30.09.2014

Gegen alle Hindernisse

Die Sozialdemokratin Marie Juchacz war die erste Frau, die vor einem deutschen Parlament sprach.
Sie wirke zu ruhig, ja fast steif, monierte einmal ein Parteifreund. Und überhaupt, wie sie denn angezogen sei! Sie solle doch eine Schürze tragen, riet der Genosse. Dann würden sich auch all die Hausmütter, die noch schnell vom heimischen Herd zu ihrem Vortrag geeilt seien, viel besser verstanden fühlen.
Berlin im Frühjahr 1909, die Sozialdemokratin Marie Juchacz hatte kurz zuvor über "Die Frauenarbeit in der heutigen Gesellschaft" referiert. Frauen waren noch vom Wahlrecht ausgeschlossen, und selbst unter den revolutionären Sozialdemokraten wurden die Genossinnen oft noch skeptisch wie eine interessante, aber seltsame Spezies beäugt.
Für einen Moment war Marie Juchacz von der Kritik verunsichert, wie sie später in ihren Erinnerungen schrieb. War ihre schlichte Kleidung wirklich unpassend?, fragte sie sich. Doch dann nahm die 29-Jährige den Schürzen-Rat ihres Parteifreundes mit jener höflichen Nüchternheit auseinander, die er kritisiert hatte: "Hören Sie, was Sie verlangen, würden die Frauen bei mir als eine Maskerade empfinden. Wenn man mich sieht, wie ich aus der Straßenbahn aussteige, mit dem Hut auf dem Kopf, für mein Gefühl fertig angezogen, und wenn ich dann in der Versammlung plötzlich mit der Schürze erscheine, würde man mit Recht fühlen, dass hier etwas nicht echt ist. Bitte seien Sie mir nicht böse, aber lassen Sie mir meine Art!"
Marie Juchacz blieb sich treu. Zehn Jahre später hielt sie, schlicht gekleidet, wieder eine Rede. Doch diesmal richtete sie ihre Worte nicht bloß an politisch interessierte Frauen - sondern an die Nation: Am 19. Februar 1919 sprach Juchacz als erste Frau in der deutschen Geschichte vor einem Parlament, der Weimarer Nationalversammlung, die die Verfassung ausarbeiten sollte. Es war ein historischer Moment: Erst zwei Monate zuvor, im Zuge der Novemberrevolution 1918, war den Frauen erstmals das Recht eingeräumt worden, wählen zu gehen und sich selbst wählen zu lassen.
Die Rede in der Stunde des Triumphs hätte Juchacz ausnutzen können, um mit den chauvinistischen Feinden der Frauenrechtsbewegung abzurechnen. Nicht wenige Frauen erhofften sich wohl genau das. Die Männer, besonders aus der SPD, erwarteten wiederum Lob dafür, dass sie sich für das Wahlrecht eingesetzt hatten. Doch Juchacz wollte keine Kämpfe der Vergangenheit ausfechten, ihr ging es um die politische Zukunft. Sie forderte, die gesamte Sozialpolitik müsse künftig zum "Spezialgebiet der Frauen" werden. Die Premiere war für sie ein Drahtseilakt: Sie wollte selbstbewusst wirken, ohne zu provozieren, sich erfreut zeigen, ohne unterwürfig zu sein.
"Meine Herren und Damen!", begann sie ihre historische Ansprache. Weiter kam sie nicht. Heiterkeit unterbrach sie.
Doch das Eis war gebrochen. Zum ersten Mal sprach eine Frau in einem deutschen Parlament - und wandte sich zunächst den Männern zu. Das ließ sich als höfliche Geste verstehen. Wer wollte, konnte in der Formulierung aber auch eine versteckte Kritik an der weiter ungebrochenen Dominanz der Männer sehen: Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 hatten die Frauen massiv von ihrem neuen Wahlrecht Gebrauch gemacht. Gut 17 Millionen strömten zu den Urnen, mehr als 300 kandidierten für das Parlament, doch am Ende wurden nur 37 der 423 Sitze von Frauen eingenommen.
Als sich die Heiterkeit gelegt hatte, fuhr Juchacz selbstbewusst fort: "Ich möchte hier feststellen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Durch die politische Gleichstellung könne man erst jetzt von Volkssouveränität und einem "neuen Deutschland" sprechen. Noch Wochen später sagte sie, ungewohnt emotional, die Veränderung käme ihr "märchenhaft" vor.
In der Tat stand der 19. Februar 1919 am Ende eines jahrzehntelangen, erbitterten Ringens. Schon im revolutionären Vormärz 1848 hatten sich Frauen aktiv am Kampf für mehr Bürgerrechte beteiligt und selbstbewusst "die Theilhabe der weiblichen Welt am Staatsleben" gefordert. Belohnt wurde ihr Einsatz jedoch nicht: Zu den Wahlen zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche waren Frauen nicht zugelassen. Als die Revolution endgültig scheiterte, war ihnen in den meisten Staaten des Reiches die Mitgliedschaft in politischen Verbänden verboten.
Zwar konnte sich 1865 trotz der Restriktionen der "Allgemeine Deutsche Frauenverein" gründen, der die politische und berufliche Gleichstellung anstrebte. Aber die Frauenrechtlerinnen waren auch untereinander zerstritten. Sollte man lieber erst für kleine Fortschritte kämpfen, den Zugang zu den Universitäten etwa, um überhaupt verstärkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können? Oder galt es, sofort alle Rechte zu erstreiten, die auch die Männer besaßen, wie es vor allem die Sozialistin Clara Zetkin forderte?
Das Wahlrecht, anfangs eher ein Fernziel, rückte um die Jahrhundertwende für viele Frauen in den Vordergrund. Die SPD setzte sich 1891 als erste Partei dafür in ihrem Programm ein, unter dem legendären Sozialdemokraten August Bebel, Autor des bereits 1879 erschienenen Werkes "Die Frau und der Sozialismus". Die politische Arbeit der Frauen blieb wegen des rigiden preußischen Vereinsgesetzes trotzdem nur halb legal. So war es bis 1908 Frauen verboten, Parteien beizutreten. Nicht einmal als Gast durften sie politische Sitzungen besuchen. Konspirativ mussten sie sich bis dahin in Hinterzimmern treffen oder sich zu scheinbar unpolitischen Tarnveranstaltungen wie "Leseabenden" verabreden. Erst mit dem Ende des Verbots wagten sich die Frauen zu Tausenden auf die Straßen und forderten: "Heraus mit dem Frauenwahlrecht!"
Auch Marie Juchacz war in dieser unruhigen Zeit in der Frauenbewegung aktiv, geprägt von den Erfahrungen ihrer Jugend. Ihr Vater war ein Zimmermann mit nur geringem Verdienst. Als er sich - nicht krankenversichert - eine Lungenentzündung holte, musste Marie mit 17 Jahren in einer Fabrik für Gardinen und Fischernetze schuften, um das Einkommen der Familie zu sichern. Später arbeitete sie als Wärterin in einer Nervenheilanstalt. Nach den schlecht bezahlten und überlangen Schichtdiensten war sie es bald gewohnt, "im Sitzen auf harten, steifen Stühlen zu schlafen".
Sie schulte zur Schneiderin um. So lernte sie ihren späteren Mann kennen, einen Schneidermeister - aber ihre Ehe verlief unglücklich. In ihren Erinnerungen erwähnt sie ihn nur indirekt in einem Halbsatz - und nur, um zu erklären, dass sie "alle Schwierigkeiten der alleinstehenden Frau aus eigener Erfahrung" kannte. Schließlich zog sie 1906 nach Berlin. Dort wollte sie mit ihrer jüngeren Schwester Elisabeth gemeinsam ihre beiden Kinder großziehen - eine ungewöhnliche Lebensgemeinschaft, aus der Not geboren. "Wir gingen ohne Illusionen", erinnerte sie sich. "Wir wussten, dass es schwer sein würde."
Doch das quirlige Lebensgefühl der Hauptstadt beflügelte die Schwestern. Überall sei dieser Wille zu spüren gewesen, schwärmte Juchacz später, "gegen alle Hindernisse" ein freier, gleichberechtigter Mensch zu werden. Sie ging auf Kundgebungen für das Frauenwahlrecht, wüst beschimpft von Polizisten, die mit ihren Pferden Demonstrantinnen vertrieben. Mit ihrer Schwester beteiligte sie sich an Frauenversammlungen, übernahm die Leitung oder hielt Vorträge. In einem Frauen- und Mädchenbildungsverein stieg sie zur Vorsitzenden auf. Als es erlaubt war, trat sie sofort der SPD bei und reiste als Rednerin durch das Land.
1913 wurde Juchacz in Köln zur Frauensekretärin für den Bezirk Obere Rheinprovinz ernannt. Nie habe sie damit gerechnet, notierte sie, mit ihrem politischen Engagement einmal Geld zu verdienen. Nun war sie plötzlich hauptberuflich Politikerin, und selbst der Krieg bremste ihren Aufstieg nicht: Clara Zetkin, eine der bekanntesten Frauenaktivistinnen der Zeit, schloss sich bei der Spaltung der SPD 1917 dem linken Flügel, der USPD, an. Für ein Jahresgehalt von 3600 Reichsmark folgte Juchacz ihr als Frauensekretärin im Berliner Vorstand und übernahm die Leitung der Frauenzeitschrift Die Gleichheit. Als nun führende Kämpferin der SPD für das Frauenwahlrecht kam sie zur Ehre, in der Nationalversammlung reden zu dürfen.
Später schien ihr der Erfolg fast unangenehm zu sein. Es seien "viele Zufälligkeiten" gewesen, die sie an die Spitze der Partei gehoben hätten, betonte sie. "Niemals habe ich mich zu einem Amt gedrängt, stets wurde mir die neue Verantwortung angeboten." Als Karrierefrau wollte sie nicht in die Geschichte eingehen. Weggefährten beteuerten, ih-re Bescheidenheit sei echt und keine Koketterie. Erst spät schrieb sie ihre Erinnerungen, vollenden konnte sie das Werk vor ihrem Tod 1956 nicht mehr.
Vielleicht ist Marie Juchacz deshalb heute weitgehend unbekannt. Obwohl sie als Abgeordnete erfolgreich für den umstrittenen Artikel 121 kämpfte, der unehelichen Kindern die gleichen Rechte einräumte wie ehelichen Kindern. Obwohl sie schon früh für eine Abtreibungserlaubnis in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten stritt. Obwohl sie 1919 - sicher ihr größter Erfolg - gegen viele Zweifler die Arbeiterwohlfahrt gründete. Mit dem damals neuen Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe schuf sie jene nicht staatlichen Strukturen, die ihre eigene Familie einst bitter benötigt hätte - und revolutionierte damit die Sozialpolitik. 1933 zählte die Arbeiterwohlfahrt 1414 Beratungsstellen, in denen sich mehr als 135 000 ehrenamtliche Mitarbeiter engagierten.
13 Jahre nach ihrem historischen Auftritt in der Nationalversammlung hielt Juchacz im Februar 1932 noch einmal eine große Rede im Parlament. Die Weimarer Republik taumelte da schon ihrem Untergang entgegen. Gerade in dieser so aufgeheizten Stimmung bestach ihr Auftritt durch eine selten gewordene Prägnanz und Würde. "Die Frauen, denen durch die geschichtliche Tat der Sozialdemokratischen Partei das gleiche Bürgerrecht verliehen worden ist, "betonte sie" haben die Pflicht, sich in einer Schicksalsstunde Deutschlands dieses Rechtes würdig zu erweisen."
Sie zählte auf, dass die Frauen keinen Bürgerkrieg, keinen Völkerkrieg und keine politischen Abenteuer wollten. Stattdessen durchschauten sie "die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist". Die Verrohung durch die nationalsozialistische Politik erfülle sie "mit Abscheu und Entsetzen". Daher müssten die Frauen den Kampf aufnehmen für Frieden und Freiheit und "gegen den Todfeind: den Faschismus".
Es waren mutige Worte, ihre letzten offenen im Parlament, begleitet vom lebhaften Beifall der SPD. In derselben Sitzung sprachen führende Nationalsozialisten und damit Vertreter jener Partei, die den Frauen schon bald die Ausübung des mühsam erstrittenen passiven Wahlrechts wieder unmöglich machte - und die schließlich auch die Auflösung der erfolgreichen Arbeiterwohlfahrt erzwang. ■
Von Christoph Gunkel

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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