31.01.2017

Kaffee, ein muslimisches Getränk?

Prediger erhoben immer wieder Einspruch gegen das beliebte Gebräu.
Es waren, so viel scheint gewiss, Gesandte vom Bosporus, die den Kaffee in Europa hoffähig machten. Bei ihren Besuchen am Wiener Hof 1665 und vier Jahre später in Paris nahmen sie für den 300 Personen umfassenden Stab des osmanischen Botschafters all das mit, was orientalischen Luxus ausmachte, darunter zwei Kaffeeköche. Die beiden unterhielten den ganzen Tag Feuerstellen, um das edle Getränk zuzubereiten. Der exotische Duft zog die Pariser in ihren Bann; bald verfiel ganz Europa der "Coffeemanie".
Doch war das Getränk wirklich ein muslimisches? Den Deutschen wurde das lange mit dem Ohrwurm "C-A-F-F-E-E" eingebläut: "Nicht für Kinder ist der Türkentrank/ schwächt die Nerven/ macht dich blass und krank/ sei doch kein Muselmann/ der ihn nicht lassen kann." Die Liedzeilen aus dem 19. Jahrhundert hatten freilich mehr politischen denn religiösen Hintersinn: Zu Europas damals gängigem Bild des Osmanenreichs als dem "kranken Mann am Bosporus" passten nervenschwache Koffein-Junkies.
Tatsache ist, dass Kaffee zum ersten Mal im 15. Jahrhundert in arabischen Handschriften auftaucht. Als Konsumenten nennen diese Quellen jemenitische Sufis – Anhänger einer mystischen muslimischen Frömmigkeitsbewegung. Die Sufis genossen die koffeinhaltigen Samen aber weder privat noch zum Vergnügen: Gemeinsam nahmen sie in einer Zeremonie das "Kischr" genannte Gebräu aus heißem Wasser mit Fruchtfleisch und Rohbohnen zu sich, um sich anschließend die Nacht über ihren Exerzitien hinzugeben.
Bis ins 17. Jahrhundert blieb der Jemen weltweit der einzige Kaffeeproduzent. Von dort aus waren die Bohnen schon ab dem späten 15. Jahrhundert auf die Arabische Halbinsel, ins Osmanische Reich und nach Persien gelangt. Unter muslimischen Gelehrten entbrannte eine Debatte darüber, ob das neue Gesöff medizinisch ratsam und damit religiös tolerabel sei; schließlich galt der Konsum gesundheitsgefährdender Substanzen wie Alkohol, Opium und Haschisch als Sünde. 1511 entschied sich die Obrigkeit von Mekka dann für ein Kaffeeverbot – weil das Getränk den Schlaf raubte, Kopfweh verursachte und angeblich zu Impotenz führte. In der Praxis scheiterte die Durchsetzung des Verdikts jedoch an der Beliebtheit des Getränks. Auch in Kairo galt ab 1532 ein Kaffeeverbot; befolgt haben es wohl aber nur Ultrareligiöse, etwa konservative Imame.
I n Ägypten oder Syrien erfand man zu dieser Zeit die bis heute praktizierten Röstverfahren, um den bitteren Geschmack der Bohnen zu mildern; auch die Kaffeemühle wurde im 16. Jahrhundert in Syrien entwickelt. Das Ergebnis dieser Bemühungen mundete frühen europäischen Besuchern dennoch eher mäßig – es sei "schwarz wie Ruß und schmeckt auch nicht viel anders", so und ähnlich klagten Reisende. Noch am Ende des 17. Jahrhunderts mahnten die ersten Abhandlungen über Kaffee ihre europäischen Leser, diesen vorsichtig und schluckweise zu nehmen. Heißgetränke war man bis dato nördlich des Mittelmeers nur in Form von Arzneitees oder als dünne Suppen gewohnt.
Suspekt war der Kaffee der osmanischen Obrigkeit in Konstantinopel unter dem Eindruck des Hofpredigers Mehmed Efendi, Gründer der "Kadizade", einer fundamentalistisch motivierten, anti-sufistischen Reformbewegung. Auf Efendis Geheiß hin ließ Sultan Murad IV. Kaffee verbieten – bei Übertretung des Verbots drohte die Todesstrafe. 1633 ließ Murad IV. auch ausdrücklich die Kaffeehäuser verbieten. Diese standen bei ihm und seinen Nachfolgern allerdings nicht nur wegen des schwarzen Getränks in Verruf, sondern vor allem wegen ihrer Besucher. Das Kaffeehaus galt als Treffpunkt von Verschwörern und Aufrührern.
Diese Ängste waren indes kein Alleinstellungsmerkmal muslimischer Potentaten. 1675 versuchte Karl II. von England per Dekret, die Kaffeehäuser des Königreichs zu schließen. Viel belachte Begründung: Die Untertanen würden dort nur ihre Zeit vergeuden und Gerüchte verbreiten.
Das Kaffeehaus galt
als Treffpunkt von Verschwörern – nicht nur im Orient.
Von Annette Bruhns

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2017
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