25.11.2014

NahaufnahmeDer Balken im eigenen Auge

Jesus sprach zu seinen Anhängern gern in Gleichnissen, so berichten es die Evangelien. Warum?
Die Geschichten könnten schlichter kaum sein: Ein Mann baut ein Haus, er schachtet tief aus und setzt es auf Fels, einen festen Grund - Sturmwind und Flutwellen können ihm nichts anhaben. Ein anderer dagegen erspart sich die schwere Arbeit, er baut auf Sand, der erste Wolkenbruch bringt sein Haus zum Einsturz ... Oder diese: Ein Bauer geht aufs Feld zum Säen, aber ein Teil der Saat fällt auf den Weg. Die Körner werden zertreten oder Vögel picken sie auf. Ein anderer Teil geht zwar auf, aber im Gebüsch verdorren die Pflanzen. Und doch: Die Saat, die auf guten Boden fällt, bringt hundertfache Frucht.
Eine kleine Episode aus der Baubranche, eine andere aus der Landwirtschaft. Viel länger sind die Geschichten nicht, die als Gleichnisse im Neuen Testament überliefert wurden. Es sind knappe, einprägsame, bildhafte Geschichten; Texte wie kleine Schautafeln, mit denen der Erzähler seine Vorstellungen illustriert.
So plastisch sind einige der sprachlichen Bilder, dass sie sich verselbstständigt haben. Sie sind zu Redewendungen geworden, die bis heute gebräuchlich sind: Man solle sein "Licht nicht unter den Scheffel" stellen. Oder: nicht "neuen Wein in alte Schläuche" füllen. Auch die spöttische Bemerkung über einen Menschen, der noch unwahrscheinlicher ins Himmelreich kommt, als ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, hat hier ihren Ursprung.
Wie sind die Gleichnisse entstanden, wer hat sie derart prägnant formuliert? Die einfachste Antwort: Es sind die Worte Jesu, er sprach sie auf seiner Wanderschaft, um für sich zu werben, um seine neue Lehre plastisch und allgemein verständlich darzustellen.
Zahllose Theologen haben sich mit den Gleichnissen beschäftigt, haben sie analysiert und die Zeitumstände rekonstruiert, um zu einer historischen Einordnung zu kommen. Eine eigene Fachrichtung ist daraus entstanden, die "Gleichnisforschung". Und die Wissenschaftler setzen einige Fragezeichen hinter die Erklärung vom authentischen Jesus-Wort.
Problem Nummer eins: Die Geschichten des Jesus von Nazaret wurden erst zwischen 40 und 60 Jahre nach dessen Tod niedergeschrieben. Die vier Evangelisten verwendeten zudem nicht die galiläisch-aramäische Sprache, in der Jesus selbst redete. Denn sie wollten die Lehre verbreiten und benutzten dazu die Weltsprache Griechisch.
Problem Nummer zwei: Einige der populären Parabeln und Gleichnisse finden sich in mehreren Teilen des Neuen Testaments, im Matthäus- und im Lukasevangelium etwa. Aber - wie seltsam - dieselben Geschichten werden in unterschiedlichen Varianten erzählt. Noch rätselhafter mutet an, dass sich bestimmte Darstellungen nur in einem Evangelium finden, etwa die Geschichte vom barmherzigen Samariter allein bei Lukas. Warum?
Problem Nummer drei: Die Evangelisten betrieben keine Geschichtsschreibung; sie bemühten sich keineswegs um Objektivität, um die nüchterne Wiedergabe von Ereignissen. Ihr Motiv war die Mission, sie waren gewissermaßen PR-Leute des verstorbenen Lehrmeisters. Sie wollten nicht nur die Erinnerung an Jesus als den Christus, den wahren Sohn Gottes, den Erlöser, lebendig erhalten, sondern seine Botschaft verbreiten.
Theologen wie der bedeutende Marburger Gelehrte Adolf Jülicher oder Joachim Jeremias bemühten sich seit Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts darum, die Originaltexte so gut es geht freizulegen, eine "dichte Schicht Staubes", wie Jeremias schreibt, abzutragen. Die Gleichnisforscher wollten die Texte in den Zusammenhang ihrer Entstehung zurücktransportieren und übersetzten sie deshalb vom Griechischen wieder ins Aramäische. Dabei stellten sie fest, dass so manche Ausschmückung, "das Anschauungsmaterial" (Jeremias), der Übertragung auf hellenistische Verhältnisse geschuldet war. Einige Muster, hohe Zahlenangaben etwa wie die Speisung der Fünftausend, ließen sich auf die orientalische Erzählkunst zurückführen. Es handele sich wohl um Übertreibungen, um Jesu Bedeutung zu erhöhen, so die Theologen.
Es sind keine gänzlichen Neuschöpfungen - die Gleichnisse stammen aus dem "kollektiven Bilderschatz des Judentums", schreiben die Neutestamentler Gerd Theißen und Annette Merz in ihrem Buch "Der historische Jesus". Der Weinberg etwa gehört nicht nur zur Lebensrealität der Menschen, er kommt schon im Alten Testament vor, dort steht er für das Volk Israel. In den Evangelien beschreibt er eher das Verhältnis zwischen Gott, Jesus und den Jüngern.
"Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer", sagt Jesus einmal zu ihnen (Joh 15,1-8). "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben." So knüpft die neue Lehre an die Erfahrungswelt des Judentums an und entwickelt daraus ihre Glaubensinhalte weiter. Auch die Wurzeln rabbinischer Weisheitslehre sind in den Gleichnissen erkennbar. Bezüge zum Alten Testament wurden von den Evangelisten mutmaßlich auch hergestellt, um die Ankündigungen eines kommenden Erlösers im Judentum mit dem Erscheinen Jesu in Verbindung zu bringen.
Lässt man die Texte auf sich wirken, fällt dreierlei auf: ihre einfache, klare Struktur, ihre Beziehung und Verankerung im Alltag und die beständige Aufforderung an den Leser und Zuhörer, das soeben Gehörte selbst zu deuten und daraus persönliche Konsequenzen zu ziehen.
Während im Alten Testament die Gebote als in Stein gehauene Gesetze erlassen werden, die klar und eindeutig waren ("Du sollst nicht ..."), so vermittelt das Neue Testament den christlichen Gläubigen wesentlich differenzierter, wie sie sich zu verhalten haben. Ihnen wird ein eigenes Urteil zugetraut, das heißt aber auch: abverlangt.
Die Gleichnisse, so Theißen und Merz, sind Jesu "undogmatische Art", von Gott zu sprechen: "Sie will nicht vorschreiben, wie man über ihn denken soll. Sie will Impulse geben, immer wieder neu and anders von ihm zu denken".
Hier tritt ein Lehrer auf, der sich in seine Zuhörer hineindenkt, ihre vielleicht unausgesprochenen Fragen aufgreift, das ist das Bemerkenswerte. Ein Religionslehrer neuen Typs, dessen Worte von vor fast 2000 Jahren einen heutigen Leser mitunter an Bertolt Brechts knappe Lehrtexte erinnern.
Kern dieser neuen Ethik ist eine Idee von Gerechtigkeit, die sich von den landläufigen Vorstellungen unterschied. Vor allem zwei Geschichten vermitteln dieses gewandelte Verständnis: das Gleichnis vom verlorenen Sohn und das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.
Ein Mann, der sein Geld durchgebracht hat, kehrt um, bekennt seine Fehler und wird dafür von seinem Vater mit einem Fest begrüßt und gefeiert, zum Ärger seines Bruders, der sich immer korrekt verhalten hat. Darin steckt die Botschaft: Umkehr nach Fehlverhalten ist möglich, auf die Liebe des Vaters, auch zum missratenen Sohn, ist Verlass.
In der anderen Geschichte erhalten alle Arbeiter eines Weinbergs den gleichen Lohn. Wütend reagieren diejenigen, die seit dem Morgen schuften, als sie erfahren, dass auch jener genauso viel erhält, der erst kurze Zeit gearbeitet hat. Ist das gerecht? Wenn Gott der Weinbauer ist, geht es für ihn gar nicht um Leistung und Lohn, seine Gerechtigkeit ist die Gleichheit aller seiner Kinder.
Andere Gleichnisse stellen Aussätzige und Außenseiter in den Mittelpunkt - die verhassten Zöllner etwa oder ganz generell "Sünder", wie sich die Schriftgelehrten empören. Letzteren wird ausgerechnet ein Samariter, ein Angehöriger einer vom Judentum ausgegrenzten Religionsgemeinschaft, präsentiert, nicht etwa ein eigener Priester.
Der Samariter hilft in diesem berühmten Lehrstück tätiger Nächstenliebe einem Verletzten. Die Geschichte wird im Lukasevangelium gewissermaßen als Präzisierung zu einem Auftrag des Alten Testaments präsentiert, als Antwort auf die Frage: "Wer ist mein Mitmensch?" Aus einer anderen Episode, die sich ebenfalls gegen die Selbstgerechtigkeit wendet, stammt einer der wohl schönsten bildlichen Vergleiche "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?"
Beim Lesen dieser Kerntexte des Neuen Testaments scheint es schwer verständlich, wie sich darauf ein dogmatisches Gebäude wie das der katholischen Kirche errichten ließ. Wie konnte unter Bezug auf derartige Predigten und diesen neuzeitlichen Prediger eine Institution entstehen, deren Spitzenpersonal sich für unangreifbar hielt? Wie konnte unter Berufung auf diese Texte Zwang und Gewalt ausgeübt werden? Die Gleichnisse sind Teil einer Kommunikation auf Augenhöhe, sie sind Bestandteil eines Dialogs, keine Frontalpädagogik eines herablassenden, vermeintlich allwissenden Priesters. Zu den Worten Jesu passt eher das Selbstverständnis eines Papst Benedikt XVI., der sich im April 2005 nach seiner Wahl als "einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn" bezeichnete.
Was bleibt von den alten Geschichten? Alles und nichts. Wer sich nur mit den akribischen wissenschaftlichen Expertisen beschäftigt, dem kann es leicht so gehen wie einem Schüler, der sich an einem Gedicht nur bis zu dem Tag erfreut, an dem er von seinem Deutschlehrer zur Analyse des Textes genötigt wird. Die Freude am Reim, an der Schönheit eines Verses schwindet angesichts der Mühsal der Interpretation. Ähnliches droht auch beim Abtragen der überlagernden Schichten: Der Glanz der Gleichnisse kann ermatten.
Die eigentliche Frage, ob sich Gott in diesen Texten mitteilt und ob Jesus Gottes Sohn ist, kann die Wissenschaft ohnehin nicht beantworten. Darauf muss jeder Leser für sich selbst Antworten finden.
Von Stefan Berg

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 6/2014
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 04:29

Europawahl in Großbritannien Die Stunde des Mr Brexit

  • Video "Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?" Video 00:59
    Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?
  • Video "Nach tödlichem Verkehrsunfall: Polizist knöpft sich Gaffer vor" Video 02:21
    Nach tödlichem Verkehrsunfall: Polizist knöpft sich Gaffer vor
  • Video "Konzept für Nothilfe: Siedlung aus dem 3D-Drucker" Video 01:46
    Konzept für Nothilfe: Siedlung aus dem 3D-Drucker
  • Video "Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor" Video 00:58
    Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor
  • Video "Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit Onkel Danny" Video 01:41
    Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit "Onkel Danny"
  • Video "Cannes: Tarantino feiert Premiere" Video 01:16
    Cannes: Tarantino feiert Premiere
  • Video "Thailand: Auto rast durch Polizeiposten" Video 00:44
    Thailand: Auto rast durch Polizeiposten
  • Video "80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?" Video 03:51
    80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?
  • Video "Affen als Einbrecher: Poolparty" Video 00:57
    Affen als Einbrecher: Poolparty
  • Video "Naturphänomen: Der horizontalen Sandfälle von Broome" Video 01:00
    Naturphänomen: Der "horizontalen Sandfälle" von Broome
  • Video "Stimmen zur Strache-Affäre: Sowas war keine b'soffene G'schicht" Video 02:46
    Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"
  • Video "Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende" Video 02:49
    Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende
  • Video "Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán" Video 04:32
    Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán
  • Video "Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter..." Video 00:42
    Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • Video "Europawahl in Großbritannien: Die Stunde des Mr Brexit" Video 04:29
    Europawahl in Großbritannien: Die Stunde des Mr Brexit