27.05.2015

Flammenroter Golf

Die DDR-Führung hätschelte ihre Helden aus Sport und Wissenschaft.
Die Legende vom freiwilligen kameradschaftlichen Verzicht unter sozialistischen Brüdern war einfach zu schön, also wurde sie in der DDR gern verbreitet: Gustav-Adolf Schur (Spitzname Täve), der bei der Rad-Weltmeisterschaft der Amateure 1960 auf dem Sachsenring in einer Spitzengruppe den Belgier Willy Vanden Berghen in Schach hielt, sich aus taktischen Gründen mit einem zweiten Platz begnügte und so seinem Teamkollegen Bernhard Eckstein zum Sieg verhalf.
Dabei war Schur, Jahrgang 1931, der große Favorit – Kapitän der DDR-Mannschaft, Amateurweltmeister (1958 und 1959), zweimaliger Gewinner der Friedensfahrt, berühmt für seine Sprints. Der vermeintlich geschenkte Sieg für Eckstein machte Schur zum Helden. Neunmal wurde er DDR-Sportler des Jahres, kurz vor der Wende folgte die Kür zum besten Sportler in 40 Jahren DDR.
Dass die Sachsenring-Geschichte geschönt war, ließ Schur Jahre später und erst nach dem Ende der DDR durchblicken. Überhaupt war er ein vorbildlicher Staatsbürger: 32 Jahre lang saß er als Abgeordneter in der Volkskammer und schwärmte auch noch 2001 in seiner Autobiografie "Täve" von seiner Parlamentsarbeit in Ostberlin. Später zog er für die PDS in den Bundestag ein.
2011 verweigerte die Deutsche Sporthilfe Schur die Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports. Schur reagierte enttäuscht: "Die urteilen, ohne mich zu kennen."

Die Propagandisten hatten an alles gedacht, um den Triumph effektvoll zu inszenieren: ein Staatswappen, das "Kommunistische Manifest" und DDR-Ehrenwimpel waren an Bord, als der Kosmonaut Sigmund Jähn am 26. August 1978 in den Weltraum abhob. Sogar die ostdeutsche Variante des Sandmännchens war dabei. Es steckte in einem Raumanzug-Kostüm, passend für den ersten Sandmännchen-Auftritt im All.
Jähn, Jahrgang 1937, war auf Einladung Moskaus zusammen mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski in der "Sojus 31" vom Weltraumbahnhof Baikonur gestartet. "Der erste Deutsche im All – ein Bürger der DDR", titelte das "Neue Deutschland" voller Stolz.
Die Reaktionen der Westpresse verrieten Neid: Vom "Mitesser in der Russenrakete" schrieb die "Welt". Die "Süddeutsche Zeitung" höhnte: "Zum ersten Mal wird im Weltraum Deutsch gesprochen, wenn auch mit sächsischem Akzent, was die Sache gleich wieder etwas ins Komische zieht, sodass wir sie nicht ganz so ernst nehmen müssen."
Jähn wurde nach seiner Rückkehr aus der Schwerelosigkeit mit Auszeichnungen überhäuft: "Held der DDR", Karl-Marx-Orden, sowjetischer Lenin-Orden, "Held der Sowjetunion". Auf Konferenzen und Kongressen hielt er vom Parteiapparat vorgefertigte Reden, die ihm pflichtschuldig über die Lippen gingen.

Mit einem beliebigen VW-Golf war es nicht getan, rot sollte er sein. "Flammenrot oder ferrarirot", notierte ein Stasimajor. Katarina Witt bekam das Auto, wie sie es gewüscht hatte. Auf der Liste der Gefälligkeiten für die Vorzeigeathletin stand noch mehr. "Bereitstellung und Ausbau einer Einraum-Neubauwohnung in Karl-Marx-Stadt", heißt es in Witts Stasiakte. Auch ein Einfamilienhaus in Altenhof gehörte dazu.
Die DDR und Katarina Witt, das war ein besonderes Verhältnis. Wohl um keinen Bürger hat die Staatsführung so gebangt wie um die Eiskunstläuferin, Jahrgang 1965, die 1988 bei Olympia jenen Wettbewerb gewann, der zuvor zum Kampf zweier politischer Systeme aufgeladen worden war: Aus Katarina Witt gegen Debi Thomas wurde DDR gegen USA, Ost gegen West.
Die jahrelange Sorge der DDR-Führung: Witt, Trägerin des Vaterländischen Verdienstordens in Gold, könnte nach einer ihrer Reisen zu Wettbewerben im Westen bleiben. Aber einen solchen Weltstar wollte man nicht verlieren. Geschenke, Gefälligkeiten und Gästestatus beim SED-Parteitag 1986 waren deshalb nur die eine Seite. Die andere – ständige Beobachtung. Etliche Spitzel waren auf das "schönste Gesicht des Sozialismus" angesetzt, sie lasen ihre Briefe, hörten sie ab, machten Notizen über ihre Besucher, beschatteten sie bei Auslandsreisen.
Das Geben und Nehmen schien gut zu funktionieren – Jahre nach dem Ende der DDR beschrieb die zweimalige Olympiasiegerin ihr Verhältnis zur Stasi im SPIEGEL als ein Spiel. "Die hatten Macht, und ich war auf USA-Reisen angewiesen." Zu manchen Stasileuten sei eine "richtig menschliche Verbindung entstanden, dir mir sogar oft zugutegekommen ist".

Der Brief des Vaters an die Stasi schockierte die Söhne. In dem Schreiben vom 4. Dezember 1986 unterbreitete der Wissenschaftler Manfred von Ardenne einen Vorschlag, wie man DDR-Bürger an der Flucht hindern könne, ohne an der Grenze scharfe Munition einzusetzen.
Es sei erwägenswert, "künftig beim Schusswaffengebrauch zu bestimmten Methoden der Veterinärmedizin überzugehen, bei denen das Zielobjekt nur vorübergehend betäubt und bewegungsunfähig wird", schrieb der Physiker. Alexander und Thomas von Ardenne waren entsetzt, als sie nach der Wende von dem Brief erfuhren.
Manfred von Ardenne übte durchaus auch Kritik an der DDR – allerdings nur dezent und erst spät. Nach dem Mauerfall forderte er in der Volkskammer "tief greifende Reformen". Sein politischer Opportunismus kam ihm zugute, als er ab 1955 in Dresden das einzige private Forschungsinstitut des Landes leitete.
Die DDR gewährte Ardenne, der als Mitglied des Kulturbundes in der Volkskammer saß, Reisefreiheit und ehrte ihn mit dem Nationalpreis der DDR und der Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold. 1997 starb Ardenne mit 90 Jahren in Dresden.
Von Björn Hengst

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2015
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