27.09.2016

Töchter des Königs

Lange Zeit beherrschten die Franzosen eine riesige Kolonie und konkurrierten mit Neuengland. In Louisiana und Québec lebt die Kultur dieser Siedler weiter.
Als der konservative französische Politiker Alain Juppé im Jahr 2004 die Folgen einer Verurteilung wegen illegaler Parteienfinanzierung zu überstehen hatte und von der nationalen politischen Bühne abtreten musste, verließ er die Heimat in Richtung Amerika. Als wahrem Gaullisten wäre es ihm aber nicht in den Sinn gekommen, in den anglofonen Teil des nordamerikanischen Kontinents überzusiedeln. Ein Foto, wie er im Kapuzenshirt einen Hamburger verzehrt, am Ende noch mit den Händen, hätte ihm nachhaltig jede Möglichkeit eines Comebacks versperrt. Juppé verbrachte stattdessen ein akademisches Jahr in Montréal, unterrichtete dort französisches Verfassungsrecht und gilt seitdem als Freund Québecs, der Frankofonie überhaupt und als aussichtsreicher Kandidat bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2017.
Zwar hat Frankreich, im Ancien Régime wie in der Republik, ein Kolonialreich geschaffen und unterhalten, das überall dort in Fragmenten zu finden ist, wo schön die Sonne scheint. Doch wenn es darum geht, außerhalb Frankreichs mit französischer Sprache, Kultur und Lebensart Staat zu machen, empfiehlt sich eine Rückbesinnung auf die französische Besiedlung Nordamerikas.
Die begann zunächst, mit nur mäßigem Erfolg, in Florida, nachdem 1562 Jean Ribault und einige tapfere Hugenotten die Siedlung Fort Caroline gegründet hatten. Doch schon 1565 vertrieben die streng katholischen Spanier diese Franzosen häretischen Glaubens in einem Massaker, das durchaus als Vorläufer klassischer Stellvertreterkriege gelten kann. Dauerhafter erwies sich die Besiedlung weiter im Norden. Hier erteilte der große Henri IV. den Auftrag zur Gründung einer "Nouvelle France", was groß klang, aber 1604 nur als bescheidene Siedlung auf dem heutigen Dochet Island begann.
Besonders rasant entwickelte sich Neufrankreich auch später nicht. Die Migranten waren Männer, die zu Hause einiges auf dem Kerbholz hatten oder wegen mangelnder Eignung im Ancien Régime nicht reüssierten. Sie kamen nicht wegen religiöser Verfolgung, waren auch keine klassischen Wirtschaftsflüchtlinge, sondern eher eine Abordnung jener überflüssigen Landbewohner, von denen die vorindustrielle Gesellschaft allzu viele hervorbrachte.
Auch in der neuen Welt kamen sie zunächst nicht recht voran, denn sie gründeten zu wenige Familien. Ludwig XIV. vermittelte daher 1663 und in den Folgejahren zwischen 800 und 900 sogenannte Filles du Roy (Töchter des Königs) nach Übersee, um den demografischen Aufschwung anzustoßen. Dabei handelte es sich um ledige junge Frauen, deren Eltern gestorben waren und denen das Reich eine Mitgift zahlte, damit sie in der Kolonie Familien gründeten. Immerhin war bald von 700 Neugeborenen die Rede.
Im 17. und 18. Jahrhundert verschärfte sich die Konkurrenz zwischen Frankreich und England: Während die englischen Kolonien die nordamerikanische Ostküste beherrschten, drangen die Franzosen weit nach Norden, Westen und Süden vor. Ihr Kolonialgebiet wuchs in gigantische Dimensionen und reichte schließlich von Kanada entlang dem Mississippi bis an den Golf von Mexiko. Die weitere Expansion Neuenglands war dadurch blockiert.
Krieg war praktisch unvermeidlich. Als Sieger behaupteten sich in den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen die Engländer, deren Kolonien erheblich dichter besiedelt und wirtschaftlich stärker waren als das wilde Riesenreich der Franzosen, das stark vom Pelzhandel lebte.
Eine der ersten Entscheidungen fiel im heutigen kanadischen Südwesten. Acadie, zu deutsch: Akadien, hieß diese fruchtbare Region, vor der reiche Fischgründe lagen. Die Siedler dort hatten einen überwiegend französischen Hintergrund und pflegten enge und freundschaftliche Beziehungen zur Urbevölkerung, den Mi'kmaq. Im Frieden von Utrecht 1713 kam Acadie fast komplett unter das Regime der Engländer. Heute reklamieren die kanadischen Nachfahren der Acadiens für sich den Status einer ethnischen Mischbevölkerung aus französischen Siedlern und Ureinwohnern.
Mehrfach verlangte die englische Krone von den Acadiens eine Bekräftigung ihrer Loyalität per Eidesleistung und die Versicherung, auch gegen die französischen Bewohner Québecs zu kämpfen. Das war vom anglikanischen König schlicht zu viel verlangt, denn der katholische Glaube war und ist ein zentrales Identitätsmerkmal sowohl der Québécois wie ihrer südlichen Landsleute. Nun reagierten die Engländer mit großer Härte gegen die "french neutrals". Es folgte, was in der Geschichte der Acadiens als "Grand Dérangement" bekannt wurde, die mit Gewalt betriebene Umsiedlung von etwa 12 000 Personen. Sie gingen nur zu einem Teil zurück nach Frankreich. Viele suchten sich neue Wohnorte, verstreut in ganz Nordamerika. Das gilt als ethnische Säuberung, bevor der Begriff bekannt wurde; 2003 wurde die Deportation auch von Königin Elizabeth II. als solche anerkannt. Seitdem wird der 28. Juli als Tag der Erinnerung daran begangen.
Das Ende von Neufrankreich kam im Siebenjährigen Krieg, als die Engländer am 13. September 1759 die entscheidende Schlacht um Québec gewannen. Vier Jahre später musste Frankreich fast alle seine nordamerikanischen Gebiete abtreten. Weil sich die Québécois aber nicht anglisieren wollten, erlaubte ihnen London bald ihr Eigenleben.
Die Kultur der französischen Siedler wurde außerhalb Québecs am ehesten in Louisiana bewahrt. Hier werden die Nachfahren der Acadiens als Cajuns bezeichnet. Sie bilden eine gut erkennbare kulturelle Minderheit, die sich durch gelebten Katholizismus, eine spezifische gastronomische Kultur und einen für nordamerikanische Verhältnisse eher förmlichen sozialen Umgang auszeichnet. Man pflegt eine etwas altmodische Galanterie und vermeidet es, auf der Straße zu essen.
Der aus Louisiana stammende Politikberater und Fernsehkommentator James Carville wurde in den Achtzigerjahren zur prominentesten Stimme dieser lange bitterarmen Minderheit innerhalb der USA. Als Carville 1992 dem damals noch weithin unbekannten, ebenfalls aus dem französisch inspirierten Süden stammenden Bill Clinton zum Wahlsieg verhalf, verdiente er fortan mit seiner Politikberatungsfirma gutes Geld. Er investierte es – als persönliche Revanche nach allzu vielen Besuchen von Schnellrestaurants während langer Wahlkampfreisen – in ambitionierte Restaurants mit Cajun-Küche. Die greift die inklusiven und kooperativen Elemente der Geschichte der französischen Besiedlung Nordamerikas auf, denn sie ist wesentlich von karibischen Einflüssen geprägt.
In Québec kann man heute noch studieren, wie kulturelle Eigenart, Weltoffenheit, Traditionsbewusstsein und Modernität eine Synthese eingehen. Hier ist man Migranten gegenüber offen und wacht gleichzeitig mit strengen Gesetzen und Quoten über die Beibehaltung der Zweisprachigkeit. Die eigene kulturelle Produktion in Literatur, Film und Fernsehen wird gefördert und geschützt, dem südlichen Nachbarn ist es nicht gelungen, auch diese Provinz restlos mit unterhaltungsindustrieller Einheitsware zu überziehen. Das bleibt für eine noch zu ersinnende europäische Kulturpolitik ein weltweit einmaliges Vorbild.
Die Geschichtsschreibung hat die französische Besiedlung des Kontinents bislang vorwiegend unter dem Aspekt einer gescheiterten kolonialen Episode und im Kontext der europäischen Mächtekonkurrenz beschrieben. Es handelte sich durchweg um eine Unternehmung kleiner Leute – Fischer, Land- und Waldarbeiter –, aus deren Kreis keine großen Helden oder sonstigen historischen Figuren hervorgegangen sind. Ihre Geschichte – die Neutralität, die freundlichen Beziehungen zu den Ureinwohnern und die Pflege von Kultur und Tradition – ist aber durchaus geeignet, als Sonderweg der nordamerikanischen Besiedlung gewürdigt zu werden. nils.minkmar@spiegel.de
Von Nils Minkmar

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2016
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