26.07.2016

„Wir hatten Lust auf Revolution!“

Der ehemalige Anarchist, Studentenführer und spätere Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit spricht über die Revolte seiner Generation: warum sie notwendig war, was sie verändert hat, welche Irrtümer er sieht.
SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, "1968 fing der Planet Feuer", haben Sie einmal gesagt. Was meinten Sie damit?
Cohn-Bendit: 1968 brach eine politische und kulturelle Revolte aus, die nicht an nationalen Grenzen haltmachte. Der Aufruhr begann in den Vereinigten Staaten, angefeuert vom Vietnamkrieg, griff dann über auf Deutschland und Frankreich, aber auch auf Osteuropa. In Polen etwa und in Jugoslawien gab es Unruhen, die sich gegen den autoritären Kommunismus richteten. Studenten probten in Lateinamerika und der Türkei den Aufstand.
SPIEGEL: Und Sie waren in Paris mittendrin.
Cohn-Bendit: Es gibt ein Foto von mir, da stehe ich einem Polizisten gegenüber und rede auf ihn ein, das ging damals um die Welt. Achtundsechzig war und ist für viele das Symbol für einen Aufbruch, der angedeutet hat: Eine andere, bessere, schönere Welt ist möglich. Achtundsechzig ist ein absoluter Mythos. Meine Person ruft vielerorts bis heute diese Erinnerung hervor – es ist wahnwitzig.
SPIEGEL: Sie haben vor einigen Jahren ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Wir haben sie so geliebt, die Revolution".
Cohn-Bendit: Ja, ich war damals 23 Jahre alt, also ziemlich jung. Und wenn du mit 23 plötzlich das Gefühl kriegst, du und die anderen, wir drehen am Lauf der Geschichte, dann erzeugt das ein äußerst lustvolles Gefühl, eine libidinöse Spannung. Es war eine große, fantastische, verrückte Zeit, widersprüchlich, teilweise gaga, aber auch wunderschön. Für mich, aber auch für viele andere, bleibt es eine prägende Erinnerung für das ganze Leben.
SPIEGEL: Sie gehörten ab Mitte der Sechzigerjahre einer kleinen anarchistischen Gruppe an, deren Mitglieder auf den Marxismus zurückgriffen, um den Kapitalismus zu kritisieren. Gleichzeitig lehnten Sie aber auch den real existierenden Sozialismus in der UdSSR und den Ostblockstaaten ab.
Cohn-Bendit: Für uns Libertäre war der marxistische Ansatz von Anfang an zu autoritär, der Marxismus hatte eine Logik hin zu kommunistischen Parteien und deren Diktatur des Proletariats. Die traditionellen Marxisten in der Sowjetunion, in China oder auf Kuba und ihre Unterdrückungsapparate lehnten wir ab. Wir haben uns stattdessen immer mit den edlen Verlierern der Geschichte identifiziert.
SPIEGEL: Wer waren für Sie diese edlen Verlierer?
Cohn-Bendit: Die Pariser Kommune, der revolutionäre Pariser Stadtrat von 1871, der blutig niedergeschlagen wurde; die Anarchisten und die Rätekommunisten von Kronstadt, die 1921 nach der russischen Revolution von den Bolschewiki liquidiert wurden; die republikanischen Anarchisten und die Trotzkisten im Spanischen Bürgerkrieg, die 1936 von Francos Truppen, teilweise mit Unterstützung der Stalinisten, niedergemetzelt wurden. Sie waren unsere Vorbilder. Wir waren Anhänger einer Idee der Revolution, die sich nicht unterordnet unter eine starre Ideologie, wie der Marxismus es war – und bis heute ist.
SPIEGEL: Wie lautete damals Ihre Kritik am real existierenden Sozialismus Osteuropas?
Cohn-Bendit: Dieser Sozialismus war zum einen ein Staatskapitalismus, zum anderen eine Diktatur. Da gab es keine Freiheit und keine Emanzipation. Der Kommunismus eröffnete, genauso wie der Faschismus, ein Reich der Unfreiheit. Die Philosophin Hannah Arendt hatte bereits 1951 die "totale Herrschaft" dieser beiden großen Ideologien des 20. Jahrhunderts beschrieben.
SPIEGEL: Sie haben an die Revolution geglaubt, zumindest als romantische Utopie ...
Cohn-Bendit: ... meinen Sie romantisch ironisch? Ja, wir hatten Lust auf Revolution! Wir hatten die Idee, dass die Menschen menschlicher miteinander umgehen können. Wir glaubten an Selbstverwaltung auf allen Ebenen, in Betrieben und Schulen, an eine selbstverwaltete Gesellschaft, die ohne das Autoritäre von oben auskommen kann.
SPIEGEL: Was bedeutete das konkret? Wie sollte, Ihrer Meinung nach, die Welt nach der Revolution aussehen?
Cohn-Bendit: Diese Frage stellte mir auch der Philosoph Jean-Paul Sartre im Mai 1968, als er mich für die französische Zeitung "Nouvel Observateur" interviewte. Das Treffen war für mich als junger Mann damals so, als würde man einem Katholiken sagen, der Papst will dich sprechen (lacht).
SPIEGEL: Sartre war einer der großen linken Vordenker.
Cohn-Bendit: Das war er, dabei war er beim Interview mit mir noch nervöser als ich. Auf jeden Fall wollte er genau wissen, wie denn die Revolution sich ereignen wird, was danach sein wird. Und dann sagte ihm dieser 23-jährige Kerl: Die Revolution in Form einer Machtübernahme über Nacht, das ist passé. Es geht um einen sehr langen Weg der Veränderungen und Reformen. Die Revolution eröffnet die Möglichkeit zu permanenten Reformen. So habe ich das formuliert – was Sartre allerdings erkennbar enttäuscht hat. Er hatte wohl einen anderen Traum von einem Aufstand.
SPIEGEL: Ihr Ziel waren Reformen?
Cohn-Bendit: Warum gab es damals überall diese Revolten? Weil die Herrschenden unfähig zu Reformen waren oder sie nicht wollten. Revolten entstehen in der Geschichte immer dann, wenn zwingend notwendige Reformen in einer Gesellschaft verhindert werden. Dann steigt der Druck, bis es irgendwann knallt, bis der Deckel vom Topf fliegt.
SPIEGEL: Wie sollte es nach einem großen Umbruch denn weitergehen?
Cohn-Bendit: Wir hatten die Idee – und das war die große Illusion! – der permanenten Mobilisierung. Wir glaubten, dass die Menschen, wo auch immer sie lebten und arbeiteten, in den Betrieben, den Hochschulen, den Stadtteilen, sich selbst organisieren und so die Gesellschaft als Ganzes ständig neu gestalten würden. Diese Ansicht war aber der Grundfehler.
SPIEGEL: Warum das?
Cohn-Bendit: Wir haben nicht verstanden, dass die Menschen in einem historischen Moment zwar bereit sind zu rebellieren, weil sie sagen: Genug ist genug. Aber sie wollen auf keinen Fall permanent Politik machen – sie wollen leben, ins Kino gehen, Sport treiben, sich lieben! Und das haben wir unterschätzt. Wir haben ein paar Jahre gebraucht, um das zu verstehen.
SPIEGEL: Zeugte es nicht auch von gehöriger Selbstüberschätzung zu glauben, eine globale Revolution stünde vor der Tür?
Cohn-Bendit: Aber es passierte ja überall etwas! Eine unserer Losungen lautete: "À Rome, à Paris, Budapest et Berlin, bataillons d'ouvriers formez-vous!" – In Rom, Paris, Budapest und Berlin, Arbeiterbataillone, formiert euch! – Unser Problem war jedoch, dass unsere geschichtlichen Bezüge aus einem anderen Jahrhundert stammten. Es gab einen schreienden Widerspruch zwischen unseren Emotionen und unserem Aufbegehren als junge Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren waren, und unserer politischen Sprache, die aus dem 19. Jahrhundert stammte. Unsere Arbeiterbataillone waren ja auch imaginär, es gab sie gar nicht mehr.
SPIEGEL: Mitte der Sechzigerjahre war der Vietnamkrieg in vollem Gange, Hunderttausende US-Soldaten kämpften in Indochina, Che Guevara versuchte nach dem Sieg von Fidel Castro auf Kuba auch in Bolivien eine Revolution anzuzetteln. Welche Bedeutung hatten die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt für die Achtundsechziger?
Cohn-Bendit: Die Befreiungsbewegungen waren wichtig für viele Aktivisten hier, für mich persönlich nicht so sehr. Wir waren gegen den Vietnamkrieg, klar, aber für mich waren die Kader des Vietcong, der Guerillabewegung zur Befreiung Südvietnams, üble Stalinisten. Und wenn du die Bücher von Che Guevara liest über den neuen Menschen, kommt dir das Grausen. Die Revolution sollte einen neuen Menschen schaffen, das kann nur schiefgehen! Ich war für die Unabhängigkeit von Kuba, Vietnam, Algerien, aber ich hatte überhaupt kein Vertrauen in die dortigen Bewegungen.
SPIEGEL: Dies gilt für Sie und eine Minderheit der Achtundsechziger. Viele Aktivisten etwa in Deutschland und Frankreich dagegen waren fasziniert von autoritären kommunistischen Führern. Auf den Demonstrationen gehörten Porträts des chinesischen Diktators Mao Zedong zur Standardausrüstung.
Cohn-Bendit: Das ging ja noch weiter. Wie konnte man Deutschland und Frankreich mit ihren damals autoritären Demokratien angreifen und als positives Gegenbeispiel die chinesische Kulturrevolution mit ihren Millionen Toten nennen? Da muss man doch total bescheuert sein! Das ist heute gar nicht mehr nachvollziehbar.
SPIEGEL: Aber wie kam es dann dazu?
Cohn-Bendit: Viele sahen mit Bewunderung, dass die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt den mächtigen Imperialismus und den scheinbar übermächtigen Kapitalismus besiegen konnten. Viele wollten sich einfach mit einer politischen Kraft identifizieren und verbinden, die in der Lage war, erfolgreich zurückzuschlagen.
SPIEGEL: Wie konnte die Jugend von 1968 eigentlich ihre Hoffnungen auf in sich geschlossene Ideologien setzen, nachdem der Faschismus und der Stalinismus des 20. Jahrhunderts so verheerendes Unheil angerichtet hatten?
Cohn-Bendit: Tja, wie ist es zu erklären, dass ein Philosoph wie Sartre in seiner Aversion gegen den Kapitalismus nach Moskau und Kuba reiste und tatsächlich verkündete, das sei die Alternative? Wenn es Menschen nicht gefällt, wie ihnen das Leben aufoktroyiert wird, dann suchen sie nach Erklärungen und Lösungen. Viele haben die Revolte als Klassenauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus begriffen, und aus ihrer Sicht gab es zwischen den beiden Lagern nichts – höchstens ein paar Idioten wie uns, die Anarchisten (lacht).
SPIEGEL: War nicht die Frustration vieler junger Menschen mit ihrem Leben und ihren Perspektiven für das Ausbrechen der Revolte wichtiger als die globale Konfrontation zwischen Kapitalismus und Kommunismus?
Cohn-Bendit: Ja, ich denke schon. Unser Leben sollte ganz anders sein als das unserer Eltern. Dieser Wunsch hatte eine unglaubliche Schlagkraft, und er hat letztlich unsere Gesellschaft radikal verändert. Die moderne offene Gesellschaft, wie wir sie heute in Europa haben, ist ohne unsere Revolte in den Sechzigerjahren nicht zu verstehen; sie würde so nicht existieren. Wir hatten die kleinbürgerliche Familie satt – und in Deutschland besonders auch die Geschichtslosigkeit. Wir wollten raus aus dem Mief, in dem die Zeit des Nationalsozialismus verbrämt wurde. Das war ein wesentlicher Teil der Revolte. Es war auch eine Privatrevolte. Es war nicht nur: Wir klagen an und schlagen, wie Martin Luther, 95 Thesen öffentlich an. Familie für Familie wurde privat angeklagt.
SPIEGEL: In den Sechzigerjahren entstand eine neue Popkultur. Wie wichtig war die Musik für die Genese der Revolte?
Cohn-Bendit: Niemand wird die Faszination der Revolte von 68 verstehen, wenn er nicht die Musik gehört hat, die Musik von Bob Dylan, den Beatles, den Rolling Stones und vielen anderen. Die Musikkultur kulminierte in den großen Open- Air-Festivals, das bekannteste war das 1969 in Woodstock im US-Bundesstaat New York. Ich war 1969 in England beim Isle-of-Wight-Festival. Dort hatten sich nicht nur einfach 200 000 junge Menschen versammelt – wir teilten auch ein Lebensgefühl, wir teilten den Wunsch nach einer anderen Welt. Es war begeisternd und wunderschön.
SPIEGEL: Der kleinste und gleichzeitig radikalste Teil der deutschen Protestbewegung stürzte schon 1970 in den bewaffneten Kampf ab, in den Terrorismus. Sehen Sie es auch als Folge der NS-Geschichte, dass die RAF dann 28 Jahre lang einen absurden Krieg gegen die Bundesrepublik geführt hat?
Cohn-Bendit: Als die Bewegungen von 1968 zerfielen, entstanden in vielen Ländern terroristische Gruppen. Aber die radikalsten dieser Gruppen gründeten sich in Japan, Italien und Deutschland, den faschistischen Achsenmächten des Zweiten Weltkriegs.
SPIEGEL: Hat die bis dahin verweigerte Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit demnach den linken Terrorismus begünstigt?
Cohn-Bendit: In der Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977 kulminierte es. Schleyer war als junger Mann SS-Offizier in Prag gewesen. Wäre er, wie sein Chef Reinhard Heydrich, 1942 von tschechischen Widerstandskämpfern umgebracht worden, stünde heute in den Geschichtsbüchern: Gut so, er war ein übler Nazitäter. Aber was die Pseudorevolutionäre der RAF nicht verstanden haben: Durch seine Ermordung wurde Schleyer gewissermaßen zu einem anderen Menschen, zu einem Opfer, nach dem in der Bundesrepublik Straßen und Hallen benannt wurden. Das ist der Wahnsinn der deutschen Geschichte.
SPIEGEL: Die RAF ist politisch und moralisch restlos gescheitert, viele Ideen der Bewegung von Achtundsechzig hingegen haben überlebt und die Gesellschaft stark beeinflusst.
Cohn-Bendit: Klar, die sexuelle Revolution, die antiautoritäre Erziehung und andere Ideen haben die Gesellschaft in Windeseile verändert. Die Träume der Emanzipation und Befreiung ließen sich von vielen sofort nachvollziehen.
SPIEGEL: Haben Sie nicht auch in der französischen Stadt Nanterre im Mai 1968 mit anderen gegen die Trennung zwischen Männern und Frauen in den Studentenwohnheimen protestiert?
Cohn-Bendit: Ja. Die Studentinnen und Studenten haben diese Trennung beendet. Wir revoltierten gegen eine überkommene Moral und Lebensweise, die wir nicht mehr wollten. Wenn damals jemand in Deutschland an einen unverheirateten Mann ein Zimmer vermietete und der bekam nach zehn Uhr abends noch Besuch von einer Frau, machte sich der Vermieter der Kuppelei schuldig, einer Straftat. Stellen Sie sich das bitte vor.
SPIEGEL: Es kam damals der Glaube auf, dass durch die bürgerliche Moral alle sexuell unterdrückt sind, auch Kinder, und dass alle ihre Sexualität frei entwickeln sollten. Ihnen fiel dieses Denken auf die Füße, als Sie als angeblicher Pädophiler angegriffen wurden, weil Sie in Ihrem 1975 erschienenen Buch "Der große Basar" geschrieben hatten: "Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an."
Cohn-Bendit: Wir wollten die damals repressive Moral aufbrechen, wir sahen Unterdrückung in den Ehen, der Beziehung zwischen Frau und Mann und auch in der autoritären Kindererziehung. Und wir waren unbekümmert. Wobei das Unbekümmertsein eben nicht bedeutet, dass du recht hast. Aber wenn du immer alle Bedenken berücksichtigen willst, wenn du alles ausgewogen haben willst und sofort den Kompromiss im Kopf hast, dann machst du keine Revolte. Ich war nie pädophil; weder Eltern noch Kinder des Kinderladens, in dem ich damals arbeitete, haben dies jemals behauptet. Aber im Rückblick muss ich sagen, dass meine Provokation im "Großen Basar" dümmlich und unverantwortlich war.
SPIEGEL: Haben Ihnen die Vorwürfe zu schaffen gemacht?
Cohn-Bendit: Sie eigneten sich wunderbar in Zeiten von Wahlkämpfen, um Stimmung gegen die Grünen zu machen. Und ich hatte den Eindruck, dass sie vor allem ein Vehikel für Rechte waren, um endlich mit diesen Achtundsechzigern abzurechnen. Nach dem Motto: Den haben wir jetzt auch am Wickel. Kommunist war ich nie, da konnten mir die Rechten nichts anhaben. Gewalt habe ich auch nicht gepredigt. Das Interessante ist: Als mein Buch 1975 erschien, hat sich kein Mensch über die beiden später skandalisierten Passagen aufregt, weder der SPIEGEL noch die "Bild", noch die katholische Kirche, niemand.
SPIEGEL: Heute sehen die Menschen die Gefahr des sexuellen Missbrauchs von Kindern deutlicher.
Cohn-Bendit: Offensichtlich und verständlicherweise wird die kindliche Sexualität heute ganz anders bewertet als 1975. Ehrlich gesagt habe ich die Versuche, mich zum Pädophilen zu machen, geradezu als Vernichtungswillen erlebt. Haben wir einen solchen Willen zur Vernichtung des politischen Gegners in den Sechzigerjahren auch gehabt, habe ich mich gefragt. Kommt der jetzt zurück? In Frankreich war es überhaupt kein Skandal. Aber in Deutschland spielte wohl das Moment der Rache eine Rolle: Joschka Fischer sollte als ehemaliger Steinewerfer zur Strecke gebracht werden, ich als Pädophiler.
SPIEGEL: Klaffen nicht Theorie und Praxis in Sachen Sexualität bei vielen Achtundsechzigern weit auseinander? Sie zumindest haben 1997 Ihre Lebensgefährtin Ingrid Apel geheiratet.
Cohn-Bendit: Wir waren schon 17 Jahre zusammen, als wir geheiratet haben. Unser gemeinsamer Sohn war sieben. Ich hatte davor mehr als 15 Jahre in Wohngemeinschaften gewohnt, bevor wir zusammengezogen sind. Ingrid hatte schon ein Kind. Richtig bürgerlich war das alles nicht. Wir hatten eine Großfamilie. Jeden Sonntag haben wir mit Ingrids ehemaligem Ehemann, seiner neuen Frau und ihren Kindern zusammen gegessen. Es war der Versuch, das dramatische Ende einer Beziehung so zu überwinden, dass die Kinder nicht darunter leiden. Es entstand eine moderne Patchwork-Familie.
SPIEGEL: Haben die Jahre nach 1968 nicht etwas bewiesen, was viele damalige Rebellen bezweifelten, nämlich die Reformfähigkeit des demokratischen Systems, wie es der Historiker Heinrich August Winkler meint?
Cohn-Bendit: Die Achtundsechziger haben die Reformmöglichkeit, die unsere demokratische Gesellschaft hat, erweitert. Die Reformfähigkeit war und ist zunächst abstrakt, und die Achtundsechziger haben die Türen geöffnet. Damit haben sie offenere Gesellschaften geschaffen.
SPIEGEL: Warum werden die Revolte von 1968 und ihre Folgen in Deutschland noch immer so kontrovers diskutiert? Konservative und Jüngere lassen häufig kein gutes Haar an den Achtundsechzigern, während Linke und Liberale sie als Begründer der Demokratie und Initiatoren der NS-Vergangenheitsbewältigung würdigen.
Cohn-Bendit: Weil die Achtundsechziger an den politischen Grundfesten gerüttelt haben, weil sie die Gesellschaften durchgeschüttelt haben. Die ganze Gesellschaft musste umdenken. In der Bundesrepublik Deutschland blieb in der Auseinandersetzung über den Nationalsozialismus auf die Dauer kein Stein auf dem anderen. Und letztlich sind die Protagonisten der Revolte überall gelandet, von ganz rechts bis ganz links. Da findet jeder etwas zum Draufhauen.
SPIEGEL: Ihr persönliches Resümee aus heutiger Sicht, was haben die Achtundsechziger politisch erreicht?
Cohn-Bendit: Zum Glück nicht das, was sie damals alles erreichen wollten. Sie haben eine erfolgreiche Kulturrevolution initiiert. Einzelne waren als Politiker sehr erfolgreich, Joschka Fischer zum Beispiel war ein sehr guter Außenminister. Er besitzt das Machtbewusstsein, das man braucht, wenn man ganz nach oben will. Ich wollte da nicht hin, ich brauchte das nicht. Die meisten Achtundsechziger haben einen Job bekommen, viele als Akademiker, Lehrer und in den Medien. Aber sehr erfolgreich waren am Ende ganz wenige. In Frankreich etwa haben im Herbst 1968 etliche Genossen Suizid begangen, weil die revolutionäre Hoffnung zerbrochen war.
SPIEGEL: Was ist neben individuellen Karrieren und Schicksalen geblieben?
Cohn-Bendit: Zum Beispiel die Frauen- und die Schwulenbewegung. Der Kampf um die Autonomie des Individuums, um die Freiheit, der ist 1968 eröffnet worden. Für mich persönlich war 1968 eine antitotalitäre Bewegung und eine antinationale. Daran konnte ich später bei meiner Arbeit für die Grünen im Europaparlament, bei meiner Arbeit für die europäische Idee, gut anknüpfen.
SPIEGEL: Sie persönlich haben Glück gehabt?
Cohn-Bendit: Meine Generation wusste noch nichts von der ökologischen Krise, nichts von Aids, nichts von Arbeitslosigkeit. Wir hatten keine Angst. Wir wollten unsere Zukunft selbst bestimmen. Heute wollen die meisten Jungen überhaupt nur eine Zukunft haben, irgendeine.
SPIEGEL: Bedauern Sie die Jugend von heute?
Cohn-Bendit: Die Welt ist viel komplexer geworden. Die Jungen können nicht mehr einfach an irgendeine Sache glauben. Die Jungen haben es viel schwerer als wir.
SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Daniel Cohn-Bendit

wurde 1945 in Frankreich als Sohn jüdischer Eltern geboren, die 1933 vor den Nazis aus Berlin geflohen waren. 1958 zog er nach Frankfurt und wählte später die deutsche Staatsbürgerschaft. Bei den Studentenunruhen vom Mai 1968 in Paris war er der prominenteste Anführer (o.) , bis ihn die Regierung des Landes verwies. Von 1994 bis 2014 saß er für die Grünen im Europaparlament.
"Wir hatten die kleinbürgerliche Familie satt."
"Wir wollten die damals repressive Moral aufbrechen."
Von Joachim Mohr und Michael Sontheimer

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2016
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