31.03.2009

Homo panicus

Seine trockenen Reime sind längst geflügelte Worte. Ein Mann von gestern ist Udo Lindenberg aber noch nicht.
Udo Lindenberg ist 27 Jahre alt, als er die Marke Udo Lindenberg erfindet: einen in hautenge, schwarze Jeans gekleideten Hutträger mit schlaksigem Gang und eigener Sprache: "Ey, locker, Mann, mal gucken, was da geht, ey." Sein epileptischer Tanzstil, minimalistische Mimik und ein paar lässige Gesten runden die Kreation ab. Mit 27 entscheidet Udo Lindenberg, wer Udo Lindenberg künftig sein soll. Seit 36 Jahren hält er sich daran.
Als er gerade mal zwölf ist, beginnt seine musikalische Laufbahn als Trommler. In den sechziger Jahren gelingt ihm die Flucht aus der Enge seiner westfälischen Heimat. Er wird GI-Schlagzeuger in Libyen, Mitglied mehrerer Jazz- und Rockbands, versucht sich als Kellner in einem Düsseldorfer Hotel, studiert ein bisschen Musik, geht zum Bund und verlässt die Armee nach einem Nervenzusammenbruch. Aus seiner Zeit als Drummer bei der Jazzrock-Formation Passport stammt sein erstes Album "Lindenberg".
Doch erst das dritte Album, auf dem er deutsche Texte singt, wird ein Erfolg: "Alles klar auf der Andrea Doria".
Käufer und Kritiker sind begeistert. Die Entscheidung des Sängers, es in einer Zeit mit deutschen Texten zu versuchen, in der entweder "Schlageraffen" (Lindenberg) die Welt verklären oder Pop und Rock auf Englisch daherkommen, zahlt sich aus.
Mit der Zeile "Alles klar auf der Andrea Doria" witzelt sich Lindenberg ins Gedächtnis seiner Zuhörer, die immer mehr wissen wollen von der "Lindi-Welt", in der Song-Figuren wie Schauspieler auftreten: Johnny Controlletti, Rudi Ratlos oder Bodo Ballermann werden so bekannt wie die Müller-Lüdenscheidts und Doktor Klöbners von Loriot. Der Panik-Präsident erlangt das Jodel-Diplom.
Die Bundesrepublik erlebt mit ihrem exzentrischen Udo aber auch die Selbstbesinnung eines deutschen Stars nach dem Zweiten Weltkrieg. Lindenberg besingt Nazi-Väter, die DDR-Diktatur, Achtundsechziger und die RAF ("Eine traurige Nachhut von Ausgeklinkten"). 1979 tritt er auf beim ersten deutschen "Rock gegen Rechts" ("Wir müssen die rechten Ochsenköppe stoppen"). Er kommentiert die Außenpolitik im Kalten Krieg ("Am Tag, als der Reagan kam") und innenpolitische Themen ("Ali ist ein Türkenjunge aus Hamburg").
Ein Auftritt in der DDR, wo Lindenberg viele Fans hat, gelingt ihm 1983, obwohl er im Lied "Sonderzug nach Pankow" den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker verhohnepipelt ("Och, Erich ey, bist du denn wirklich so ein sturer Schrat?"). Die geplante Tournee verbietet Honecker, 1987 kommt es zu einer ziemlich angespannten Begegnung. "Lindenbergs gesamtes Verhalten und Auftreten ist dekadent", schreibt die Stasi in seiner Akte.
Der "Homo panicus" (so nennt ihn der Kulturwissenschaftler Bazon Brock) bleibt ein "Homo politicus". Er macht Wahlkampf für die Grünen, verehrt Petra Kelly, unterstützt Greenpeace, Amnesty International, Bürgerinitiativen, Frauenhäuser, die Drogen- und Aidshilfe und die West-Berliner Hausbesetzer. 1989 verleiht ihm Walter Momper das Bundesverdienstkreuz, doch mit dem Fall der Mauer stürzt auch Lindenbergs Weltbild zusammen. Im Kalten Krieg sozialisiert, fällt es ihm nun schwer, die neuen Verhältnisse in Musik umzusetzen. Die Kunstfigur Udo gerät ins Wanken. "Da ging ich mir selber ein bisschen verloren", sagt er später in einem Interview. Er malt mit Likör und stellt zu seinem 50. Geburtstag 1996 Selbstporträts unter dem Titel "100 Arschgesichter" aus.
Als selbst treue Fans schon glauben, er sei ein Mann von gestern, bringt er 2008 nach achtjähriger Pause sein 40. Album "Stark wie zwei" heraus, das auf Platz eins der deutschen Charts landet. Plötzlich haben es alle schon immer gewusst: Udo ist der Größte, der Johnny Cash von der Alster, der mit seinem neuen Produzenten gerade das Rick-Rubin-Zeitalter durchlebt. Im Februar 2009 gewinnt er nach 17 Jahren sogar seinen zweiten Echo-Musikpreis - den ersten hatte er 1992 für sein Lebenswerk erhalten. "Hinterm Lebenswerk geht's weiter", kommentiert er gewohnt trocken.
Ist 2008 tatsächlich der alte Udo wiederauferstanden? Auf "Stark wie zwei" singt er: "Mann, ich hab mich selber fast verlor'n / doch so'n Hero stürzt ab, steht auf / startet von vorn."
Jochen Brenner
Von Jochen Brenner

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2009
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