31.05.2016

EinwanderungZwei Pferde, eine Kuh und 50 Taler

Als Flüchtlinge gekommen, blieben die Hugenotten in Preußen über Generationen eine stolze Minderheit.
Zweihundert Jahre, dass wir hier zu Land Ein Obdach fanden, Freistatt für den Glauben, Und Zuflucht vor Bedrängnis der Gewissen. Ein hochmuther Fürst, so frei wie fromm, Empfing uns hier, und wie der Fürst des Landes Empfing uns auch sein Volk. Kein Neid ward wach, Nicht Eifersucht, – man öffnete die Thür Und hieß als Glaubensbrüder uns willkommen.
Mit diesen Versen beginnt ein ziemlich schwülstiges Jubiläumsgedicht, das Theodor Fontane im November 1885 zur "Feier des zweihundertjährigen Bestehens der Französischen Kolonie" in Berlin verfasste. Fontane, selbst Spross einer Hugenottenfamilie, erinnert darin an die Flucht der Franzosen, die im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert ihre Heimat verlassen hatten, weil sie aufgrund ihres Glaubens verfolgt wurden. Fast eine Viertelmillion Hugenotten – wie die calvinistisch geprägten Protestanten in Frankreich genannt wurden – floh über die Grenzen. Der absolutistische "Sonnenkönig" Ludwig XIV. hatte im Oktober 1685 in seinem Edikt von Fontainebleau die Religionsfreiheit aufgehoben und den Katholizismus zur Staatsreligion erklärt.
Fontanes Gedicht feiert eine idyllisch-harmonische Aufnahme der Hugenotten durch den "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm I. und die brandenburgisch-preußische Bevölkerung – und bis heute wird die Einbürgerung der Hugenotten gern als Vorbild gelungener Integration herangezogen. Doch ganz so einfach liegt die Sache nicht.
Einer der Flüchtlinge war der junge Bauer Jean Harlan. Er brach noch im Spätherbst 1685 aus der nordfranzösischen Hafenstadt Calais auf, wo er – gerade 20 Jahre alt – als Landwirt und Händler gearbeitet hatte. Zunächst floh er wohl übers Meer ins niederländische Städtchen Cadzand, wo er auf andere Mitglieder seiner Gemeinde traf, auch die beiden Pastoren. Die Fahrt durch den Ärmelkanal kostete durch Hunger, Kälte, Schiffbruch oder Angriffe viele Flüchtlinge das Leben. Aber Schreckliches erzählten die Exilfranzosen auch von daheim: "Es kommen täglich viele miserable geflüchtete allhier an und wissen nicht genugsam von den grausamen proceduren zu erzählen, welche in Frankreich wider diejenigen zur Hand genommen werden, so sich weigern, sich zu der Römischen Katholischen Religion zu begeben", meldete ein preußischer Beamter seinem Landesherrn.
Schon zu Hause hatten die meisten Hugenotten vom Angebot des Kurfürsten erfahren, sie in seinem Gebiet aufzunehmen. Der Landesherr von Brandenburg-Preußen hatte auf das Edikt von Fontainebleau nur wenige Wochen später mit seiner eigenen Erklärung reagiert, die den Hugenotten Glaubensfreiheit, großzügige Privilegien bei ihrer Ansiedlung, eine eigene Rechtsprechung und Schulen, auch Steuererleichterungen und Geld verhieß. Dieses Edikt von Potsdam, am 9. November 1685 auf Deutsch, Holländisch und Französisch veröffentlicht, war mit Geheimkurieren nach Frankreich eingeschleust und sehr schnell bis in die entlegensten Regionen verbreitet worden.
Ein Flüchtling wie Jean Harlan kam bald in Kontakt mit der Infrastruktur, die Brandenburg-Preußen eigens für die "Refugiés" einrichtet hatte. In den protestantischen Niederlanden etwa gab es mehrere Transitstationen, wo die Hugenotten für ihre Weiterreise mit Schutzbriefen ausgestattet wurden. Die ersparten ihnen Zölle und berechtigten sie, unterwegs finanzielle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Harlan siedelte sich zunächst im Örtchen Fahrenwalde in der Uckermark an, heiratete im Februar 1689 die ebenfalls geflohene Marie le Jeune und zeugte drei Kinder mit ihr. Sie lebten mehrere Jahre lang auf einem der 2900 Höfe, die in der Uckermark leer standen. Baumaterial, Saatgut, 50 Taler, zwei Pferde und eine Kuh hatte der Staat ihnen wie auch den anderen eingewanderten Bauern für ihren Neuanfang zur Verfügung gestellt, dazu bekamen sie das Land für Ackerbau und Viehzucht auf drei Generationen in kostenloser Erbpacht gestellt. Sie wurden obendrein von den Frondiensten befreit, die deutsche Bauern leisten mussten, konnten frei ihren Wohnort wählen und mussten zehn Jahre lang keine Steuern und Abgaben zahlen.
Mit seiner ausgesprochen großzügigen Hilfe für verfolgte Glaubensbrüder verknüpfte Friedrich Wilhelm I. auch machtpolitische Ziele: "Eine dem Fürsten persönlich verbundene starke Gruppe von Zuwanderern seiner Konfession bedeutete auch eine Stärkung seiner Position gegenüber den landständischen Adligen und der lutherischen Geistlichkeit", argumentiert die Historikerin Barbara Dölemeyer. Sein Kalkül ging auf – die Hugenotten wurden treue Untertanen.
Zugleich umwarb der Große Kurfürst die Flüchtlinge, weil er die "Peuplierung", also die planmäßige Besiedlung der seit dem Dreißigjährigen Krieg verödeten und weitgehend entvölkerten Landstriche seines Herrschaftsgebiets vorantreiben wollte. Gerade die Uckermark hatte es hart getroffen.
Frankreich galt als Leitkultur Europas, Französisch war häufig die Sprache bei Hofe, und viele Hugenotten hatten in ihrer Heimat zur Elite gehört. Sie galten als fleißig, ehrgeizig und gebildet, einige hatten Manufakturen besessen, eine Betriebsform, die es im rückständigen Brandenburg-Preußen überhaupt noch nicht gab. Die Hugenotten sollten als qualifizierte Fachkräfte ihre neue Heimat in die vorindustrielle Moderne bugsieren, und genau das taten sie dann auch.
"Die Hochschätzung der französischen Kultur kam den Hugenotten sicher in vielerlei Hinsicht entgegen", sagt der Historiker Ulrich Niggemann. Die wohlhabendsten und gesellschaftlich arriviertesten Hugenotten mieden allerdings die deutschen Lande, in denen provinzielle Potentaten mehr schlecht als recht über kümmerliche Kleinstaaten herrschten – und zogen lieber ins weltläufigere England (50 000 Hugenotten-Einwanderer), in die Niederlande (40 000) oder weiter nach Nordamerika.
Blieben die einfacheren Leute, Arbeiter, Bauern und Handwerker wie Jean Harlan. Die rund 20 000 "Refugiés" in Brandenburg-Preußen bekamen es in den ersten Jahrzehnten mit einer Bevölkerung zu tun, die längst nicht immer begeistert war von der neuen Konkurrenz, die ihnen die Obrigkeit ins Land geholt hatte. Wütende Berliner kippten den "Bohnenfressern" Mist vor die Haustür, schlugen ihnen die Fenster ein oder zündeten sogar ihre Häuser an. Zünfte und Gilden weigerten sich, die Zuwanderer aufzunehmen, und mancherorts – auch in Harlans Wohnort Fahrenwalde – stellten sich die Gerichte gegen sie, wenn sie beschimpft oder tätlich angegriffen worden waren.
Jean Harlan zog jedenfalls um 1704 mit seiner Familie wieder aus Fahrenwalde weg. In der uckermärkischen Kleinstadt Schwedt stieg er wenig später als "privilegierter Höker" ins Tabakgeschäft ein – sein Sohn Jakob und dessen Nachfahren bauten daraus eine blühende Handelsdynastie auf. Sie stützte sich, wie die Historikerin Ingrid Buchloh rekonstruiert hat, "auf ein geschäftliches und familiäres Netzwerk, das sie mit den führenden hugenottischen Kaufmannsfamilien Brandenburgs" verband. Die nächsten Generationen der Harlans stiegen erst in die Wirtschaftselite und dann ins Bildungsbürgertum auf.
Ihre Vernetzung war charakteristisch für die Hugenotten, die sich noch über Jahrhunderte als eigene Gruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft verstanden, eben als "Französische Kolonie". Mit eigener Sprache, vielerorts eigenen Schulen, Kirchen und Gerichtsbarkeiten. Ihr Zuzug führte eher zu einem Multikulti-Nebeneinander als zu einer Anpassung an die deutsch geprägte Dominanzkultur – nicht verwunderlich, da sich die Hugenotten dieser Kultur überlegen fühlten.
Dieses Selbstbewusstsein pflegte Theodor Fontane noch 1885 in seinem Lobgedicht:
Mit fleiß'ger Hand, in Allem wohlerfahren, was älterer Kultur und wärmrer Sonne Daheim entsproß und einem reichren Lande – so wirken wir. Und Gottes Segen krönte Der Hugenotten redlich Mühn, dass reich Und glücklich manch Geschlecht dahier erblühte.
Von Susanne Weingarten

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2016
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