27.01.2009

Die Todesmaschine

Das Kolosseum, in dem Tiere und Menschen zu Zehntausenden starben, sollte die Volksnähe der Kaiser symbolisieren. Der Bau von bestechender Funktionstüchtigkeit ist bis heute unübertroffen.
Der Spruch ist sehr alt, wohl über 1300 Jahre - und doch besitzt er durchaus sinnreiche Aktualität. Ein grundgelehrter Mönch soll ihn geprägt haben in einem angelsächsischen Kloster. Wie eine Formel klingt es, was Beda, genannt der Ehrwürdige, da sagte: "Solange das Kolosseum steht, besteht auch Rom. Fällt das Kolosseum, fällt auch Rom. Und fällt Rom, so fällt auch die Welt."
Nun, das Kolosseum steht - nicht zuletzt deshalb, weil es eine der größten technischen und handwerklichen Meisterleistungen des Altertums war: beste Planung, bestes Material, beste Leute, alles kombiniert mit einer überaus genialen Logistik, die dafür bürgte, dass dieser Superbau in kaum zehn Jahren hochgezogen wurde.
Es war ein Superbau, der Symbol einer neuen Zeit werden sollte: Roms Kaiser im Bund mit dem Volk, dies war hier in steinerner Größe verewigt. "Jegliche Leistung verschwindet vor Caesars Amphitheater", jubelte der Dichter Martial, "ein Werk feiert allein künftig statt aller der Ruhm." Erst dann und mit weitem Abstand, rechnete der Meister des lateinischen Epigramms vor, seien die Pyramiden aufzulisten oder jenes Mausoleum in Halikarnassos, das ebenso zu den sieben Weltwundern zählte, oder der Turm in Babylon.
Aber es war auch ein Superbau, der eigentlich nur als Hort des Verderbens konzipiert war. Hier, vor der gewaltigen Kulisse von über 50 000 Menschen, kämpften Gladiatoren gegeneinander bis zum letzten Blutstropfen. Hatte der Verlierer sich tapfer gewehrt, schwenkten die Zuschauer Tücher oder einen Togazipfel und schrien: "Mitte!", lass ihn gehen! Sonst hieß es: "Iugula!", stich ihn ab!, und die Daumen wendeten sich nach unten.
An manchen Tagen lagen so viele Tote im Sand und in den Kellerräumen, dass die ordnungsgemäße Entsorgung der Leichen zum Problem geriet. Wie viele hier ihr Leben aushauchten, ist nur annähernd zu beziffern - 300 000 könnten es gewesen sein. Sicher ist nur, dass nirgendwo sonst auf solch kleinem Raum über die Jahrhunderte hinweg so viele Menschen starben. Tod war pure Unterhaltung - und Unterhaltung ein Mittel der Politik.
Hier zerfleischten wilde Tiere unter dem Gejohle der Massen (und oft genug den Augen gebildeter, philosophisch geprägter Herrscher) verurteilte Verbrecher - diese schreckliche damnatio ad bestias galt als legitime Form der Hinrichtung.
Hier traten Männer, später auch Frauen, gegen Löwen, Tiger oder Bären an, aber auch gegen eigentlich sanfte Tiere wie Zebras, Elefanten oder Giraffen. Unmöglich, auch nur annähernd die Zahl verendeter Tiere zu benennen. Es müssen Millionen gewesen sein.
Als der Botaniker Richard Deakin im Jahr 1855 die Flora im Kolosseum untersuchte, entdeckte er auf den Tribünen, in der Arena und den unterirdischen Gängen über 400 Pflanzenarten, etliche von ihnen wuchsen nur weit entfernt von Rom. Lange rätselte der Spezialist, bis ihm klar zu werden schien: Die Samen mussten im Fell der Tiere gesteckt haben - am Ort des Todes hatte sich Leben entwickelt, ein faszinierender Kreislauf.
Wer die Geschichte des Kolosseums betrachtet, darf nicht erst bei Planung und Grundsteinlegung beginnen, sondern muss einige Jahre zurückgehen. 64 n. Chr., unter Nero, hatte ein schwerer Brand das zentral gelegene Viertel am Südhang des Esquilin nahe dem Forum zerstört. Der Herrscher ordnete an, das vormalige Wohngebiet zu konfiszieren und mitten im engen Rom Platz zu schaffen für eine Palastanlage von überwältigender Üppigkeit: die Domus Aurea. Dort stand eine gewaltige Bronzefigur des Kaisers, der Colossus Neronis, und in den weitläufigen Gärten hatte er ein riesiges Wasserbassin, einen künstlichen See, anlegen lassen.
Als die Prätorianer ihn im Jahr 68 fallenließen und der Senat ihn ächtete, floh Nero und beging Selbstmord. Sein Nachfolger Vespasian, der erste Flavier, entwickelte schnell die wohlkalkulierte Idee, genau auf dem Terrain jener Domus Aurea ein Amphitheater nie gekannter Dimension errichten zu lassen - ausgerechnet Vespasian, der sonst sparsam bis geizig war, ja selbst öffentliche Latrinen mit einer Steuer belegte.
Seinem Sohn Titus, der eine solche Fiskalmaßnahme mit der Würde des Staates unvereinbar hielt, soll er eine Handvoll Münzen hingehalten und gesagt haben: "Pecunia non olet", Geld stinkt doch nicht. Gewiss auch nicht das Gold, das römische Soldaten während des Jüdischen Krieges im Tempel von Jerusalem erbeutet hatten: Dieser Schatz wurde zur Finanzierung des ehrgeizigen Projekts eingesetzt.
Klar, Vespasian verfolgte eine politische Absicht, und deshalb besaß genau dieser Bauplatz enorme Symbolkraft. "Wo sich zuvor eine Einzelperson ergötzte", schreibt der Historiker Ulrich Sinn, da "sollten nun Zehntausende ihr Vergnügen finden" - und über ihren Kaiser nur Gutes reden und natürlich von ihm nur Gutes denken.
Anfang der siebziger Jahre begannen die Arbeiten. Zuerst musste das Gelände um den Kunstsee ausgehoben werden, wohl 30 000 Tonnen Erdreich wurden abtransportiert. Teils konnte als Fundament die Bodenplatte des Bassins genutzt werden, teils legten Arbeiter ein neues Fundament an, es war bis zu vier Meter dick. Die Baustelle war in vier Zonen unterteilt, und jeweils vier Kolonnen begannen gleichzeitig damit, Pfeiler und Mauern hochzuziehen. Ein raffinierter Plan sorgte dafür, dass in jedem Segment immer die Materialien auf Lager waren, die gerade benötigt wurden.
Weil die Arbeiter meist seit Jahren schon in ein und derselben Truppe ihre Sesterzen verdienten, waren sie hervorragend eingespielt. Es war gang und gäbe, komplette Teams quasi zu vermieten - eine Struktur, die die Römer von den Griechen übernommen hatten und die bis heute gängig ist. Arbeitskräftehändler gehörten zu den Großverdienern; so mancher reiche Römer legte sein Geld in deren Firmen an.
Das Gestein für die Außenmauern und viele andere wichtige Teile war der nicht allzu harte Travertin. Er wurde nahe Tivoli gebrochen und schon vor Ort maßgerechnet in Quader geschnitten. Dafür benutzte man Metallsägen, die mit einem Gemisch aus Sand - äthiopischer galt als bester - und Wasser gekühlt beziehungsweise geschmiert wurden.
Großrädrige Karren schafften die Steine ins 40 Kilometer entfernte Rom, auf einer sechs Meter breiten Straße, die eigens angelegt worden war. Experten schätzen, dass auf diesem Weg mehr als 100 000 Tonnen Travertin heranrollten. Daneben kamen Tuff und direkt vor Ort gebrannte Ziegel zum Einsatz.
Freilich, Mauern war nicht alles. Ganze Blöcke des Gebäudes wurden gegossen. Die römischen Handwerker verwendeten Pozzolana, einen braunroten, fein pulverisierten Vulkansand, der mit Kalk gemischt und in speziellen Öfen gebrannt wurde. Das so gewonnene Bindemittel war derartig haltbar, dass erst der Portland-Zement im 19. Jahrhundert eine Verbesserung brachte.
Das gussbereite Gemisch wurde mit einer Masse (caementum) versetzt, die, je nach Erfordernissen der Statik, aus schweren Marmorstückchen oder leichtem Bims bestand. Heraus kamen spannungsfreie Brocken, mit denen besonders gut zu hantieren war.
Vespasian starb 79. Im Jahr danach ließ Sohn Titus das dreigeschossige Amphitheater (ein viertes Geschoss kam später hinzu) einweihen - mit 100tägigen Spielen. Nach der Herrscherdynastie hieß es Amphitheatrum Flavium, manche nannten es Amphitheatrum Novum; der heute gängige Name Kolosseum stammt wohl aus der Zeit des klugen Mönches Beda. Eigentlich ein Treppenwitz der Geschichte, sollte dieser Mammutbau doch genau einem anderen Ziel dienen: die Ära des von den meisten für irre gehaltenen Nero zu überwinden.
Das fertige Amphitheater, 48 Meter hoch, 527 Meter im Umfang, war eine technische Sensation. Unterhalb der 86 mal 54 Meter großen Arena - ihre Ellipsenform sorgte dafür, dass die Zuschauer dichter am Geschehen sitzen konnten - lag ein weitläufiges Gewölbe, in dem sich nicht nur Kerker und die Räumlichkeiten für die Gladiatoren befanden, sondern auch eine komplizierte Bühnenmaschinerie. So konnten Winden und Flaschenzüge eine komplette Wald- oder Wüstenlandschaft aus dem Boden aufrichten, und wilde Tiere wurden mit Liften nach oben in die Kampfstätte transportiert.
Eine Zeitlang war es möglich, die Arena zu fluten, um ein Seegefecht zu simulieren. Riesige Sonnensegel, wohl insgesamt über 10 000 Quadratmeter groß und gehalten von 250 Masten auf dem oberen Gesims, sorgten bei Bedarf für Schatten auf den Rängen. War es zu heiß, dann konnte kühlendes Wasser über die Stufen gespült werden, oder ein duschenartiger Mechanismus versprühte über den Zuschauern Erfrischungen besonderer Art - etwa safrangeschwängertes Nass.
Nur 15 Minuten, und das in 3 Zonen (caveae) und 16 keilförmige Segmente (cunei) unterteilte Amphitheater war gefüllt; 80 Eingänge standen zur Verfügung. Das Billett, tessera genannt, beschrieb präzise den Sitzplatz; wem etwa Cun V, In(feriori gradu) decimo VIII zugewiesen wurde, der hockte im Segment 5, 10. Reihe unten, auf Platz 8.
Der Kaiser und sein Gefolge saßen natürlich in einer eigenen, luxuriös ausgestatteten Loge, über ihm die Senatoren und die Ritter und sonstige Größen der Gesellschaft. Fast alle Frauen, bis auf die hochverehrten Priesterinnen der Göttin Vesta, mussten auf dem obersten Rang Platz nehmen, also weit weg vom Geschehen. Vielleicht sollte so verhindert werden, spekuliert der niederländische Historiker Fik Meijer, dass die Gattinnen der Upper-class-Männer "Blickkontakt mit den Helden in der Arena aufnehmen konnten, die ja im Ruf standen, Herzensbrecher zu sein".
Innerhalb von nur fünf Minuten war das Gebäude mit seinem intelligenten Treppen- und Korridorsystem leer, selbst in den modernsten Fußballstadien Europas geht es kaum schneller. Vomitoria hieß die fixe Entladung, auf Deutsch etwa: Erbrechen.
Der kapitale Bau fand sofort überall im Römischen Reich seine Nachahmung, in Puteoli oder Verona, in Paris oder Arles und Nîmes, im istrischen Pula oder im tunesischen El Djem. Eine "beispiellose Bauexplosion" (Meijer) sorgte für mindestens 200 solcher Gebäude, die einen ausgelegt für 40 000 Zuschauer, andere für nur ein paar tausend.
Als Rom seine Macht verlor, war es auch vorbei mit den grausigen Ergötzungen. Letzte Hinweise auf einen Gladiatorenkampf stammen aus dem Jahr 434/5, eine Tierhatz wird noch 523 zur Zeit des oströmischen Kaisers Theoderich vermeldet. Über Jahrhunderte hinweg wurde das Riesengebäude ausgeschlachtet: Holz, Blei und Eisen verschwanden, Travertin und Marmor ließen sich zu Kalk verbrennen, der wiederum für neue Bauten genutzt wurde.
Nun war das Kolosseum fast eine Art Mini-Stadt; in der weitläufigen Ruine siedelten sich Handwerker an, aber auch Anwälte, Geldwechsler und Geistliche - die Bücher der Kirche Santa Maria Nuova, auf deren Grund die alte Lust- und Todesstätte stand, verzeichneten als Bewohner selbst Mitglieder der päpstlichen Kanzlei. Sogar Häuser wurden auf dem Areal gebaut, zweigeschossig, mit Höfen und Gärten.
Fast 2000 Jahre dauerte es, bis das Kolosseum wieder von der Politik vereinnahmt wurde: durch Benito Mussolini, den Hitler-Freund und Oberfaschisten. Il Duce verfügte, das Kolosseum solle in seiner Monumentalität an die Macht römischer Kaiser gemahnen, natürlich deshalb, weil er sich als deren legitimer Nachfolger wähnte.
Was der Tourist heute sieht, ist daher nur eine konstruierte Vergangenheit. Denn um den freien Blick auf dieses Symbol vermeintlich gleicher historischer Bedeutung zu garantieren, mussten - Nero lässt grüßen - ganze Wohnviertel abgerissen werden.
Von Georg Bönisch

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2009
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