30.09.2014

Kampf gegen die Weltordnung

In der Wirtschaftskrise ab 1929 stieg die NSDAP zur ersten deutschen Volkspartei auf. Sie gewann Menschen aus allen Schichten, je nach Bedarf gab sie sich konservativ oder revolutionär.
Zehntausende drängten sich am frühen Abend des 10. September 1930 bei milden Temperaturen und leicht bedecktem Himmel vor dem Berliner Sportpalast an der Potsdamer Straße. Arbeiter, Angestellte, Unternehmer, Studenten und Arbeitslose wollten im Wahlkampf einen der radikalsten Gegner des politischen Systems hören: Adolf Hitler.
Der "Führer" der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) hatte an diesem Tag im Parteiblatt Völkischer Beobachter einen "Aufruf an das deutsche Volk" veröffentlicht. Darin geißelte er die "politischen, wirtschaftlichen und moralischen Bankrotteure" der anderen Parteien und verlangte, die "Zersplitterung unseres Volkskörpers" zu beenden. Seine Partei, versprach Hitler, werde das Volk "zusammenschweißen".
16 000 Berliner gelangten in den Sportpalast, dann schloss die Polizei die Tore eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung wegen Überfüllung. Jubelnd begrüßten die Zuhörer ihr Idol. Hitler forderte, gegen "Kapitalismus und Hochfinanz" solle sich "der Wille des Volkes selbst" durchsetzen. "Das Publikum rast", notierte der Berliner NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels in sein Tagebuch.
Vier Tage später erlebte Deutschland ein politisches Erdbeben. Die NSDAP, die rund zwei Jahre zuvor mit nur 2,6 Prozent der Stimmen noch eine Splitterpartei gewesen war, gewann 18,3 Prozent. Mit 6,4 Millionen Stimmen und 107 Reichstagsabgeordneten war sie zweitstärkste Partei nach der SPD; die Weimarer Republik wurde von ihren Feinden erobert.
Dass es dazu kommen könnte, hatten bereits im Sommer 1930 aufmerksame Beobachter im fernen Moskau erkannt. Dort hatte Sowjetmachthaber Josef Stalin eine "Programmerklärung" der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) "zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes" redigiert. Das Pamphlet verdammte die "Knechtung Deutschlands durch den Versailler Vertrag" und verurteilte "alle Handlungen der verräterischen, korrupten Sozialdemokratie" als "Hoch- und Landesverrat an den Lebensinteressen der arbeitenden Massen Deutschlands" - ganz im Parolenstil der Nationalsozialisten. Der kommunistische Schachzug zeigte eine radikale Umwälzung der politischen Landschaft. Die Nazis waren zum politischen Trendsetter geworden. Die NSDAP trieb die anderen Parteien vor sich her.
Die Gründe für diese Entwicklung hatten Experten des von Sozialdemokraten geführten Preußischen Innenministeriums schon im Mai 1930 analysiert. Das "rasche und stetige Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung" habe "in erster Linie seine Ursache in der katastrophalen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage weitester Kreise der Bevölkerung". Angesichts der "wirtschaftlichen Verzweiflung", so die Ministerialen, zeige die "rednerische Gewandtheit" der NSDAP-Agitatoren starke Wirkung. Somit bestehe die "große Gefahr" einer "Eroberung der Macht im Staate" durch die NSDAP mit der "Errichtung des 'Dritten Reiches' in Form der nationalsozialistischen Diktatur".
Den Demokraten lief das Volk davon. Immer größere Schichten und ganze Regionen wandten sich von der Republik ab. Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage auf dem Lande, vor allem in Norddeutschland. Zu Massendemonstrationen von Bauern gegen den Verfall der Erzeugerpreise und hohe Steuerlasten kam es ab 1928 in Schleswig-Holstein.
Der NSDAP gelang es, die bäuerliche Protestbewegung zu beeinflussen, die der Schriftsteller Hans Fallada in seinem Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" beschrieben hat. Die Partei organisierte Veranstaltungen mit Musik und Tanz und sprach das Landvolk auch auf Plattdeutsch an. Geschickt umwarb die NSDAP Meinungsmacher wie Lehrer, Pastoren und Ärzte.
Unter der Parole "Das Gesicht dem Dorfe zu!" organisierte die Hitlerbewegung für neue Mitglieder "Bauernschulungswochen". Die NSDAP schärfte ihren Propagandisten ein, sie müssten "vollstes Verständnis der ländlichen Psyche beweisen", so das Funktionärsblatt Unser Wille und Weg.
Einer der aktivsten Nationalsozialisten, der unter den Bauern agitierte, war ab 1928 Bodo Uhse. Mit 24 Jahren zum NSDAP-Ortsgruppenleiter von Itzehoe ernannt, war er Chefredakteur der nationalsozialistischen Schleswig-Holsteinischen Tageszeitung.
Immer wieder rief der Offizierssohn als Redner zum "Kampf gegen die kapitalistische Weltordnung" auf und warb "für den deutschen Sozialismus". Im Juni 1929 durfte Uhse gemeinsam mit Goebbels auf einer Kundgebung sprechen. Der junge Uhse, notierte Goebbels anerkennend in sein Tagebuch, sei "konsequenter Sozialist". Uhse verstand sich als Revolutionär. Die Polizei verdächtigte ihn, er stecke hinter einem Bombenanschlag auf das Landratsamt in Itzehoe und nahm ihn für 16 Tage in Untersuchungshaft.
Im Juli 1930 schließlich warf ihn der schleswig-holsteinische NSDAP-Gauleiter Hinrich Lohse aus der Partei. Uhse fiel in Ungnade, weil er zu einer linksnationalistischen Strömung in der NSDAP um den Verleger Otto Strasser gehörte. Der lehnte das Konzept Hitlers eines Angriffskrieges auf die Sowjetunion ab, kritisierte die "Verbürgerlichung der Partei" und propagierte eine "bewusst antiimperialistische Bewegung".
Durch die Säuberung von "Literaten" und "Salonbolschewisten", wie Hitler und Goebbels die Abweichler nannten, wollte die NSDAP für Wähler aus der bürgerlichen Mitte attraktiv werden.
Uhse schloss sich bald den Kommunisten an. In seinem 1935 im Pariser Exil erschienenen Roman "Söldner und Soldat" lieferte der Insider eine der treffendsten Schilderungen der nationalsozialistischen Szene.
Gauleiter Lohse hingegen wurde zum willfährigen Mittäter des NS-Regimes. Der brachiale Antisemit, der 1928 gesagt hatte, man wolle "diese Juden nicht alle aufhängen", avancierte nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion zum höchsten Leiter der Zivilverwaltung im "Reichskommissariat Ostland" im Baltikum und in Weißrussland. Dort war er maßgeblich für Morde an jüdischen Sowjetbürgern mitverantwortlich. Nach Kriegsende kam er nach sechs Jahren Haft 1951 frei.
Mit ihrer kompromisslosen Agitation "gegen das System" grub die NS-Bewegung, wie sie sich auch nannte, vor allem den Deutschnationalen das Wasser ab. Vielerorts traten Mitglieder des Frontsoldatenbundes "Stahlhelm" zur NSDAP über.
Viele Dörfer waren schon braun, ehe das "Dritte Reich" begann. Ihre besten Ergebnisse erzielte die NSDAP bei der Reichstagswahl im September 1930 in Wiefelstede im Wahlkreis Weser-Ems mit 67,8 Prozent und im schleswig-holsteinischen Schwesing mit 61,7 Prozent.
Vor allem in protestantischen Gegenden, so der Parteienforscher Jürgen Falter, waren selbstständige Landwirte besonders empfänglich für Hitlers Botschaft. Wenn der davon sprach, "unser Volk" müsse "zum Boden erzogen" werden, und rief, "die Erhaltung des Ackers" sei die "Grundlage unseres Daseins", war das Balsam für die Seelen verschuldeter Bauern. Die "Brechung der Zinsknechtschaft", die das NSDAP-Programm forderte, wurde zum geflügelten Wort.
Resistent gegenüber den Hitleristen blieben vor allem praktizierende Katholiken. Eindringlich warnten katholische Pfarrer vor dem unchristlichen Menschenbild der NS-Rassenideologie und riefen zur Wahl der klerikalen Zentrumspartei auf.
Als "Volkspartei des Protestes" (Falter) hatte die Hitler-Partei Erfolg auch bei verschuldeten Mittelschichtlern und verarmten Angestellten in den Städten. Die Nationalsozialisten führten einen Zweifrontenkrieg gegen die Bürgerlichen und die Linke aus SPD und KPD.
Aggressiv beschleunigten Hitlers Kämpfer den Niedergang der bürgerlichen Parteien. In ihren Reden und Kampfblättern machten sie deren Politiker als Schwächlinge lächerlich. Immer wieder brandmarkte Hitler die Parteienzersplitterung als ein Grundübel des "Systems". Den sich wandelnden Forderungen der republikanischen Parteien stellten die Nazis ihr 25-Punkte-Programm von 1920 gegenüber, das die Partei für "unabänderlich" erklärt hatte. Im NSDAP-Programm war vom "Selbstbestimmungsrecht der Völker" die Rede, von "Gewinnbeteiligung an Großbetrieben" und der "Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens". Auch Judenverfolgung und Pressezensur waren als Ziele erkennbar. Kein Jude könne "Volksgenosse sein" hieß es da und: "Zeitungen, die gegen das Gemeinwohl verstoßen, sind zu verbieten."
Doch diese Extrempositionen standen nicht im Mittelpunkt, wenn Hitler auf Kundgebungen davon sprach, mithilfe seiner Bewegung würden "Millionen Menschen in Deutschland wieder an Deutschland glauben, an den deutschen Menschen glauben". Zu denen, die Hitler vertrauten, gehörten auch Unzählige, die als Gläubiger im Juli 1931 in der Bankenkrise ihr Geld verloren hatten. Hitler erzählte ihnen, auch er komme "aus ärmsten Verhältnissen". Im August 1931 wurde die NSDAP-Mitgliedsnummer 600 000 vergeben.
Über sieben Millionen Erwerbslose im Jahre 1932 bildeten ein gewaltiges antikapitalistisches Potenzial. Hitler wollte mit allen Mitteln verhindern, dass linke Parteien von der Proteststimmung profitierten.
Antikapitalistische Rhetorik gehörte daher zum Standardrepertoire von NS-Rednern. Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser, ein Bruder des abtrünnigen Otto Strasser, und Goebbels taten sich dabei besonders hervor. Goebbels beherrschte die Sprache der radikalen Linken, ohne ihre Ideologie zu teilen. Und er hatte ein Gespür für das Lebensgefühl und die Hoffnungen jener, die für die Linken ansprechbar waren.
So tönte Goebbels auf einer Kundgebung im Sportpalast im Oktober 1931, das Volk leide "unter der Knute der Weltbörse". Daher müsse "die Arbeiterschaft um den Sozialismus zum Kampf antreten". Enttäuschten Anhängern der Linken versicherte er: "Wir haben die sinkende Fahne des Sozialismus aufgegriffen."
"Der heutige Staat", so Goebbels sei "ein kapitalistischer Staat". Hitlers Partei werde daher "im Herzen Europas einen sozialistischen Staat aufbauen". Goebbels redete fast wie ein kommunistischer Agitator, nur geschliffener und in einer lebendigeren Sprache.
Um einfache Menschen zu gewinnen, setzte die NSDAP auf ihre Sturmabteilungen (SA). Der paramilitärische Kampfverband mobilisierte 455 000 Mitglieder im August 1932. Der harte Kern der Truppe versammelte sich in "Sturmlokalen" und SA-Heimen. Die SA richtete Küchen für arbeitslose Mitglieder ein.
Die Sturmtruppler schufen sich "Vorposten im Bürgerkrieg und ein Ersatz-Zuhause", so der Historiker Peter Longerich. Die SA-Leute lebten in einer männerbündlerischen Subkultur. Sie hockten beim Bier zusammen und rauchten Zigaretten der Marken Trommler, Alarm, Sturm und Neue Front.
Dass sich die SA nicht aufs Flugblattverteilen beschränkte, davon kündete die Zahl der überwiegend durch Gewalt verursachten "Schadensfälle" einer eigenen SA-Versicherung. Die stieg von 2506 im Jahr 1930 auf 14 005 im Jahr 1932. Immer wieder starben Menschen bei Straßen- und Saalschlachten, Messerstechereien und Schießereien zwischen SA-Männern und Kommunisten. Auch bei brutalstem Vorgehen konnten die "SA-Rabauken", wie Goebbels sie nannte, stets auf die Rückendeckung der Parteiführung setzen.
Der Kult um gefallene Kameraden, die zu "Blutzeugen" verklärt wurden, war für die NSDAP ein Mittel, Anhänger auf sich einzuschwören. Der prominenteste "Blutzeuge" war der Berliner SA-Sturmführer Horst Wessel, den ein Kommunist und Zuhälter im Januar 1930 in Berlin tödlich verletzt hatte.
Der Pfarrerssohn Wessel war nicht der Typ des geistlosen Schlägers. Den Absolventen eines humanistischen Gymnasiums trieb die "erschütternde Erkenntnis der großen sozialen Verelendung und Knechtschaft der arbeitenden Schichten aller Berufe". Daher bemühte er sich um Arbeiter und ehemalige Kommunisten, was ihm den Hass der KPD einbrachte. Ein von Wessel gedichtetes Kampflied ("Die Fahne hoch!") wurde als "Horst Wessel-Lied" nach dem Tode des Autors zur NSDAP-Hymne.
Wie viele Gefolgsleute Hitlers trieb wohl auch Wessel der "Rausch einer auf unkontrollierten Gefühlen beruhenden Gemeinschaft tatendurstiger, abenteuergieriger, zu persönlichem Einsatz und Opfer bereiter Bürgersöhne". So beschrieb der ehemalige SA-Mann und spätere DDR-Schriftsteller Franz Fühmann zwei Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes sein früheres Lebensgefühl.
Mental lagen Welten zwischen den Nationalsozialisten und den Mitgliedern bürgerlich-nationaler Organisationen wie der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) oder des Stahlhelm. Die NSDAP kooperierte punktuell immer wieder mit den alten Rechten.
Die spektakulärste Aktion dieser Art war eine gemeinsame Kundgebung von SA und Stahlhelm in Bad Harzburg im Oktober 1931. Doch die "Harzburger Front" führte nicht zu einem dauerhaften Schulterschluss zwischen Hitler und den Deutschnationalen, die von dem rechtskonservativen Verleger Alfred Hugenberg geführt wurden.
Die Teilnehmer der "Harzburger Tagung" verabschiedeten im Kursaal der Stadt eine Resolution, die den "Kulturbolschewismus" geißelte, das "Diktat von Versailles" verdammte und die "Unterwürfigkeit dem Ausland gegenüber" beklagte. Doch Hitler zeigte zugleich, dass er die traditionellen Rechten verachtete. Demonstrativ verließ er nach dem Vorbeimarsch seiner SA die Tribüne und nahm nicht einmal am gemeinsamen Mittagessen teil.
Rund zwei Monate später bekannte Goebbels öffentlich, das "Zusammengehen" mit den Deutschnationalen in Harzburg sei "rein taktischer Natur". Die NSDAP, so Goebbels, sei "weder eine Rechts- noch eine Linkspartei", sondern eine moderne Kraft, die sich "fernhält von den Überbleibseln einer vergangenen Welt".
Dass sie die Deutschnationalen als Gegner betrachteten, demonstrierten die Nationalsozialisten im Oktober 1932. In der "Neuen Welt" beim Hermannplatz in Berlin war eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung von NSDAP und DNVP geplant. Die deutschnationalen Hausherren hatten der Berliner NSDAP weit weniger Eintrittskarten überlassen als ihren Mitgliedern. Daraufhin ließ Goebbels massenhaft Billetts fälschen und mobilisierte seine Kameraden frühzeitig. So beherrschten seine Parteigenossen den Saal. Goebbels geißelte vor begeisterten Kameraden die "unsoziale, reaktionäre Politik" des von den Deutschnationalen unterstützten Reichskanzlers Franz von Papen.
Der Berliner NSDAP-Gauleiter attackierte den "Kastendünkel von rechts, der die Wurzel und Ursache zu dem Klassenkampf von links war". Und er bekannte sich offen zur Diktatur: "Ich gebe gern zu, dass die nationalsozialistische Bewegung den Anspruch der Totalität für sich erhebt."
SA-Leute im Saal brüllten: "Hugenberg, verrecke!" Der 67-jährige Presseunternehmer galt den Nationalsozialisten als Prototyp eines verkalkten Reaktionärs.
Demgegenüber sahen sich die Nationalsozialisten, so Hitler, als "Front des jungen Deutschland". Sie hatten ab 1930 massiven Zulauf von jungen Leuten. In dieser Zeit gewann der nationalsozialistische Studentenbund an vielen Universitäten die Mehrheit in den Studentenvertretungen. Im Januar 1932 erhielten die Hitler-Anhänger bei den Wahlen zur Allgemeinen Studentenschaft in Berlin mit 3794 von 5801 abgegebenen Stimmen fast eine Zweidrittelmehrheit.
Für die bildungsbürgerliche Jugend an der Seite der NSDAP stand Baldur von Schirach, geboren 1907, Sohn des früheren Intendanten des Nationaltheaters in Weimar. Hitler ernannte den Studenten der Germanistik und Kunstgeschichte 1931 zum Reichsjugendführer und Chef der Hitlerjugend (HJ).
Was ihn und seine Hitlerjungen damals umtrieb, fasste Schirach 1941 rückblickend bei einem HJ-Treffen in Weimar in pathetische Worte: "Wir verlangten nach Vorbildern. Man zeigte uns Parlamentarier. Wir wollten Helden."
Das Erfolgsrezept der NS-Jugendpolitik lag in der Devise, die Hitler an Schirach weitergab: "Jugend muss von Jugend geführt werden." Während Funktionäre rechter wie linker Parteien Jugendorganisationen oft bevormundeten, ließ die NSDAP die HJ selbstständig entscheiden. Hitler kalkulierte mit der Überzeugung und Begeisterung seiner jungen Anhänger.
Eine wesentliche Zielgruppe war die Arbeiterjugend. Das "Gefühl der Aussichtslosigkeit" habe Menschen radikalisiert und für den politischen Kampf motiviert. So beschrieb der spätere Reichsjugendführer Artur Axmann, geboren 1913, Sohn eines Angestellten, sein Engagement als Hitlerjunge im Berliner Arbeiterbezirk Wedding.
In dem von Kommunisten dominierten Viertel hatten viele Hitlerjungen Konflikte mit linksorientierten Eltern, konservativen Lehrern und militanten Gegnern auf der Linken. Auch die Hitlerjugend hatte ihre "Blutzeugen" wie den 15-jährigen Herbert Norkus, der im Januar 1932 von Kommunisten erstochen wurde. Sein Schicksal diente ein Jahr später als Vorlage für den Propagandafilm "Hitlerjunge Quex".
Den kommunistischen arbeitslosen Vater des Hitlerjungen spielte Heinrich George. Der Film, in der Bundesrepublik durch eine zensurähnliche Praxis als "Vorbehaltsfilm" verboten, wurde auch mit Laiendarstellern aus der Berliner HJ gedreht.
Den Kampf um die Jugend führten Braune und Rote mal mit Messern, mal mit Argumenten. Bisweilen luden Kommunisten die Hitlerjugend zur Diskussion ein. So sprach der junge Axmann schon mal auf einer kommunistischen Versammlung neben knüppelbewehrten roten Kämpfern, die sich die Fingernägel mit dem Messer putzten. Axmann attackierte die Internationalisten, indem er behauptete, "Bantuneger" würden dem "deutschen Arbeiter" nicht helfen: "Wir glauben nicht an andere, wir glauben an unsere eigene Kraft."
Wie groß der Zulauf zu den jungen Hitler-Gläubigen war, zeigte sich am 1. und 2. Oktober 1932 in Potsdam. Die Hitlerjugend hatte zu einem "Reichsjugendtag" in die preußische Traditionsstadt geladen. Das Motto: "Gegen die Reaktion - für die sozialistische Revolution". Schätzungsweise 70 000 Jungen und Mädchen, fast doppelt so viele wie erwartet, kamen aus ganz Deutschland in Zügen und auf Lastkraftwagen nach Potsdam. Mit Fackeln und rot-weiß-roten HJ-Fahnen zogen sie stundenlang durch Potsdam. Es war der bis dahin größte politische Jugendaufmarsch der Welt.
Die Jugendlichen marschierten an Hitler vorbei "gebannt vom Leuchten seiner Augen", so Schirach. Der sekundierte, in Schaftstiefeln und mit Schirmmütze. In seiner Rede stellte Schirach der "Reaktion von heute" die "Revolution von morgen" gegenüber und rief: "Wir haben nichts gemein mit einer Regierung von Baronen und Grafen." Gemeint war das Kabinett des Kanzlers Franz von Papen.
Geschickt sprach Hitler die Jugendlichen an, er wisse, sagte er, "dass viele unter euch sind, deren Väter arbeitslos durch die Straßen ziehen". Für die Kinder von Arbeitslosen organisierte die HJ im Sommer kostenlose dreiwöchige Landaufenthalte. Der "Sozialismus der Tat", der ihnen dabei vermittelt werden sollte, als Alternative zum Theoriesozialismus der Marxisten, begeisterte die Teilnehmer nachhaltig.
Den in Potsdam Versammelten schärfte Hitler ein: "Der Deutsche muss es wieder lernen, sich über Stand, Konfession und Gesellschaftsklasse hinweg als einiges Volk zu fühlen." Dieser Leitidee einer "Volksgemeinschaft" waren bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 rund 14 Millionen Deutsche gefolgt und hatten NSDAP gewählt. Mit 37,4 Prozent wurde die Hitlerbewegung stärkste Partei und zog mit 230 Abgeordneten in den Reichstag ein. Die NSDAP zählte seit April 1932 mehr als eine Million Mitglieder. Vor allem bei den Erstwählern fand der 43-jährige Hitler starken Rückhalt. Auch Nichtwähler hatten maßgeblich zum braunen Wahlerfolg beigetragen.
Jeder vierte Arbeiter, jeder fünfte Angestellte hatte für die NSDAP votiert, 39 Prozent der Selbstständigen und jede dritte Hausfrau. Arbeitslose hingegen wählten eher kommunistisch. Die NSDAP erreichte vor allem diejenigen, die fürchteten, arbeitslos zu werden, mehr als die Erwerbslosen selbst.
Gering war die Zahl der Überläufer von Kommunisten und Sozialdemokraten. Deren Milieus blieben im Kern gefestigt. Das lag auch daran, wie das NSDAP-Blatt Unser Wille und Weg 1932 monierte, "dass ein großer Teil unserer Redner die Schulung gegen den Marxismus durchaus vermissen lassen".
Über die Atmosphäre einer NSDAP-Kundgebung berichtete die Hamburger Lehrerin Luise Solmitz im April 1932: Die Veranstaltung verlaufe in "tadelloser Ordnung und Disziplin", die Teilnehmer sprächen nie von "Hitler", sondern immer vom "Führer", den sie mit "brausendem Jubel" feierten. Fazit der Lehrerin: "Viele sehen zu ihm auf in ergreifender Gläubigkeit als dem Helfer, Erretter, als dem Erlöser aus übergroßer Not."
Vielen seiner Anhänger, mehrheitlich Protestanten, erschien Hitler wie eine Art neuer Martin Luther, ein politischer Reformator, der dem Volk aufs Maul geschaut hatte. Effektvoll inszenierte Hitler seine Verbundenheit mit den einfachen Aktivisten, etwa bei Begegnungen mit versehrten Straßenkämpfern im Berliner Sportpalast.
Lang anhaltenden Beifall bekam der "Führer", als er am 20. Januar 1933 im Berliner Sportpalast vor 10 000 Funktionsträgern seiner Partei versprach: "Solange mich das Schicksal leben lässt, so lange werde ich diese Fahne tragen, sie niemals einstreichen, niemals einrollen!" Zehn Tage danach hatte er die Macht.
Zwölf Jahre und drei Monate später war Hitler gescheitert. Er erschoss sich am 30. April 1945 in seinem Bunker unter der Reichskanzlei. Der Sportpalast, in dem er die Massen hypnotisiert hatte, lag in Ruinen, zerstört von Fliegerbomben. Millionen aus Hitlers Volk waren tot, gefallen als Soldaten an der Front oder als Zivilisten in den vom Luftkrieg verwüsteten Städten. Und etwa sechs Millionen europäische Juden waren ausgelöscht. ■
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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