27.05.2015

Kampf um die IdeologieDer Riss

Die Ausbürgerung des linken Liedermachers Wolf Biermann war für viele Menschen in der DDR ein Schock. Schriftsteller und Künstler kehrten der SED den Rücken. Von Andreas Wassermann
Schon seit den Sechzigerjahren forderten Künstler in der DDR mehr Meinungsfreiheit, sie diskutierten über einen demokratischen Sozialismus, der größeren Spielraum für persönliche Wünsche und Lebensziele schaffen sollte. Zu den führenden Köpfen gehörten der Liedermacher Wolf Biermann und der Chemiker Robert Havemann. Auch Filme wie "Geschlossene Gesellschaft" und "Solo Sunny" spiegelten das Streben nach mehr Individualität. Der Staatsbürgerkundeunterricht aber predigte der Jugend die immergleichen Dogmen.
Der Kampf um Madrid, nach fast vier Jahrzehnten scheint er doch noch gewonnen. Am 20. November 1975 stirbt Francisco Franco, der Generalissimus, der Regimegegner erdrosseln ließ, und mit ihm verendet auch der Faschismus in Spanien. Die Nelkenrevolution hat im Nachbarland Portugal die halbfaschistische Diktatur beseitigt. Und in Westdeutschland hat die CDU gerade den Bundestagswahlkampf mit der Parole verloren: "Freiheit statt Sozialismus".
Im "Neuen Deutschland" schreibt Enrico Berlinguer, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, unzensiert über freiheitlichen Sozialismus. Er will eine "Hinwendung zum kritischen Geist" und "zur unaufhörlichen Erneuerung".
So sieht sie aus, die Welt, als der kommunistische Poet Wolf Biermann am 11. November 1976 in seiner Wohnung Chausseestraße 131 die kleine und die große Weißgerber-Gitarre greift und aufbricht zur Konzertreise in die BRD, der ersten seit dem Erscheinen seiner heimlich aufgenommenen Schallplatten. Hoffnungsfroh – so oder so, die Erde wird rot.
Der Kirchengemeinde eines unerschrockenen Pfarrers war es ein paar Wochen zuvor gelungen, den Liedermacher unangemeldet vor Publikum übers Wandlitzer Funktionärsgetto und Stasi-spitzelei spötteln zu lassen. Davor war er mehr als ein Jahrzehnt lang nicht mehr öffentlich aufgetreten. Biermann ist ein bisschen bang; die Nase läuft, der Hals ist rau und die Stimme belegt.
Andererseits, was soll schon passieren? Seine Reise ist genehmigt, seine Papiere sind in Ordnung. Und nach der letzten Westreise nach Hamburg hat ihn die DDR auch wieder ins Land gelassen, ihn, den sozialistischen Dissidenten aus einer Kommunistenfamilie, der als junger Mann freiwillig von West nach Ost gegangen ist.
Zwei Tage später sitzt Biermann auf der Bühne in der Kölner Sporthalle. Die Erkältung ist wie weggeflogen, nichts kratzt mehr im Hals, die Stimme ist klar und fest. Mehr als 7000 Zuhörer sind gekommen: Maoisten, Trotzkisten, Jusos und Gewerkschaftsjugend. Das Konzert wird zum Schaufenster der westdeutschen Linken der Siebzigerjahre. Nur die SED-hörigen Genossen von der DKP halten sich fern.
Dreieinhalb Stunden dauert das Konzert. 26 Lieder, Gedichte und Balladen hat Biermann im Programm, und zwischendurch redet er von seinem "Meister Brecht", über den philosophischen Dichter Friedrich Hölderlin ("Könnt ihr Gedichte aushalten?") und zitiert die revolutionäre Sozialistin Rosa Luxemburg: "Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, ohne freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution." Dann schlägt Biermann wieder die Saiten seiner Gitarre: "Die DDR braucht endlich und wie / Rosa's rote Demokratie."
Der WDR überträgt das Konzert im Radio und hat seine Kameras aufgebaut. Wenig später wird das Konzert des linken Liedermachers im Ersten Programm des bundesdeutschen Fernsehens ausgestrahlt. Biermanns "wahrer" Sozialismus soll auch im Osten zu empfangen sein.
In einer Altbauwohnung in Jena sitzt an jenem Novemberabend Roland Jahn vor dem Radio. Der 23-jährige Student der sozialistischen Betriebswirtschaft, der heute Chef der Stasi-Unterlagenbehörde ist, hat sich mit Kommilitonen getroffen, um das Biermann-Konzert zu hören. Auf dem Tisch stehen Rotwein aus Bulgarien und belegte Brote.
Der Abend wird lang, aber nie langweilig. Was sie aus dem Westradio hören, ist eine Stimme ihrer DDR, und was für eine Stimme. Biermann singt Jahn und seinen Freunden aus dem Herzen. Sie sehen sich als DDR-Kritiker von links, wollen den Sozialismus nicht abschaffen, sondern demokratisieren.
In der Normannenstraße, dem Hauptquartier des Ministeriums für Staatssicherheit, zeichnen Offiziere das Konzert auf Tonband auf. Anschließend transkribieren sie den Wortlaut sämtlicher Äußerungen Biermanns, jede noch so nebensächliche Bemerkung. Die Mitschrift wird als Anlage 1 der Information 791/76 beigefügt und ist bestimmt für die Sitzung des SED-Politbüros am 16. November.
Die Empfänger sind zumeist Männer jenseits der 60, sie mögen keine singenden Poeten, die über ihren Arbeiter-und-Bauern-Staat garstig juxen – und das auch noch im Land des Klassenfeindes. Politische Lieder, die sie mögen, sind kommunistische Kampfhymnen, meist schon ein halbes Jahrhundert alt – wie das Lied vom kleinen Trompeter, dem lustigen Rotgardistenblut, das den SED-Generalsekretär Erich Honecker sentimental stimmt, weil es ihn an seine Jugendzeit erinnert.
Verständnis kann einer wie Biermann, auch wenn er sich als Kommunist versteht, nicht erwarten. Zudem strotzen Honecker und seine Politbürogenossen im Herbst 1976 vor Selbstsicherheit. Seit drei Jahren ist die DDR Mitglied der Vereinten Nationen. Dass der eingemauerte Staat ein souveränes Land ist, bestreitet kaum noch jemand.
Auch im Inneren geht alles nun seinen sozialistischen Gang. Zwar gibt es noch Engpässe bei der Versorgung mit Südfrüchten und anderen schönen Dingen, doch immerhin kommt der Wohnungsbau voran. Und die DDR-Bürger sind stolz auf ihre Sportler. Bei den Olympischen Spielen im kanadischen Montreal im Sommer 1976 heimsen die DDR-Athleten 40 Goldmedaillen ein, sechs mehr als die USA und viermal so viele wie die Bundesrepublik.
Wen mag es da schon kümmern, wenn man die Gelegenheit beim Schopfe packt und einen derart renitenten Querkopf wie Biermann erst gar nicht mehr nach Hause lässt?
Im Politbüro bleibt es ruhig, als Erich Honecker am 16. November 1976 den Tagesordnungspunkt 4 "Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR für Wolf Biermann" aufruft. Das Protokoll vermerkt keine Diskussion.
Die Presseerklärung, die noch am selben Nachmittag über die staatliche Nachrichtenagentur ADN verbreitet wird, liegt als Anlage bereits den Genossen vor, ebenso die verschlüsselten Fernschreiben an die 1. Bezirkssekretäre: "Werte Genossen, die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der sich gegenwärtig in der BRD aufhält, aufgrund seines feindseligen Auftretens gegenüber der DDR entsprechend § 13 des Staatsbürgerschaftsgesetzes der DDR die Staatsbürgerschaft aberkannt. Gez. E. Honecker."
Allerdings hat die SED-Führung verkannt, wie bedeutungsvoll der Fall Biermann für jenen Teil der DDR-Bevölkerung ist, der sich nicht den Mund verbieten lässt. Bereits am Abend des 16. November meldet die Stasi erste "Provokationen". Im Berliner Altbauquartier Prenzlauer Berg "wurden im Bereich Hufeland-/Immanuel-Kirchstraße 4 mit Filzstift geschriebene Handzettel, abgelegt in Hausfluren, aufgefunden. Inhalt: Helft Biermann, holt Biermann zurück". Wenige Stunden später taucht dieselbe Losung "mittels weißer Ölfarbe" am S-Bahnhof Marx-Engels-Platz (heute Hackescher Markt) auf.
In Biermanns Wohnung in der Chausseestraße versammeln sich enge Freunde um seine Ehefrau Christine; im Lauf des Abends stoßen seine frühere Partnerin Eva-Maria Hagen und ihre Tochter Nina dazu. Und Biermanns Mentor Robert Havemann gibt der Westpresse erste Interviews. Es sei "unerhört", Biermann auszubürgern, ohne ihn anzuhören. Es sei dessen "verbrieftes Recht als DDR-Bürger, seine Regierung zu kritisieren".
In jenen späten Abendstunden sitzt Stephan Hermlin, Dichter, SED-Genosse, DDR-Nationalpreisträger, daheim in Niederschönhausen an seiner klapprigen Olympia-Reiseschreibmaschine und saugt an seiner Pfeife. Es ist ein komplizierter Text, an dem Hermlin arbeitet. Nicht, weil die Worte besonderen literarischen Ansprüchen genügen sollen, sondern weil sie prägnant, klar, kurz sein müssen und nicht verletzen dürfen – ein Text, der die Staats- und Parteiführung zur Korrektur in Sachen Biermann bewegen soll. Und der so formuliert sein muss, dass die anerkanntesten Literaten der Republik ihn unterschreiben können.
Hermlin kennt Honecker seit Jahrzehnten. Beide haben im Widerstand gegen Hitler gearbeitet.
Am nächsten Morgen um 11 Uhr empfängt Hermlin seinen erlauchten Mitverschwörer-Kreis. Christa Wolf, die Autorin des "Geteilten Himmels" ist gekommen und ihr Mann Gerhard. Stefan Heym hat noch einen eigenen Textentwurf in der Tasche. Sarah Kirsch, Volker Braun, Günter Kunert und Rolf Schneider sind dabei. Der Dramatiker Heiner Müller hat sein Kommen für später angekündigt, und Franz Fühmann, Mentor junger Autoren, hat Hermlin schon im Voraus quasi eine Blankovollmacht gegeben.
Der Resolutionstext, auf den sich das Literatenkollektiv einigt, umfasst drei knappe Absätze. "Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter – das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein", heißt es am Anfang. Karl Marx wird dann auch zitiert. Am Schluss steht die Bitte (nicht wie ursprünglich die Forderung), die Ausbürgerung aufzuheben.
Am Nachmittag erreicht die Erklärung das "Neue Deutschland", danach die ausländischen Nachrichtenagenturen AFP und Reuters. "Das ist neu in der Geschichte dieses Staates, in dem Kollektives sonst stets auf Anordnung geschieht, das ist eine große Sache", notiert Heym in seinem Tagebuch.
In den nächsten Tagen schließen sich immer mehr Schriftsteller, Künstler, Schauspieler und Theater- und Filmemacher dem Aufruf an. DDR-Publikumslieblinge sind darunter wie die Schauspieler Angelica Domröse, Manfred Krug und Hilmar Thate, aber auch Künstler, deren Namen kaum ein DDR-Bürger kennt, wie der Bühnenbildner Wasja Götze, der Dokumentarfilmer Richard Cohn-Vossen oder der junge wilde Dichter Jürgen Fuchs.
Fast scheint es, als hätte man nur auf einen Anlass zur Rebellion gewartet. Die Causa Biermann wird zum Konflikt mit großen Teilen der Kulturszene und der Intelligenz.
Am Samstag, den 20. November ist Werner Lamberz, im SED-Politbüro zuständig für Agitation und Propaganda, auf dem Weg zu Manfred Krug. In dessen Haus warten bereits mehrere Unterzeichner der Biermann-Resolution. Lamberz will mit ihnen reden, offen und vertraulich, Schaden begrenzen. Vor allem will er verhindern, dass weitere Unterschriften für Biermann gesammelt werden.
Was Lamberz nicht weiß: Krug hat ein Tonbandgerät versteckt und die ganze Diskussion aufgezeichnet. Der Mitschnitt, von Krug zwölf Jahre nach dem Fall der Mauer veröffentlicht, macht klar, wie wenig die DDR-Führung ihre Künstler versteht. Bei dem vierstündigen Treffen reden die Teilnehmer ständig aneinander vorbei.
Der Schriftsteller Klaus Schlesinger erklärt, eine offene Diskussion wäre ein Beispiel für "sozialistische Demokratie", Lamberz kontert, das würde nur dem Klassenfeind dienen. Heym will die Zusage, es dürfe "keine Repressionen" für die Unterzeichner der Biermann-Resolution geben. Lamberz entgegnet: "Keine Repressionen? Sie denken in Kategorien, die keine sozialistischen sind." Man geht auseinander mit der gegenseitigen Versicherung, dass von dem Gespräch nichts nach außen dringt.
Am selben Tag drucken die "Berliner Zeitung" und das "Neue Deutschland" ganzseitig Stellungnahmen von Kulturschaffenden ab, die den Biermann-Rausschmiss unterstützen. Angeführt wird die Riege von dem international bekannten Maler Willi Sitte. Doch es sind zumeist stramme SED-Propagandisten wie der 72-jährige Arbeiterschriftsteller Otto Gotsche, einst persönlicher Referent Walter Ulbrichts, die die Maßnahme "leidenschaftlich" rechtfertigen, empört über die "Heuchelei einiger Leute, die glauben, der Beifall des Klassenfeindes sei notwendig, um Lieder zu machen".
Es sekundiert der legendäre Sänger Ernst Busch, einst Kämpfer der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Biermann, so Busch, habe sich "mit Text und Stimme dem Klassenfeind verkauft".
Bitter sieht es für Honecker und Genossen im Ausland aus. Denn auch in Westdeutschland und Westeuropa formiert sich eine Protestbewegung. Und sie wird nicht angeführt von Kalten Kriegern, sondern von Freunden der Entspannungspolitik, in denen die SED lange Zeit ihre potenziellen Bündnispartner sah. Es sind linke Intellektuelle, Gewerkschafter und Schriftsteller wie Heinrich Böll.
Der italienische KP-Chef Berlinguer äußert am 15. Dezember 1976 sein Missfallen über die Biermann-Ausbürgerung sogar in einem persönlichen Brief an den "Lieben Genossen Erich Honecker". Darin schreibt er: "Gewisse Maßnahmen schaden der Friedens- und Entspannungspolitik."
Rückblickend lässt sich die Biermann-Affäre als Anfang vom Ende der DDR deuten. Seither ging ein Riss durch Schriftstellerverband und SED, der sich nicht mehr kitten ließ.
Nun sahen viele kluge Köpfe keine Zukunft mehr in der DDR, sie verließen nach allerlei Schikanen das Land wie der Schauspieler Manfred Krug. Andere wurden aus der SED geworfen, was für Schriftsteller und Filmemacher oft auf ein Publikationsverbot hinauslief. Die Unbekannten unter ihnen landeten im Gefängnis und wurden später von der Bundesrepublik freigekauft.
"Biermann, das war ein Polarisationspunkt", bilanzierte die Schriftstellerin Christa Wolf wenige Jahre vor ihrem Tod im Gespräch mit ihrer Enkelin Jana Simon. Sie sagte auch, dass sie und ihr Mann überlegt haben, die DDR zu verlassen. Dann meldete sich Honecker bei ihr: "Christa, ihr müsst bleiben, wir brauchen euch." Die berühmte Schriftstellerin harrte aus. ■
Von Andreas Wassermann

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2015
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