31.05.2016

HintergrundMuttersprache, Vaterland

Lange redeten die Deutschen alles, nur kein Hochdeutsch. Der Weg zu einer einheitlichen Sprache war fast so schwierig wie zu einem gemeinsamen Staat.
Rund eineinhalb Jahrtausende lang haben die Deutschen daran gearbeitet, sprachlich eine Einheit zu werden. Nie haben sie dafür eine staatliche Verordnung benötigt. Bis 1996 – bis zur Rechtschreibreform.
Die Neuregelung trieb absurde Blüten: Plötzlich sind wieder mehrere Schreibweisen für ein Wort erlaubt, "Orthographie" etwa kann man jetzt auch "Orthografie" schreiben. In den Jahrhunderten davor hatten die Sprachexperten stets darum gerungen, das Deutsche zu vereinheitlichen, die Vielfalt – manche sagen: das Chaos – einzudämmen.
Das Ringen war zäh. So galten im wilhelminischen Kaiserreich noch 30 Jahre lang regional unterschiedliche Rechtschreibungen, nachdem die 1876 einberufene Erste Orthographische Konferenz schnell gescheitert war. Erst beim zweiten Versuch 1901 kam man zu einer Einigung – für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Nur das ß war mit den Schweizern nicht zu machen.
Konrad Duden, der 1880 erstmals seine eigene Vorstellung von der rechten Schreibweise des Deutschen in einem Wörterbuch veröffentlicht hatte, das die Grundlage bildete für die Konferenz, war so schlau, die neuen Richtlinien zu übernehmen. So sicherte er seinem privaten Verlag andauernden wirtschaftlichen Erfolg und quasi amtlichen Einfluss.
Die Rechtschreibung allerdings war lange das geringste Problem. Erst mal musste Grundlegendes geklärt werden: Was ist eigentlich deutsch? Welcher der unzähligen germanischen Dialekte, die im Mittelalter auf dem deutschen Reichsgebiet gesprochen wurden, war der richtige, vorbildliche? In Ländern wie England oder Frankreich war es einfach: Da, wo der König saß, war die Norm. Im deutschsprachigen Raum, mit seinen wechselnden Kaisersitzen, war das komplizierter. Der Germanist Karl-Heinz Göttert spekuliert gar: Wären die Staufer an der Macht geblieben, so "wäre vielleicht der schwäbische Dialekt zum Deutschen schlechthin geworden".
Es kam anders. Der schwierige Weg zum Hochdeutschen spiegelt den schwierigen Weg zur Nation. Es waren vor allem die Bürger, erst Schreiber und Drucker, später klassische Bildungsbürger, die die Sache einer gemeinsamen Sprache vorantrieben – in jahrhundertelanger Kleinarbeit, eine eindrucksvolle Integrations- und Kommunikationsleistung.
So ist das Gegenwartsdeutsch eine abenteuerliche Mischung: Unsere Schriftsprache ist hochdeutsch (was in diesem Zusammenhang bedeutet: Sie stammt aus dem Raum südlich der Mittelgebirge), die Aussprache norddeutsch geprägt.
Am Anfang der deutschen Sprache, so definiert es die Wissenschaft, stand eine Teilung: Im 7. Jahrhundert begannen die Stämme im südlichen Frankenreich, gewisse Laute zu verschieben. Aus Appel wurde Apfel, aus Attila Etzel; das war die sogenannte zweite Lautverschiebung. Warum sie stattfand, ist bis heute nicht recht erklärbar. Sie trennte jedoch die Germanen südlich der Linie Köln–Kassel–Berlin sprachlich sowohl von den Nachbarn im Westen (den späteren Franzosen) als auch von den Angelsachsen in England wie von den Landsleuten im Norden des Frankenreichs.
Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands gab es von da an zwei Sprachräume: den hochdeutschen und den niederdeutschen. Weil die Verständlichkeit der unterschiedlichen Dialekte auch innerhalb dieser Sprachräume eng begrenzt war, kommunizierte man überregional auf Latein. Latein war das Englisch des Mittelalters. Mit dem Unterschied, dass das gemeine Volk nicht mitreden konnte – nur eine Elite besuchte schließlich die "Lateinschule".
Bereits Karl der Große ordnete deshalb an, dass man in den Kirchen die Volkssprache sprechen solle, damit die Leute wissen, was sie da beten. Mönche machten sich bald daran, erste lateinisch-deutsche Wörterbücher zu erstellen, die von Region zu Region allerdings sehr unterschiedlich ausfielen: Die deutsche Sprache bestand noch aus vielen verschiedenen Dialekten.
Ab 1300 begann das "Aktenzeitalter"; Immer mehr Dinge wurden schriftlich festgehalten, und immer mehr davon auf Deutsch. Die Schreiber in den Kanzleien der großen deutschen Fürsten- und Königshöfe bemühten sich, Unterschiede in den Dialekten auszugleichen, um ihre Schriften in einem möglichst großen Radius verständlich zu machen. Sie guckten voneinander ab und vereinheitlichten so ihre Vor-Schriften und die deutsche Sprache – ganz ohne Gesetz. Ein mühsamer, aber hochinteressanter Prozess, der im Prinzip bis zur Rechtschreibreform anhielt.
"Das Standarddeutsch hat sich allmählich entwickelt und immer wieder angepasst, weil Menschen aus verschiedenen Dialekträumen miteinander kommunizieren mussten", sagt Ulrike Demske, Professorin für Geschichte und Variation der deutschen Sprache an der Universität Potsdam. "Das war ein Prozess, der nicht von oben gesteuert wurde."
Diese Entwicklung machte noch einmal einen großen Schub, nachdem der Buchdruck erfunden war. So einfach und günstig es heute geworden ist, von einer Zeitung unterschiedliche Regionalausgaben zu drucken, so teuer war es damals, als jeder Buchstabe einzeln gesetzt werden musste. Die Kanzleien an den großen Höfen bemühten sich nun zunehmend, ihr geschriebenes Deutsch zu vereinheitlichen. Sachsen gab den Ton an. "Die Sprache der Mitte hat sich durchgesetzt, weil sie am weitesten verständlich war", erklärt Professor Jürgen Erich Schmidt, Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas in Marburg. Der Sprachforscher zitiert den Wittenberger Historiker Petrus Albinus, der 1590 die Meißnische (also Sächsische) Sprache als "die zierlichste, beste vnd reineste in gantz Germanien" beschrieb.
Auch Luther orientierte sich bei seiner Bibelübersetzung an dem Deutsch, das am Meißener Hof geschrieben wurde; benutzte allerdings auch niederdeutsche Ausdrücke und erfand etliche neue Wörter (etwa den "Feuereifer"). Und selbst, als der sächsische Kurfürst Johann Friedrich Mitte des 16. Jahrhunderts gegen Kaiser Karl V. kämpfte, arbeiteten die gegnerischen Kanzleien weiterhin zusammen, wie der Germanist Göttert in seinem Buch "Deutsch – Biografie einer Sprache" schreibt.
Die sächsisch geprägte, auf dem Papier geformte Standardsprache blieb das Vorbild für auf Deutsch verfasste Schriften. Und weil die Schrift gegenüber dem Mündlichen mehr Prestige hatte, bemühte sich das aufkommende Bürgertum, nicht mehr zu schreiben, wie man spricht, sondern möglichst zu sprechen, wie man schreibt. In Sprachvereinen drückte man in der Pflege der Muttersprache seine Liebe zum Vaterland aus.
Dennoch: Der Weg zum Hochdeutschen blieb holprig. Es dauerte, bis für die Aussprache eine überregionale Norm gefunden und akzeptiert war. Der Südosten Deutschlands mochte die Schrift geprägt haben, bei der Aussprache konnte er sich auf Dauer nicht durchsetzen. Goethe etwa mokierte sich über "Eingeborne unserer lieben Stadt Weimar": "Bei diesen entstehen die lächerlichsten Mißgriffe daraus, daß sie in den hiesigen Schulen nicht angehalten werden, das B von P und das D von T durch eine markierte Aussprache stark zu unterscheiden." Er machte sich lustig über Schauspieler, die "Gram" mit "Kram" und "Züge" mit "Ziege" verwechseln. Goethe selbst allerdings hatte als gebürtiger Hesse auch mit seinem Dialekt zu kämpfen. Im "Faust" lässt er Gretchen beten: "Ach neige, Du Schmerzenreiche ..." und hält das offenbar für einen Reim. Der Meister konnte alles außer Hochdeutsch.
Heute prägt die norddeutsche Aussprache die Standardsprache – und Experte Schmidt hat dafür eine einleuchtende Erklärung: Die Norddeutschen blieben sehr lange bei ihrem niederdeutschen Dialekt, der stark von den Dialekten im Süden des Reiches abwich, weil ihm die Lautverschiebung fehlte. Erst im 19. Jahrhundert fand dort ein Sprachwechsel statt. Die Norddeutschen mussten das Hochdeutsche fast wie eine Fremdsprache lernen und artikulierten es deshalb, wie es geschrieben wurde. Das B war bei ihnen ein B, das P blieb ein P.
An der Schwelle zum 20. Jahrhundert hatten die Bürger des Deutschen Reiches ihren Ausdruck gefunden. "Die deutsche Sprache wurde in einem historischen Moment zum Motor der Einheit, zum Klebstoff nationalen Bewusstseins", fast Göttert zusammen.
So sehr die Deutschen auf dem Weg zur Nation bereit gewesen waren, ihre regionalen Unterschiede auszugleichen, so deutlich grenzten sie sich danach allerdings ab gegen weitere Einflüsse, etwa durch die zahlreichen nationalen Minderheiten im Reich. "Integration" ist laut Duden ein Fremdwort. Bis heute.
Von Anke Dürr

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2016
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