26.07.2016

„Wunder der Liebe“

Die sexuelle Befreiung wurde massentauglich: In Zeitschriften und im Kino ging es plötzlich um ungehemmte Lust. Von Andreas Wassermann
Paul lehnt an der Wand. Er fingert eine Gauloise aus der Brusttasche seines Jacketts, zündet die Zigarette an und nimmt den ersten Zug. Paul ist verliebt, er hofft auf ein Rendezvous mit Madeleine.
Das hübsche Mädchen spielt die Kokette. Ob er unter "am Abend ausgehen" miteinander schlafen verstehe, fragt Madeleine. Paul schweigt.
Irgendwann später landen Paul und Madeleine im Bett. Eine Freundin von Madeleine liegt neben ihnen. Paul kuschelt sich unter der Bettdecke an seine Geliebte. Er soll sanft sein, sagt Madeleine, und dann spricht sie von der Liebe und der Einsamkeit im Herzen. Zu dritt schlafen sie ein.
Paris 1966 – Jean-Luc Godards Filmcollage "Masculin Féminin" zeigt den Vorabend der sexuellen Revolution. Die Libertinage ist noch gefangen in der bürgerlichen Konvention; die Chansonette Françoise Hardy schwärmt von den "petits garçons", den kleinen Jungs, "die noch nicht wissen, wie man liebt". Doch nur drei Jahre später wird Jane Birkin, das It-Girl ihrer Generation, Serge Gainsbourgs Lied "Je t'aime ... moi non plus" so hemmungslos ins Mikrofon stöhnen, als stünde sie kurz vor einem Orgasmus.
Es ist ein widersprüchliches Jahrzehnt, eine Zeit des Umbruchs – auch in der Sexualität. Die Sechziger werden bestimmt von einer Generation, die in die Trümmer des Zweiten Weltkriegs hineingeboren wurde und aufwuchs in den Fünfzigerjahren, als eine Fassade aus Benimm und Bürgerlichkeit Faschismus und Völkermord vergessen machen sollte.
Ein wenig erinnern die Sechziger an die Zwanzigerjahre. Die alte aristokratische Ordnung war damals auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs untergegangen. Die Überlebenden nahmen sich neue Freiheiten, auch sexuelle. Sie flüchteten sich in Hedonismus und Entgrenzung. Doch war in jenen Jahren offen ausgelebte Zügellosigkeit weitgehend auf Intellektuelle und Künstlerkreise beschränkt.
Vier Jahrzehnte später wird die sexuelle Befreiung massentauglich. Die in den USA entwickelte Antibabypille schützt die Frauen erstmals zuverlässig vor ungewollter Schwangerschaft (siehe Kasten Seite 36). Sex und Lust werden ab Mitte der Sechzigerjahre öffentlich verhandelt wie der Vietnamkrieg oder die Mode des Minirocks. Das neue Schlagwort heißt Aufklärung: Der spröde-wissenschaftliche Kinsey-Report, eine empirische Untersuchung des Sexualverhaltens in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, wird nun von den Medien popularisiert und findet große Resonanz. Millionen Deutsche sehen die expliziten Filme des ehemaligen Boulevardjournalisten Oswalt Kolle.
Begonnen hat das neue Jahrzehnt, wie das alte endete: prüde und lustfeindlich. Sex vor der Ehe gilt als unmoralisch, Intimität zwischen Männern als widernatürlich und kriminell. Wer unverheirateten Paaren ein Zimmer vermietet, sei es für eine Stunde oder eine ganze Nacht, steht mit einem Bein im Gefängnis wegen "Förderung der Unzucht". So regelt es der "Kuppelei-Paragraf", Paragraf 180 des Strafgesetzbuchs, der noch aus dem wilhelminischen Kaiserreich stammt.
Schülerinnen, die schwanger werden, fliegen von der Schule. Wer abtreiben will, ist auf illegal arbeitende Ärzte und mehr oder minder versierte Hobby-Gynäkologen angewiesen. Schwangerschaftsabbrüche gelten als Verbrechen und können mit langjähriger Zuchthaus- strafe geahndet werden.
Aufklärung in der Schule findet im Biologie- im und Religionsunterricht statt und beschränkt sich auf schematische Fortpflanzungskunde, Warnungen vor Geschlechtskrankheiten und das Lob der keuschen Liebe. Die Botschaft: Sex hat nichts mit Lust, Genuss und Selbstbestimmung zu tun.
Ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen Jugendliche meist auf "Knutschpartys", wenn die Eltern nicht zu Hause sind. Oder sie probieren es zumindest. "In den Sofaecken suchten unsichere Gymnasiastenhände erotische Erfüllung in Büstenhaltern und Strumpfgürteln. Die stets um ihre toupierten Frisuren bangenden Mädchen gaben sich sinnlich lockend und verführerisch wie die Sexbomben im Kino. Früher oder später aber entwanden sie sich beleidigt und verfielen in einen eher den Heimatfilmen abgelauschten Habitus der bedrängten Unschuld", schreibt die Schriftstellerin und Essayistin Ulrike Heider in ihrer 2014 erschienenen Studie "Vögeln ist schön". Heider ist Jahrgang 1947, also Zeitzeugin.
Pornos sind noch keine Alternative. Denn sie sind hierzulande wie fast überall in Europa verboten und finden nur selten, eingeschmuggelt aus dem liberalen Skandinavien, den Weg in die Hände von Heranwachsenden. Filme, in denen nicht nur ein Kinokuss und alles verhüllende Dunkelheit Sex erahnen lassen, werden auf den Index gesetzt. Solche Werke dürfen auch Erwachsene entweder gar nicht oder nur zensiert anschauen. Selbst harmlose Schlager rufen die Sittenwächter auf den Plan. So weigert sich der Bayerische Rundfunk, das Lied "Schuld war nur der Bossa Nova" zu senden, wegen der Zeile: "Doch am nächsten Tag fragte die Mama: Kind, warum warst du erst heut morgen da?". Das gilt den Münchner Rundfunkmachern 1963 als zu anrüchig.
Im Jahr darauf setzt mit Ingmar Bergmans Film "Das Schweigen" langsam eine Liberalisierung ein. Zum ersten Mal gibt die Bundesprüfstelle zur freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) einen Film mit Sexszenen für Zuschauer ab 18 Jahre frei. Es sind drei kleine Einstellungen: Ein Paar hat Geschlechtsverkehr im Varieté während der Vorführung, eine Frau schläft mit einer Zufallsbekanntschaft in einem Hotelzimmer, und die Hauptdarstellerin masturbiert. Die Schauspieler sind bekleidet, nur einmal ist – für wenige Sekunden – ein blanker Busen zu sehen. Doch die prüde Volksseele kocht. Vor Kinos, die den Film im Programm haben, demonstrieren selbst ernannte Sittenwächter gegen diesen "Schweinkram". Manche Lichtspielhäuser erhalten Bombendrohungen. Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Duisburg gehen über hundert Strafanzeigen wegen Unzüchtigkeit ein, die aber in keinem Fall zu einem Ermittlungsverfahren führen.
Die Untätigkeit der Justiz will Adolf Süsterhenn nicht hinnehmen. Mit Gleichgesinnten ruft der erzkatholische CDU-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz die Aktionen "Saubere Leinwand" und "Bewegung gegen Schmutz und Schund" ins Leben und sammelt Unterschriften für eine Grundgesetzänderung, um die Freiheit von Kunst und Kultur einzuschränken. Doch mit einem entsprechenden Antrag im Parlament scheitert er. Der Zeitgeist tickt inzwischen anders.
Trendsetter ist das Magazin "Twen", das aus einer Kölner Studentenpostille Ende der Fünfzigerjahre hervorgegangen ist. Bereits zur Jahreswende 1959/60 lässt "Twen" relativ freimütig junge Leute über Sex plaudern. Ab der zweiten Hälfte der Sechziger präsentieren leicht bis gar nicht bekleidete, lasziv dreinblickende Frauen auf den Titelbildern Themen wie "Welcher Mann ist der beste Liebhaber?" oder "Warum manche Mädchen nur Mädchen lieben". Bald sollten die großen Illustrierten wie "Stern", "Quick" und "Neue Revue" nachziehen.
Sex wird eines der wichtigsten öffentlichen Themen, als wären Lust und Liebe so neu und unbekannt wie die Weltraumfahrt. Und mit der gleichen Liebe zum Detail, mit der TV-Journalist Günter Siefarth ("Mister Apollo") das deutsche Fernsehpublikum mit der Technik der Mondlandung vertraut macht, führt Oswalt Kolle die Deutschen durch die Weiten eines erfüllten Liebeslebens jenseits der Missionarsstellung.
Kolle lehrt den deutschen Mann, wie er einen vorzeitigen Samenerguss vermeidet, dass zum guten Sex auch ein Vorspiel gehört oder dass Frauen anders zum Orgasmus kommen als Männer. Er schreibt Kolumnen in "Quick" und "Neue Revue", dann macht er Aufklärungsfilme fürs Kino. Sein "Wunder der Liebe", von der FSK freigegeben ab 18, wird mit sechs Millionen Zuschauern ein Kassenschlager. Regie führt Franz Josef Gottlieb, dem bundesdeutschen Publikum als Regisseur von Edgar-Wallace-Krimis wie dem "Schwarzen Abt" bekannt.
Auch Kunst und Literatur nehmen sich nun immer mehr sexuelle Freiheiten. 1968 erscheint die deutsche Ausgabe von Henry Millers "Stille Tage in Clichy". Das stark autobiografisch gefärbte Werk, worin er – in eindeutiger Sprache – seine diversen Sexerfahrungen mit Prostituierten im Vorkriegs-Paris der Dreißigerjahre schildert, schrieb Miller bereits in den Vierzigerjahren. In Millers Heimat, den puritanisch geprägten USA, erschien das Buch drei Jahre vorher und löste beim konservativen Establishment einen Sturm der Entrüstung aus. Thilo Koch hingegen zeigt sich in seiner Rezension für die bildungsbürgerliche "Zeit" beeindruckt: "Sein unstillbarer Hunger nach Ausschweifungen ist gigantisch, aber seine Schreibmaschine hält Schritt."
Am Bremer Theater inszeniert der mit 41 Jahren nicht mehr ganz so junge Wilde Peter Zadek 1967 auf kahler Bühne die leicht frivole Shakespeare-Komödie "Maß für Maß" als Gangbang-Party. "Sie gackern und krähen, heulen wie Wölfe, stellen sich auf den Kopf, zucken orgiastisch, legen Hand an primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale und spielen Koitus", beobachtete der Kritiker des SPIEGEL.
Es ist die Hochphase der Achtundsechziger-Bewegung. Die Studenten Europas und in den USA opponieren nicht nur gegen den Krieg der USA in Vietnam, sondern auch gegen die Bigotterie der Nachkriegsgesellschaft. Das Private wird politisch, auch der Sex.
Die Befreiung des Menschen beginne im Bett, postuliert in Westberlin eine Gruppe um den Spaß-Guerillero Dieter Kunzelmann. Im Januar 1967 gründet sie in der leer stehenden Wohnung des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger die Kommune I, um ein gemeinsames Leben "der leidenschaftlich an sich selbst Interessierten" zu organisieren: das revolutionäre Leben als Party, mit Drogen und promiskuitivem Sex.
Den intellektuellen Überbau liefern zwei jüdische Emigranten, die rechtzeitig dem Terror der Nazis entkommen waren. Der eine ist der 1957 in den USA verstorbene Psychiater und Sexualwissenschaftler Wilhelm Reich, der bereits in den Zwanzigerjahren die Kapitalismuskritik von Karl Marx und die freudsche Psychoanalyse zu einer eigenen Gesellschaftstheorie vermählt hatte. In seinem Grundsatzwerk "Die Massenpsychologie des Faschismus" aus dem Jahr 1933 sieht Reich in der Unterdrückung der Sexualität die Ursache für autoritäres, obrigkeitsgläubiges Verhalten.
Der andere ist Herbert Marcuse, einer der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule, deren undogmatischer Neomarxismus zur bestimmenden Theorie der Studentenbewegung wird. Sein Buch "Eros und Kultur" gehört quasi zum Handapparat des rebellischen Studenten. In seiner philosophischen Streitschrift misst Marcuse einer befreiten Sexualität entscheidende Bedeutung für die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft zu.
Marcuse-Leser, die der revolutionären Theorie die revolutionäre Praxis folgen lassen wollen, finden in Frankfurt einen geeigneten Ort: das Kolbheim am Beethovenplatz. Die Studentenherberge nutzt der linke SDS als Kommunikationszentrum und Diskussionsort. Wenn der dichte Nebel unzähliger Zigaretten den revolutionären Geist ermatten lässt, finden die Genossen und Genossinnen zu neuen Höhepunkten ein Stockwerk tiefer, im bunkerartigen Kolbheim-Keller. "Wer vögeln wollte, ging und tat es, bei hellem Licht und ohne lüsterne Entkleidungszeremonien", erinnert sich die damalige Kellerbesucherin Ulrike Heider.
Doch ein derart libidinöses Treiben scheint nur der selbst ernannten Avantgarde Befriedigung zu verschaffen. Die Mehrheit der Jugend ist in ihrem Geschlechtsleben deutlich konservativer oder behauptet zumindest, es zu sein. Die Zeitschrift "Twen" veröffentlicht eine Untersuchung zum Thema "Moral 1968". Danach findet es mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen "keineswegs altmodisch", auf Sex vor der Heirat zu verzichten. Und ein Viertel hält es für selbstverständlich, dass die Frau unberührt in die Ehe geht.
Das Ergebnis überrascht auch die Macher des Magazins, das seit Jahren ganz vorn auf der Sexwelle schwimmt: "Der Teufel um sich greifender Verderbtheit, der an des Spießers Wand gemalt ist, degeneriert zum Papiertiger."
Von Andreas Wassermann

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2016
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