28.11.2017

„Heilige Pflicht“

Russland blieb trotz des Kommunismus immer mehrheitlich christlich. Die orthodoxe Kirche steht heute treu an der Seite Wladimir Putins. Sie liefert den theologischen Überbau für seine Abgrenzung gegenüber dem Westen.
Die Nähe der russisch-orthodoxen Kirche erlebte der neue Staatschef schon zu Beginn seiner ersten Amtszeit. Nach der Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten ließ der Patriarch Alexij II. bei der Amtseinführung am 7. Mai 2000 in einer Kirche auf dem Kreml-Gelände für den Staatschef beten. Der hatte sich zuvor zu seiner "heiligen Pflicht" bekannt, "das Volk Russlands zusammenzuschmieden". Russland ist nach Artikel 14 seiner Verfassung zwar ein weltlicher Staat, der keine Religion verordnet. Dennoch zeigt sich der Kreml der russisch-orthodoxen Kirche besonders verbunden. Sie sei, so Putin "die geistige Stütze unseres Volkes und unserer Staatlichkeit".
75 Prozent der russischen Bürger bekennen sich zum russisch-orthodoxen Glauben. Zwar gehen nur etwa 10 Prozent regelmäßig in die Kirche. Die meisten orthodoxen Russen pflegen, so der Moskauer Historiker Weniamin Simonow, ein "individualistisches Modell der persönlichen Religiosität", mit Ikonen in fast jeder Wohnung.
Zudem ist die russisch-orthodoxe Kirche mit ihren mehr als 33 000 Gotteshäusern und mehr als 30 000 Geistlichen ein wichtiger Faktor der Gesellschaft. In jüngster Zeit bringen Russlands Orthodoxe bei Prozessionen wie etwa am 12. September 2017 in Sankt Petersburg schon mal Zehntausende Menschen zusammen. Dort wurden neben Ikonen und Bildern des letzten Zaren auch Transparente gezeigt, die ins Weltliche weisen: "Ehre des Herrschers – Ehre des Volkes".
Die Autorität der Kirche ist noch gewachsen, seit sich die nach der Revolution entstandene orthodoxe Auslandskirche 2007 mit den Inlandsbrüdern vereinte. Den Einigungsvertrag unterzeichneten beide Kirchen in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau – im Beisein Putins. Er sah in der "Wiedergeburt der kirchlichen Einheit" eine "äußerst wichtige Bedingung für die Wiederherstellung der verlorenen Einheit der ganzen ,russischen Welt'".
Für die von der Staatsführung gewünschte innere Abgrenzung Russlands vom Westen lieferte die Kirche bereits im Jahr 2000 eine theologische Begründung: Der damalige Metropolit und jetzige Patriarch Kirill verkündete, die "liberale Doktrin" beinhalte "die Idee der Entfesselung des sündigen Individuums" und damit "die Befreiung des Potenzials der Sünde im Menschen". Daher sei "die liberale Idee kontradiktorisch zum Christentum".
16 Jahre später konstatierte der Patriarch eine "Dechristianisierung Europas und Amerikas" und eine "tiefe Identitätskrise, welche die westliche Gesellschaft erfasst hat". Daher, so das Kirchenoberhaupt könne eine "blinde Übertragung fremder weltanschaulicher Modelle" auf den "russischen Boden" nur zu "schweren Erschütterungen und Tragödien" führen. Folgerichtig warnt der Patriarch, gegenüber "manchen Internet-Seiten", die "gefährliche, provokative Information" enthielten, müsse "der Staat Wachsamkeit zeigen".
Das hört man im Kreml gern. Zum 70. Geburtstag im November 2016 erhielt Patriarch Kirill von Putin eine der höchsten Auszeichnungen des Landes, den Orden "für Verdienste gegenüber dem Vaterland". Das Kirchenoberhaupt bedankte sich mit dem Bekenntnis, "Stein für Stein das Gebäude eines symphonischen Zusammenwirkens von Kirche, gläubigem Volk und Staat zu errichten".
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2017
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