26.05.2009

Staub auf der Piste

Ende Oktober 1898 besuchte Kaiser Wilhelm II. Jerusalem - in guter Absicht.
Historisch wirkte die Unternehmung, noch bevor sie eigentlich begonnen hatte. Als am 25. Oktober 1898 die kaiserliche Yacht "Hohenzollern" vor der alten Hafenstadt Haifa festmachte, war jedes Detail vorbereitet für eine Staatsaktion der besonderen Art: Volle 670 Jahre nach dem Hohenstaufer Friedrich II. betrat wieder ein deutscher Kaiser den Boden des Heiligen Landes. Eigens war die Hafenmole um einen "Kaiserdamm" erweitert worden.
Nun landete dort die stattliche Entourage von über 90 Personen, samt Wilhelms Flügeladjutant Oberstleutnant von Pritzelwitz, Büchsenspanner Rollfing, Kammerdiener Schulze und Garderobenfräulein Heidepriem. Auch der Kaiser selbst hatte sich auf das Ereignis sorgfältig vorbereitet. Eine Tropenuniform aus besonders leichtem Stoff lag bereit, damit der 39-jährige Monarch jederzeit orienttauglich auftreten konnte. Schließlich sollten nicht nur die zahlreichen Mitreisenden Ihre Majestät in Hochform erleben, es galt auch, offiziell Eindruck zu machen.
Anlass der Reise war die Einweihung einer monumentalen protestantischen Kirche in Jerusalem. Wilhelms frommer Vater Friedrich III., der schon 1869 als Kronprinz hergereist war, um das Terrain einer früheren Johanniter-Kirche als Geschenk des Sultans zu empfangen, war Hauptförderer des Baus gewesen. Ebenso wichtig aber nahm der imagebewusste Regent den Besuch selbst: Als Friedensfürst und Schirmherr der von ihm errichteten "Evangelischen Jerusalem-Stiftung" wollte er auftreten, dabei den Christen in Palästina diskret den Rücken stärken und natürlich mit der ihm eigenen Neugier die Orte der Bibel in Augenschein nehmen.
In weltpolitisch heikle Zeiten fiel die Visite allemal: Im Juli war Otto von Bismarck gestorben, dessen europäische Machtbalance Wilhelms Reich erst möglich gemacht hatte, und am 10. September hatte in Genf ein Anarchist Österreichs Kaiserin Elisabeth erstochen.
Doch derlei Sorgen sollten nun zurückstehen. Bis ins Kleinste hatten im Auftrag des kaiserlichen Hofs Planer der Firma Thomas Cook, aber auch die Berliner Reiseveranstalter Hugo und Carl Stangen den Aufenthalt vorbereitet. Parallel zum Monarchen, der sogleich nach seiner Ankunft den Berg Karmel bestieg, trafen die Teilnehmer einer luxuriösen "Festfahrt" ein. Für stattliche 1000 Mark hatte die Reise auf den Schiffen "Midnight Sun" und "Bohemia" von Triest aus kurz nach Kairo und dort natürlich zu den Pyramiden geführt, nun folgte im Schnelldurchgang Palästina von Jaffa bis zum Jordantal und zwischendrin als eigentlicher Höhepunkt die Staatsaktion mit Seiner Majestät.
Für den umtriebigen Herrscher lief zunächst alles reibungslos. Huldvoll absolvierte er Empfänge im Deutschen Konsulat und ein Treffen mit den ansässigen frommen Siedlern der württembergischen Templer-Gemeinschaft. Erst die Fahrt ins 80 Kilometer südlich gelegene Jaffa, mit Übernachtung in einem Zeltlager bei Caesarea, wurde zur Strapaze: Die vorausreitende Kavallerie wirbelte auf der Sandpiste so viel Staub auf, dass Wilhelm sie größtenteils ans Ende der drei Kilometer langen Kolonne von über 80 Kutschen verbannte. Kaiserin Auguste Victoria fotografierte dennoch eifrig weiter - fast jede Station hat sie dokumentiert.
Noch eine Nacht im Zeltlager, dann war es am 29. Oktober endlich so weit: Hoch zu Schimmel ritt der Kaiser an der Seite seiner Gattin in Jerusalem ein. Die Stadt hatte sich herausgeputzt: Mehrere Triumphbögen zierten die mit Flaggen und Girlanden gesäumte Straße, auf der sich die Kolonne zwischen den begeisterten Schaulustigen heranbewegte. Bald nach der Ankunft bekam Seine Majestät von der Jerusalemer Gemeinde eine Bibel mit kostbaren holzgeschnitzten Einbanddeckeln überreicht, für die obendrein ein eigenes Pult mit Kaiserwappen geliefert wurde.
Das Besichtigungsprogramm war gedrängt, Behaglichkeit kam nicht auf. Gleich am 30. Oktober ritt man ins nahe Betlehem, wo der Monarch die politisch uneinigen Christen ermahnte, den Muslimen ein Beispiel echter Kultur zu liefern. Tags darauf kam der Höhepunkt: In festlicher Liturgie wurde die "Erlöserkirche" mit über 45 Meter hohem Turm geweiht. Etliche Bauteile, zum Beispiel die drei Glocken, die Orgel, Gestühl und Fenster, waren aus Deutschland herangeschafft worden. Das wuchtige Bethaus nach frühmittelalterlichen Vorbildern hätte ebenso gut in Berlin stehen können.
Aber auch der vertraute Kunstgeschmack hellte die Laune des zunehmend gestressten Regenten nicht wesentlich auf. Geplante Besuche im Jordantal strich der Kaiser kurzerhand; am 2. November empfing er im Zeltlager immerhin die Abgeordneten der Zionistischen Weltorganisation unter Führung von Theodor Herzl. Konkretes kam bei der höflichen Unterredung mit den Herren, die in Palästina eine "Heimstatt" der Juden gründen wollten, freilich nicht heraus: Allzu leicht hätte es sich Wilhelm mit dem hierzulande regierenden Sultan in Konstantinopel - dem er auf der Anreise einen Staatsbesuch gemacht hatte - verderben können.
Über Jaffa verließ der Kaiser dann beinahe fluchtartig das Gelobte Land. Ein kurzer Abstecher nach Beirut, Damaskus und zu den Tempelruinen von Baalbek, komfortable Tage auf See an Bord der "Hohenzollern" - schon am 26. November 1898 war Wilhelm II. wieder in Berlin. Dort hatte unterdessen der Dichter Frank Wedekind im "Simplicissimus" den verbreiteten Spott artikuliert - in Versen, die ihm bald darauf ein halbes Jahr Festungshaft eintrugen: "Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen; / Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten, / Das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz / Und heute nun das erste deinerseits."
Monarchietreue konnten da nur den Kopf schütteln; das offiziell positive Urteil über die Reise war ja nicht bloß Propaganda. Vor allem die deutschen Kolonisten in Palästina freuten sich nachhaltig: Türkische Behörden hatten aus Anlass des Kaiserbesuchs etliche Verkehrswege ausbessern lassen, und überhaupt war im Osmanischen Reich eine regelrechte Deutschland-Begeisterung ausgebrochen, die sich noch geraume Zeit hielt.
Wilhelm selbst jedoch war privat vom Heiligen Land enttäuscht, ja abgestoßen. "Hitze und Tumult" seien das Normale gewesen, berichtete er seiner Mutter auf Englisch in
einem Brief vom 20. November: "Welch ein erbärmlicher ausgelaugter Steinhaufen" sei dieses Palästina! "Das Fehlen von Schatten und Wasser ist empörend." Und dann erst die Bewohner: 60 000 Juden in neuen, hässlichen Vorstadtsiedlungen, "schmierig und verkommen, kriecherisch und erbärmlich", nur am Schröpfen ihrer muslimischen und christlichen Nachbarn interessiert - "Shylocks in Massen!"
Nicht einmal historisch hatte die Stadt Jerusalem ihn beeindruckt. Die Grabeskirche, über und über "mit Lampen, Bildern und anderem Zeug von einem halben Dutzend christlicher Bekenntnisse angefüllt", sehe aus wie eine Mixtur "zwischen Basar und chinesischem Tempel, aber keinesfalls wie eine Kirche. Ich kehre zurück in der festen Gewissheit: Unter gar keinen Umständen kann hier das Grab des Heilandes gelegen haben".
Es war dieselbe fatale Gewissheit, die später noch so manches andere Unheil heraufbeschwören sollte.
Johannes Saltzwedel
Von JOHANNES SALTZWEDEL

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2009
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