31.03.2015

Neuanfang im Heiligen LandAufstieg nach Jerusalem

In der „Ersten Alija“ zogen im 19. Jahrhundert Zehntausende Juden aus Osteuropa nach Palästina – sie flohen vor Pogromen und Diskriminierung.
Im Sommer 1882 ankerten vor der Küste Palästinas immer wieder Dampfschiffe aus Europa. Die Behörden des Osmanischen Reichs hatten ihnen die Einfahrt in die Häfen verwehrt. Also gingen die Neuankömmlinge von Bord und schipperten in Rettungsbooten ins Gelobte Land: Juden aus Russland und Rumänien, Intellektuelle mit Nickelbrillen, Musiker, Familien, die ihre wenige Habe über dem Kopf durch die Brandung an den Strand bugsierten.
In den nächsten gut 20 Jahren sollten bis zu 30 000 Neusiedler eintreffen. Sie kamen, um zu bleiben: Sie wollten endlich frei von Diskriminierung, ohne Angst und Pogrome leben können. Diese Einwanderungswelle gegen Ende des 19. Jahrhunderts nennt die jüdische Geschichtsschreibung die "Erste Alija".
Der Begriff stammt aus der Bibel und meint wörtlich den Aufstieg zum Tempel der Heiligen Stadt Jerusalem. Seit dem Babylonischen Exil bezeichnet er die Heimkehr von Juden ins Gelobte Land. Immer wieder hatte es im Mittelalter und später kleinere und größere Immigrationsschübe gegeben. Häufig war es die religiös-spirituelle Sehnsucht nach dem Land der Bibel, die die Immigranten trieb. Der jüdische Tanach, für Christen das Alte Testament, wimmelt von Textstellen, in denen Juden nach Palästina gerufen werden: "Jeder unter euch, der zu seinem Volk gehört – sein Gott sei mit ihm –, der soll nach Jerusalem in Juda hinaufziehen und das Haus des Herrn, des Gottes Israel aufbauen", heißt es etwa im Buch Esra.
So siedelten Juden immer wieder in Palästina und mischten sich unauffällig unter die muslimische und christliche Bevölkerung. 1882, als die Alija begann, lebten nur etwa 13 000 Juden unter rund 27 000 Christen und 300 000 Muslimen.
Die Olim (so der hebräische Name der Einwanderer) der Ersten Alija wurden jedoch zunehmend von politischen Motiven bewegt: Es waren die ersten Zionisten, die an den Aufbau einer jüdischen Nation in ihrer biblischen Heimat glaubten.
1881 hatte diese Vorgeschichte des modernen Israel mit einer Katastrophe ihren Anfang genommen: Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. durch Revolutionäre fielen vielerorts Russen über ihre jüdischen Nachbarn her.
"Zuerst beginnt eine verhältnismäßig unbedeutende Gruppe, dann wächst sie meist lawinenartig an und verübt den Vernichtungsprozess in einer gewissen Ordnung: Laden nach Laden, Wohnung nach Wohnung, Straße nach Straße – also geht es immer weiter", beschreibt der Zeitgenosse Leo Motzkin die Pogrome: "Stundenlang, ja tagelang dauert die Hetzjagd an, die Luft mit dem wilden Halloh der aktiven Excedenten, dem Jubeln und Johlen der raubenden festlichen Masse, dem Geschrei der Geängstigten und dem Gestöhn der Misshandelten, Verhöhnten, Vergewaltigten erfüllend."
Hunderte Tote, Tausende Verletzte, mehr als 200 Vergewaltigungen und Schäden von über zehn Millionen Rubel – diese Bilanz der Übergriffe war schon schlimm genug. Doch löste die Reaktion der zaristischen Behörden darauf einen tief greifenden Stimmungswandel unter den Juden Europas aus: In Russland waren sie jahrhundertelange Diskriminierung gewöhnt. Die Zaren hatten ihnen Grunderwerb verboten und sie von etlichen Berufen ausgeschlossen und nur in bestimmten Ansiedlungsgrenzen wohnen lassen – junge Juden aber trotzdem zum Militärdienst gezogen.
Doch als nun die Pogrome ausgebrochen waren, tat die zaristische Polizei wenig, um die Juden zu schützen und die Täter dingfest zu machen. Im weißrussischen Homel ging sie 1903 sogar gegen eine jüdische Bürgerwehr vor – sodass der Mob sozusagen unter Polizeischutz plündern konnte. Hartnäckig hielten sich auch Gerüchte, der zaristische Geheimdienst haben die Pogrome mit provoziert, um Unzufriedenheit im Volk auf einen Sündenbock zu lenken. Die Judengesetze wurden sogar noch verschärft.
Besonders die assimilierten Intellektuellen der Juden fühlten sich verraten. Jahrzehntelang hatten sie versucht, sich Brauchtum und Sprache der Mehrheit anzueignen. Doch führten ihnen die Pogrome und deren Duldung durch die Obrigkeit drastisch vor Augen, dass ihnen die Anpassung keine Sicherheit brachte.
Auch Leon Pinsker, ein Arzt aus Odessa, erlebte diese Enttäuschung. Ursprünglich ein Befürworter der Assimilation, entwickelte er sich zu einem frühen Vordenker des jüdischen Nationalismus: Die Juden seien eine historische, sprachliche, kulturelle und religiöse Einheit, war seine Grundthese. 1882 erschien seine Schrift anonym: "Autoemancipation! Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden".
"Schließt nur die Augen und versteckt den Kopf wie der Strauß – ein dauernder Friede ist Euch nicht beschieden", mahnte er die Juden. Sie bildeten im "Schoße der Völker, unter denen sie leben, tatsächlich ein heterogenes Element, welches von keiner Nation gut vertragen werden kann", schrieb er: "Die Welt erblickte in diesem Volke die unheimliche Gestalt eines Toten, der unter den Lebenden wandelt."
Die Feindschaft der anderen Völker sei daher natürlich, die "Judophobie" eine über zwei Jahrtausende vererbte "Psychose", die Assimilierung zum Scheitern verurteilt.
Die Juden müssten sich ihrer Würde besinnen, die "über den ganzen Erdboden verteilte Herde" der Juden müsse zusammenfinden und sich ein Heim suchen: "Wir brauchen nichts als ein großes Stück Landes für unsere armen Brüder, welches unser Eigentum bleiben soll, aus dem kein fremder Herr uns verdrängen könnte."
Dieses Land sei natürlicherweise Palästina. Wobei sich Pinsker klar war, dass die Gegend durchaus bewohnt war. Die jüdischen Siedler, das sieht sein Konzept der Selbstemanzipation ausdrücklich vor, sollten sich ihre Parzellen kaufen, nicht rauben oder einfach besetzen.
Pinskers Schrift fand vor allem unter den Juden Osteuropas großen Anklang. Etliche Siedlungsgesellschaften bildeten sich, die zum Ziel hatten, Kolonisten in Palästina und Syrien zu unterstützen. Eine davon war Chibbat Zion, die Pinsker zu ihrem Präsidenten wählte.
Begeisterte Chibbat-Zion-Anhänger wurden Pioniere der Ersten Alija. Ihr Ziel war es nicht unbedingt, nach Jerusalem zu gehen, um dort das urbane Leben fortzusetzen, das sie in Odessa, Kiew oder Warschau geführt hatten. Sie wollten eigene bäuerliche Siedlungen gründen. Sie wollten nicht einfach den Wohnort wechseln, sie wollten Land unter den Pflug nehmen, um den Juden eine Heimat zu schaffen. Einige ihrer Gründungen sind heute Kleinstädte: Rishon le Zion, Zichron Jakob und Rosch Pina. In Rishon wird ein Brunnen der Alija-Pioniere aus dem 19. Jahrhundert noch heute den Touristen vorgeführt.
Widerstand gegen die Landnahme kam zunächst nicht einmal so sehr von der eingesessenen Bevölkerung. Zwar legten die osmanischen Behörden den Neusiedlern einige Hürden in den Weg. So durften sie zum Beispiel keine neuen Häuser bauen, mussten zum Teil in Zelten wohnen, bis ihnen die arabischen Nachbarn eine Behausung verkauften.
Die Neusiedler schafften es kaum, sich von den Feldfrüchten zu ernähren, die sie versuchten anzubauen, nicht selten hungerten sie: "Unter den ungewohnten klimatischen Verhältnissen, von glühender Hitze, Wechselfieber und Augenkrankheiten geplagt, arbeiteten die Pioniere der Kolonisation mit jenem Schwung, zu dem allein ein hohes Ziel zu befähigen mag", schrieb der jüdische Historiker Simon Dubnow in seiner zehnbändigen "Weltgeschichte des jüdischen Volkes" bewundernd: "Sie mussten steinigen, seit Jahrhunderten vom Pflugeisen nicht mehr berührten Boden aufackern, in dem wasserarmen Lande abgrundtiefe Brunnenschächte graben."
Dann kam ihnen aber ein "bekannter Wohltäter" zu Hilfe. Dahinter verbarg sich der Multimillionär Edmond James de Rothschild mit seinem Engagement für die jüdische Sache in Palästina.
1845 in Frankreich geboren, hatte der Bankierssohn später einen Teil des Pariser Bankhauses geerbt, das sein Vater aufgebaut hatte. Doch die Hochfinanz hatte den jungen Edmond nie wirklich interessiert. Er las viel, trug eine legendäre Kunstsammlung zusammen – und war begeistert von der Idee einer Heimstatt der Juden im Gelobten Land.
Schon 1882 kaufte er über Agenten Grundstücke dort auf, die er an Siedler weitergeben wollte. In sieben Jahren kamen so 25 000 Hektar Land zusammen.
Er sponserte Neuankömmlinge, er entsandte Agrarspezialisten, die ihnen den Wein- und Gartenbau beibringen sollten. Nach und nach nahm der Wohltäter Rothschild fast alle neuen Kolonien unter seine Obhut. Er ließ Synagogen, Spitäler, Häuser, Schulen und Kinderheime bauen. Den Siedlern zahlte er je nach Kinderzahl ein festes Gehalt.
Allerdings verhalfen auch die Dollar-Millionen des Barons, 50 sollen es Experten zufolge gewesen sein, dem jüdischen Siedlungswerk zunächst nicht zum Durchbruch. "Das Schlimmste war aber, dass mit dem Schwinden des Anreizes zur Arbeit, der durch das Unabhängigkeitsbewusstsein sowie durch die Freude am Ertrage der eigenen Scholle bedingt war, auch die Arbeitsenergie der Kolonisten in ständigem Sinken begriffen war", schreibt der Historiker Dubnow.
Es kam zu Konflikten mit den Vorarbeitern und Experten Rothschilds. Aufruhr und Ungehorsam ihrer Schutzbefohlenen ließen diese sogar mitunter von der osmanischen Polizei bestrafen. Viele Kolonisten gaben auf, zogen nach Europa zurück oder weiter in die USA.
So gelang es den Siedlern der ersten Einwanderungswelle nicht, wirklich Fuß zu fassen in der neuen Heimat; das gelobte Land erwies sich als heiß, staubig und wenig fruchtbar. "Dennoch war die Erste Alija der Beginn eines nur langsam anlaufenden, aber folgenschweren Prozesses", schreibt der israelische Historiker Shlomo Sand.
Seit Beginn der ersten Pogromwelle hatten 1882 bis 1903 mehr als 2,5 Millionen Juden Osteuropa verlassen, sie waren aber häufig in die USA oder etwa nach Frankreich ausgewandert. Die jüdische Bevölkerung Palästinas war in dieser Zeit nur auf 50 000 gewachsen.
Doch die Erste Alija brachte auch bahnbrechende Erfolge: Einer ihrer prominentesten Teilnehmer, der Schriftsteller und Journalist Eliezer Ben-Jehuda, der 1858 in der Nähe von Wilna geboren worden war, entwickelte das moderne Hebräisch. Er schuf aus der sakralen Sprache der jüdischen Heiligen Schriften eine Alltagssprache für die Juden, die in den nächsten Jahrzehnten noch aus Russland und ganz Europa nach Palästina kommen sollten und dort bisher Aramäisch, Ladino oder Türkisch sprachen. Ben-Jehuda träumte von der "Wiedergeburt Israels auf dem Boden seiner Ahnen", für ihn war die gemeinsame Sprache unerlässlich für eine Nation. Hebräisch ist, neben Arabisch, heute Israels Landes- und Amtssprache.
Auf die erste Alija folgte ab 1904 eine zweite – später eine dritte, vierte, fünfte und sechste. Theodor Herzl hatte mit seinem Buch "Der Judenstaat" mittlerweile so etwas wie ein Nationalmanifest verfasst.
Die Teilnehmer der zweiten Besiedlungswelle ließen sich schon nicht mehr nur von verträumten Agrarutopien leiten, sondern strebten nach einem eigenen Staat. Sie investierten in Industrie, gründeten Parteien. Manche trieben sozialistische Ideen um. Unter ihnen war auch ein junger Journalist aus Plonsk im heutigen Polen: David Ben-Gurion der spätere Staatsgründer. ■

Ivrit Israels Sprache

"Je mehr das nationale Konzept in mir wuchs", schrieb der junge russische Jude Eliezer Perelman alias Ben-Yehuda, "desto mehr kam mir zu Bewusstsein, was eine gemeinsame Sprache für eine Nation bedeutet!" Die Schaffung einer jüdischen Alltagssprache sollte zur Lebensaufgabe werden. Dabei verwandelte Ben-Yehuda das bisher rein liturgische, für religiöse Studien benutzte Hebräisch in das moderne Ivrit. In Jerusalem gründete er den Vorläufer der Akademie für die Hebräische Sprache und begann ein Wörterbuch des Hebräischen. Für den modernen Sprachgebrauch prägte er neue Vokabeln, etwa für Fahrrad, Eiscreme, Strom, Puppe oder Marmelade. Sein 1882 geborener Sohn Ittamar durfte nur Hebräisch sprechen. Mit seiner Mutter vollendete dieser nach dem Tod des Vaters das 17-bändige Wörterbuch.
Von Jan Puhl

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2015
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