. So ließ er den Kämpfern ein von Papst Alexander geweihtes Banner zeigen. Doch vielen der rauen Gesellen ging es wohl eher ums Beutemachen.
Bei Einbruch der Nacht am 27. September 1066 begann Wilhelms Flotte von Dives-sur-Mer aus mit der Überquerung des Ärmelkanals. Er kommandierte eine Flotte von 300 Booten mit mindestens 7000 Mann. Nach der Landung bei Pevensey an der Südostküste Englands ließ der Herrscher in der alten römischen Festung einen inneren Wall errichten. Von dort aus verlegte er seine Truppen in das heutige Seebad Hastings. Dabei verwüstete er das umliegende Land, um den Feind zu einem zu frühen Gegenangriff zu provozieren.
Am 13. Oktober führte Harold, der erst 18 Tage zuvor einen Angriff des norwegischen Königs Harald Hardråde zurückgeschlagen hatte, ein Heer von etwa 7000 Mann über London nach Hastings. Dort zwang Wilhelm die von langen Märschen erschöpften Engländer zum Kampf. Zuerst griffen normannische Fußtruppen mit Schleudern und Speeren an. Schließlich stürmten behelmte Reiter in Panzerhemden vorwärts, das erhobene Schwert in einer Hand.
Auf dem Höhepunkt der Schlacht täuschten Wilhelms Truppen eine Flucht vor und lockten die Engländer so in die Falle. Dann trieben normannische Reiter die Reihen der englischen Soldaten auseinander. Bogenschützen und Nahkämpfer fügten den Engländern schwere Verluste zu. In dem Gemetzel, das als Schlacht von Hastings in die Geschichte eingehen sollte, fiel auch König Harold.
Wilhelms siegreiches Heer zog weiter: Nach Dover, das sich widerstandslos unterwarf, dann nach Canterbury. Bald darauf ergaben sich auch die Gebiete um Winchester. Ende November 1066 beherrschte der Eroberer den Südosten Englands einschließlich Teilen von Hampshire.
Dem Nachfolger Harolds, Edgar Aetheling, gelang es nicht, die Invasoren aufzuhalten. Anfang Dezember isolierten Wilhelms Soldaten bereits London und drohten mit einer Hungerblockade. Da gaben die Engländer auf. Bei Berkhamsted nahe London gingen König Aetheling, der Erzbischof und die wichtigen Männer der Hauptstadt Wilhelm entgegen, um sich zu unterwerfen.
Symbolträchtig zu Weihnachten ließ sich William the Conqueror in der Westminster Abbey in London nach englischem Brauch zum König krönen. Erzbischof Aldred von York salbte ihn. Er hielt dazu eine Ansprache in Englisch, der normannische Bischof Geoffrey von Coutances sprach auf Altfranzösisch. Wilhelm inszenierte sich so als Fortsetzer angelsächsischer Traditionen. Er wollte nicht als Fremdherrscher gelten und beanspruchte die legitime Nachfolge König Eduards.
Sein Gespür für symbolische Handlungen zeigte sich auch in den neuen Münzen, die er prägen ließ. Auf dem Geldstück war sein Profil mit Zepter zu sehen, ähnlich wie auf den Königsporträts früherer angelsächsischer Münzen. Doch die versöhnliche Geste war vor allem Taktik.
Denn der neue König wollte die ganze Macht für seine Normannen. Dabei setzte er wie zuvor schon in der Normandie auf das Bündnis von Thron und Altar. Es gelang ihm, angelsächsische kirchliche Amtsträger für sich zu gewinnen, gleichzeitig leitete er eine schrittweise Normannisierung der Kirche ein. Neun Jahre nach der Krönung Wilhelms gab es nur noch einen amtierenden in England geborenen Bischof, den von Worcester. Die anderen Bischöfe stammten vom gegenüberliegenden Ufer der Kanalküste.
Wilhelm wusste, dass mit seiner Krönung der Kampf um England noch nicht entschieden war. Rasch ließ er deshalb eine Festung bauen, aus der später der Tower von London wurde.
Seinen Gegnern entzog er im Wortsinne den Boden: Er ließ englische Grundherren enteignen und übergab die Flächen vorwiegend normannischen Adeligen. Die dienten nach dem Prinzip des Lehnswesens in einer Doppelfunktion als Grundherren und Krieger.
Bald war Englands neue Aristokratie normannisch geprägt. Verwaltungssprache war nun nicht mehr Angelsächsisch, sondern Anglonormannisch und Latein. Der König selbst eignete sich ein Fünftel des Landes an. Etwa 5000 normannische Ritter bildeten seine feste Machtbasis in einem Land mit 1,5 Millionen Einwohnern.
Die Eingriffe des Königs in die gewohnten Rechte des einfachen Volkes waren schwerwiegend. Er erließ etwa ein strenges Gesetz gegen Wilderei. Wer ein Reh erlegte, dem drohte der Tod durch Erhängen. Womöglich auch deshalb erhielt der englische bewaffnete Widerstand gegen Wilhelms Herrschaft immer wieder Zulauf. In den Jahren 1067 bis 1070 machten dem König zahlreiche Aufstände zu schaffen.
Bis 1069 hatte er den Großteil Englands südlich des Humber unter seine Herrschaft gebracht, mit brachialen Methoden. Zwischen Hastings und Canterbury ließ er das Land verwüsten. In Exeter verstümmelten seine Soldaten zahlreiche Geiseln. Wie an vielen anderen Orten ließ er dort eine Burg errichten, die, so hatte er schon in seiner Jugend in der Normandie gelernt, Macht sicherte und Schutz bot.
Die Engländer sollten wissen, dass Aufstände zwecklos waren und sein Wille zur Macht nicht zu brechen war. Um dies zu demonstrieren, feierte er Weihnachten 1069 im eroberten York, in einer abgebrannten Stadt voller Ruinen.
Die Botschaft war klar: Hier hatte nur einer etwas zu feiern, und das war der siegreiche König. Doch Schottland, wohin viele englische Adelige einschließlich Aetheling geflüchtet waren, konnte Wilhelm nicht erobern. Sein Machtbereich endete im Norden dort, wo seine aus Frankreich stammenden Reiter an der Schwelle des schottischen Hochlandes das Gelände sicherten.
Dem geschickten Taktiker Wilhelm gelang es aber, Edgar Aetheling wieder an seinen Hof zu locken. Dort zu dienen war attraktiv, denn das Reich Wilhelms befand sich in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren des 11. Jahrhunderts in einer Aufbauphase.
Er ließ an Gesetzen und einer effektiven Verwaltung arbeiten. So entstand 1086 das noch heute berühmte Domesday Book, ein Reichsgrundbuch. Das Werk, verfasst in Latein, wird im Londoner Nationalarchiv verwahrt. Es ist "der bemerkenswerteste statistische Bericht, der je in einem mittelalterlichen Königreich hervorgebracht wurde", so der britische Historiker David Douglas.
Das Werk dokumentiert, wie stark Wilhelms Machtsystem war. Ein Viertel des Landes gehörte elf Männern. Die waren überwiegend Verwandte des Königs. Doch auch Familienbande bewahrten Wilhelm nicht vor Machtkämpfen im inneren Kreis.
So rebellierte etwa der langjährige Weggefährte Odo von Bayeux, angeblich weil er sich selbst zum Papst ernennen wollte. Doch letztlich unterlagen alle diese Gegner, auch Odo fiel in Ungnade.
Schmerzlicher noch für Wilhelm war, dass sich sein Sohn Robert II., genannt Robert Kurzhose, gegen ihn wandte. Robert, von seinem Vater zum Herzog der Normandie ernannt, versuchte 1078, eine antinormannische Koalition zu schmieden, mit Kontakten zum französischen Kapetingerhof.
Die Rebellen sammelten sich im Südwesten der Normandie. King William setzte Truppen gegen sie in Marsch und belagerte den Sohn und dessen Gefolgschaft bei der Burg Gerberoy im heutigen nordwestfranzösischen Departement Oise. Bei einer Schlacht wurde Wilhelm im Januar 1079 schwer verwundet, er musste die Belagerung beenden.
Zwar versöhnte Königin Mathilde Vater und Sohn, doch ein Waffenstillstand hielt nur drei Jahre. Obwohl ihm der Sohn schließlich wieder zum Feind wurde, verzichtete Wilhelm darauf, ihn zu enterben, da siegte sein dynastisches Interesse. Robert erhielt die Normandie als Erbe.
Bedroht war Wilhelms Reich auch durch Feinde aus dem Norden. König Knut IV. von Dänemark erneuerte 1086 Ansprüche an England, die schon sein Großonkel erhoben hatte.
Sobald Wilhelm, durch Späher stets gut informiert, von den Invasionsplänen Knuts erfuhr, handelte er radikal. Er ließ Küstengebiete im Osten Englands verwüsten, damit der Feind keinen Proviant fände. Zugleich mobilisierte er mithilfe seiner gut gefüllten Kassen ein großes Söldnerheer.
Die Invasion fand nicht statt, weil der Dänenkönig daheim von einem Aufstand überrascht wurde. Im Juli 1086 wurde Knut IV. in der St. Albans Kirche in Odense ermordet. In der dortigen Kathedrale liegt sein Skelett bis heute in einem Glassarg.
Im Jahr darauf starb auch Wilhelm, in den Morgenstunden des 9. September 1087 nach mehrwöchiger Krankheit. Damit endete das Leben eines Herrschers, der ähnlich wie Karl der Große und Friedrich I. Barbarossa mit einer gewaltigen Konzentration aus Machthunger, Energie und Willenskraft Grundlagen für das spätere Europa schuf. ■
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2014
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