27.01.2009

KAPITEL 2: KAISERLICHE MACHTPatriarch der Macht

Skrupelloser Aufsteiger oder weiser Friedensherrscher - kaum ein Regent hat so widersprüchliche Nachbilder hinterlassen wie Augustus. Aber sein Erfolg beweist, dass er mehr war als ein genialer Selbstdarsteller.
Legenden haben ihre eigene Geschichte, und jene Legende aus römischer Zeit ist eine wirklich besondere - geheimnisvoll, erotisch, sexy. Da ist Atia, Dame aus gutem Hause, die im Tempel des Apollo einschlummert und träumend wähnt, sie habe am heiligen Ort mit ihrem Mann geschlafen. Dem wieder dünkt nur die trunkene Eingebung, über der Scham seiner Gattin sei plötzlich die "Sonne aufgegangen".
So geschah es der Erzählung nach, dass auf Atias Unterleib sich alsbald ein Mal in Form einer Schlange zeigte, worauf sie, ganz genant, öffentliche Bäder mied. Neun Monate später, jetzt endlich griffen die Gesetzmäßigkeiten der Biologie, kam ein Knabe zur Welt - und gleich galt das kleine Wesen als Gott, zumindest als gottähnlich, weil wohl Apoll, das Multitalent aller Astralkörper zwischen Himmelreich und Erdenzwinger, der Schlange Herr gewesen sei. Oder gewesen sein könnte.
In vielen Legenden steckt ein wahrer historischer Kern, so auch in dieser: Der Mann, der angeblich auf so bizarre Weise gezeugt worden war, wurde tatsächlich als Gott verehrt, gleich nach seinem Tode im Jahre 14 nach Christi Geburt. Und schon sein Name stellte ihn zu Lebzeiten über alles und über jeden: AUGUSTUS.
Augustus - also der "Geheiligte", der "Verehrungswürdige", der "Erhabene". Damals kein Titel im funktionalen Sinne, sondern Bezeugung tiefen Respekts; gleichzeitig eine Art Signum dafür, wie er sein politisches Leben und sein privates Leben der Öffentlichkeit präsentierte. Auf dieser Bühne sei dann freilich nur aufgeführt worden, schrieb der Althistoriker Jochen Bleicken, "was Augustus gerade darzustellen wünschte", nicht aber Szenen, die zeigten, was und wer er wirklich war.
Wirklich war er Roms erster Kaiser, und dennoch lagen seine wahren politischen Motive und Absichten lange im Schatten der Geschichte, so eifrig sein Ruhm besungen wurde und seine Tatkraft gepriesen; so gut jedes christlich erzogene Kind seinen Namen aus der Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium kennt und so unabänderlich der Monat August ein Bestandteil des abendländischen Kalenders ist.
Gab es in der Geschichte Roms je einen Mann scharfer Widersprüche, dann war es Augustus. Schon mit 25 legte er sich den staatstragenden Titel "Imperator" zu, Feldherr - obgleich er, eher schwächlich und zeitlebens recht kränklich, so gar nichts vom Gestus des schneidigen Soldatenführers hatte.
Er schlief gern lang und trank kaum Wein. Statt zu schlemmen, bevorzugte er frugale Kost - grüne Feigen etwa oder gesalzenes, mit Olivenöl beträufeltes Brot. Er war hellwach, aber auch hochgradig abergläubisch; für Luxus und prunkvolles Gehabe hatte er nichts übrig.
Solche Form der Bescheidenheit, der Zurücknahme, nannten die Römer bewundernd civilitas; nur konsequent, dass sich Augustus prinzipiell die Vergöttlichung seiner Person verbat, ob in Tempeln oder an Standbildern. Dennoch galt er als sakrale Autorität. Besonders lag ihm offenbar daran, jederzeit einen Lorbeerkranz tragen zu dürfen, wie er es sich vom Senat hatte bestätigen lassen - denn der Lorbeerkranz war das Symbol der Sieger.
Beim Thema Moral schien es, als präsentierten sich zwei verschiedene Menschen. Als junger Mann zeigte er nicht sonderlich viel Achtung vor Frauen. So reagierte er seine Wut über eine politische Widersacherin in einem Spottgedicht mit Sexualphantasien ab. Auf ihre vermeintliche Bitte: "Fick mich, oder es gibt Krieg" kontert er kühl: "Was aber, wenn mir der Schwanz lieber noch ist als das Leben selbst? Auf, so blase zum Kampf."
Derlei Derbheiten kontrastieren freilich krass mit der vom späteren Herrscher zur Schau gestellten Prüderie, gegossen in gesetzlich verordnete Sittlichkeit. Männer über 25 Jahren mussten verheiratet sein, für Frauen galt als Obergrenze 20; drei Kinder waren vorgeschrieben, Seitensprünge wurden bestraft, starb die Gattin, dann hatte der Mann gerade mal 100 Tage Zeit, sich eine neue zu suchen. Alle, die gegen sein familiäres Leitbild aufmuckten, beschimpfte er als "Eiterbeulen" und "Krebsgeschwüre". Gemeinhin heißt so etwas Bigotterie.
Wie geschmeidig, berechnend und pragmatisch-klug dieser Meister der politischen Ränke, dieses PR-Genie in eigener Sache im Übrigen war, belegt nahezu jede Station seines 76-jährigen Lebens. Ginge es etwa um juristische Tatbestände, die jeweils hohe Strafen nach sich zögen, würde es in der ersten Etappe seiner Polit-Karriere davon ein ganzes Bündel geben: Hochverrat, Anstiftung zum Mord und Massenmord. "Ein ganz gewöhnlicher Terrorist" sei er gewesen, urteilt Bleicken. Gut möglich, dass er damals der meistgehasste Mann Italiens war.
Und doch bejubelte der Dichter Vergil ihn als "Retter der zerrütteten Welt". Für Vergils Kollegen Horaz war er der "stets bereite Hüter Italiens und des herrschenden Roms"; Philon, ein jüdischer Philosoph aus Alexandria, lobte den gewissenlosen Abenteurer früherer Tage als "Friedensbewahrer".
Verblüffend, mit welcher Rasanz und Geradlinigkeit dieser Machtmensch aus dem scheinbaren Nichts zum Herrscher über ein Weltreich aufstieg. Verblüffender freilich noch, dass er dann nach höchst unruhigen Zeiten eine lange Phase des Friedens einläutete, die zu seinen Ehren verklärend so heißt: Pax Augusta - eine Blütezeit auch für Kunst und Literatur.
Was er geschafft hatte, eignete sich bestens zur Erfolgsgeschichte: Maskiert als "princeps senatus", Vorsteher des Senats, hatte er aus einer Diktatur heraus Politik und Verwaltung an Recht und Gesetz eines Landes gekoppelt, das zumindest in Teilen wieder der früheren Republik ähnlich sah. Millionen Bürger hatte er zufriedengestellt durch ein gerechteres Steuersystem und großzügige Alimentierungen, etwa wenn er den Ärmeren kostenlos Getreide liefern ließ.
Deshalb habe sich Augustus, so Bleickens Kollege Werner Dahlheim, auf eine "riesige Gefolgschaft aus allen sozialen Schichten" verlassen können. Deshalb auch trug er schließlich den Titel Vater des Vaterlandes, pater patriae, der später im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation neu gedeutet wurde, indem sich Monarchen "semper Augustus" nennen ließen - was bedeuten sollte: "allezeit Mehrer des Reiches".
Die Familie jenes Mannes, der im Prinzipat eine neue Herrschaftsform erfand, war keine urrömische; sie stammte aus dem Städtchen Velitrae am Südhang der Albaner Berge, im früheren Stammesgebiet der Volsker. Allerdings gehörte die Gemeinde, die vom Landadel dominiert wurde, seit Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. zum römischen Bürgerverband.
Gaius Octavius hieß der Knabe, und dass er auch Kaipias genannt wurde, gibt bis heute Rätsel auf. Es könnte ein Übersetzungsfehler sein, der sich durchschleppte. Wahrscheinlicher aber ist die Vermutung des Spezialisten Francis Ryan, Kaipias sei die griechische Verballhornung von capricornus, Steinbock. Octavius wurde zwar am 23. September 63 v. Chr. geboren, die Sonne stand damit im Sternzeichen der Waage, der Mond aber im Sternzeichen des Steinbocks. Und wer "zum Heil des römischen Staates" (so der Historiker Konrad Kraft) auf die Welt kam, angeblich gezeugt von Apoll, den schmückte wohl besser ein Symbol tierischer Kraft, nicht das der Ruhe und des Ausgleichs.
Sein Vater, der gleichfalls den Namen Gaius Octavius trug, schaffte den Sprung von der Provinz nach Rom in die Riege ziemlich einflussreicher Bürger; er war Senator in Rom, Aedil, also eine Art Chefaufseher, dann hoher Richter und schließlich Statthalter in Mazedonien. Mutter Atia war eine Nichte Gaius Julius Caesars, jenes Mannes, auf dessen Namen die Titulatur aller Kaiser und Zaren zurückgeht, den das gemeine Volk auf seine Art liebte und verehrte. Der aber bei fast allen Verfechtern der republikanischen Idee als Feind Nummer eins verhasst war, weil er diktatorische Vollmachten nutzte wie keiner vor ihm.
Caesar hatte keinen Sohn, deshalb setzte er den Großneffen als Erben ein; klar, dass sogleich die wildesten Gerüchte umliefen. War der junge Bursche nicht längst Caesars Geliebter? Hatte er sich nicht mit glühenden Nussschalen die Schenkel gesengt - damit das Haar weicher nachwüchse wie bei Frauen?
Für derlei Getuschel gab es nie Beweise. Sicher ist nur: Gaius Octavius musste seinen Namen ändern, als er nach Caesars Ermordung im Jahre 44 durch dessen Testament zum Haupterben gemacht und zugleich adoptiert worden war. Nun hieß er Octavianus, so verlangte es das römische Adoptivrecht als Kenntlichmachung der neuen familiären Situation. Nun war er Herr über ein stattliches Vermögen, und nun musste er mit etwas rechnen, das ihm völlig neu war: Auch auf ihn lauerten jetzt überall die Feinde Caesars, Todfeinde.
Octavian, der sich anfangs selbst nur Gaius Julius Caesar nannte und seinen alten Namen abschüttelte wie ein "lästiges Insekt" (Dahlheim), scharte mit Geschick einen großen Kreis von Sympathisanten, dankbaren Geistern und cleveren Beratern um sich. An erster Stelle standen dabei persönliche Freunde wie der Nabob Gaius Maecenas, aber auch Caesars Privatsekretär Lucius Cornelius Balbus, der einmal Roms graue Eminenz gewesen war.
Selbst Marcus Tullius Cicero stieß hinzu, der bedeutendste Redner und Autor jener Jahre, die als "goldenes Zeitalter" der römischen Literatur apostrophiert werden - einer, der eigentlich überzeugt war, dass Politik nur auf einem Fundament gefestigter Moral und republikanischer Ordnung funktionieren könne. Am 2. November 44 schrieb Cicero an einen Freund über Octavian: "Er setzt Großes ins Werk ... Bedenk seinen Namen, bedenk sein Alter!" Und prophezeite: "Geschehen wird, was die wollen, die die Macht in den Händen haben. Und die Macht wird immer bei den Waffen sein."
Nicht einmal 20 Jahre alt war Caesars Erbe, als er mit dem Geld des Großonkels und veruntreuten Staatsgeldern eine Armee zusammenkaufte; nach römischem Recht war das Hochverrat. Sein erstes Ziel und das seiner Legionäre: Rache zu nehmen an den Mördern seines Adoptivvaters.
Später, als er öffentlich die Bilanz seines Lebens zog, bog er sich den Sachverhalt zurecht: Er habe den "durch die Willkürherrschaft einer bestimmten Gruppe versklavten Staat befreit". In anderer Übersetzung klingt es noch heroischer: Sein Kampf sei der gegen die "Tyrannei eines Machtkartells" gewesen.
Wie er den von Beginn an führte, dokumentiert eine Episode im Senat, die der Biograf Sueton schildert. Als die Herren zögerten, Octavian zum Konsul zu ernennen, schlug ein Hauptmann aus seiner Begleitmannschaft den Kriegsmantel zurück, zeigte auf das Schwert und rief: "Wenn ihr's nicht tut - dies wird es tun!" Unmissverständlich zeigte sich, was in diesem Moment Octavians treibende Kraft war: purer Wille zur Macht.
Dabei halfen ihm Charakterzüge, die der Augustus-Spezialist Klaus Bringmann in einem einzigen Wort zusammenfasst: "Zweckrationalität" - kluge Berechnung, Vorsicht und Kühnheit. Octavian war etwa 1,70 Meter groß, ein bisschen stämmig, durchaus ansehnlich. Oftmals trug er Schuhe mit dicken Sohlen, um größer zu wirken.
Autorität mag fast schon garantiert sein, wenn auch Intelligenz ins Spiel kommt, und Octavian war überragend intelligent. Er war schlagfertig, er konnte ironisch sein, sarkastisch. Er konnte frei und aus dem Stegreif reden - genau das aber vermied er, sooft es ihm um wichtige Sachen ging. Dann las er vom Blatt ab. Mit großer Akribie hatte er jeden Satz ausgearbeitet. Alle merkten: Hier triumphierte ein eiserner Wille über den sonst gewohnten Rhetorenschwung.
Weil er sich von Emotionen freizuhalten und eiskalt zu agieren vermochte, überwand er verblüffend schnell die irre und wirre Zeit nach dem gewaltsamen Tod seines Adoptivvaters. Erst bekämpfte er, einen Rat Ciceros befolgend, jenen Mann, der sich eigentlich als Nachfolger und legitimer Sachwalter Caesars fühlte - Marcus Antonius.
Dann aber ging er mit ihm und dem alten Haudegen Lepidus ein Männerbündnis ein, dem durch ein Plebiszit für fünf Jahre die oberste Gewalt übertragen wurde. Dieses Triumvirat, die "Dreimännerherrschaft zur Ordnung des Staates", kommentiert Bringmann, sei ein "kollegiales Ausnahmeamt mit diktatorischer Vollmacht" gewesen. Vor allem freilich stürzte es Rom in eine Blutorgie und löste einen nie da gewesenen Exodus der Intelligenz und der noblen Gesellschaft aus.
Wer im Verdacht stand, gegen Caesar gewesen zu sein, wurde auf eine Todesliste gesetzt - und war damit vogelfrei. Jeder konnte sich beteiligen an der Jagd nach Menschen, die nun Proskribierte hießen. In Rom brach Panik aus, Söhne verrieten ihre Väter, Verwandte verzinkten Verwandte, die "grausige, verfassungswidrige Episode ... des Durchgreifens" (so der britische Historiker Michael Grant) forderte Tausende Tote, binnen kurzem war ein großer Teil der politischen Elite ausgerottet oder vertrieben, die republikanische Opposition somit ausgeschaltet.
Auch Cicero, den Antonius als seinen Todfeind betrachtete, konnte sich nicht retten. Geächtet irrte er durch Italien, bis Häscher ihn am 7. Dezember 43 einholten, ihm Kopf und Hände abschlugen und sie auf dem Forum Romanum, dort, wo er fulminante Reden gehalten hatte, als Trophäen zur Schau stellten.
Fast keiner der Mörder Caesars oder ihrer Helfer habe ihn "länger als drei Jahre überlebt", berichtet Sueton, "und keiner starb eines natürlichen Todes". Das klingt nach Staatsverbrechen. Überdies meldet der Biograf, einige hätten sich - hochsymbolisch - "mit demselben Dolch" das Leben genommen, "mit dem sie Caesar verletzt hatten".
Statt eines Diktators, Caesar nämlich, bestimmten nun drei Diktatoren. Erstaunlich, dass dieses letzte römische Triumvirat lange Jahre hielt, formal jedenfalls. Erstaunlich, weil seine Basis das Blutfeld eines Massenmordes war - und weil es funktionieren musste in einem Dreiecksverhältnis, wo (in Dahlheims Resümee) keiner daran dachte, "freiwillig die einmal errungene Herrschaft wieder aus der Hand zu geben".
Genau hier sah Octavian nun seine nächste dringliche Aufgabe.
Der dritte Mann, Lepidus, sollte als erster aus dem Feld geschlagen werden, dann gab es auf dem Weg nach oben nur noch einen Konkurrenten: Antonius, mittlerweile mit Octavia, der Schwester seines Co-Regenten, verheiratet. Der Schwager beherrschte den Osten der Großmacht, Octavian den Westen, und ihm kam wunderbar zupass, dass Antonius - ältere Filmfreunde haben sogleich den knorrigen Richard Burton vor Augen - sich unsterblich verliebt hatte in die ägyptische Königin Kleopatra.
Dieser Ehebruch spielte zwar keine Rolle, wohl aber dass ruchbar wurde, dass Antonius Kleopatras Kinder als Erben römischer Gebiete eingesetzt hatte. Der Stratege Octavian erkannte sofort, dass er diese Nachricht wirkungsvoll nutzen konnte: Wer Teile des Imperiums verschenkt, der musste ein Feind Roms sein.
Antonius geriet zur Unperson, nie mehr nahm Octavian seinen Namen in den Mund, Kleopatra hieß nur "Hure". Sie habe "dem Kapitol und dem ganzen Imperium", dichtete Horaz, "mit Sturz und Untergang gedroht".
Der Senat erklärte sie zur Staatsfeindin - und ihr den Krieg. Es war ein berechnend-dramatischer Akt: Octavian schleuderte einen Speer auf ein Stück römischer Erde, das zum feindlichen Ausland deklariert worden war, und besiegelte damit eine propagandistische Meisterleistung. Denn der angezettelte Krieg um die Alleinherrschaft trug nicht das "Odium des Bürgerkrieges" (Bringmann), weil es ja um eine orientalische Königin ging. So gelang es ihm, das Volk qua Treueeid auf sich einzuschwören.
Wer römisch fühlte, der musste jetzt wissen, wofür es zu kämpfen galt: für die Führungsrolle Italiens und die Werte der Ahnen. Wer noch Antonius unterstützte, half einem äußeren Feind, war demnach ein Verräter.
An Griechenlands Westküste, in der Seeschlacht vor Actium, krönte Octavian am 2. September 31 den politischen Sieg mit einem militärischen, wobei er das Glück - und die Menschenkenntnis - hatte, sich des wohl besten Admirals seiner Zeit, Marcus Vipsanius Agrippa, bedient zu haben. Er selbst stellte diesen Triumph als konsequenten Ratschluss der Götter dar: Sie hätten den Sieg des Westens über den Osten beschlossen.
Wenig später nahmen sich Kleopatra und Antonius das Leben; sowohl dessen ältesten Sohn wie den der Königin (er entstammte einer Liaison mit Caesar) ließ Octavian töten. "Die Angst vor ihrer Rache", schreibt Dahlheim, "erstickte jeden Gedanken an Gnade." Dann war Zahltag: Ägypten, das reichste Land im Mittelmeerraum, wurde dem Imperium einverleibt und ausgeplündert - um den "Hunger einer riesigen Gefolgschaft nach Beute und Lohn zu stillen".
Dass nun nach fast einem Jahrhundert der Gemetzel Frieden "durch Siege zu Wasser und Lande" herrschte - damit spielte Octavian auf die Eroberung Ägyptens im Jahr nach Actium an -, musste jedem Römer deutlich sichtbar gemacht werden. Im August 29 schloss man als Symbol des Friedens die Tore des Janustempels in Rom, angeblich erst zum dritten Mal seit der legendären Gründung der Stadt im Jahr 753; zwei Jahre später beendete ein mehrtägiger Staatsakt ganz offiziell die bis dahin längste Unruhephase in Rom.
Octavian war erst 35, als ihm der Senat am 16. Januar 27 den Titel aller Titel verlieh: Augustus. Er nahm ihn an, weil er wusste, dass dieser etymologisch beziehungsreiche Name - er erinnerte an einen Kultakt ("Augurium") zur Deutung des Götterwillens, den der Sage nach Romulus eingeführt hatte - für das Ohr eines Republikaners keinerlei Beleidigung darstellte.
Augustus rühmte sich, den Staat endlich "wieder der freien Entscheidung des Senats und des römischen Volkes" übertragen zu haben. Tatsächlich ließ er alle Gesetze aus der Zeit des Triumvirats kassieren. Aber systematisch drängte er auch alle Senatoren aus dem Amt, die illoyal schienen - ein so brutaler Schritt, dass er eine Zeit lang nur mit einem Brustpanzer unter der Toga und bewaffnet im Senat erschien, "zehn ihm befreundete Senatoren von sehr großer Körperkraft", vermeldet ein römischer Geschichtsschreiber, hätten schützend "seinen Sessel umstanden".
Beschönigend vermerkt Augustus in seiner Lebensbilanz, er habe "an Rechtsmacht nicht mehr besessen als meine jeweiligen magistratischen Kollegen" - traditionelle Führungsrollen wie die Verwaltung der befriedeten Provinzen überließ er demonstrativ dem Senat. Selbst das nominell höchste Regierungsamt, das Konsulat, gab er später auf, um sich andere Sonderrecht verleihen zu lassen. Sogar den großen Theodor Mommsen konnte er so fast zwei Jahrtausende später glauben machen, das Augustus-Reich sei eine Dyarchie gewesen, ein doppeltes Kontrollsystem aus Herrscher und Senat.
Große Gesten, symbolische Politik vom Feinsten: in Wirklichkeit jedoch "war der Herrscher stets der Übergeordnete" (Michael Grant). Der Princeps war de facto Monarch, Caesar, der erste Kaiser. Die Grenzprovinzen unterstanden ihm und damit die militärische Macht. Nun trat Augustus den Beweis an, dass der Besitz von Macht mehr bedeutete als reinen Selbstzweck.
Planvoll nämlich verzahnte er die Staatsmacht mit Religion, die für den Seelenhaushalt der Bürger so ungemein wichtig war. Seit langem hieß es, die Krise Roms sei ausgelöst worden durch eine Vernachlässigung religiöser Pflichten - die Götter hätten sich gerächt. "Du büßest, Römer, unverdient der Väter Missetaten", sang Horaz, "bis du die Tempel wiederhergestellt."
Genau dies tat Augustus. Damit regenerierte sich nicht nur das altrömische Lebensgefühl - wer will, kann die Sanierung heruntergekommener Kultbauten und den Bau neuer auch als Auftakt eines umfassenden Konjunkturprogramms verstehen. Aquädukte entstanden, Theater, Straßen, eine riesige Sonnenuhr mitten in der Stadt, auch repräsentative Gebäude und auf dem Esquilin eine luxuriöse Hallen- und Parkanlage für die einfachen Leute.
Tausende hatten Arbeit; die Auswirkungen eines solchen "Bauprogramms auf das stadtrömische Leben", schreibt der Tübinger Althistoriker Frank Kolb, "können gar nicht überschätzt werden". Hier manifestierte sich die Idee des Monarchen, Patron und Beschützer der mittleren und unteren Bevölkerungsschichten zu sein, der Plebs. Dass er das Prinzip "Brot und Spiele" zum System erhob und sich als Geldspender zeigte, erzeugte bei den allermeisten zweifellos ein Gefühl der Dankbarkeit oder der Zuneigung.
Auch in Italien - mittlerweile lebten hier über vier Millionen Menschen - und in den Provinzen stabilisierten sich allmählich die Lebensverhältnisse, weil Augustus einen Großteil der ägyptischen Kriegsbeute in den Geldkreislauf speisen ließ. Wie zufrieden die Landleute waren, belegt noch die eher nüchterne Bilanz des Historikers Velleius Paterculus: "Die Äcker fanden wieder Pflege, die Heiligtümer wurden geehrt, die Menschen genossen Ruhe und Frieden und waren sicher im Besitz ihres Eigentums."
Das war der eigentliche Sieg des Augustus - eine Konsolidierungspolitik, die heute als "augusteische Schwelle" anerkannt wird. Erst kürzlich hat der Politikwissenschaftler Herfried Münkler noch einmal deutlich gemacht, was damit gemeint ist: dass es nämlich langlebigen Imperien gelingt, im Interesse ihrer Bürger politische, ökonomische, militärische und ideologische Macht auszubalancieren. Reiche dieser Art verstehen sich "als Schöpfer und Garanten einer Ordnung", so Münkler, "die letztlich von ihnen abhängt und die sie gegen den Einbruch des Chaos verteidigen müssen".
Als Augustus 14 nach Christi Geburt bei Neapel starb, hatte er allerdings die Niederlage seines Lebens noch vor Augen - die Vernichtung dreier römischer Legionen unter dem Befehl des Quinctilius Varus irgendwo in den finsteren Wäldern Germaniens. Aus Verzweiflung über diese Schmach habe er "monatelang Bart und Haupthaar wachsen" lassen, notierte Sueton. Angeblich habe er sogar, seinen Kopf gegen eine Tür knallend, immer wieder gerufen: "Varus, gib die Legionen zurück!"
Ironie der Geschichte, dass vom erfolgreichen Machtstrategen und Übervater seines Volkes ausgerechnet dies zum geflügelten Wort wurde. Aber vielleicht eine treffende Ironie - so unweigerlich, wie jeden Sommer der August kommt und im Winter die Weihnachtsgeschichte, die seinen Namen verewigt.
Von Georg Bönisch

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 1/2009
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock