26.01.2016

NahaufnahmeKaiser im Zuckerland

HAITI Der Inselstaat befreite sich selbst vom französischen Kolonialregime. An die Macht kam ein schwarzer Diktator.
Was am 1. Januar 1804 in der Stadt Gonaives geschah, hatte weltgeschichtliche Bedeutung. Die Elite der karibischen Kolonie Saint-Domingue hatte sich zur Geburt eines neuen Staates versammelt. Zu den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung zählten auch frühere Sklavenhalter, darunter einer mit dem Spitznamen "Der gute Weiße". Doch den Ton gaben Schwarze an, allen voran Armeechef Jean-Jacques Dessalines sowie seine Generäle, von denen viele als Kinder und junge Männer aus Afrika gekommen waren. An diesem Tag riefen sie alle – Schwarze, Weiße, Mulatten, einstige Sklaven ebenso wie ihre einstigen Ausbeuter – die Nation Haiti ins Leben. Der damals wichtigste karibische Zuckerlieferant hatte sich vom Joch des Kolonialismus befreit.
Noch 15 Jahre zuvor war Saint-Domingue die "profitabelste Sklavenkolonie der Welt" gewesen, wie der US-Historiker Laurent Dubois berichtet. Vor allem mit Kaffee und Zucker füllten eine halbe Million Schwarze, neun Zehntel der Bevölkerung, die Schatullen der fernen Kolonialmacht Frankreich.
Die dortige Revolution schürte die Unruhe auch auf der Zuckerinsel. Eine Rebellion der freien Mulatten schlug zwar fehl, aber im August 1791 begann im Norden der Kolonie ein Sklavenaufstand. Binnen weniger Wochen hatte er das gesamte Territorium von der annähernden Größe Brandenburgs erfasst. Der als Sklave geborene Anführer Toussaint Louverture bewies großes militärisches und diplomatisches Geschick, dazu gehörige Skrupellosigkeit. Ein ums andere Mal spielte er die Kolonialmächte der Karibik gegeneinander aus, ließ sich von den Spaniern helfen und jagte sie wieder davon, sobald seine Leute mit den gelieferten Waffen umzugehen verstanden.
Als ihm das revolutionäre Frankreich die Freiheit lediglich versprach, zögerte der misstrauische Truppenführer. Erst nachdem die Sklaverei im Februar 1794 im gesamten französischen Kolonialreich abgeschafft wurde, machte er mit den republikanischen Truppen gemeinsame Sache gegen britische Eindringlinge.
Der geschmeidige Louverture wurde nun Vizegouverneur und heimlicher Herrscher des weiterhin nominell französischen Territoriums, blieb aber auf der Hut und ließ seine Armee mit amerikanischen Waffen ausrüsten. Tatsächlich sandte Napoleon Bonaparte eine gewaltige Flotte in die Karibik, um die Herrschaft der "vergoldeten Neger" zu beenden. Doch nach zweijähriger Verwüstung des Landes mit mindestens hunderttausend Toten gewann das Sklavenheer ("Freiheit oder Tod") im November 1803 die Entscheidungsschlacht.
Louverture war als Gefangener Frankreichs wenige Monate zuvor gestorben, Dessalines übernahm. Von seinen Armeekameraden zum Generalgouverneur auf Lebenszeit ausgerufen, befahl Dessalines ein Massaker an Tausenden Weißen und machte sich selbst zum Kaiser. Seine Ermordung nur zwei Jahre später hatte einen bitteren Bürgerkrieg zur Folge. Und das Schicksal Haitis blieb dramatisch, mit Aufständen, Putschen und zwei US-Interventionen, zuletzt 1994, camoufliert als "Operation zur Rettung der Demokratie". Mehr als ein Jahrhundert lang hatte Frankreich seine armselige Exkolonie durch hohe Reparations- und Zinsforderungen geschröpft; 1914 entsprachen die Zahlungen 80 Prozent des haitianischen Staatshaushaltes.
Geblieben ist der Stolz auf die Unabhängigkeit, wie der haitianische Intellektuelle Louis-Joseph Janvier 1883 Kritikern seines Landes vorhielt: "Ihr habt nicht so teuer für das Recht bezahlt, mit dem Fuß aufzustampfen und zu sagen: 'Dies gehört mir. Ich kann damit machen, was ich will!' "
Von Sebastian Borger

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2016
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