26.05.2009

Vorspiel zum Krieg

Die europäischen Mächte und Russland sichern sich im 19. Jahrhundert Einfluss im Heiligen Land - unter Berufung auf den Schutz der Gläubigen. Jerusalem wird zum Brennpunkt internationaler Machtpolitik.
Fast vergessen ist er, dieser Krieg vor über 150 Jahren - obschon mit ihm ein neues, grauenhaftes Kapitel der Militärgeschichte begann. Russland und sein Despot Nikolai I., er trug den unheilvollen Beinamen "Gendarm Europas", kämpften damals gegen das Osmanische Reich, gegen Briten, Franzosen und auch Sarden. Etwa eine halbe Million Menschen starben, viele von ihnen an Seuchen oder den katastrophalen Zuständen in den Lazaretten.
Der Tod im Krimkrieg, der 1853 bis 1856 vor allem an der Donau und im Kaukasus wütete, war auch die Folge neuer Waffen, erstmals kamen moderne Gewehre mit bis zu tausend Meter Reichweite zum Einsatz oder Granaten, die im Ziel explodierten.
Halb Europa wurde durcheinandergewirbelt nach diesem "unvollendeten, unausgefochtenem Weltkrieg", wie ihn der Mainzer Historiker Winfried Baumgart nennt. Stabile Allianzen lösten sich auf, das europäische Machtgefüge verschob sich, und schon deshalb zählt er aus Sicht der Forscher zu jenen Großereignissen, die den Boden bereiteten für die Katastrophe, die 1914 ihren verheerenden Lauf nahm.
Auch in diesem Krieg ging es um Anspruch, Einfluss, um Macht. Der beginnende Zerfall des Osmanischen Reiches verlockte das auf Expansion bedachte Russland, den Sultan herauszufordern. Doch damit provozierte das Zarenreich auch die Konfrontation mit den europäischen Großmächten, die Konstantinopel aus eigenen Machtinteressen zur Seite sprangen.
Ausgelöst hatte den verheerenden Feldzug vordergründig ein religiöser Streit um die Frage, wer an den heiligen Stätten des Christentums die Nummer eins sei: die griechisch-orthodoxen Christen? Die Armenier? Oder die Katholiken?
Mönchsgezänk gab es ständig in Jerusalem, wer etwa darf in der Grabeskirche Reparaturen durchführen? Wer wo Nägel einschlagen? Wer an welcher Stelle Bilder aufhängen? Doch solche Streitigkeiten eskalierten schließlich 1847, zunächst in Betlehem. Dort war bei Handgreiflichkeiten zwischen orthodoxen und katholischen Geistlichen in der Geburtskirche jener silberne Stern abhandengekommen, der angeblich den genauen Geburtsort des Christuskindes markierte. Die Osmanen erlaubten es den Franziskanern, einen neuen Stern zu installieren - und die Russen als Schutzherren der griechisch-orthodoxen Kirche schäumten vor Wut.
"Wir haben es mit einem kranken Mann zu tun", erklärte Zar Nikolai I. dem britischen Botschafter Hamilton Seymour, "einem sehr kranken Mann." Daher stammt der Begriff, der zum geflügelten Wort werden sollte - der "kranke Mann am Bosporus". Damit meinte Nikolai, dass das Imperium der Osmanen innerlich zerfallen sei.
Ein lächerliches Vorspiel eigentlich, das in der Forderung der Russen an den Sultan endete, sie wollten über Jerusalem hinaus für den Schutz aller orthodoxen Christen im Osmanischen Reich sorgen. Der wies das dreiste Ansinnen zurück, und so begann der blutige, an den heiligen Stätten ausgelöste Krimkrieg.
Jerusalem und Palästina waren mit dem französischen Feldzug 1799 wieder in den Blickpunkt der europäischen Mächte gerückt. Sie besannen sich seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts stärker als zuvor auf die Heilige Stadt. Das Ziel war aber kein militärisches, sondern es ging darum, bemerkt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, Jerusalem "religiös, politisch und kulturell zu besetzen".
Politik hatte immer schon auch mit Religion zu tun, und so trat nun Russland als Schutzpatron der orthodoxen Kirche auf, Frankreich bekümmerte sich um die Katholiken, Großbritannien um Juden und Protestanten; auch die Preußen, evangelisch geprägt wie die Briten, zeigten großes Interesse. Den Diplomaten Christian von Bunsen überkam gar um 1840 die Vision, es könne der Wille des Herrn sein, "dass die beiden protestantischen Hauptkirchen Europas" - Lutheraner und Anglikaner - "in Jerusalem einander über dem Grab des Erlösers die Hand der Freundschaft reichen".
Dies blieb ein Traum, Realität aber war, dass das Vehikel Religion natürlich den europäischen Großmächten diente, um sich in Jerusalem zu positionieren - und damit im Nahen Osten.
"Seit der Zeit der Kreuzzüge", fand der israelische Historiker Alex Carmel, habe die "christliche Welt keine ähnliche Gelegenheit gehabt, die Herrschaft des Heiligen Landes in ihre Hände zu bekommen". Geld wurde ins Land gepumpt, riesige Beträge für Kirchen, Klöster, Konvikte. All dies diente dem Glauben, egal, welcher Prägung. Und der Politik. Imposante Bauwerke sollten zeigen, dass man mächtig vertreten war.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Jerusalem, neben Akko, mit etwa 10 000 Einwohnern die größte Stadt Palästinas, heilig zwar, aber kaum attraktiv, eher tiefe Provinz. Palästina gehörte zu Syrien, und Syrien zum Osmanischen Reich. Dass Jerusalem dann 1831 "mit aller Gewalt auf die diplomatische Bühne trat", wie es der britische Historiker Bernard Wasserstein formuliert, war die unmittelbare Folge der Eroberung Palästinas durch den ägyptischen Herrscher Mohammed Ali, formal Gouverneur des osmanischen Sultans. Ende des Jahres rückte eine 90 000 Mann starke ägyptische Armee ein.
Nur kurzzeitig konnten 1834 aufständische Bauern aus Nablus, die von Jerusalemer Notabeln tatkräftig unterstützt wurden, die Invasoren vertreiben;. Nach dem erneuten Einmarsch errichteten die Ägypter in Jerusalem eine Garnison mit 3000 Soldaten. Damit konnte jeder Widerstande mit Leichtigkeit unterbunden werden; bis 1840 hielten Besatzer die Stadt in eisernem Griff.
Die Jahre der Ägypter hier sind wichtig für das, was später geschah. Zum einen modernisierten ihre Beamten die rückständige Verwaltung - und sie sorgten dafür, dass Christen und Muslime rechtlich so gut wie gleichgestellt wurden, Christen durften nun öffentliche Ämter bekleiden. Auch die Lage der Juden besserte sich.
Die neue Liberalität zeigte sich an einem Vorgang, der gewiss außergewöhnlich war. Geistliche aller drei christlichen Hauptgemeinden - Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, Armenier - erhielten einen Schlüssel für das Tor zur Grabeskirche, erstmals seit dem Jahr 1289.
Zum anderen war deutlich spürbar, dass die hohe Politik in Bewegung geriet. Die wachsende Macht der Ägypter zeigte nämlich, dass die Osmanenherrschaft immer maroder wurde, gleichzeitig erhöhte sich das Interesse der miteinander rivalisierenden europäischen Mächte an der Region.
Im Jahr 1838 errichteten die Briten ein Konsulat in Jerusalem, vordergründig, um sich stärker für Juden einsetzen zu können, doch das Motiv dürfte eher ein strategisches gewesen, nämlich vor Ort die Männer des Zaren und des französischen Königs besser im Auge zu haben. Die Franzosen, die zuvor bereits einmal diplomatisch vertreten waren, folgten 1843, im selben Jahr auch Preußen und das Königreich Sardinien, dann die Vereinigten Staaten von Amerika (1844), Österreich (1849) und Russland (1853).
Schließlich kamen Schweden, Norweger, Dänen und Portugiesen, Belgier und Niederländer - und Perser.
In jener Zeit also begann das europäische Interessengeflecht um Jerusalem herum sich erheblich zu verfestigen, es blieb noch Jahrzehnte noch prägend, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Ägypter hatten sich bereits 1840 zurückziehen müssen, auf Druck der Europäer (Frankreich ausgenommen). Dafür freilich hatten die Osmanen seit 1839 einen hohen Preis zu zahlen, nämlich den Erlass eines Dekrets, dessen hübsch klingender Titel - "das Edle Reskript der Rosenkammer" - die innere Dramatik seiner Wirkung überaus weich abfedert.
Denn sie mussten nun in ihrem gesamten Reich fortsetzen, was die Ägypter in Jerusalem und Palästina begonnen hatten: eine Reformpolitik, die versprach, alle Muslime und Nichtmuslime mit gleichen Rechten auszustatten, und dieses "Edle Reskript" gab den Europäern einen Hebel in die Hand. Jetzt konnten die Konsuln in Jerusalem die ihnen damit quasi eingeräumten Schutzrechte "zur Steigerung ihres Einflusses nutzen", argumentiert Wasserstein.
Also umsorgten die Russen orthodoxe Christen noch intensiver. Amerikanische und britische Missionare schleusten Protestanten ins Land. Lateinische und unierte Christen erfreuten sich der Nächstenliebe der Franzosen - bis die Italiener dann als Konkurrenten auftraten.
Der französische Außenminister François Guizot war es auch, der um 1840 einen bemerkenswerten Plan verfolgte. Er wollte Jerusalem zu einer "christlichen Freien Stadt" machen, ähnlich der Freien Stadt Krakau, die der Wiener Kongress unter dem Protektorat Preußens, Russlands und Österreichs eingerichtet hatte. Der Vorschlag des Ministers - im Übrigen war er Protestant, fast ein Treppenwitz - beruhte auf dem Gedanken, die historischen Verbindungen zwischen Frankreich und der katholischen Kirche könnten seiner Nation im Heiligen Land erhebliche Vorteile verschaffen.
Selbstredend lehnte Guizots britischer Kollege Henry Palmerston solche Überlegungen ab, auch der österreichische Staatskanzler Metternich sagte nein zu einem Krakau in Nahost. Der Plan, in Jerusalem eine unabhängige christliche Gemeinde zu schaffen, schien vollends ins Abseits zu geraten, als auch Guizots Gebieter, der französische König Louis Philippe, sie als "chimärenhaft und absurd" abtat.
Jedoch, Guizots Idee war nicht gänzlich tot. Sein Plan jedenfalls fand, in revidierter Form zumindest, kurz darauf einen durchaus gewichtigen Fürsprecher - Preußens König Friedrich Wilhelm IV., der im Juni 1840 den Thron bestiegen hatte. Einige Monate später, der Rückzug der ägyptischen Truppen hatte ein, so Wasserstein, "einladendes Vakuum" hinterlassen, unterbreitete der Berliner Monarch den Vorschlag, die heiligen Stätten insgesamt, also Jerusalem, Betlehem und Nazaret, einer internationalen Verwaltung zu unterstellen: geführt von Russland, Frankreich, Großbritannien, Österreich und Preußen selbst.
Für die christlichen Einwohner solle eine eigene Regierung installiert werden, forderte Friedrich Wilhelm, der Protestant. Das war durchaus ein Versuch, sich in Machtpolitik zu üben. Er wollte, gewissermaßen, einen Fuß in der Türe haben, denn zu jener Zeit lebten fast keine Lutheraner in Palästina, während Franzosen und vor allem Russen sich verantwortlichen wähnten für Zehntausende Schutzbefohlene.
Der König in Berlin nahm seinen Vorschlag immerhin so ernst, dass er seinen Bruder nach Palästina schickte, um für ihn das Land und die Situation vor Ort zu erkunden, doch das katholische Österreich und Russland boykottierten das Projekt: Einen anderen, durchaus spektakulären Plan konnte Friedrich Wilhelm IV. freilich realisieren, immerhin für vier Jahrzehnte: die Errichtung eines preußisch-englischen Bistums in Jerusalem.
Als Unterhändler hatte er ebenjenen Christian von Bunsen auf die Insel entsandt; bis hoch zu Königin Viktoria fand der Botschafter und studierte Theologe rasch Befürworter. "Es kann nicht schaden", schrieb die Monarchin an Metternich, "wenn wir in diesem Teil der Welt an dem religiösen Einfluss teilhaben, von dem die römischen Katholiken zu glauben scheinen, dass er allein ihnen zusteht." Wir, die Anglikaner.
Die Briten sahen nicht nur die Chance, etwa die wachsenden Aktivitäten französischer Missionare kontern zu können, sie dachten auch in hohem Maße geopolitisch. Wenn das Osmanische Reich zusammengebrochen sei, und dies deutete sich erkennbar an, könnten in der Levante Europäer angesiedelt werden, hieß eine der Überlegungen - Lebensraum als Einflussraum. Dass die Osmanen der Errichtung dieses Bistums im Jahr 1841 tatsächlich zustimmten, sei eine "ganz ungewöhnliche Sensation", kommentierte der "Schwäbische Beobachter".
Der erste Bischof war der Anglikaner Michael Solomon Alexander, in Polen geboren und Professor für Hebräisch am Londoner King's College. Er traf im Januar 1842 mit einem Kriegsschiff, der "Devastation", in einem palästinensischen Hafen ein; ursprünglich hatte die britische Admiralität angeboten, ihm die Fregatte "Infernal" zur Verfügung zu stellen. Alexander aber passte dieser Name nicht, weil er ihm offenbar zu aggressiv klang - dabei ist das Wort "Devastation", also Verwüstung, Zerstörung, mitnichten milder.
Alexanders Aufgabe war formal zwar die "Oberaufsicht über den englischen Klerus und die englischen Gemeinden in Syrien, Chaldäa, Ägypten und Abessinien sowie weitere protestantische Gemeinschaften ...", jedoch in Ermangelung solcher Gemeinden und Geistlichen versuchte er vor allem, Juden zu missionieren, und er schaffte es auch, einige russische Juden zum Übertritt zu bewegen. Natürlich missfiel dies dem russischen Konsul.
Dieses Beispiel zeigt einerseits, wie selbstsicher und selbstverständlich die "Besatzer", so nennt sie Gudrun Krämer, sich auf dem Territorium des Osmanischen Reiches gerierten. Andererseits macht es deutlich, dass in Jerusalem, dem "Kreuzungspunkt des historischen Antagonismus zwischen den Ost- und Westkirchen" (Wasserstein), ein friedliches Nebeneinander der Religionen nur ein unpolitischer Traum war.
Von GEORG BÖNISCH

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2009
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