27.01.2015

DOKUMENT„Eine solche Angst“

Eindringlich beschrieb Giovanni Boccaccio das Wüten der Pest in Florenz.
In den Jahren 1347 bis 1353 rollte die erste große Pestwelle des Mittelalters durch Europa - ein Ereignis, das den Kontinent zutiefst erschütterte. Historiker schätzen die Anzahl der Todesopfer auf rund 25 Millionen, etwa ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung. In seinem Meisterwerk "Decameron" hat der Dichter Giovanni Boccaccio (1313 bis 1375) beschrieben, wie die Seuche 1348 in seiner Heimatstadt Florenz wütete. Hier Auszüge daraus:
Etwa zu Frühlingsbeginn dieses Jahres zeigte die Seuche erstmals auf furchtbare und erstaunliche Weise ihre schreckliche Wirkung. Sie begann hier nicht wie im Osten, wo bei jedem, als Zeichen des unvermeidlichen Todes, Nasenbluten aufgetreten war. Es bildeten sich nämlich bei Männern und Frauen in gleicher Weise Schwellungen in der Leistengegend oder unter den Achseln, von denen einige mehr oder weniger die Größe eines Apfels oder Eies erreichten und vom Volk Pestbeulen genannt wurden. Von diesen beiden Körperstellen breiteten sich die tödlichen Pestbeulen in kurzer Zeit gleichmäßig auf dem ganzen Körper aus. Kurz darauf begannen sich die Zeichen der Krankheit in schwarze und blaue Flecken umzuwandeln, die zahlreich auf den Armen, an den Schenkeln und an jeder Stelle des Körpers auftraten.
Diese Pest war deshalb so gewaltig, weil sie, wenn die Menschen miteinander verkehrten, von solchen, die bereits erkrankt waren, auf Gesunde übergriff, nicht anders als es das Feuer mit trockenen und fetten Dingen tut, wenn sie in seine Nähe gebracht werden. Und es kam noch schlimmer: Denn nicht nur das Sprechen oder der Umgang mit den Kranken infizierte die Gesunden mit der Krankheit und dem Keim des gemeinsamen Todes, sondern es zeigte sich, dass allein die Berührung der Kleider oder eines andern Gegenstandes, den die Kranken angefasst oder gebraucht hatten, den Berührenden mit dieser Seuche ansteckte. Es klingt wundersam, was ich hier sagen muss, und wenn es nicht die Augen vieler Leute ebenso wie meine eigenen gesehen hätten, würde ich mich kaum getrauen, es zu glauben.
Durch diese Heimsuchung hatte die Herzen der Männer und Frauen eine solche Angst befallen, dass ein Bruder den anderen verließ, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder, die Frau ihren Mann, und, was mehr wiegt und fast unglaublich ist, Väter und Mütter scheuten sich, zu ihren Kindern zu gehen und sie zu pflegen, als ob sie nicht die ihren gewesen wären.
Bei dem niedrigen Volk und wohl auch einem Teil des Mittelstands wirkte alles noch viel erbärmlicher. Da die Menschen, sei es aus Hoffnung oder wegen ihrer Armut, in ihren Häusern zurückgehalten wurden und mit den Nachbarn in Kontakt standen, erkrankten sie täglich zu Tausenden. Und da sie in keiner Weise bedient oder gepflegt wurden, starben sie fast alle ohne Rettung. Es gab manche, die tagsüber oder nachts auf offener Straße umkamen. Bei vielen, die in ihren Häusern verstorben waren, erfuhren die Nachbarn erst durch den Gestank, der ihnen von den verwesten Leichen entgegenkam, dass sie tot waren. Und der Gestank von diesen und vielen anderen, die starben, verbreitete sich überall.
Über einhunderttausend Menschen sind, wie man glaubt, allein innerhalb der Mauern der Stadt Florenz sicher aus dem Leben gerafft worden, wo man doch vor dem todbringenden Ereignis geglaubt hatte, dass so viele überhaupt nicht in der Stadt lebten. Wie viele große Paläste, wie viele prächtige Häuser, wie viele adlige Wohnsitze, bis dahin voll von Gesinde, Herren und Frauen, standen nun leer bis auf den letzten Knecht! Wie viele denkwürdige Geschlechter, wie viele reiche Erbschaften, wie viele berühmte Vermögensschätze blieben ohne rechtmäßigen Nachfolger! Wie viele tatkräftige Männer, wie viele schöne Frauen, wie viele anmutige Jünglinge speisten am Morgen mit ihren Verwandten, Gesellen und Freunden, um am Abend darauf in der anderen Welt mit ihren Vorfahren zu tafeln!

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2015
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