30.05.2017

Die braune Partei„In allen Sätteln reiten“

Mit virtuoser Propaganda und einer jungen Anhängerschaft machte Adolf Hitler seine NSDAP vor 1933 zu einer modernen Volkspartei. Den überalterten Demokraten liefen die Wähler davon.
Die Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 zeigte eine stabile Demokratie. Stärkste Partei im Deutschen Reich waren die Sozialdemokraten mit 29,8 Prozent, gefolgt von den rechtskonservativen Deutschnationalen mit 14,2 Prozent und der katholischen Zentrumspartei, für die 12,1 Prozent der Wähler votiert hatten.
Die rechtsextreme Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), geführt von dem vorbestraften Putschisten Adolf Hitler, war weit abgeschlagen; die 810 000 für sie abgegebenen Stimmen bedeuteten 2,6 Prozent. In den Reichstag entsandte sie aufgrund eines für Kleinparteien günstigen Wahlrechts zwölf Abgeordnete.
Es klang wie Maulheldentum, dass einer dieser NSDAP-Abgeordneten in einem Kampfblatt schrieb: "Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen." Und hinzufügte: "Auch Mussolini ging ins Parlament. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir."
Nur vier Jahre später hatte sich das Bild dramatisch gewandelt. Da war der Name des Autors in ganz Deutschland bekannt. Er hieß Joseph Goebbels.
Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 erhielt die NSDAP 37,4 Prozent. Für sie hatten 13,8 Millionen Deutsche votiert, 17-mal so viele wie vier Jahre zuvor.
Zwischen diesen Wahlen lag der Beginn der Weltwirtschaftskrise, die Deutschland besonders schwer traf. Sie stärkte die Dynamik einer Massenbewegung, die weltweit beispiellos war und schon einige Höhen und Tiefen hinter sich hatte.
Nach Hitlers Entlassung aus dem Gefängnis in Landsberg am Lech im Dezember 1924, wo er wegen seines Putschversuches vom November 1923 einsaß, war dessen "Bewegung" zunächst ein Trümmerhaufen.
Hitler formierte die NSDAP ab 1925 neu, mit dem 1920 beschlossenen und für "unabänderlich" erklärten 25-Punkte-Programm. Die Forderungen aus der Anfangszeit reichten vom "Zusammenschluss aller Deutschen" zu einem "Groß-Deutschland" über die Verhinderung "jeder weiteren Einwanderung Nicht-Deutscher" bis zur "Gewinnbeteiligung an Großbetrieben" und einem "großzügigen Ausbau der Altersversorgung". Noch vager gab sich das Programm, wo es die "Brechung der Zinsknechtschaft" verlangte und "die Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens".
Eindeutig war die Forderung: "Zeitungen, die gegen das Gemeinwohl verstoßen, sind zu verbieten." Unmissverständliches war über die Juden zu lesen. Staatsbürger könne nur sein, "wer Volksgenosse ist", und "Volksgenosse" könne nur sein, "wer deutschen Blutes ist". Das ausgrenzende Fazit: "Kein Jude kann daher Volksgenosse sein."
Zu den Glühenden und bis zuletzt Überzeugten zählte Goebbels. Er war 29 Jahre alt, als Hitler ihn im November 1926 in die "rote" Hochburg Berlin schickte. Der promovierte Germanist war zuvor in der NSDAP-Gauleitung Rhein/Ruhr als Propagandist im proletarischen Milieu tätig gewesen. Dort hatte er verkündet, die "Kernfrage unserer Zeit" sei "das soziale Problem". Seine Schlussfolgerung: "Der Sozialismus ist die Weltanschauung der Zukunft." Doch er sei, so seine Gegenthese zum Internationalismus der Linken, "nur im nationalen Staat durchzuführen".
In diesem Sinne richtete Goebbels die Berliner NSDAP aus. Die hatte er als eine zerstrittene Splittergruppe von einigen Hundert Mann übernommen.
Goebbels verschaffte der Partei Zulauf, indem er spektakuläre Aktionen organisierte. Eine Versammlung zum Thema "Der Zusammenbruch des bürgerlichen Klassenstaates" berief er im Februar 1927 in die Pharussäle im Berliner Bezirk Wedding – das größte Versammlungslokal der Kommunisten. Die Folge war eine brutale Saalschlacht gegen KPD-Anhänger, mit blutüberströmten Schwerverletzten.
Die Sturmabteilung (SA) der NSDAP prügelte protestierende Kommunisten brachial aus dem Saal. Goebbels ließ seine Parteigenossen gezielt in "roten" Arbeitervierteln wie Neukölln aufmarschieren. Die Berliner NSDAP wuchs bis Ende 1927 auf 4000 Mitglieder. Die hielt Goebbels mit dem aggressiven Kampfblatt "Der Angriff" (Untertitel: "Für die Unterdrückten. Gegen die Ausbeuter") zusammen. Darin propagierte er einen "Sozialismus der Tat".
Goebbels rief die Parteigenossen auf, arbeitslose Mitglieder zu Weihnachten nach Hause einzuladen und ihnen "Kraft und Mut für kommende Tage" zu geben. Das war Mobilisierung nach dem Geschmack Hitlers, mit der sich Goebbels schon früh für höhere Funktionen empfahl.
Der NSDAP-Parteitag in Nürnberg Anfang August 1929 wurde zur Heerschau einer Bewegung im Aufschwung. Zehntausende Nationalsozialisten marschierten durch die Stadt, von Bewohnern mit Blumen begrüßt. Ein Gauleiter verlas den 1200 Parteitagsdelegierten ein "nationalsozialistisches Manifest" Hitlers. Darin rechnete der "Führer" mit dem "deutschen politischen Bürgertum" ab. Das habe sich den "Verfallserscheinungen der Zeit verschrieben" und sei von "jüdischen Bazillen infiziert". Der bürgerlichen Welt setzte er die "völkische Idee" mit der "Bedeutung der Rasse" gegenüber. Dabei grenzte er sich scharf ab von der traditionellen bürgerlichen Rechten. Die Nationalsozialisten müssten sich, so Hitler, als "junge Bewegung" freihalten vom "Banne erstarrter geistiger Versteinerungen".
Als zentrale Aufgabe nannte Hitler den Parteigenossen den "Ausbau unserer Propaganda". Es müsse der "Gedanke der Führerverantwortlichkeit" von nun an "beharrlich bis in die letzte Parteizelle hineingetragen werden". Die NSDAP müsse Betriebszellen und Hochschulorganisationen bilden. So werde sie zur "Kampforganisation des deutschen Volkes".
Damit formulierte Hitler einen Avantgardeanspruch seiner Partei, ähnlich dem, den Lenin zuvor für die Bolschewiki formuliert hatte.
Die Vorgabe, braune Berufsrevolutionäre heranzuziehen, setzten vor allem zwei Funktionäre um, die sich auf Organisation und Propaganda verstanden: Goebbels und Gregor Strasser. Hitler ernannte Goebbels, der bei der Berliner Stadtverordnetenwahl im November 1929 einen Achtungserfolg erzielt hatte, im April 1930 zum Reichspropagandaleiter, in ganz Deutschland verantwortlich für Wahlkämpfe und Großveranstaltungen. Zugleich blieb er Gauleiter von Berlin. Strasser diente Hitler schon seit 1928 als Reichsorganisationsleiter.
Goebbels und Strasser wussten, wie die Masse der arbeitenden Bevölkerung anzusprechen war. Dabei ergänzten sich der dosierte Antikapitalismus des Apothekers Strasser und die Hemmungslosigkeit des Sprachvirtuosen Goebbels. So war die NSDAP wie keine andere deutsche Partei für stürmische Zeiten gerüstet. Goebbels gab dazu die Parole aus: "Ein Nationalsozialist muss in allen Sätteln reiten können."
Die Systemkrise kam schneller, als selbst viele Hitler-Anhänger erwartet hatten. Nach dem New Yorker Börsenkrach am "Schwarzen Freitag" im Oktober 1929 waren die guten Jahre der Weimarer Republik vorbei.
Die Arbeitslosenzahlen stiegen von 1,5 Millionen im November 1929 auf 3,2 Millionen im Februar 1930. Zwei Jahre später, im Februar 1932, waren offiziell 6 Millionen Deutsche ohne Erwerb. Die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen aber lag 1932 bei 8,7 Millionen. Die Mitgliedschaft der NSDAP stieg von 27 000 im Jahr 1925 auf 130 000 im September 1930 und 920 000 im Jahr 1932. Keine andere Partei in Deutschland hatte je ihre Mitgliedschaft in sieben Jahren verdreißigfacht.
Damit war die NSDAP zu einer Volkspartei geworden. Der Durchbruch gelang den Nazis 1930, als die Weltwirtschaftskrise auf die Politik durchschlug. Im März 1930 scheiterte die letzte Koalition aus Sozialdemokraten und bürgerlichen Parteien an der Frage, wie die Arbeitslosenversicherung zu finanzieren wäre.
Im Bewusstsein vieler Millionen Deutscher verbanden sich Krise und anschwellende Massenarbeitslosigkeit mit dem Gefühl nationaler Erniedrigung durch die Tribute des Versailler Vertrages.
Die Zahlungsverpflichtungen wurden zunächst durch den Dawes-Plan und dann durch den Young-Plan geregelt, benannt nach US-amerikanischen Experten. Goebbels bündelte den Zorn gegen diese Lasten in seiner zugespitzten Propaganda. Dawes, so Goebbels, bedeute: "Deutschlands Armut wird ewig sein." Den Young-Plan bezeichnete er als "Young-Sklaverei".
Sein Gespür für die wachsende Proteststimmung zeigte Goebbels Ende Februar 1930 in einer Rede in Magdeburg. Da präsentierte er die NSDAP als einzige Opposition gegen das "System". Deutschland, so der NSDAP-Politiker, sei "ein Spielball in den Händen internationaler Konzerne". Die deutschen Minister seien "nicht mehr Vollstrecker des Volkswillens, sondern Rüsselputzer internationaler Finanzgesellschaften". Er endete mit der Drohung: "Euch kennen wir! Und uns werdet ihr noch kennenlernen!"
Das Interesse der Wähler an der aggressiven Partei wuchs im Sommer 1930 noch schneller als die Zahl der Arbeitslosen. Die NSDAP war zum politischen Trendsetter geworden. Vergeblich versuchten andere Parteien, Hitlers zugkräftige Parole von der "Volksgemeinschaft" zu plagiieren.
Wie stark die Drift zu den Nationalsozialisten war, zeigte sich kurz vor der Reichstagswahl im September 1930. Am 10. September drängten sich abends Zehntausende an der Potsdamer Straße vor dem Berliner Sportpalast. 16 000 von ihnen gelangten in den Saal. Dann schloss die Polizei eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn die Tore, wegen Überfüllung. Es war eine von 34 000 Veranstaltungen der NSDAP im Wahlkampf.
Jubelnd begrüßten die Zuhörer Adolf Hitler. Der forderte, gegen "Kapitalismus und Hochfinanz" solle sich "der Wille des Volkes selbst" durchsetzen. Am selben Tag hatte Hitler in einem Aufruf im Parteiblatt "Völkischer Beobachter" die "Bankrotteure" der anderen Parteien attackiert und versprochen, seine Partei werde das Volk "zusammenschweißen" und "zu eiserner Entschlossenheit erziehen".
Vier Tage später erlebte Deutschland ein politisches Erdbeben. Die NSDAP gewann 6,4 Millionen Stimmen, das waren 18,3 Prozent. Sie marschierte mit 107 Abgeordneten, uniformiert im Braunhemd, in den Reichstag.
Ende August 1930 hatte Goebbels das Credo seiner Partei auf die Formel gebracht, sie sei "gegen die Demokratie, die gleichbedeutend ist mit innerpolitischer Massenverblödung" und "gegen den Parlamentarismus, der nichts anderes ist als die Organisierung der Dummheit nach oben und der Verantwortungslosigkeit nach unten".
Die Wähler kamen aus unterschiedlichen Schichten. Besonders stark war die NSDAP in protestantischen Gegenden auf dem Lande, vor allem bei selbstständigen Landwirten. In ihrer Funktionärszeitschrift "Unser Wille und Weg" schärfte die NSDAP ihren Propagandisten ein, sie müssten "vollstes Verständnis der ländlichen Psyche beweisen". Hitlers Parolen, die "Erhaltung des Ackers" sei "die Grundlage unseres Daseins" waren Balsam für die Seelen verschuldeter Bauern. Auch die Losung von der "Brechung der Zinsknechtschaft" imponierte Landwirten, die fürchten mussten, dass ihnen das Getreide auf dem Halm gepfändet wurde.
Als "Volkspartei des Protestes", so der Wahlforscher Jürgen W. Falter, hatte die NSDAP zudem Zulauf aus den Mittelschichten, von Kleinunternehmern und Angestellten.
Auch junge Akademiker waren bald von der NSDAP fasziniert. Der NS-Studentenbund gewann ab 1930 vielerorts die Wahlen zu den Allgemeinen Studentenausschüssen. Die Partei war auch deshalb attraktiv, weil sie von relativ jungen Leuten geführt wurde. Hitler, acht Jahre älter als Goebbels, wurde 1930 erst 41 Jahre alt.
Die Führungen der bürgerlichen Parteien und der SPD dagegen waren durchweg ergraut.
Bei der Reichstagswahl 1930 zog die NSDAP bisherige Anhänger der Deutschnationalen genauso an wie damalige Nichtwähler und Arbeiter. Als einzige Kraft neben der KPD organisierte die NSDAP Arbeitslosenversammlungen. So waren bei der Reichstagswahl im Juli 1932 knapp ein Drittel der braunen Wähler Arbeiter. Selbst das KPD-Zentralorgan "Die Rote Fahne" konstatierte 1930, dass "die heutigen Wähler der Faschisten in der Mehrzahl dem werktätigen Volk entstammen".
Geschickt umwarb Hitler den "Arbeiter der Faust". So unterstützte seine Partei im November 1930 in Berlin einen Metallarbeiterstreik. Anlässlich des Arbeitskampfes prangerte Hitler die "herzlose Rücksichtslosigkeit" und die "Habgier" der Unternehmer an. Die NS-Bewegung, schärfte er seinen Anhängern ein, müsse "in wärmster Weise für den Arbeiter eintreten" – mit Erfolg. Bei den Neumitgliedern lag der Arbeiteranteil vor 1933 bei durchschnittlich 40 Prozent.
Dass er gleichzeitig bereit war, mit der Großindustrie zu kooperieren, demonstrierte Hitler im Januar 1932 in einer Rede vor dem Industrie-Club zu Düsseldorf. Vermittelt hatte den Auftritt Konzernchef Fritz Thyssen, ein Spender der NSDAP. Im Ballsaal des Parkhotels sprach der NSDAP-Chef vor 650 Zuhörern, darunter auch Albert Vögler von den Vereinigten Stahlwerken.
Hitler trug einen schwarzen Anzug statt der sonst üblichen Parteiuniform und versprach den Konzernherren, aus den zerstrittenen Deutschen "wieder einen eisenharten Volkskörper herauszuarbeiten".
Die metallische Metaphorik ergänzte er um das Versprechen, er werde "Deutschland wieder zu einem politischen Machtfaktor machen" und "die Raumfrage lösen" – gemeint war der "Lebensraum" im Osten, zu gewinnen durch einen Raubkrieg gegen die Sowjetunion. Das hatte er schon 1925/27 in seinem Buch "Mein Kampf" dargelegt.
Während Hitler im Industrie-Club sprach, demonstrierten vor dem Hotel Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter gegen das drohende Bündnis von Nazis und Großkapital.
Doch Kommunisten und andere Marxisten, die ihn als Marionette der Großindustrie wahrnahmen, verkannten etwas Wesentliches. Hitler war durchdrungen vom Willen zur persönlichen Macht. Und er war entschlossen, die bisherige bürgerliche Elite auszuschalten. Er wollte sie durch eine neue nationalsozialistische Elite ersetzen.
Davon zeugte eine Rede, die Hitler am 2. November 1932 im Berliner Sportpalast hielt. Der NSDAP-Chef bekannte vor mehr als zehntausend Zuhörern, er sei "bisher in meinem Leben kein Protektionskind gewesen und brauche es in der Zukunft erst recht nicht zu sein". Hitler polemisierte gegen die "bürgerliche Mentalität" der "Herren da oben" und die "Geistigkeit der oberen Zehntausend". Ihnen stellte er die "Millionenmasse unserer Arbeiter, unserer Bauern, unseres kleinen, soliden Mittelstandes" gegenüber. Diese Masse sei "nicht so schwankend wie diese Zehntausend". Hitler versprach seinen Anhängern "ein neues Reich", das "nicht von oben herunter, sondern von unten herauf" gebaut werde. Und bekundete seine Feindschaft zum Weimarer Staat: "Das, was dieses System auszeichnet, ist die absolute Volksfremdheit." Damit erntete er begeisterten Beifall.
Um die Millionen NSDAP-Anhänger "von unten" zu mobilisieren, bedurfte es einer modernen Massenpropaganda. Die Aufgabe hatte Goebbels in einem Vortrag schon 1928 umrissen: Es gehe darum, "so zu formulieren, dass es die breite Masse der Gebildeten sowohl wie der kleinste Mann verstehen kann".
Das gelang ihm mit Flugblättern wie dem vom September 1931 "an die Arbeiter und Arbeiterinnen ohne Arbeit und ohne Hoffnung, der furchtbarsten Verzweiflung preisgegeben". Ihnen versprach er "das System des Kapitalismus zu zertrümmern und es durch eine neue sozialistische Ordnung zu ersetzen".
Für solche Botschaften wurden Millionen Deutsche immer empfänglicher, als im Juli 1931 die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) pleiteging und ihre Türen vor verzweifelten Kunden schloss. Mit dem Ruin des zweitgrößten deutschen Geldhauses glitt das Bankensystem des Landes in eine tiefe Krise, die den Absturz der Wirtschaft beschleunigte.
Danat-Bank-Chef Jakob Goldschmidt, ein Finanzjongleur mit zeitweise 123 Aufsichtsratsposten, hatte durch riskante Spekulationen die Pleite provoziert. Dass Goldschmidt aus einer jüdischen Familie stammte, nutzten die Nazis für ihre antisemitischen Ausfälle gegen "Judenbanken".
Die Reichsregierung unter dem rechtskatholischen Kanzler Heinrich Brüning reagierte auf den Bankenkrach im Juli 1931 mit dem Appell: "Es kommt darauf an, dass das deutsche Volk in der schweren Lage die Nerven behält und nicht durch mangelndes Selbstvertrauen die Schwierigkeiten vermehrt." Kaum hilfreicher für die geprellten Sparer war ein Argument des sozialdemokratischen Theoretikers und späteren israelischen Wohlfahrtsministers Fritz Naphtali im Parteiblatt "Vorwärts". Naphtali dozierte, die "Vertrauensgrundlagen des internationalen Kreditverkehrs" könne nun mal "nur die internationale Politik" wiederherstellen.
So fühlten sich Millionen verzweifelter Deutscher von den demokratischen Parteien verlassen. Und wurden eine leichte Beute der NS-Propaganda. Enttäuschten Anhängern der Linken rief Goebbels im Oktober 1931 auf einer Kundgebung im Sportpalast zu: "Wir haben die sinkende Fahne des Sozialismus aufgegriffen." Goebbels beherrschte die Sprache der radikalen Linken, ohne ihre Ideologie zu teilen. Als Leser des KPD-Zentralorgans "Die Rote Fahne" kannte er die Schwachpunkte der Kommunisten: die lebensfremde Funktionärssprache, ihren Hang zu fruchtlosen Streitereien und ihre Fernsteuerung aus Moskau. Die KPD, höhnte Goebbels, sei eine "russische Fremdenlegion auf deutschem Boden", geschaffen "aus russischem Geld und mit deutschem Menschenmaterial".
Auch die Sozialdemokraten, die in Koalitionen mit Bürgerlichen viel Ansehen unter Arbeitern verloren hatten, traf er schmerzhaft: Er nannte sie "Schamloseste Partei Deutschlands" und machte sie verantwortlich für "Not, Hunger, fette Bonzen und magere Arbeiter".
Den Deutschnationalen wiederum hielt er in einem Streitgespräch in der "Neuen Welt" am Hermannplatz in Berlin im Oktober 1932 vor, der "Kastendünkel von rechts" sei "die Wurzel und Ursache zu dem Klassenkampf von links". Schon ein Jahr zuvor hatte er beteuert, die NSDAP sei "weder eine Rechts- noch eine Linkspartei".
Goebbels setzte auf Innovation, Provokation und Professionalität. Als 1930 der Tonfilm aufkam, sorgte er dafür, dass die Partei im ganzen Land Werbefilme zeigte, in denen auch er auftrat und versprach, "dieses Volk" werde "unter der Führung neuer Männer wieder Geschichte machen". Hitler nutzte als erster deutscher Politiker auf Wahlkampfreisen ein Flugzeug, wodurch er an einem Tag in mehreren Städten reden konnte.
Eine "Reichsrednerschule", die ab 1930 Goebbels unterstand, bildete NSDAP-Rhetoriker aus. Die Adepten wurden je nach Fähigkeiten eingestuft als "Kreisredner", "Gauredner" oder "Reichsredner". Allein von 1928 bis 1930 verdreifachte die NSDAP die Zahl ihrer Redner auf 1000.
Aufmerksamkeit erhielt die Partei durch Streitgespräche mit politischen Gegnern, so im Januar 1931 im Saalbau Friedrichshain im Berliner Osten. Goebbels traf dort auf den späteren DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. Die Veranstaltung endete in einer derben Schlägerei.
Für die "Eroberung der Straße" setzte Goebbels die SA ein, die sich in "Sturmlokalen" versammelte, deren Zahl sich von 1928 bis 1931 in Berlin auf 107 mehr als verfünffachte. 15 000 Mitglieder hatte die SA 1932 in der Hauptstadt, in ganz Deutschland waren es 455 000. SA-Heime boten arbeitslosen Kameraden zwischen "Propagandamärschen" und Straßenschlachten warme Suppen und Zusammenhalt.
Verbunden fühlten sich die SA-Männer auch durch den Kult um die im Kampf getöteten Kameraden, die "Blutzeugen". Die Partei sei durch "einen neuen politischen Glauben" vereint worden, schrieb der nationalsozialistische Historiker Karl Richard Ganzer, seit 1929 Mitglied der SA und der NSDAP, rückblickend 1933. Hitler habe seine Partei, so Ganzer, als "Bewegung des Glaubens" in einem "verzweifelten Volk" organisiert.
Die wirtschaftliche und soziale Depression der breiten Masse spiegelt anschaulich der 1932 erschienene Roman "Kleiner Mann, was nun?" von Hans Fallada. Darin heißt es: "Ordnung und Sauberkeit: es war einmal. Arbeit und sicheres Brot: es war einmal."
Aus dieser Stimmung wollte die NS-Bewegung als dynamische Avantgarde das Volk herausreißen.
Daher sorgte "unser Doktor", wie die Parteigenossen Goebbels nannten, unermüdlich für provokante Ideen oder Schlichteres. "Klamauk muss sein", meinte Goebbels.
Als im Dezember 1930 in Berlin der pazifistische Spielfilm "Im Westen nichts Neues" nach dem Roman von Erich Maria Remarque aufgeführt wurde, sorgte er dafür, dass SA-Männer im Publikum weiße Mäuse aussetzten. Zuschauerinnen schrien, die Vorführung wurde abgebrochen, Goebbels saß im Publikum und genoss den Tumult.
Zu den jungen Nationalsozialisten gehörte auch Franz Albrecht Schall aus dem thüringischen Altenburg, Jahrgang 1913. Schall trat 1930 der Hitlerjugend und zwei Jahre später der NSDAP bei.
Schalls Tagebücher, herausgegeben vom Dresdner Historiker André Postert, geben tiefe Einblicke in das Lebensgefühl eines jungen Hitler-Anhängers. Schall sah sich und seine Kameraden als "Revolutionäre" gegen den "Geist des Spießertums". Der Gymnasiast empfand die jungen Nationalsozialisten als "Kämpfer gegen die morsche Welt ringsum". Ihm machte es nichts aus, im April 1932 "in strömendem Regen" mit 10 000 anderen Hitleranhängern durch Dresden zu marschieren. Aufgewühlt hörte der 19-Jährige im Oktober 1932 in Dresden eine Rede von Goebbels, der mit Trenchcoat und Schiffermütze auftrat: "Da lauschen wir seinen Worten und tief greifen sie ins Herz." Von den Nationalsozialisten erwartete sich Schall Anfang 1933 die Überwindung von "Eigensucht, Ichsucht und Genießertum".
Die NS-Methode, alle mit dem "System" Unzufriedenen anzusprechen, sog einen breiten Strom von Protestierenden in die Partei. Weil so oft von "Sozialismus" und dem "kommenden Arbeiterstaat" die Rede war, kamen nicht wenige, die eher zu Klassenkampf als zum Rassenkampf neigten.
Zu ihnen gehörte der Itzehoer NSDAP-Ortsgruppenleiter und Chefredakteur der nationalsozialistischen "Schleswig-Holsteinischen Tageszeitung" Bodo Uhse. Der fiel 1930 bei der Parteiführung in Ungnade, wie auch andere Anhänger einer linksnationalistischen Strömung um den Verleger Otto Strasser. Der Bruder von Gregor Strasser lehnte Hitlers Plan eines Angriffskriegs gegen die Sowjetunion ab, kritisierte die "Verbürgerlichung" der Partei und propagierte eine "bewusst antiimperialistische Bewegung".
Hitler ließ die "Literaten" und "Salonbolschewisten" mithilfe von Goebbels aus der Partei werfen.
Uhse schloss sich bald darauf den Kommunisten an. Im Pariser Exil schrieb er 1935 den autobiografischen Roman "Söldner und Soldat", eine genaue Schilderung des nationalsozialistischen Milieus.
Nach dem Krieg wurde Uhse der erste Vorsitzende des Schriftstellerverbands der DDR. Gegen Ende seines Lebens bereiste er Kuba und begeisterte sich für den Führer der kubanischen Revolution, Fidel Castro. Er starb 1963.
Homogen war die NSDAP auch nach der Säuberung von 1930 nicht. In seinem Archiv verwahrte Goebbels Briefe unzufriedener Parteigenossen, die ihrem Herzen immer wieder Luft machten. So monierte eine Gruppe im Dezember 1930 anonym, dass "Geld für den Ankauf luxuriöser Wagen für einige Führer verschwendet wird". Und der Berliner SA-Mann Max Zanke schrieb dem Gauleiter im Februar 1931, die SA-Männer wollten "Revolutionäre" sein, und suchten den "wahren Sozialismus". Doch oft, so Zanke, beklagten die Kameraden, in der NSDAP gäbe es "gleiche Korruption, Bonzentum, Stellenjägerei, Vetternwirtschaft usw. wie bei den anderen".
Solche Unzufriedenen waren für die NSDAP schwer zu halten. Am 4. September 1932 bekannte Hitler vor Parteifunktionären auf einem "Gautag" in Nürnberg, er brauche "eine gläubige Masse, die einem blind nachläuft".
Doch das waren viele NSDAP-Wähler nicht. Zwar erreichte die Partei bei der Reichstagswahl im Juli 1932 mit 37,4 Prozent ihren größten Erfolg vor der Machtübernahme. Doch der war brüchig; schon in der nächsten Reichstagswahl im November 1932 verlor die NSDAP zwei Millionen Stimmen und kam auf 33,1 Prozent. Die NSDAP hatte einen Teil der Protestwähler verloren, auch wegen ihrer Unterstützung für den Streik bei der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) gegen Lohnabbau.
Beim BVG-Streik im November 1932 hatten Kommunisten und Nationalsozialisten einträchtig Streikposten gestanden und gemeinsam Streikbrecher verprügelt. Konservative Bürger waren schockiert und sprachen von "Nationalbolschewismus". Von der absoluten Mehrheit konnte die NSDAP trotz ihrer massiven Mobilisierung nur träumen.
Um an die Macht zu gelangen, brauchten die Nazis Verbündete. Die konnten sie nur im rechtsbürgerlichen Lager finden, das sich vor dem Kommunismus fürchtete. Die von der Sowjetunion subventionierte KPD hatte im November 1932 bei der Reichstagswahl ihr bestes Ergebnis erreicht: knapp 17 Prozent der Wähler, fast sechs Millionen Deutsche stimmten für die Linksextremen.
In vertraulichen Verhandlungen mit Reichspräsident Paul von Hindenburg und dessen Beratern begann Hitler ab November 1932 zu pokern. Sein stärkstes Argument war, dass ihm als Führer der stärksten Parlamentsfraktion die Kanzlerschaft zustünde. Zugleich schürte er wirkungsvoll die Angst der Oberschicht vor dem "Bolschewismus".
Das letzte Hindernis Hitlers auf dem Weg zur Macht war der Kanzler Kurt von Schleicher. Der intrigengestählte Büro-General gab sich demonstrativ "sozial". Er versuchte, die NSDAP zu spalten. Dazu pflegte er Kontakt mit Gregor Strasser, der an Hitler zu zweifeln begann.
Doch die Naziführung war über Strassers Intrigen informiert und zwang ihren Reichsorganisationsleiter zum Rücktritt. Schleicher scheiterte bei dem Versuch, sich eine parlamentarische Mehrheit zu verschaffen. Nach 57 Tagen war er am Ende. Hindenburg entließ ihn und ernannte am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler. Jenen Hitler, der im April 1925 die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten unterstützt hatte, mit der Begründung: "Unter Hindenburg dürfen wir wieder damit rechnen, dass für Deutschland eine bessere Zukunft kommen wird."
Der NSDAP-Chef hatte sich in einer Neujahrsbotschaft an seine Parteigenossen zum Jahreswechsel 1932/33 zu einem Regime nach dem Vorbild Mussolinis bekannt. Das italienische Volk, so Hitler, habe "im Faschismus ein sein gesamtes Leben neu gestaltendes und beherrschendes Ideal gefunden".
Schon in "Mein Kampf" hatte Hitler seine "tiefste Bewunderung für den großen Mann südlich der Alpen" ausgedrückt. Er bescheinigte Mussolini, dass dieser "mit den inneren Feinden Italiens nicht paktierte, sondern ihre Vernichtung auf allen Wegen und mit allen Mitteln erstrebte".
Zu den Fürsprechern Hitlers im Umfeld Hindenburgs zählte 1932 auch der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht. Der frustrierte Exliberale war Mitglied der 1931 gegründeten "Gesellschaft zum Studium des Faschismus". Der Verein fungierte als Bindeglied zwischen Rechtskonservativen und Nazis.
Im Gespräch mit Hindenburg und dessen Umgebung trat Hitler bescheiden auf. Er war einverstanden, dass nur zwei NSDAP-Minister zu seinem von Konservativen dominierten Kabinett gehörten. Wortführer der Rechtsbürgerlichen in der "Regierung der nationalen Konzentration" waren der deutschnationale Verleger Alfred Hugenberg als Wirtschaftsminister und der Vizekanzler Franz von Papen. So gelang es Hitler, bürgerliche Kreise zu besänftigen.
Die liberale "Vossische Zeitung" beruhigte ihre Leser am 30. Januar 1933 mit dem Hinweis, Hitler ziehe in die Reichskanzlei in der Wilhelmstraße "nicht als Diktator ein". Denn schließlich sei "kein Kabinett Hitler, sondern eine Regierung Hitler/Papen/Hugenberg" gebildet worden.
Besser über Hitler informiert als die Leser der "Tante Voss", wie die "Vossische Zeitung" im bürgerlichen Milieu genannt wurde, war Josef Stalin im Kreml. Der sowjetische Machthaber erhielt am 9. April 1933 eine "streng geheime" Information des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes. Darin stand, Hitler habe "große Pläne", um "zusammen mit Italien Veränderungen im Osten" zu erreichen. Sein Ziel sei die Zerschlagung der Sowjetunion und der "Sturz des sowjetischen Systems". Hitler, so der Bericht, wolle "in Russland ein faschistisches Regime einführen".
Acht Jahre und zweieinhalb Monate später überfielen das Deutsche Reich und seine europäischen Verbündeten die Sowjetunion. uwe.klussmann@spiegel.de
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2017
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