27.01.2009

KAPITEL IV: DIE CHRISTLICHE WENDEDurch Mord zum Heil

Constantin der Große gilt als Epochengestalt, weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob. Doch die Glaubensfrage war nur ein Faktor im politischen Kalkül des Regenten, dessen Taten und Entscheidungen Europa bis heute prägen.
Das National Museum of Natural History in Washington zeigte viele Jahre lang die Entstehung der Erde, des Lebens und des Menschen, die Ur- und Frühgeschichte mit dem Alten Orient, den Griechen und den Römern. Die Naturgeschichte reichte dabei von den Dinosauriern bis zu Diocletian, dem Vorgänger Constantins des Großen. Den Übergang von der Anthropologie zur Geschichte markierte in dieser Schau also die Überwindung des Heidentums durch das Christentum, dem Constantin zum Sieg verholfen hat.
Einen Europäer berührt es seltsam, Seneca und Platon neben dem Neandertaler zu finden. Aber im Geschichtsbild des Amerikaners war die Christianisierung offenbar die eigentliche Menschwerdung, der Übergang vom Natur- in den Kulturzustand.
Als epochal galt der Vorgang seit langem. Constantins Bekenntnis zum Christentum vor der Schlacht an der Milvischen Brücke, jener 28. Oktober 312, ist als die "constantinische Wende" in die Historiografie eingegangen. Sie verschaffte dem Kaiser den Beinamen des "Großen". Zwischen Alexander dem Großen, der die hellenistische Weltzivilisation begründet, die Stadtstaaten in den Flächenstaat integriert und damit dem Imperium Romanum vorgearbeitet hat, und Karl dem Großen, der als Novus Constantinus eine erste staatliche Ordnung in Mitteleuropa und damit die Voraussetzung für die europäische Völkergeschichte schuf, zwischen dem Griechen Alexander und dem Franken Karl steht gleichen Ranges der Römer Constantin. Er hat das römische Erbe verwandelt und vermittelt und wirkt nach bis heute. Er hat das christliche Europa begründet. Aber wer war er eigentlich?
Constantin, unehelicher Sohn des Kaisers Constantius Chlorus und der bithynischen Stallmagd Helena, wurde nach dem Tod seines Vaters 306 in Britannien auf tumultuarische Weise vom Heer zum Nachfolger erhoben und nahm unverzüglich von Gallien und dem ganzen Westen des Reiches Besitz. Im Jahre 307 finden wir ihn in der Residenzstadt Trier, der damals größten Stadt nördlich der Alpen. Hier besuchte ihn der Altkaiser Maximian, verlieh ihm den Augustus-Titel nun offiziell und gab ihm seine Tochter Fausta zur Ehe, die ihm vier oder fünf Kinder gebären sollte (je nach der Zahl seiner Konkubinen). Zur Sicherung der Grenze und zur Bestätigung seines Kaiserglücks besiegte Constantin die Franken am Niederrhein und ließ ihre gefangenen Könige in der Arena Triers von hungrigen Bestien - vermutlich von Bären - zerreißen.
Von Trier aus startete Constantin seine zielstrebige Laufbahn zur Alleinherrschaft. Gemäß der diokletianischen Tetrarchie regierten damals jeweils vier Kaiser, von denen einer Constantins Vater gewesen war. Im Mai 311 war der ranghöchste Augustus, Galerius, vermutlich in Thessaloniki, gestorben. Sein Reichsteil wurde zum Streitgegenstand zwischen seinen Mitkaisern Maximinus Daia im Orient und Licinius in Pannonien. Während des Bürgerkriegs zwischen ihnen richtete Constantin seinen Blick auf Italien. Hier aber regierte seit 306 Maxentius, der Sohn des Maximian und Schwager Constantins. Auch er war ungesetzlich an die Macht gekommen, die Prätorianer hatten ihn gekürt. Nach einem Zwist mit ihm hatte sich Maximian zu Constantin nach Gallien begeben, wieder den Purpur genommen, war dann aber von Constantin zum Selbstmord gezwungen worden. Verkündet wurde, er habe Constantin mit Hilfe eines manipulierten Traumes nächtlich erdolchen wollen. Auf die Nachricht vom Tode seines Vaters soll Maxentius die Statuen Constantins in Rom umgestürzt haben - für diesen ein willkommener Anlass, unverzüglich den Marsch auf Rom anzutreten und nach dem Schwiegervater auch den Schwager zu beseitigen. Dass Maxentius umgekehrt einen Marsch nach Trier unternommen hätte, ist auszuschließen.
Im Frühjahr 312 verbündete sich Constantin mit Licinius, inzwischen Alleinherrscher im Osten, indem er ihm seine Halbschwester Constantia zur Frau gab, und zog mit Heeresmacht über die Alpen. Er besiegte die ihm entgegengeschickten Verbände des Maxentius und marschierte auf Rom. Maxentius trat ihm entgegen, wurde aber am 28. Oktober geschlagen und ertrank auf der Flucht durch einen Sturz von der Milvischen Brücke im Tiber. Seine Familie wurde liquidiert.
316 ließ Constantin seinen zweiten, in Absprache mit Licinius als Regent Italiens vorgesehenen Schwager Bassianus hinrichten. 324 besiegte er auch seinen dritten Schwager Licinius und übernahm von ihm das Ostreich. Endlich war er Alleinherrscher. Constantin schwor seiner Stiefschwester, ihren Mann zu schonen, ließ ihn dann aber töten, wenig später ebenso dessen Sohn, Constantins elfjährigen Neffen. Damit nicht genug: 326 vergiftete Constantin seinen erstgeborenen Sohn von der Konkubine Minervina, den schon kriegsberühmten Crispus - auch dessen Familie verschwand -, und wenig später ließ der Kaiser seine eigene Frau Fausta im überheizten Bad ersticken. So mussten auf dem Wege zur Alleinherrschaft elf Familienangehörige sterben. Einen zwölften, noch einen Sohn des Licinius, hat Constantin offenbar begnadigt. Er befahl, ihn zu verhaften, ihn auszupeitschen und an den Füßen gefesselt als Zwangsarbeiter in eine Kleiderfabrik einzuweisen.
Die kirchen- und kaisertreue Überlieferung bietet für jeden Mord eine Entschuldigung: Man habe Constantin nach dem Leben getrachtet oder die Familienehre geschändet. Nach offizieller Lesart war der gottbegnadete Kaiser immer im Recht, er kannte keine Gnade. Auch seine Brutalisierung des Strafrechts zeigt das. Gegner ließ er, noch als Christ, kreuzigen. Und von politischer Größe zeugt es nicht, wenn Constantin die 324 so blutig gewonnene Reichseinheit wieder in Frage stellte, als er vier Erben mit je einem Viertel des Imperiums bedachte. Die Reichsteilung musste doch wieder zu neuem Bürgerkrieg führen! So geschah es nach seinem Tode 337: Abermals starben Zehntausende im Kampf um das Erbe des Kaisers.
Den Triumph über seine Feinde schrieb nicht nur die kaiserliche und die kirchliche Propaganda, sondern auch Constantin selbst der Gnade Gottes zu. Neben all seiner Machtpolitik war Constantin ein frommer Mann und an religiösen Fragen ernsthaft interessiert. Er informierte sich über verschiedene Religionen und glaubte wie die meisten seiner Zeitgenossen an die Wirkung magischer Zeichen. Constantin sah sich von Anbeginn im Schutz des höchsten Gottes: Anfangs identifizierte er ihn mit Phoebus Apollon oder Sol Invictus, dem unbesiegten Sonnengott; auf den Münzen erschien dessen Name noch bis 325. Constantins schließliche Entscheidung für Christus 312 war also nur ein, wenn auch epochaler Schritt auf einem langen Weg. Freilich wurde er von Wundern begleitet. Die Kirchenväter berichten von einer Vision Constantins vor der Schlacht an der Milvischen Brücke und von einem Traum, in dem Christus ihm befohlen habe, sein Monogramm auf die Schilde der Krieger zu malen, denn eine Schrift am Himmel habe ihm verheißen: "In diesem Zeichen wirst du siegen." Die ausführlichere Version der Wunder-Erscheinung geht auf eine Erzählung zurück, die Constantin viel später seinem Lobredner Eusebius anvertraut hat. Um den Eindruck einer phantasiegestützten Erinnerung abzuwehren, hat der Kaiser dem Kirchenmann seine eidesstattliche Erklärung dazugeliefert.
Die Vision von 312 war weder die erste noch die letzte Erscheinung, die dem glückseligen Kaiser zuteilwurde. Auch bei anderen wichtigen Gelegenheiten offenbarten ihm Träume die gottgewollte Zukunft, so in einem Apollo-Tempel in Gallien, vor dem Kampf gegen die Goten und vor der Gründung Konstantinopels. Beweist das Frömmigkeit oder Raffinesse? Oder handelt es sich bloß um übliche Versatzstücke damaliger Geschichtsschreibung? Schließlich wimmelt es in der antiken Literatur von Visionen. Auch Maxentius und Licinius sollen welche gehabt haben. Sie sind zeitübliche Begleiterscheinungen großer Ereignisse und jeweils auf den Ereignisgang abgestimmt. Gleichwohl ist Constantins Gottvertrauen plausibel. Er dokumentierte es durch die neue Kaiserstandarte, das Labarum mit dem Christusmonogramm und dem Kaiserbild. Es garantierte ihm, so erklärte der Kaiser selbst gegenüber dem Perserkönig, das Wohlwollen Christi und damit den Sieg. Als sich 1912 die Schlacht an der Milvischen Brücke zum 1600. Mal jährte, ließ Kaiser Wilhelm II., der sich schon durch seine Kirchenbauten im Heiligen Land als Nachfolger Constantins geriert hatte, zwei Exemplare des Labarums rekonstruieren. Seit dem Mittelalter hat man Pilger- und Vereinsstandarten nach diesem Muster angefertigt, in die Politik kehrte es zurück mit Hitlers Führerstandarten.
Constantins Hinwendung zum Christentum 312 war ein Bekenntnis, aber keine Bekehrung, kein Damaskus. Der Kaiser hat nie einem falschen Glauben abgeschworen, er sah sich schon immer in der Gunst Gottes. Nur dass dieser Gott Christus hieß, hat er spät erfahren. Vermutlich hat es ihm Bischof Hosius von Cordoba nahegebracht. 309 war Constantin in Spanien, damals dürfte er Hosius kennengelernt haben. Wie konnte dieser den Kaiser überzeugen? Unter den Hunderten von Kulten und Religionen im Reich war das Christentum die einzige, die missioniert hat. Sie war angesichts ihrer Ausbreitung die dynamischste und durch das Netz der Bistümer die am besten organisierte Glaubensgemeinschaft, zudem die - dank der Gestalt Jesu - menschlich ansprechendste und in ihrer Literatur auch intellektuell anspruchsvollste religiöse Gruppe. Keine römische oder griechische Religion konnte der Bibel oder den Schriften der Kirchenväter Gleichartiges, gar Gleichwertiges entgegenstellen.
Die von ihren Bischöfen geleiteten Christen trotzten den wiederholten Polizeimaßnahmen der Kaiser, die sie der Geheimbündelei verdächtigten, so standhaft, dass schon der philosophisch interessierte Kaiser Gallienus im Jahr 260 den christlichen Gottesdienst offiziell reichsweit zuließ und das Christentum damit als religio licita (erlaubtes Bekenntnis) anerkannte. Dieses Toleranzedikt hat zur sprunghaften Ausbreitung des neuen Glaubens entscheidend beigetragen. Nach der anachronistischen letzten, der diokletianischen Verfolgung seit 303 öffneten Constantin und ebenso Maxentius bereits 306 im gesamten Westen den Christen wieder die Kirchen; der Altkaiser Galerius zog 311 im Osten nach und forderte die Christen auf, für das Wohl des Reiches zu beten. Insofern beginnt die Toleranz bereits unter heidnischen Kaisern, nicht erst 312 oder gar 313 in Mailand.
Was aber wäre geschehen, wenn Constantins Experiment mit dem Christogramm misslungen wäre, wenn an der Milvischen Brücke nicht er, sondern Maxentius gesiegt hätte? Fraglos hätte der von Maxentius geduldete Papst Miltiades auch dessen Sieg als Willen des Himmels ausgegeben und erklärt, Gott hätte dem Heuchler Constantin, dem Mörder Maximians, die gerechte Vergeltung zuteilwerden lassen und ihn dafür bestraft, dass er mit dem christlichen Panier dem Willen Gottes vorgegriffen, sein heiliges Zeichen zu magischen Zwecken verwendet und damit gegen das Zweite Gebot verstoßen habe: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen, denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht." Gott habe, so hätte Miltiades sicher hinzugefügt, den Maxentius für seine christenfreundliche Toleranz belohnt.
Schließlich hat Constantin nicht gesiegt, weil er gottbegnadet war, sondern er wurde deswegen für gottbegnadet gehalten, weil er gesiegt hat. Da auch der Monotheist Licinius im Osten bis zum Konflikt mit Constantin dem Christentum eher wohlgesinnt war, wäre die bisherige Ausbreitung des neuen Glaubens, diese expansive Massenbewegung, auch ohne Constantin weitergegangen, nur nicht so schnell.
Die constantinische Wende vollzog sich somit in der Zeit einer bereits erreichten Toleranz. Die vielerörterte "constantinische Frage", ob der Kaiser die Christen aus Berechnung oder aus Überzeugung gefördert hat, ist keine echte Alternative. Beides trifft zu, doch lässt sich das Gewicht der einander ergänzenden Motive schlechterdings nicht ermitteln. Unbegründet ist allein die auch von Jacob Burckhardt vertretene Ansicht, dass ein frommer Mensch auch ein guter Mensch sein müsse. Tomás von Torquemada, der spanische Großinquisitor, war doch gewiss ein ebenso gläubiger Christ wie Albert Schweitzer!
Die constantinische Wende besteht somit allein darin, dass der Kaiser sich selbst 312 offen zu Christus bekannt und nach seinem Sieg die Kirche mit der Staatsmacht und Staatsgeld unterstützt hat. Im großen Stil wurden Gotteshäuser gebaut. Die von Constantin gestiftete Lateranbasilika in Rom hat den Bautypus der kaiserlichen Palasthalle, der Trierer Aula Palatina, übernommen und so die rechteckig-apsidiale Form des Gotteshauses bis ins 20. Jahrhundert geprägt.
Mit der neuen Religionspolitik aber setzten zugleich die Maßnahmen gegen Heiden ein. Im Orient wurden Tempel zerstört und ihre Schätze eingezogen. Den Anfang machten die Heiligtümer mit Sakralprostitution, die dem christlichen Sittenkodex widersprachen. Gleichzeitig ging Constantin gegen Ketzer vor. Das Christentum, das die Förderung des Staates genoss, verhielt sich anderen Glaubensrichtungen gegenüber unduldsam, auch wenn sie auf demselben biblischen Boden wie die römische Kirche standen. In der Provinz Africa wurden Donatisten, in Ägypten Meletianer verfolgt - beides Bewegungen, die sich als "Kirche der Märtyrer" besonders streng gegen Sünder wandten. Es kam zu Militäreinsätzen. Um mit den Splitterkirchen aufzuräumen, bestellte Constantin eine allgemeine Bischofsversammlung. Auf dem ersten Ökumenischen, also gesamtkirchlichen Konzil, das der Kaiser 325 in Nicaea ausrichtete, wurde der Arianismus verurteilt, wurden eine Kirchenordnung und ein verbindliches Glaubensbekenntnis beschlossen. Das darin verwendete Schlüsselwort homo-ousios ("wesensgleich") für das Verhältnis zwischen Gottvater und Christus beruht auf einer persönlichen Eingebung und Anordnung des Kaisers. Er verlieh den Beschlüssen Gesetzeskraft; widerstrebende Bischöfe erhielten Berufsverbot und mussten in die Verbannung gehen. Das "wesensgleich" verblieb im Credo. Dennoch ist zu vermuten, dass die allermeisten heutigen Christen beider Konfessionen Jesus nicht für gottgleich halten und insofern heimliche Arianer sind. Die Formel für die beiden Naturen in Christus, die göttliche und die menschliche, die 451 in Chalkedon als "unvermischt und ungetrennt" bestimmt wurden, gilt indessen noch für alle Konfessionen.
Als kluger Staatsmann hat Constantin laviert. Trotz erkennbarer Begünstigung von Christen finden wir Heiden weiter in hohen Stellungen - schließlich bildete das Christentum, zumal in der Oberschicht, nur eine Minderheit. Aus dem Kaiserkult tilgte Constantin lediglich das übliche Weihrauchopfer. Kaiserpriester gab es nach wie vor; alles, was den Kaiser betraf, vom Kaiser kam, dem Kaiser gehörte, war sanctus (geweiht), sacer (heilig), ja divinus (göttlich). Altgläubige Traditionen wurden christianisiert. Das Gesetz von 321, das den nach dem Planetengott Sol benannten Sonntag zum Feiertag erklärte, begünstigte den christlichen Gottesdienst, erwähnt ihn aber mit keinem Wort. Der Geburtstag des Unbesiegten Sonnengottes zur Wintersonnenwende am 25. Dezember erscheint jetzt im Festkalender als Geburtstag Jesu. Anscheinend wurde das Weihnachtsfest erst am Hof begangen, ehe es sich in der Kirche durchsetzte. Das dauerte lange; Augustinus kannte es schon, aber feierte es noch nicht.
Constantin bekehrte seine Mutter Helena zum Christentum und entsandte sie zum Kirchenbau ins Heilige Land. Die Grabeskirche in Jerusalem, die Geburtskirche in Bethlehem und die Basilika an der Eiche Abrahams bei Mamre erheben sich auf vorchristlichen Kultplätzen. Helena wurde nie getauft, dennoch galt sie früh als Heilige. Die Legende schrieb ihr die wunderbare Auffindung des wahren Kreuzes Christi zu. Constantin ließ auch seine Kinder christlich erziehen, und damit begründete er die christliche Erbmonarchie von Gottes Gnaden. Freilich handelt es sich auch um einen Gott von Kaisers Gnaden. Der Neid aber muss es Constantin lassen, dass er die bisher dauerhafteste Staatsform in der Geschichte Europas geschaffen hat. Sie hat sich, in konstitutioneller Form, in England und den nordischen Ländern bis heute gehalten.
In seiner langen, über 30-jährigen Regierungszeit konnte der Kaiser die von den äußeren Germanen bedrohten Grenzen sichern und die Reformen Diokletians vollenden. Damit bescherte er dem wankenden Imperium noch eine letzte Blütezeit, die Spätantike. Ihr Ende im 5. Jahrhundert durch die Germanen im Reichsinnern hat er freilich unabsichtlich gefördert, indem er ihnen die Offizierslaufbahn öffnete und durch das neugeschaffene Amt des Heermeisters die Position von Generalissimi einrichtete, die später in Gestalt von Stilicho, Rikimer und Odoaker die Macht übernahmen. Gewiss erinnerte sich der germanenfreundliche Constantin daran, dass der Stimmführer bei seiner eigenen Erhebung in Britannien 306 ein Alemannenfürst im römischen Solde namens Crocus gewesen war und dass er den Sieg an der Milvischen Brücke 312 in erster Linie seinen germanischen Söldnern zu verdanken hatte.
Epochale Bedeutung hatte es, dass der Herrscher Byzanz zum Neuen Rom im Osten erkor. Die über tausendjährige byzantinische Geschichte ist ohne Constantin nicht denkbar. Von Byzanz aus gelangte das Christentum in der orthodoxen Form nach Osteuropa. Dort gilt auch Constantin als Heiliger und wird meist zusammen mit seiner Mutter Helena verehrt. Die Taufe nahm er erst 337 in Kleinasien auf dem Totenbett, um von Sünden reingewaschen vor den himmlischen Richter zu treten. Constantin musste nicht auf das Jüngste Gericht warten: Münzen nach seinem Tode zeigen seine Himmelfahrt auf einem Viergespann, dem sich die Hand Gottes aus den Wolken entgegenstreckt.
Der Übergang Constantins in den Osten steht auch hinter der Silvesterlegende und der sogenannten Constantinischen Schenkung. Diese erfolgreichste aller Geschichtsfälschungen entstand im 8. Jahrhundert in der päpstlichen Kurie in Rom. Es heißt, dass Constantin sich als Dank für die Heilung vom Aussatz durch Papst Silvester zu Rom habe taufen lassen und ihm und seinen Nachfolgern das Westreich abgetreten habe, ehe er sich aus Respekt vor dem Stellvertreter Christi nach Byzanz zurückzog. Darauf stützte sich dann der Anspruch der Päpste auf weltliche Herrschaft, deren Rest der heutige Vatikanstaat ist.
Aber nicht nur die Päpste haben sich das Erbe Constantins zunutze gemacht. Seine Bedeutung für das christliche Europa zeigt sich in zahllosen Sagen und Zitaten, in Denkmälern und Kunstwerken. Gerade die Schlacht an der Milvischen Brücke mit der Kreuzesvision des gottseligen Kaisers Constantin, eine Sternstunde der katholischen Kirchengeschichte, bot für Maler seit der Renaissance ein dankbares Sujet. Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts häufte sich die Darstellung des Themas; allein aus Rom sind fünf Beispiele bekannt. Sie dienten im Zeitalter der Gegenreformation überwiegend als Selbstvergewisserung der apostolischen Kirche, so der einschlägige, 1622 entstandene Entwurf von Rubens für eine Tapisserie, die Ludwig XIII. von Frankreich in Auftrag gab und dem Kardinal Francesco Barberini schenkte.
Auf Constantin beriefen und bezogen sich Herrscher aller Art: Päpste und Zaren, Kaiser und Könige, aber auch deren Gegner und Nachfolger, denken wir nur an Roms revolutionären Volkstribun Cola di Rienzo. Er legitimierte sich 1347 als Novus Constantinus durch die Ritterweihe in Form einer Taufe in eben jener grünen Porphyrwanne, in der Constantin durch Papst Silvester getauft worden sein soll - sie befindet sich heute im Baptisterium bei der Hauptkirche San Giovanni in Laterano - und durch die Krönung mit einem Kranz aus Kräutern, die auf dem Triumphbogen Constantins gewachsen waren.
Der einstweilen letzte Nachfolger Constantins war Mussolini. Dessen Machtergreifung durch den "Marsch auf Rom" 1922 wurde nicht zufällig nachträglich auf den 28. Oktober datiert, obschon er an jenem Tage gar nicht stattgefunden hat. Die gegenteilige Behauptung war faschistische Propaganda. Sie wurde dadurch unterstrichen, dass der Duce den Aufmarsch zur Einweihung der Via dell'Impero in Rom, der heutigen Via dei Fori Imperiali, 1932 wiederum auf den 28. Oktober verlegte. Diese neuangelegte Paradestraße, beidseitig flankiert von riesigen Wandbildern, die das Wachstum des alten und des neuen Römerreiches zeigten, führte vom Palazzo Venezia mit dem Rednerbalkon des Duce über die Kaiserforen zum Kolosseum und zum Constantinsbogen, vor dem eine im Wege stehende Brunnenruine 1936 abgerissen wurde. Der Grundriss ist heute im Straßenpflaster wieder sichtbar.
Was immer wir über Constantin als Mensch und Herrscher denken mögen - seine Wirkung übertrifft die von Alexander dem Großen und die von Karl dem Großen. Constantin galt jahrhundertelang als Heldengestalt, doch gab es auch stets kritische Stimmen. Der Angriff Dantes in seiner Schrift über die Monarchie traf nicht den Constantin der Geschichte, sondern den der Silvesterlegende. Dante sah im Kaisertum ein Amt von Gottes, nicht von Papstes Gnaden. Das meinte ja auch Constantin selbst. 1440 erwies Laurentius Valla die Unechtheit der Constantinischen Schenkung; von kirchlicher Seite wurde sie 1863 durch den großen katholischen Theologen Ignaz Döllinger zugegeben, der freilich 1871 exkommuniziert wurde. Die Tiara, die Constantin dem Papst verliehen haben soll, hat erst Paul VI. im Jahre 1964 abgelegt.
Die protestantische Kritik an Constantin beginnt nicht schon mit Luther, der den Kaiser als Christenfreund noch ganz positiv sah, aber sie setzte ein mit Luthers Nachfolgern. Die constantinische Verbindung von Politik und Religion, die Verkirchlichung des Staates und die Verstaatlichung der Kirche, schien für beide Teile bedenklich, ja verderblich. Den von Constantin, dem katholischen "miles Christianus" (christlichen Streiter), erstmals praktizierten Religionskrieg führten unter Berufung auf ihn Ludwig XIV. gegen die Hugenotten und Ferdinand II. im Dreißigjährigen Krieg gegen die Protestanten. 1620 erschien ein gegen die böhmischen Protestanten gerichtetes Flugblatt, das den Habsburger auf seinem Thron entschlummert zeigt, während ihm im Traum die Kreuzesfahne Constantins erscheint mit der Beischrift "in hoc signo vince" - "In diesem Zeichen siege!" Dies aber misslang. Stattdessen brachte der Glaubenseifer unendliches Elend über Deutschland.
Constantins Konzept einer Verbindung von Staat und Kirche lockerte sich mit der Aufklärung. Allmählich trennten sich Herrschaft und Glauben, und eine Resäkularisierung von Staat und Gesellschaft trat ein. Doch erst im 19. Jahrhundert löste sich die Allianz von Thron und Altar. Der Politik hat die Historie vorgearbeitet: Voltaire und Gibbon sahen in Constantin einen Totengräber des Römischen Reiches und der antiken Kultur überhaupt, hatte er doch für deren Erben die Bahn gebrochen - für die Kirche, die Germanen und die Byzantiner. Die mit diesem Sichtwechsel entstandene Distanz zu Constantin und seiner Größe erlaubt uns heute ein abgewogenes Urteil, wenngleich sich die Gegensätze noch nicht völlig abgeschliffen haben. Vielleicht hält gerade das die Diskussion lebendig.
Der Geschichtsphilosoph Hegel rechnete Constantin zu den sogenannten Geschäftsführern des Weltgeistes, denen es obliege, durch ihre subjektiven Leidenschaften die objektiven Aufgaben der Zeit zu lösen. Dazu gehört Einsicht, das erfordert Willenskraft. Beides besaß Constantin, als er die im Christentum wirkende Stärke erkannte, sie nutzte und förderte. Er setzte sich an die Spitze der unaufhaltsam vordringenden Christianisierung und führte sie zum Erfolg. Dass er dabei über Leichen gegangen ist, dass während der folgenden Jahrhunderte im Namen des Christentums schreiendes Unrecht begangen wurde, ist weder zu verschweigen noch zu beschönigen. Aber es entwertet keineswegs die beispiellosen kulturellen und sozialen Glanzleistungen des Christentums in der Geschichte des Abendlandes, weder die grandiosen Kathedralen noch die segensreichen Hospitäler, weder die h-moll-Messe Bachs noch die Franckesche Stiftung oder das internationale Kolpingwerk. Der moderne Sozialstaat ist aus christlicher Wurzel erwachsen. Licht und Schatten liegen in der Geschichte nebeneinander, "unvermischt und ungetrennt" wie die beiden Naturen Christi im Credo. Unsere Vergangenheit sollten wir differenziert beurteilen, wir können sie uns nicht aussuchen; wohl aber können, ja müssen wir die Zukunft gestalten.

ALEXANDER
DEMANDT
Der Historiker lehrte von 1974 bis 2005 Alte Geschichte in Berlin. Demandt, 71, ist der Doyen der deutschen Spätantike-Forschung.
Von Alexander Demandt

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2009
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