28.07.2009

Der Fluch des Silbers

Die Ausplünderung der Neuen Welt nach ihrer Entdeckung durch Kolumbus beschleunigte Europas Aufstieg, hat das Schicksal Lateinamerikas aber nicht so ausschließlich geprägt, wie linke Kritiker behaupten. Dennoch trägt der Kontinent bis heute schwer an seinem kolonialen Erbe.
Ein stahlblauer Himmel wölbt sich über der Kuppe des "Cerro Rico", des "Reichen Berges" hoch in den bolivianischen Anden. Der Atem gefriert, jeder Schritt wiegt wie Blei in der dünnen Luft. Vor dem Eingang zur Mine der Kooperative "26. März" sammelt sich eine Gruppe von Bergleuten. Ihre Wangen sind ausgebeult von den Kokablättern, die sie gegen Hunger und Erschöpfung kauen. Sie schultern Talglampen, Dynamitstangen und Eisenpickel und ziehen in den Berg.
Zwölf Stunden und mehr hocken die Minenarbeiter in den engen Stollen. In Handarbeit klopfen sie das Erz aus den Wänden. Die meisten Männer sind klein und von indianischer Abstammung. Kaum einer ist älter als 30, aber sie haben die Gesichter alter Männer. Wenn sie abends aus dem Berg kommen, sind sie zu erschöpft zum Schwatzen. Schweigend trotten sie hinunter in die Stadt.
Potosí, 4000 Meter hoch am Fuß des Cerro Rico gelegen, ist ein ungewöhnlich stiller Ort im lärmigen Bolivien. Indianerfrauen huschen durch die schmalen Gassen, ein paar Rucksacktouristen in Pullovern aus Alpaca-Wolle ziehen schwer atmend durchs hügelige Stadtzentrum. Die Kälte ist trocken und schneidend.
Heute fällt es schwer, sich vorzustellen, dass in dieser unwirtlichen Stadt einst die Hauptschlagader des spanischen Kolonialreichs verlief. Mit dem Silber aus dem Cerro Rico finanzierten Spaniens Könige ihre Armada, bezahlten sie ihre Paläste, kauften sie Stoffe, Möbel und Tücher für ihren Hofstaat. Ein Mitglied des englischen Parlaments warnte um 1620, das Silber aus Potosí nähre "den ehrgeizigen Wunsch des spanischen Königs, eine universelle Monarchie zu errichten". Das Silber, das Indios aus dem Cerro Rico kratzten, nährte Europas moderne Geldwirtschaft.
Der Indianer Diego Huallpa hatte 1545 zufällig eine Silberader im Cerro Rico entdeckt. Bald darauf bemächtigten sich die Spanier des erzhaltigen Berges. Sie zwangen die Indios zur Fronarbeit in den Minen. Hunderttausende verreckten im Cerro Rico, während die Kolonialelite in Saus und Braus lebte.
1572 ließ der damalige Vizekönig Francisco de Toledo die erste Münzpresse in Potosí errichten. In Truhen wurden die Silbertaler über Lima nach Spanien verschifft. Der Name Potosí wurde zum Symbol für Reichtum, Ruhm und Macht. Miguel de Cervantes nahm den Satz "Vale un Potosí" (Das ist ein Potosí wert) in seinen "Don Quijote" auf.
Hunderttausende Tonnen Gestein haben die Bergarbeiter im Laufe der Jahrhunderte vom Cerro Rico abgetragen. Noch immer treiben sie neue Stollen in den Berg, er ist von Hunderten Tunnel ausgehöhlt und niedriger als zu Kolonialzeiten. Eine staatliche Minengesellschaft und mehrere private Kooperativen bauen vor allem Zinn ab.
Die "Casa de la Moneda", die berühmte Münzpresse, ist heute ein Museum. Über dem Eingang hängt eine lachende Fratze, die Herkunft des Kunstwerks ist unklar. Historiker spekulieren, das feixende Antlitz zeige den Weingott Bacchus. Die Einwohner von Potosí erzählen eine andere Version: Die Fratze aus dem 19. Jahrhundert stelle einen Indio dar, der den Spaniern zum Abschied hinterhergrinse, nachdem Bolivien unabhängig geworden war.
Dabei hatten Boliviens Ureinwohner auch nach dem Abzug der Besatzer nichts zu lachen: Die Arbeitsbedingungen für die Bergarbeiter besserten sich kaum, noch heute sterben jedes Jahr etliche bei Unfällen in den Stollen. Die berüchtigte Staublunge rafft die meisten Männer dahin, bevor sie 50 werden. Bolivien, genannt der "Bettler auf dem silbernen Thron", ist das zweitärmste Land Südamerikas.
Oder verharrt das Land womöglich gerade wegen seines natürlichen Reichtums im Elend? Beuten die reichen Länder der sogenannten Ersten Welt auch 500 Jahre nach der Eroberung Lateinamerikas die ehemaligen Kolonien aus? Sind sie noch immer verantwortlich für das Elend der Indios?
Diese These stellte der uruguayische Autor Eduardo Galeano in seinem Buch "Die offenen Adern Lateinamerikas" auf, der Bibel der lateinamerikanischen Linken. Jüngst machte das fast 40 Jahre alte Werk wieder Furore: Venezuelas linkspopulistischer Präsident Hugo Chávez überreichte das Buch im April seinem amerikanischen Kollegen Barack Obama als Geschenk bei einem gesamtamerikanischen Gipfeltreffen - damit der US-Amerikaner "die Region besser versteht", so Chávez. Sogleich schnellte das Brevier in der Verkaufsstatistik von Amazon unter die Top Ten.
Auch an europäischen und amerikanischen Universitäten haben Generationen von Studenten Galeanos Werk verschlungen. Es gilt als Standardwerk der "Dependenztheorie", die eine ganze Denkschule von Sozialwissenschaftlern geprägt hat. Zusammengefasst besagt sie, dass die Abhängigkeit der ehemaligen Kolonialstaaten von den Metropolen in Europa und den USA nach der Unabhängigkeit weiterbestehe. Solange die kapitalistische Erste Welt die Dritte Welt ausbeute, gebe es keine Chance für eine Besserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den Ex-Kolonien.
Galeano zieht eine direkte Linie von der Conquista zu den ökonomischen und politischen Interventionen der USA in Mittelamerika. So wie die Spanier die Indios unterwarfen, so beute im 20. Jahrhundert ein Unternehmen wie die United Fruit Company die Arbeiter auf seinen Bananenplantagen aus.
Aber hält seine Analyse einer historischen Überprüfung stand? Ist das Elend in Lateinamerika wirklich nur eine Folge der Ausbeutung?
"Die Kolonialwirtschaft und die Handelsbeziehungen mit Europa waren komplexer, als es die Dependenztheoretiker wahrhaben wollen", sagt der brasilianische Historiker Carlos Gabriel Guimarães.
In den Kolonien regte sich früh Widerstand gegen das Wirtschaftsmonopol der Metropole. Das Silber aus den Minen bewirkte Inflation. Vor allem Grundnahrungsmittel wurden teuer, Hungersnöte drohten. Der unstillbare Hunger des Hofes nach Silbermünzen führte dazu, dass in den Kolonien oft Geldstücke fehlten. In vielen Regionen des spanischen Kolonialreiches entstand deshalb eine rege Tauschwirtschaft.
Spanien war ein Agrarland, es schickte vor allem Wein, Getreide und Olivenöl in die Kolonien. Textilien und andere Fertigprodukte ließ die Krone aus Genua oder Flandern nach Amerika schaffen, Direktimport war den Kolonien verboten. Schmuggel blühte.
Weil Madrid die Nachfrage der Kolonien nach Luxusgütern nicht befriedigen konnte, lebte der Handel zwischen den überseeischen Besitzungen auf. Die Eliten von Mexiko kauften chinesische Seide und Stoffe in Manila, der Hauptstadt der spanisch beherrschten Philippinen. 1597 schickte Mexiko mehr Silber auf die Philippinen als nach Spanien.
1631 verbot Madrid den Handel zwischen Peru und Mexiko. Der Hof entsandte neue Statthalter nach Amerika, sie sollten über das Handelsmonopol der Krone wachen und bei den lokalen Händlern Steuern eintreiben. Doch die Einheimischen fanden immer neue Wege, wie sie die Kolonialverwaltung austricksen konnten. Fleisch und Getreide wurden bald in den Kolonien produziert. Rinderzüchter trugen wesentlich zur Erschließung des Landesinneren bei, sie ließen sich nicht von der Kolonialverwaltung gängeln.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann der Niedergang der Kolonialmacht Spanien. Der spanische Hof war hochverschuldet, er schickte immer weniger Waren. So erhöhten die Kolonien ihre eigene Produktion. Mexiko, Peru und Chile wurden zu Selbstversorgern bei Getreide und bis zu einem gewissen Grad auch bei Wein, Öl, Eisen, Holz und Möbeln. Durch den Austausch zwischen den Kolonien bildete sich eine eigene amerikanische Wirtschaft heraus. Mexico City und Lima wuchsen zu Handelszentren heran.
Nach und nach entglitt Madrid die Kontrolle. Die aufstrebenden Mächte aus Nordeuropa verdrängten die Spanier auf den Weltmeeren. Piraten und Freibeuter, die im Auftrag der britischen und französischen Krone agierten, machten die "Carrera de las Indias", wie die Hauptverkehrsroute zwischen Sevilla und den Kolonien genannt wurde, zu einem Abenteuer. Sie kaperten und versenkten ungezählte spanische Karavellen und Galeonen. Vor allem in der Karibik trauten sich spanische Schiffe nur in großen Flottenverbänden und begleitet von Kriegsschiffen aufs offene Meer.
Der Niedergang des spanischen Weltreichs ging einher mit Dürren und Hungersnöten auf der iberischen Halbinsel. Die einstige Weltmacht war Ende des 17. Jahrhunderts Peripherie geworden.
Erst die Herrschaft der Bourbonen bescherte Spanien im 18. Jahrhundert ein neues, wenn auch kurzes goldenes Zeitalter. Madrid straffte die Verwaltung in seinen überseeischen Kolonien und baute die Silberproduktion in Mexiko aus. Der Handel zwischen den Kolonien blühte auf, viele von ihnen erlebten "eine wahre Wiedergeburt", so der Lateinamerika-Historiker Murdo MacLeod.
Vor allem Kuba profitierte von der Liberalisierung des Seehandels. Havanna wurde zur wichtigsten Hafenstadt der Karibik, mit 70 000 Einwohnern war es Ende des 18. Jahrhunderts die zweitgrößte Stadt Hispanoamerikas. Eine "komplexe und vielfältige" interne Wirtschaft und Gesellschaft attestiert der britische Historiker David Brading den spanischen Kolonien jener Ära.
Nur in Potosí kam der Aufschwung nicht an. Die Silberminen waren weitgehend versiegt. Das Edelmetall, das in Europa zur Geburt des Kapitalismus, zur industriellen Revolution und zur Vorherrschaft über den Rest der Welt so viel beigetragen hatte, hatte in Südamerika eine Feudalgesellschaft genährt. Es verhinderte die Herausbildung eines bürgerlichen Standes und damit die Entstehung eines modernen Kapitalismus.
Was das Silber für das spanischsprachige Amerika bedeutete, war der Zucker für Brasilien und das portugiesische Kolonialreich. Portugal war traditionell eine Nation von Seefahrern. Als im 15. Jahrhundert in Europa das Gold knapp wurde und deshalb an Wert gewann, suchten die Portugiesen zunächst in Afrika nach dem Edelmetall. Von dort brachten sie Leder, Färbemittel und Sklaven mit, die in Europa teuer gehandelt wurden.
Im Jahr 1500 entdeckte der Seefahrer Pedro Álvares Cabral Brasilien. Die Portugiesen errichteten sogenannte Feitorias, Verwaltungseinheiten, die den Vizekönigreichen in Hispanoamerika entsprachen und später in "Capitanias" umbenannt wurden.
Zunächst exportierte die junge Kolonie vor allem Brasilholz nach Europa, Mitte des 16. Jahrhunderts wuchs die Nachfrage nach Zucker. Grundlage der brasilianischen Kolonialwirtschaft waren die Fazendas: riesige Farmen, die meist Zuckerrohr oder Getreide in Monokultur anbauten. Der portugiesische König besaß das Handelsmonopol, er vergab Lizenzen für private Geschäftsleute. In den Kolonien herrschte Tauschwirtschaft. Sklaven stellten die wichtigste Währung dar. "Die Sklaverei war der Motor der Kolonialwirtschaft", sagt der brasilianische Historiker Oswaldo Munteal Filho.
Die Capitanias importierten Sklaven aus Afrika, die sie gegen Zucker, Pfeffer und andere Produkte eintauschten. Zunächst hatten sie versucht, Brasiliens Ureinwohner zu versklaven, aber die Indios lehnten sich gegen die Kolonialherren auf. Afrikaner galten als kräftiger, fleißiger und gehorsamer.
Seefahrer vermieteten Stauraum in den Karavellen, die im Dreieckshandel zwischen Portugal, Afrika und Brasilien verkehrten. In Afrika begaben sich viele Stammesfürsten in den Dienst der Portugiesen. Sie tauschten Angehörige unterworfener Stämme gegen Stoffe, Salz und Tand aus Europa ein.
Das kleine Portugal war bald von seinen Übersee-Besitzungen abhängig. "Im 16. Jahrhundert stand Portugal an der Spitze der Weltökonomie", sagt Historiker Munteal Filho. "Aber die Iberische Halbinsel schaffte es nicht, sich aus der Abhängigkeit von den Kolonien zu lösen. Wirtschaftlich wurde Portugal zu einem Anhang Brasiliens."
Bis Ende des 17. Jahrhunderts dominierte der Zuckerhandel das portugiesische Kolonialsystem; der süße Stoff stieg neben den Sklaven zur wichtigsten Tauschwährung auf. Erst 1694, als im Hinterland von Rio de Janeiro Gold gefunden wurde, errichtete die Kolonialverwaltung von Bahia, der wichtigsten Capitania, eine Münzpresse, um eine eigene Kolonialwährung auszugeben.
In Brasilien führte der Gold- und später Diamantenrausch zur Entstehung neuer Städte und der Erschließung des Landesinneren. "Der Bergbau erlaubte die Ausweitung der Geldzirkulation und beschleunigte den Austausch von Gütern", schreibt der Historiker Arno Wehling. "Das trug dazu bei, die verschiedenen Wirtschaftsregionen der Kolonie untereinander zu verbinden und transformierte sie in einen relativ geeinten Kontinent namens Brasilien."
Aber die Sklaverei wurde in Brasilien erst 1888 endgültig abgeschafft. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dominierte die Plantagenwirtschaft der Kolonialzeit Brasiliens Wirtschafts- und Sozialstruktur. Die Abschaffung der Sklaverei führte nicht zu einer Landreform, der Großgrundbesitz blieb bestehen. Die "befreiten" Sklaven verdingten sich zumeist als Lohnarbeiter auf den Fazendas. Oft erhielten sie nur Verpflegung und eine Schlafstätte.
Immer noch wird Landbesitz in Brasilien höher geachtet als Geld und produktive Investitionen. Viele Politiker sind Großgrundbesitzer. Wer etwas Geld angespart hat, kauft eine Fazenda oder andere Immobilien.
Europas Aufstieg zum Handels- und Wirtschaftszentrum der Welt wurde vom Reichtum seiner Kolonien begünstigt. Doch in Lateinamerika zementierte der Überfluss natürlicher Ressourcen Großgrundbesitz und Sklavenwirtschaft. Die Ideen der Aufklärung erreichten in Lateinamerika nur die Eliten, die industrielle Revolution blieb aus.
So ist Lateinamerika bis heute in vieler Hinsicht vom Erbe der Kolonialepoche geprägt. Auch deshalb ist der moderne Kapitalismus dort nie angekommen.
Von JENS GLÜSING

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2009
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