27.09.2016

Made in USA

Seit mehr als zweihundert Jahren haben amerikanische Erfindungen die Welt verändert. Fünf Beispiele.

Die "cotton gin"

Eli Whitney hat sicher nicht gedacht, dass seine Erfindung den Lauf der Geschichte beeinflussen würde. Der 26-jährige Sohn eines Farmers aus Massachusetts tritt 1792 eine Hauslehrerstelle auf einer Plantage in Georgia an. Dort erkennt Whitney schnell, dass das mühsame Trennen der Baumwollfasern von den Samen in Handarbeit der entscheidende Engpass ist, der die Ausweitung der Produktion behindert. Es gibt bereits Trennmaschinen, aber sie arbeiten schlecht. Nach nur zehn Tagen, so die Legende, stellt Whitney seine "cotton gin" fertig. Damit lässt sich die Baumwolle 50-mal schneller säubern.
Whitneys patentierte "gin" (eine Verballhornung von "engine") revolutioniert die Landwirtschaft. US-Baumwolle ist um 1780 erstmals nach England exportiert worden, wenige Ballen nur. In der Zeit vor dem Bürgerkrieg erhöht sich der Export auf unglaubliche 4,4 Millionen Ballen, die rund 60 Prozent der jährlichen US-Exporterlöse erzielen. In manchen Gebieten sind jetzt über 70 Prozent der Bevölkerung Sklaven. Diese Abhängigkeit von der Sklavenarbeit vertieft die Spaltung zwischen Nord und Süd – bis zum Bürgerkrieg.


Der Fahrstuhl

Elisha Graves Otis teilt das Schicksal vieler Männer seiner Generation. Der 1811 in Vermont Geborene ist Opfer der schnellen Abfolge von Rezessionen und muss jeden Job annehmen, der die Familie durchbringt.
Zunächst arbeitet er als Kutscher, betreibt dann eine Kornmühle, geht pleite, baut Pferdewagen, erfindet Dinge, die niemand braucht, näht sogar Puppen. Schließlich gründet er in Yonkers bei New York eine Firma, die Aufzüge baut. Aber auch dieses Geschäft lahmt, trotz seiner genialen Sicherheitsbremse, die Abstürze sicher verhindern soll.
Eine dramatische Inszenierung bringt 1854 die Wende: Auf der Weltausstellung in New York stellt Otis sich auf einen schwebenden Lastenaufzug. Auf sein Zeichen hin hackt ein axtschwingender Gehilfe das Tragseil durch.
Nur wenig sackt die Plattform, schon greift die Bremse, der Aufzug steht. Otis ist bald gut im Geschäft. Der erste reine Personenaufzug seiner Firma wird 1857 eingeweiht. Ohne Aufzüge ist der Bau von Hochhäusern nicht denkbar. 1870, neun Jahre nach Otis' frühem Tod, wird das weltweit erste Bürogebäude, das von vornherein mit einem Aufzug ausgestattet ist, in Manhattan fertiggestellt, es hat sieben Stockwerke.


Die Geschirrspülmaschine

Josephine Cochrane ist sauer. Die Hausangestellten haben schon wieder das teure Porzellan angeschlagen. Ab jetzt wird sie alles selbst abspülen, eine lästige Arbeit. Was aber, wenn eine Maschine dies übernähme?
Die 44-Jährige tüftelt und probiert, schließlich entsteht ein Prototyp: Drahtbehälter nehmen Tassen und Teller auf, die Geschirrkörbe stellt man dann auf ein liegendes Rad in einem Kupferkessel. Eine Handkurbel versetzt das Rad in Drehung, gleichzeitig spritzt eine Pumpe heiße Seifenlauge und dann klares Wasser über das Geschirr. Das Gerät funktioniert, aber zunächst zeigt niemand großes Interesse an Cochranes Erfindung.
Erst als sie ihre "dish-washing machine" 1893 in Chicago auf der Weltausstellung vorführt und einen Preis gewinnt, kommen die Aufträge. Ihre Kunden sind zunächst Restaurants und Hotelküchen – den Preis von 150 Dollar können sich Privatleute kaum leisten.
Bis 1912, ein Jahr bevor sie mit 74 Jahren stirbt, verkauft Josephine Cochrane die Geräte aus ihrer Fabrik noch persönlich.


Die Rasierklinge

Ende des 19. Jahrhunderts schlägt sich King Camp Gillette als Vertreter für Kronkorken durch, einer neuen Erfindung aus Baltimore. Kronkorken werden nach dem Öffnen einfach weggeworfen. Wo, so Gillettes Überlegung, könnten Einwegprodukte noch erfolgreich sein?
Er kommt auf den Rasierer. Bisher greifen die Männer zum Messer, das ständig nachgeschärft werden muss, oder sie gehen regelmäßig zum Barbier. Ab 1900 entwickelt Gillette den Rasierer und die auswechselbare Klinge. Sein "Safety Razor" und eine Klinge kosten fünf Dollar, 20 Ersatzklingen einen Dollar. Gillette weiß: Hat man den eigentlichen Rasierer erst mal verkauft, ist das Geschäft mit den Ersatzklingen eine sichere Sache.
Der Beginn ist schwer, mehrfach hat die Firma Finanzprobleme. 1903, im ersten Produktionsjahr, verkauft er 51 Geräte und 168 Klingen. Zwölf Jahre später gehen schon mehr als 70 Millionen Klingen über die Ladentheken. Die US-Soldaten im Ersten Weltkrieg nutzen den Apparat millionenfach. Als Gillette 1932 stirbt, ist er ein berühmter Mann, sein Konterfei prangt auf jeder Klingenpackung.


Der Scheibenwischer

Den Scheibenwischer hat die Welt Mary Andersons Besuch in New York zu verdanken. An einem eisigen Tag im Winter 1902 beobachtet sie, mit welcher Mühe die Fahrer der Straßenbahnen ihre Scheiben freihalten müssen. Immer wieder steigen sie aus, um Graupel und Schnee von der Frontscheibe zu putzen. Manche öffnen sogar die Scheiben und fahren im bitterkalten Wind.
Wieder zurück in Birmingham, Alabama, macht Anderson sich ans Werk. Sie tüftelt und sucht sogar Rat bei einem Konstrukteur. Heraus kommt schließlich ein mit Gummi besetztes hölzernes Wischerblatt, betätigt durch einen Hebel im Innenraum.
Zuerst lacht man sie aus, aber die Sache funktioniert. Die beharrliche Frau, damals 37 Jahre alt, schafft es Ende 1903, ein Patent auf ihr "window-cleaning device" zu erhalten. Doch zunächst interessiert sich niemand dafür, auch weil es erst wenige Autos gibt. 1920 läuft ihr Patent aus. Mitbewerber nehmen sich der Sache an, bald bekommt jedes Auto Scheibenwischer. Als Mary Anderson mit 87 Jahren stirbt, hat sie kaum etwas an ihrer Erfindung verdient.

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2016
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