29.09.2009

DokumentDIE AUFTEILUNG DER WELT

Der spanisch-portugiesische Vertrag von Tordesillas
Nachdem Columbus 1492 für die spanische Krone Amerika erreicht hatte, verschärfte sich die Konkurrenz zwischen den Seemächten Portugal und Spanien. Papst Alexander VI., für beide katholischen Monarchien die höchste Autorität, trat als Schiedsrichter auf. Im Mai 1493 legte er in der Bulle Inter caetera eine Trennlinie fest, die 100 Léguas (etwa 500 Kilometer) westlich der Kapverdischen Inseln in Nord-Süd-Richtung von Pol zu Pol durch den Atlantischen Ozean lief. Alle Territorien, die westlich dieser Linie lagen (Amerika) wurden den spanischen Königen und ihren Erben zugesprochen, alle Gebiete östlich davon (Afrika und Asien) fielen an Portugal. Ein portugiesischer Einspruch führte zu Neuverhandlungen mit dem Ergebnis, die Linie auf etwa 1800 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln zu verschieben. Die neue Linie erlaubte es den Portugiesen wenige Jahre später, das östlich davon gelegene Brasilien zu kolonisieren.
Der Wortlaut dieses am 7. Juni 1494 in Tordesillas geschlossenen Vertrags wurde von beiden Ländern gemäß den jeweiligen Interessen interpretiert; immer wieder gab es Streit. So beanspruchten beide Mächte die indonesischen Molukken als profitable Gewürzinseln.
Die anderen großen Seemächte der Zeit - England, Frankreich, Holland - erkannten den Vertrag von Tordesillas nicht an, da er ihre eigenen imperialen Ambitionen ignorierte. Juristisch gesehen, handelte es sich um ein Rechtsgeschäft zu Lasten Dritter: Die Einwohner der verschacherten Gebiete wurden nicht gefragt. Rainer Traub
TEXTAUSZÜGE:
Soweit es zwischen den vertragschließenden Herrschern eine gewisse Zwistigkeit über das gibt, was jedem von ihnen von dem gehört, das ab heute, dem Datum dieses Vertrages, im Ozean zu entdecken bleibt, gefällt es Ihren Königlichen Hoheiten zum Wohl des Friedens und der Eintracht und zur Erhaltung der Verwandtschaft und Liebe, die den König von Portugal mit dem König von Aragón und der Königin von Kastilien verbinden, dass in ihrem Namen ihre Unterhändler aufgrund ihrer Vollmachten gewährten und genehmigten, es werde durch den westlichen Ozean eine Linie vom Nordpol zum Südpol gezogen, die 370 Seemeilen westlich der Kapverdischen Inseln verläuft und so genau und schnell wie möglich bestimmt werden soll. Alles, was bis jetzt von dem König von Portugal und seinen Schiffen nach Westen bis zu der genannten Linie und nicht darüber hinaus aufgefunden und entdeckt ist und künftig aufgefunden und entdeckt wird, seien es Inseln oder Festländer, bleibt und gehört dem König und seinen Nachfolgern für immer.
Und alles andere, seien es Inseln oder Festländer, die von dem König und der Königin von Aragón und Kastilien und ihren Schiffen gefunden und entdeckt sind oder aufgefunden und entdeckt werden, wenn man von der festgelegten Linie weiter nach Westen fährt, bleibt und gehört dem König und der Königin von Kastilien und ihren Nachfolgern für immer ...
Da die Schiffe des Königs von Aragón und der Königin von Kastilien, die von ihren Reichen nach den Gegenden jenseits der Linie fahren, notwendigerweise bis zu der Linie hin die Meere, die dem König von Portugal gehören, überqueren müssen, wird vereinbart und ausgemacht, dass diese Schiffe des Königs und der Königin von Kastilien-León und Aragón frei, sicher und in friedlicher Weise, ohne Widerspruch die genannten Meere, die dem König von Portugal verbleiben, auf dem Hin- und Rückweg durchfahren können ...
Wenn diese Schiffe vor Erreichung der Linie eine Entdeckung machten, gehöre sie dem König von Portugal, und die Königlichen Hoheiten [Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón] haben sogleich sie ihm übergeben zu lassen." (Zitiert nach: Richard Konetzke: "Lateinamerika seit 1492". Stuttgart 1971)

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2009
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