24.11.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Der Name polarisiert noch“

Karl von Habsburg, 48, über Hausgesetze, visionäres Rittertum und die politisch-moralische Verpflichtung seiner Familie
SPIEGEL: Herr von Habsburg, seit fast drei Jahren sind Sie offiziell der Chef des Hauses Habsburg. Was ist da Ihre Aufgabe?
Habsburg: Zuerst muss man wohl erklären, was das Haus Habsburg ist: eine sehr große Familie. Momentan führen den Namen schätzungsweise 600 Personen. Der Chef - bislang war das meist ein Staatsoberhaupt - ist Sprecher der Familie, er kümmert sich darum, dass die Hausgesetze eingehalten werden und à jour sind.
SPIEGEL: Sie haben also ein eigenes Gesetzbuch?
Habsburg: Stellen Sie es sich nicht so kompliziert vor. Die meisten Erbbestimmungen und Verhaltensnormen früherer Jahrhunderte sind heute, nach dem Verschwinden der Monarchie, eh überholt. Finanziell etwa ist seit der Enteignung 1918 jeder sein eigener Herr. Heute fungieren die Gesetze als Leitfaden, als Verhaltenskodex mit Richtlinien, worin natürlich die kirchliche Bindung und andere Wertvorstellungen eine Rolle spielen.
SPIEGEL: Gibt es Familientreffen?
Habsburg: Ja. Alle paar Jahre, bei hohen Feierlichkeiten wie zur Seligsprechung meines Großvaters, machen wir das.
SPIEGEL: Könnte eigentlich auch eine Frau Chefin des Hauses werden?
Habsburg: Theoretisch ja, wenn die Männer aussterben. Allerdings sieht es momentan nicht danach aus. Ich freue mich, dass ich meinen Sohn Ferdinand auf die Nachfolge vorbereiten kann; hätte ich keinen Sohn, dann wäre mein Neffe an der Reihe.
SPIEGEL: Und die Frauen drängen nicht auf Gleichberechtigung?
Habsburg: Nein, aber es gibt ja auch nichts zu verteilen. Mit dem Amt ist keine wirkliche Macht verbunden.
SPIEGEL: Das liegt vor allem daran, dass die Habsburger nach dem Ersten Weltkrieg enteignet wurden; bis heute schränkt in Österreich ein Sondergesetz ihre Rechte ein. Es darf beispielsweise keiner der Familie für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidieren. Einer Ihrer Verwandten klagt jetzt dagegen.
Habsburg: Grundrechtlich und menschenrechtlich liegt der Fall ziemlich klar, denke ich. Aber natürlich ist es letztlich weniger eine juristische, sondern eine politische Frage. Man wollte damals ein Wiederaufleben der Monarchie verhindern und das quasi mit allen Mitteln. Das wirkt bis heute nach. Ich könnte Ihnen meinen ersten Pass zeigen. Ausgestellt wurde er vom österreichischen Generalkonsulat in München, und als Sonderbestimmung steht darin: Gültig für jedes Land der Welt, ausgenommen Österreich. Diese Absurdität ist zum Glück erledigt, aber andere sind es eben noch nicht.
SPIEGEL: Gibt es denn weiterhin richtige Habsburg-Hasser in Österreich?
Habsburg: Sagen wir es so: Der Name polarisiert schon noch, für einen Habsburger ist die Welt dort relativ schwarzweiß. Für manche ist man die Kaiserliche Hoheit - aber als der Erzbischof von Wien einmal diese Wörter benutzte, gab es einen öffentlichen Aufschrei.
SPIEGEL: Schlägt da auch die traditionelle Papstbindung der Habsburger durch?
Habsburg: Kaum. Das Verhältnis zum Papst war allerdings immer etwas Besonderes, und es gibt momentan eine echte persönliche Beziehung - schließlich hat mein Vater ...
SPIEGEL: ... Otto von Habsburg, jetzt 97 und der älteste Sohn des letzten Kaisers der Donaumonarchie ...
Habsburg: ... seit vielen Jahrzehnten mit dem heutigen Benedikt XVI. guten Kontakt gehabt. Als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde, war ich zuerst bass erstaunt und dann natürlich sehr glücklich.
SPIEGEL: Muss ein Habsburger katholisch sein?
Habsburg: I wo, in der Familie gibt es etliche Konfessionen. Meine Frau ist aus der Church of Scotland zum Katholizismus übergetreten, aber das war ihr freier Entschluss. Weder verlangten es die Hausgesetze noch gar mein Vater, dessen Offenheit und Liberalität ich natürlich nacheifere.
SPIEGEL: Hat er Ihnen auch die Familiengeschichte nahegebracht?
Habsburg: Ja, und noch eine Menge anderes. Das fängt schon bei den Sprachen an; er spricht ja legendär viele. Als ich klein war, haben wir uns daheim manchmal jeden Tag der Woche in einer anderen Sprache unterhalten - stellen Sie sich diese kulturelle Breitenerfahrung vor! Er brachte uns Geografie, Geschichte und Religion bei, ganz spielerisch. Auf Auslandsfahrten errieten wir um die Wette anhand der Kennzeichen, woher die Autos kamen, bis wir beispielsweise alle französischen Départements auswendig wussten. Und wenn wir durch Burgund oder Lothringen oder Katalonien fuhren, erzählte er natürlich von den großen Herzögen. So habe ich die familiären Hintergründe kennengelernt.
SPIEGEL: Klingt beneidenswert. Welchen Ihrer Vorfahren halten Sie denn für den bedeutendsten?
Habsburg: Auf Anhieb würde ich da Philipp den Guten von Burgund nennen. Das war ein unglaublich moderner Politiker, ein weitblickender Verwaltungsreformer, der am Übergang zur Renaissance Wegweisendes für Europa getan hat. Er steht mir auch deshalb besonders nahe, weil er 1430 den Orden vom Goldenen Vlies gegründet hat, dessen Ordenssouverän ich bin.
SPIEGEL: Noch ein Amt, das Sie von Ihrem Vater übernommen haben. Was tut der Orden?
Habsburg: Philipp der Gute gründete ihn nicht als neue Dekoration oder gar Kostümverein, sondern politisch-strategisch, als Bündnis der Herrscher Europas. Eine souveräne, also überstaatliche Organisation - undenkbar für die absolutistische Zeit! Bis heute sind etliche europäische Herrscher bei uns Mitglied, vom belgischen Monarchen bis zum Großmeister der Malteser. Wie eine heldenhafte Artus-Ritterschar sollten die Ordensbrüder für Glauben und Frieden eintreten.
SPIEGEL: Und das tun Sie immer noch?
Habsburg: Durchaus. Die Ordensregeln sind trotz aller politischen Veränderungen bis heute unverändert, das bewundere ich zutiefst.
SPIEGEL: Nun war Ihr Ordensgründer Philipp der Gute kein Habsburger im engeren Sinne. Wer aus diesen Kreisen steht Ihnen besonders nah?
Habsburg: Auch wenn das nicht sehr originell klingen mag, ich bewundere Maria Theresia. Nicht umsonst nennt man sie Kaiserin: Sie war es, die regierte, während erst ihr Gemahl die Krone trug und dann ihr Sohn. Diese Lebensleistung als Frau, dieser breite Horizont und politische Verstand, ihre vielen Kinder, mit denen sie so liebevoll umging, überhaupt ihre Briefe, dann die echte Liebesehe mit ihrem Franz von Lothringen, der so ganz anders war, all das ist faszinierend. Allein ihr Zeitmanagement, wie sie alles bewältigte - fast unglaublich.
SPIEGEL: Spüren Sie das Erbe solcher Gestalten auch persönlich?
Habsburg: Gewiss. Mein Vater hat immer gesagt: Ich bin ein politischer Mensch, wir sind eine politische Familie. Immerhin waren wir 800 Jahre lang Berufspolitiker, so ist es nun einmal. Und ebenso ist es nur logisch, dass ein Habsburger sich als Europäer versteht. Mein Vater war darin ein Visionär, er hat sein Paneuropäertum während des Nationalsozialismus und dann gegen den Kommunismus oft verteidigen müssen.
SPIEGEL: Klingt ja gut. Aber der Europäische Sanct Georgs-Orden, dessen Großmeister Sie sind, unterstützt laut eigener Darstellung speziell "den übernationalen alt-österreichischen vaterländischen Staatsgedanken" und beruft sich auf das Erbe der Kreuzritter. Was soll das heißen? Wollen Sie behaupten, Traditionalismus ist zukunftsweisend?
Habsburg: Gewiss, sobald man nicht schematisch denkt. Mein Vater war Europaparlamentarier und ich auch; er hat sich für die Völker Osteuropas engagiert, ich bin für unterdrückte Volksgruppen und Nationen weltweit eingetreten. Das knüpft an habsburgische Tradition an: Im Kaiserreich Franz Josephs galt ein besonderer Respekt gegenüber ethnischen wie religiösen Minderheiten, der heute regelrecht multikulturell wirkt. Ist Vielfalt zu schützen nicht zukunftsweisend?
SPIEGEL: Also gut, aber wo ziehen Sie die Grenze? Die aktuelle Testfrage für bekennende Europäer betrifft einen früheren Erzfeind des Habsburger-Reiches: Wie halten Sie es mit der Türkei? Gehört sie zu Europa, und wenn ja, wie?
Habsburg: Von welchem Europa reden wir? Christlichkeit kann allein kein Kriterium mehr sein; kulturell betrachtet ist die Türkei seit Römerzeiten sowieso ein europäisches Land. Das Staatswesen hingegen entspricht in vielem nicht den Gepflogenheiten der Europäischen Union. Ich bin sehr gern in der Türkei und habe gute Freunde dort. Das Land hat eine europäische Zukunft, aber ich glaube, nicht übermorgen. Es gibt ja auch große regionale Unterschiede. Wir könnten ganz ähnlich über Russland diskutieren - St. Petersburg als klar europäische Metropole ist nun einmal etwas anderes als Wladiwostok.
SPIEGEL: St. Petersburg weckt als Zarenstadt bei vielen Nostalgie. Auch bei Ihnen? War es ein Unglück, dass 1918 die großen europäischen Monarchien verschwanden?
Habsburg: Vieles, was nach 1918 in Verträgen festgeschrieben wurde, war zweifellos ein Unglück für Europa. Künstliche Gebilde wie die Tschechoslowakei, der Irak und später Jugoslawien wurden politisch zu Gefahrenherden. Nationalismus und Fanatismus kosteten in einem weiteren Weltkrieg Millionen das Leben, und vielfach sind sie bis heute nicht überwunden. Andererseits: Die historische Entwicklung ist eine Tatsache, und auf die Freiheiten, die ich heute genieße, würde ich ungern verzichten. Reisefreiheit und Redefreiheit sind mir etwas enorm Wertvolles.
SPIEGEL: Sie sind also nicht neidisch auf die heutigen Monarchen in Europa?
Habsburg: Persönlich ganz gewiss nicht.
SPIEGEL: Welche Rolle wünschen Sie sich denn für die Habsburger in der modernen Welt?
Habsburg: Sie sollten ein Beispiel geben dafür, was es heißt, als Familie - nicht nur im Großen, auch in der Kleinfamilie - wertbewusst zusammenzuleben.
SPIEGEL: Herr von Habsburg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DAS HABSBURGER-GESETZ
Adel verzichtet
Am 3. April 1919 wurden alle Herrscherrechte und Titel des Hauses Habsburg-Lothringen in Österreich aufgehoben. Mitglieder des Hauses, die nicht auf die traditionellen Ansprüche verzichteten und sich nicht als treue Bürger der jungen Republik bekannten, wurden des Landes verwiesen. Habsburgisches Vermögen kam in staatliche Hand, mit Ausnahme des persönlichen Eigentums. Ab 1960 unterschrieben viele Habsburger die Verzichtserklärung und konnten dann auch nach Österreich einreisen. Mitglieder ehemals regierender Familien dürfen bis heute nicht österreichisches Staatsoberhaupt werden.
Das Gespräch führten die Redakteure Dietmar Pieper und Johannes Saltzwedel in München.
Von Johannes Saltzwedel und Dietmar Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2009
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