28.11.2017

OrthodoxieStütze des Staates

Die byzantinische Ostkirche brach mit dem Papst und trug ihre Religion nach Russland. Dort wurde das orthodoxe Christentum zum prägenden Glauben eines Imperiums.
Die Machtfrage war rasch geklärt. Im September 787 hatte die byzantinische Kaiserin Irene kirchliche Würdenträger zum Zweiten Konzil von Nicäa geladen. Protest kam vom Frankenkönig Karl dem Großen, der sich im Westen Europas als Schützer der Christenheit sah. Er mahnte, Kaiserin Irene solle sich als Frau in Glaubensfragen zurückhalten. Doch Irene setzte sich durch. Das Konzil fand statt und fasste folgenreiche Beschlüsse, ganz im Sinne der Regentin.
Die Kirchenversammlung in Nicäa, südlich von Konstantinopel – heute das türkische Iznik –, erlaubte die Verehrung, aber keine Anbetung von Ikonen. Sie verurteilte die Geldgier und die luxuriöse Lebensführung von Klerikern und die damals verbreitete Gemeinschaft weiblicher und männlicher Ordensleute.
Die Beschlüsse vertieften die längst fühlbare Spaltung zwischen römischer Papstkirche und byzantinischer Ostkirche. Es ging dabei aber nicht nur um fundamentale theologische Fragen, etwa die, ob Christus eher Opfer waren, wie es Rom sah, oder Sieger, wie es Byzanz darstellte. Es ging auch um weltliche Einflusssphären.
In Rom gab es nur den Papst, der es auf weltlicher Seite mit eher schwachen, miteinander rivalisierenden Lokalfürsten zu tun hatte. Im Osten hingegen entwickelte sich das Verhältnis von Kirche und Staat völlig anders. Nachdem die Hauptstadt des Römischen Reiches im Jahr 330 nach Konstantinopel verlegt worden war, festigte sich die Instanz des Kaisers als Machtzentrum. Die Kirche dort hatte mehrere Patriarchen, die sich bemühten, mit dem Kaiser nicht in Konflikt zu geraten, und sich unterordneten.
Besonders eng wurde die Bindung zwischen orthodoxer Kirche und weltlicher Herrschaft in der Kiewer Rus, aus der später das Russische Reich hervorgehen sollte. Um 861 entsandte der byzantinische Kaiser Michael III. die beiden Brüder Konstantin und Michael als Missionare in die noch heidnische Gegend zwischen Wolga und Dnjepr. Die beiden Priester und Gelehrten brachten dem werdenden Russland das kyrillische Alphabet und das orthodoxe Christentum; noch heute verehrt die russisch-orthodoxe Kirche die beiden Sendboten von Byzanz als die Gründerheiligen Kyrill und Method.
Großfürst Wladimir, Führer der Kiewer Rus, ließ sich laut Legende im Jahr 988 auf der Krim taufen. Seine Heirat mit Anna, der Schwester des oströmischen Kaisers Basileios II., knüpfte einen Bund zwischen Byzanz und den Russen, der sich noch festigte, nachdem das Morgenländische Schisma 1054 West- und Ostkirche dauerhaft voneinander getrennt hatte. Zwar schwächte die Abspaltung Byzanz, schuf aber zugleich die Grundlagen dafür, dass die orthodoxe Kirche später eine zentrale Stütze des heranwachsenden Russischen Reiches werden konnte. Sie half der kommenden Großmacht, sich vom katholischen und protestantischen Westen abzugrenzen.
Zunächst blieb die russische Kirche unter dem Patriarchat Konstantinopels. Doch 1448 erklärten sich die Russisch- Orthodoxen für eigenständig. Fünf Jahre später stürmten die Truppen des Sultans Mehmed II. Konstantinopel, machten aus der prächtigen Hagia Sophia eine Moschee und ließen das Reich von Byzanz untergehen.
Das russische Fürstentum hingegen blieb die einzige christlich-orthodoxe Großmacht, die sich nicht den islamischen Eroberern unterwarf. Um sich als Erbe von Byzanz zu präsentieren, heiratete der Großfürst Iwan III. 1472 die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, Sophia Palaiologa. Er verwendete nun den Titel "Zar" und nannte sich "Bewahrer des byzantinischen Throns".
Die Verbindung zur griechisch-byzantinischen Kirchentradition hatten russische Mönche schon seit 1169 im Kloster Athos auf dem Ostzipfel der griechischen Halbinsel Chalkidiki gepflegt. Die Mönchsgemeinde behielt selbst unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches ihre Autonomie, die noch heute unter griechischer Souveränität fortbesteht. Auch von ihr kam die Anregung, Russland zum Erben der oströmischen Reichsidee zu erklären. Um 1510 brachte der Mönch Filofej aus einem Kloster bei Pskow im Nordwesten Russlands die byzantinische Tradition auf die Formel: "Denn zwei Rom sind gefallen, das dritte aber steht, und ein viertes wird es nicht geben."
Als Wahrer der oströmischen Reichsidee präsentierte sich demonstrativ Iwan IV., "der Gestrenge", im Westen "der Schreckliche" genannt. Im Januar 1547 setzte ihm Metropolit Makarj in der Uspenski-Kathedrale im Moskauer Kreml die mit Fell umkränzte Zarenkrone auf. Von Byzanz übernahmen die Russen das pompöse Krönungszeremoniell und den Doppeladler als Staatssymbol. So schuf der Zar in der Tradition der römischen Reichsidee einen Vielvölkerstaat und stilisierte sich zugleich als Schutzherr der orthodoxen Christenheit.
Die orthodoxe Kirche wurde in Russland "das Zentrum zur Bewahrung des nationalen Selbstbewusstseins", so die russische Historikerin Tatjana Schwez. Dazu trug auch bei, dass die russische orthodoxe Kirche 1589 den Moskauer Metropoliten zum Patriarchen erklärte. Er unterstand nun keiner kirchlichen Autorität außerhalb Russlands mehr.
Doch der innere Zustand der Kirche wurde bald zum Problem. Die äußere Abgrenzung der Russisch-Orthodoxen zum als feindlich wahrgenommenen Westen führte zu geistiger Stagnation. Zar Peter I. (1672 bis 1725), der Russland näher an das frühaufklärerische Europa heranführen wollte, sah die Kirche als Modernisierungshindernis. Den "Bärtigen", dem Klerus und orthodoxen Altvordern, sagte er den Kampf an. Er ließ Bärte zwangsweise abschneiden. Und er griff tief in die Machtstruktur der Kirche ein.
Peter ersetzte das Patriarchat durch ein "Geistliches Kollegium", das bald "Heiligster Dirigierender Synod" hieß, geführt von einem Oberprokuror, ernannt vom Zaren. Die Mitglieder dieses Gremiums schworen, "ihrer Majestät ein guter, gehorsamer Knecht zu sein".
Der Oberprokuror war zugleich Aufseher und Zensor der Kirche. Auch das Leben in den Klöstern ordnete der Zar neu. Er verpflichtete die Männer- und Frauenklöster zu nutzbringender Arbeit wie Krankenpflege und Waisenerziehung. Was der Zar vom Klosterwesen hielt, zeigt seine Verordnung des "Geistlichen Reglements" von 1721. Darin heißt es über die Mönche: "Viele Nichtsnutze, die vollständig gesund sind, sammeln aus Faulheit Almosen und gehen schamlos betteln."
Peters Reform war folgenreich, denn sie führte zu einer Quasi-Verstaatlichung der Kirche. Diese hatte bis zum Ende der Zarenzeit Bestand. Oberprokuror Konstantin Pobedonoszew stellte Ende des 19. Jahrhunderts die orthodoxe Religion sogar als Schutzschild des Staates dar. In einem 1896 veröffentlichten Buch dozierte er: "Der Staat ist umso stärker, je klarer er Repräsentant des Geistigen ist." Das "Vertrauen der Masse des Volkes zu den Regierenden", so Pobedonoszew, gründe sich "auf die einfache Gewissheit, dass die Regierung einen Glauben hat und dem Glauben entsprechend handelt".
In der ihm unterstellten Kirche beobachtete der Oberprokuror jedoch "betrübliche Erscheinungen" wie "Trunksucht, Streitsucht, Feindseligkeit, Zank und Konflikte". Es kriselte in den Kirchen und Klöstern. Und es rumorte bei den einflusslosen Gemeindemitgliedern. Der Schriftsteller Nikolai Leskow, der in seinen Werken den Niedergang des Klerus karikierte, brachte die Misere auf die Formel, Russland sei "getauft, aber nicht aufgeklärt".
Manche russisch-orthodoxe Intellektuelle des 19. Jahrhunderts stellten der Krise der Kirche byzantinische Allmachtsfantasien entgegen. So schrieb der Dichter und Diplomat Fjodor Tjuttschew im Jahr 1850: "Und die alten Gewölbe der Hagia Sophia / und das erneuerte Byzanz / werden erneut den Altar Christi umfassen." Der Romancier Fjodor Dostojewski fantasierte im Juni 1876 vor Beginn des Russisch-Osmanischen Krieges: "Konstantinopel soll früher oder später wieder unser werden", als "Zargrad", die Stadt der Zaren. Dies sei notwendig "für die gesamte östliche Christenheit und für das Schicksal der künftigen Orthodoxie auf der Welt".
Doch als die imperialen Träume des Zarenreiches im Ersten Weltkrieg platzten, hatte die Symbiose von Staatsgewalt und Geistlichkeit fatale Folgen. Als der Staat 1917 mit dem Sturz des Zaren seine Autorität verlor, wurde auch das Amt des Oberprokurors abgeschafft. Die Kirche stand plötzlich ohne entscheidenden Einfluss da.
Zwar hielten die Orthodoxen Ende Oktober/Anfang November 1917 in Moskau noch ein Konzil ab, während bewaffnete Bolschewiki auf Moskau vorrückten. Und die siegreichen Revolutionäre gestatteten noch im November 1917 die Wahl des Metropoliten Tichon zum Patriarchen. Der aber konnte nicht verhindern, dass rabiate Bolschewiki im beginnenden Bürgerkrieg zu Tausenden Priester erschossen und Kirchen plünderten.
Zum Jahrestag der bolschewistischen Revolution schrieb Tichon der sowjetischen Regierung Ende Oktober 1918 einen Brief, in dem er "das in Strömen vergossene Blut unserer Brüder" beklagte. Doch der Terror des sowjetischen Regimes gegen orthodoxe Priester und Laien ging weiter. Eine militante "Gottlosenbewegung" wurde mobilisiert. Allein von August bis November 1937 verhaftete die sowjetische Geheimpolizei 31 359 Gläubige und Geistliche. In diesen vier Monaten verurteilte das Regime 4629 Priester und 934 Mönche zum Tode.
Zu Beginn der Vierzigerjahre war die russisch-orthodoxe Kirche nahezu vernichtet. Das Regime hatte Kirchen in Lagerhallen und Kuhställe verwandelt. Von den 80 000 Gemeinden des Jahres 1917 bestanden 1941 noch etwa 3000.
Ausgerechnet der Krieg gegen Hitlers Deutschland brachte eine Wende. Um den Kampf zu gewinnen, brauchte der Sowjetstaat auch die Unterstützung von Nichtkommunisten und Christen. Die Kirchenpolitik änderte sich grundlegend. Der frühere orthodoxe Seminarschüler Josef Stalin empfing im September 1943 drei Metropoliten im Kreml und lobte die "patriotische Tätigkeit der Kirche". Die Kirchenoberen hatten, wirkungsvoll eingefädelt, in den Gemeinden Geld für eine Panzerkolonne gesammelt. Nur wenige Tage später ließ Stalin die Kirchenoberen wieder einen Patriarchen wählen, stellte die Kirche jedoch unter die Aufsicht des sowjetischen Geheimdienstes.
Auch die Byzanzkunde ließ Stalin aufleben, in der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Noch während die Rote Armee Anfang Mai 1944 die deutsche Wehrmacht vom Taufort des Heiligen Wladimir auf der Krim vertrieb, tagten russische Historiker an der Akademie mit wegweisenden Vorträgen wie "Byzanz und der Westen". Und im September 1946 intonierte die Zeitschrift des Moskauer Patriarchats den weltanschaulichen Gleichklang von Kreml- und Kirchenglocken mit der alten These: "Moskau ist das dritte Rom."
Wie wirkungsvoll die staatliche Kontrolle über die Kirche war und wie die Synthese aus Bolschewismus und Byzantinismus funktionierte, zeigte sich zu Beginn des Kalten Krieges.
Da verdammte der Metropolit Nikolai im August 1949 auf einer "Friedenskonferenz" in Moskau die "gierigen Fangarme des transatlantischen Ungeheuers" und das kapitalistische Amerika, "diese rasende Hure eines neuen Babylon". Den Papst bezeichnete der Metropolit als "Agenten des amerikanischen Imperialismus", die Sowjetregierung hingegen würdigte er als "die gerechteste in der langen und verworrenen Geschichte ihres Landes".
Als 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion Russland einmal mehr in Wirren driftete, reagierte die Kirche in byzantinischer Tradition. Hatten Kirchenobere schon in der späten Sowjetzeit vom Staat Limousinen gegen Loyalität erhalten, demonstrierte die Kirche dem ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin noch die Treue, als dessen Popularität schon dramatisch sank.
Jelzin wies der Kirche einen "besonderen Platz" in der Gesellschaft zu. Er bestand auch darin, dass der Präsident der Kirche Zollprivilegien für den einträglichen Handel mit Zigaretten gewährte.
Weniger umstritten war der Wiederaufbau der 1931 von den Kommunisten gesprengten Christ-Erlöser-Kathedrale im Zentrum Moskaus. Dabei wandten sich die Kirche und Staatsführung an reiche Sünder aus den Reihen dubioser "Bisnesmen".
Die konnten durch großzügige Spenden bis zur Fertigstellung des Baus 1999 ein gottgefälliges und staatsfrommes Werk tun – steuerlich absetzbar. ■
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"
  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger