27.09.2016

Ein Musical schreibt Geschichte

„Hamilton“ am Broadway
Als Finanzminister wäre er wahrscheinlich stolz darauf gewesen, wie viel Geld seine Story wert ist. Seit Januar 2015 läuft in New York ein Musical, in dem das Leben des Alexander Hamilton getreu den historischen Fakten nacherzählt wird, und dieses "Hamilton"-Werk schlägt alle Rekorde: Auf Monate ausgebucht, zahlten die Menschen für ein Ticket der Show am 9. Juli 2016, der letzten, in der noch der Original-Hauptdarsteller auftrat, ganz offiziell bis zu 1500 Dollar. Manchen soll das Ereignis sogar bis zu 10 000 Dollar wert gewesen sein.
Lin-Manuel Miranda heißt der Mann, der auf der Bühne den ersten Finanzminister der USA verkörpert. Aber er ist viel mehr als nur der Hauptdarsteller: Der 36-Jährige ist der Kopf und die Seele von "Hamilton", er hatte die Idee für das Musical, er hat das Buch, die Songtexte und die Musik geschrieben. Das Geheimnis seines Erfolgs: Miranda hat nicht nur einen revolutionären Helden mit einer dramatischen Geschichte auf die Bühne gebracht, er hat zugleich das Musicalgenre revolutioniert, indem er den Hip-Hop auf dem Broadway etablierte.
Er sieht deutliche Parallelen zwischen der schwierigen Kindheit des Gründervaters und der von Hip-Hop-Stars wie Jay Z oder Eminem. Deshalb sind die Wortgefechte zwischen Hamilton und Jefferson im Kabinett bei Miranda echte Rap-Battles, nur eben in historischen Kostümen.
Und plötzlich wird spürbar, was in der Schule zu oft nur Behauptung bleibt: dass die Gegenwart einer Nation etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Für Miranda erzählt Hamiltons Aufsteigergeschichte zugleich die Geschichte der aufsteigenden Nation: "Hey, yo", rappt der Gründervater aus der Karibik, "ich bin genau wie mein Land, jung, angriffslustig und hungrig."
Ganz nebenbei wird in "Hamilton" auch noch die amerikanische Musikgeschichte durchgenommen. Miranda verwendet Elemente aus Jazz und Rhythm 'n' Blues und zitiert den englischen Musical-Übervater Andrew Lloyd Webber. Der britische König George III., nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, singt im Stil der Beatles.
Auf einer weiteren Ebene seiner hochintelligenten Show erzählt der "Hamilton"-Macher die Geschichte von Amerika als Einwanderungsland neu. Miranda, selbst Sohn puertoricanischer Immigranten und in New York aufgewachsen, hat fast sämtliche Hauptrollen mit afroamerikanischen oder hispanischen Darstellern besetzt. Das kann man als revolutionäre Geste der Selbstermächtigung deuten: Miranda kapert die offizielle amerikanische Geschichte, der oft genug vorgeworfen wurde, dass sie nur die "weiße" Seite erzähle, und erklärt sie zum Eigentum von allen.
Mehr als sechs Jahre lang trug Miranda, der schon mit seinem ersten Musical "In the Heights" (2005) großen Erfolg hatte, die Idee zu einem Stück über den Mann auf dem Zehn-Dollar-Schein mit sich herum und entwickelte sie beharrlich weiter. Am Ende stand das Happy End: ein Zuschauerandrang, wie ihn der Broadway seit Jahrzehnten nicht erlebt hat, dazu der Pulitzerpreis für Miranda. Und bei den Tony Awards, dem "Oscar" der Musical-Branche, war sein Stück jetzt 16-mal nominiert (auch das ein Rekord) und gewann 11-mal. Kein Zweifel: "Hamilton" ist eine uramerikanische Erfolgsgeschichte. ■
Von Anke Dürr

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2016
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