30.05.2017

MilizenHühnerzüchter und Haudegen

Nach dem Krieg stabilisierten Freikorps die junge Republik. Viele ihrer Mitglieder machten später Karriere unter den Nationalsozialisten.
Es ist eine herbe, unerwartete Heimkehr im November 1918. Der Krieg ist verloren und durch Waffenstillstand beendet. Nach und nach kommen rund sechs Millionen erschöpfte Soldaten nach Hause, viele versehrt an Leib und Seele. Deutschland ist in Aufruhr; Revolutionäre reißen Offizieren die Rangabzeichen von den Uniformen, rote Räte rufen vielerorts zum Umsturz.
Nach Jahren an der Front kehren die Männer in ein Land zurück, das ihnen fremd geworden ist, wo Hunger und Elend alltäglich sind und nach dem Zusammenbruch der Monarchie Anarchie und Chaos herrschen. Streikwellen erschüttern Deutschland, Linke und Rechte, Kommunisten und Nationalisten kämpfen in der Novemberrevolution erbittert um die Vorherrschaft. In vielen Städten entstehen linke Räterepubliken, die bekannteste in München, getragen von Bohemiens und Anhängern der Bolschewiki.

Der am 9. November zum Reichskanzler ernannte Sozialdemokrat Friedrich Ebert sieht die junge Republik auseinanderfallen, er befürchtet Zustände wie im revolutionären Russland. Besonders in Berlin ist die Lage prekär. Der Spartakusaufstand vom Januar 1919 gipfelt in Aufrufen, die Mitglieder der Regierung zu ermorden.
Die zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingesetzten regulären Verbände des alten Feldheeres gelten als unzuverlässig. Verzweifelt greift die Regierung auf neu gegründete Verbände von erfahrenen Frontsoldaten zurück, die Freikorps. Rund 120 dieser straff geführten Einheiten gibt es in Deutschland, die ersten sind schon am 11. November aufgestellt worden, dem Tag des Waffenstillstands. Bezahlt werden sie aus der Steuerkasse.
Reichswehrminister Gustav Noske (SPD), bekannt für seinen Ausspruch, einer müsse ja der "Bluthund" sein, gibt den Befehl zum Einsatz der Freikorps gegen die linken Milizen. Im Lauf der Ereignisse werden am 15. Januar auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die beiden führenden Köpfe des Spartakusbundes, von Freikorpssoldaten ermordet. Aber trotz der brutalen Gewalt, mit der die Truppen gegen Aufständische vorgehen, wobei auch Flammenwerfer und Geschütze eingesetzt werden, kommt die Hauptstadt nicht zur Ruhe. In den Märzkämpfen 1919 sterben fast 2000 Menschen, die meisten ermordet von "weißen Truppen", wie die Freikorps von der Arbeiterschaft genannt werden.
Auch beim sogenannten Kapp-Putsch im März 1920 spielen die rechten Formationen eine führende Rolle. Der konterrevolutionäre Aufstand von Militärs und Nationalkonservativen wird schließlich durch den größten Generalstreik der deutschen Geschichte gebrochen, der die komplette Infrastruktur des Landes tagelang lahmlegt.
Wer aber sind die "Weißen", die mit höchster Brutalität gegen Unbewaffnete, Frauen und Kinder vorgehen? Wer führt diese Korps?
Oft sind es hochdekorierte Frontoffiziere, deren Name genug Anziehungskraft besitzt, um in kürzester Zeit eine Truppe um sich zu scharen. Das Jagdflieger-Ass Rudolf Berthold ist solch ein Offizier. Der Pour-le-Mérite-Träger formiert Anfang 1919 ein Freikorps und zieht ins Baltikum. Er stirbt im März 1920 in Hamburg-Harburg nach einem Gefecht mit Arbeitern.
Der Anteil der Offiziere in den Korps ist sehr hoch, manche Einheiten bestehen fast ausschließlich aus höheren Dienstgraden des geschlagenen kaiserlichen Heeres. Daneben bilden Schüler und Studenten einen wichtigen Bestandteil. Kriegsbegeisterte junge Burschenschaftler sehen jetzt ihre Chance, doch noch in den Kampf zu ziehen. Dagegen sind viele der unteren Ränge zumeist unpolitische "Landsknechte", wie sie sich selbst nennen, oft bildungsfern und brutal. Die Aussicht auf Kameradschaft, guten Sold und reiche Beute genügt ihnen. Im Hass gegen "Rote", aber immer stärker auch gegen den Bürger, den Bourgeois, der das Kriegsgrauen nie kennengelernt hat, bildet sich das militante Milieu der "Frontgemeinschaft" heraus. Bis zu 250 000 Mitglieder haben die Freikorps im April 1919, schätzen Historiker.
Sie kämpfen im Inneren und an den deutschen Ostgrenzen. Im Baltikum geht es gegen die Rote Armee und irreguläre Einheiten, um den Rückzug des deutschen Ostheeres zu decken. In Ostpreußen und Oberschlesien marschieren die Truppen auf, um polnische Gebietsansprüche abzuwehren.
Aber nach der Konsolidierung des Reiches im Inneren und an den Grenzen sollen die Freikorps aufgelöst werden. Der Regierung sind die Geister, die sie rief, nun doch unheimlich. Einige Einheiten wehren sich gegen ihre Demobilisierung, es kommt zu blutigen Gefechten mit Reichswehreinheiten.
Der Hamburger Historiker Hagen Schulze zieht in seinem Standardwerk über die Verbände ein nüchternes Fazit: "Ohne die Bajonette der Freikorps hätte die Regierung der Republik nicht darauf hoffen können, das erste halbe Jahr ihres Bestehens zu überdauern."
Viele der Freikorpsoffiziere treten der Reichswehr bei. Der Anteil von Adligen am Offizierskorps der auf 100 000 Mann begrenzten Armee liegt 1925 immer noch bei rund 25 Prozent. Die überwältigende Mehrheit dieser Berufssoldaten lehnt die Weimarer Republik ab und vertritt ein erzkonservatives, antidemokratisches Weltbild. Eng ist auch die Verbindung zu Wehrverbänden wie dem mächtigen "Stahlhelm", der 1930 rund eine halbe Million Mitglieder zählt, einer Lobby für einen rechtsautoritären Staat.
Auch bei der SA, dem von 1920 an zum Einsatz kommenden Kampfverband der NSDAP, oder der SS, von Hitler im April 1925 gegründet, finden Freikorpsleute ein Betätigungsfeld. Viele der Ehemaligen aber überdauern die verhasste "Systemzeit" in der inneren Emigration. Sie ziehen aufs Land, gründen Höfe und bestellen ihre Äcker, oft unter dem Einfluss agrarromantischer Blut-und-Boden-Ideologien, wie sie etwa der Artamanen-Bund predigt.

Hier findet auch der ehemalige Freikorpskämpfer Heinrich Himmler eine ideologische Heimat. Ende der Zwanzigerjahre ist er eines von Tausenden Mitgliedern des Bundes, der auf Hunderten Höfen im gesamten Reich eine völkische Existenz umzusetzen versucht. Hühnerzüchter und Haudegen sehnen das Ende der Republik herbei.
Geistige Erbauung bietet die rechte Frontliteratur, beginnend schon 1920 mit Ernst Jüngers "In Stahlgewittern". Ihm folgt in den nächsten Jahren eine Flut nationalistischer Bücher, die den Blutzoll in den Schützengräben als Vorbedingung zum erfolgreichen Kampf um Deutschland sehen, exemplarisch zusammengefasst im Motto von Franz Schauweckers Kriegsroman "Aufbruch der Nation": "Wir mussten den Krieg verlieren, um das Reich zu gewinnen!"
Feldmarschall Paul von Hindenburg kommt 1925 mit den Stimmen der Nazis als Reichspräsident ins Amt; er steht wie kaum ein anderer für soldatische Tugenden. Als prominenter Propagandist der "Dolchstoßlegende" ist der greise Ostelbier ein Idol der ehemaligen Frontkämpfer. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 nutzt der NSDAP-Chef geschickt den Mythos Hindenburg; auf Plakaten stehen "Der Marschall und der Gefreite" Seite an Seite.
Welche Karrieren Freikorpskämpfer später unter den Nationalsozialisten machen, lässt sich exemplarisch an Mitgliedern des Freikorps Roßbach belegen. Diese Truppe kämpft unter ihrem Führer Gerhard Roßbach im Ruhrgebiet 1920 gegen eine "Rote Ruhrarmee" linker Arbeiter; sie zieht durchs Baltikum, mischt beim Kapp-Putsch und in Oberschlesien mit. Auf Befehl der Reichsregierung aufgelöst, formiert sich das Freikorps Roßbach, auch unter anderem Namen, mehrfach neu.
Zu den ehemaligen Angehörigen der Truppe zählen der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, Rudolf Höß, Martin Bormann, Hitlers Stellvertreter, Kurt Daluege, SS-Oberst-Gruppenführer und faktischer Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, und Hans Kammler, SS-Obergruppenführer, direkt verantwortlich für die Errichtung der Gaskammern in den Vernichtungslagern. So sind die Freikorps frühes Gewaltlabor für einige der späteren Haupttäter des industriellen Massenmordes. thorsten.oltmer@spiegel.de
Von Thorsten Oltmer

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 3/2017
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik