24.11.2009

LANDGANG OHNE FORTUNE

Wie die Habsburger sich als Kolonialherren versuchten
Die Eingeborenen und das Häuflein dänischer Missionare von der Brüdergemeine der Herrnhuter dürften nicht schlecht gestaunt haben, als am 6. Juni 1778 das mit 48 Kanonen bestückte kaiserlich-österreichische Kriegsschiff "Joseph und Theresia" vor Anker ging. Eine Schar in Tropenkleidung gehüllte Männer ruderte in dem kleinen Archipel im Golf von Bengalen an Land. Dann verlas der Kapitän eine Erklärung.
"Ich bevollmächtige Sie im Namen Sr. Majestät des Römischen Kaisers, alle Nikobaren in Besitz zu nehmen und überall, wo es passend ist, die kaiserliche Flagge aufzuhissen", hieß es in dem Schriftstück, das von Oberstleutnant William Bolts unterzeichnet war. Kurz darauf errichteten die Österreicher auf der Insel Kamorta ein Haus und legten einen kleinen Garten an. Am 12. Juli 1778 hissten sie die kaiserliche Flagge. Die drei anwesenden dänischen Missionare richteten Glückwünsche an Bolts: "Ganz besonders haben wir uns herzlich darüber gefreut, dass Ew. Excellenz gewillt sind, hier auf den Nikobaren ein Etablissement im Namen des Römischen Kaisers Joseph des Zweiten und der Kaiserin Maria Theresia anzulegen."
Nach den förmlichen Verkündigungen wurde gefeiert und eine Schanze mit acht Geschützen angelegt. Drei Europäer als Befehlshaber und Beamte sowie mehrere schwarze Sklaven blieben auf dem Eiland zurück. Als die "Joseph und Theresia" nach einigen Monaten ihren Weg fortsetzte, war das von den Habsburgern geführte Reich Kolonialmacht. Es herrschte bloß über rund 5000 Menschen, die man natürlich nicht gefragt hatte, und auch nur über weniger als 2000 Quadratkilometer, die zudem von Dänemark beansprucht wurden.
Bis 1785 sollte die Kaiserflagge über den Nikobaren wehen. Dann zog sich die Donaumonarchie wieder zurück - nach heftigen Protesten Dänemarks. Die Nordmänner hatten bereits von 1756 bis 1759 versucht, dort eine Kolonie zu errichten, aber bald aufgegeben. Dennoch konnten sie offenbar überzeugend ihre Ansprüche geltend machen. 1785 lief das dänische Schiff "Dansborg" die Nikobaren an und nahm die einsamen habsburgischen Kolonialbeamten kurzerhand mit an Bord.
So trostlos endete bereits der zweite Versuch der Dynastie, in Asien Fuß zu fassen. 1719 hatte die Ostender Kompanie, die zu den Österreichischen Niederlanden (heute Belgien) gehörte, eine Handelsfaktorei in Bengalen eingerichtet. Doch schon 1731 musste das Unternehmen auf Druck der Kolonialmächte Großbritannien und Niederlande wieder aufgelöst werden.
Zu all den Widrigkeiten, ein paar dünnbesiedelte Tropeninseln zu kolonialisieren, gesellte sich nach dem Rückzug von den Nikobaren nun noch der Spott der Dänen. Die hinterließen nach dem Abzug der Kaiserlichen zwar auch nur eine Flaggenwache. Dennoch lästerte ein dänischer Kolonialbeamter: "Der österreichische Colonialisierungsversuch hatte wenigstens den Nutzen, dass er die Inseln mit Rindvieh und anderen nützlichen Thieren bevölkerte, die nach dem Abgange der Österreicher in den Wäldern verwilderten und den Eingeborenen leckeres Wildbret lieferten. Solche Versuche wünschten wir noch mehr."
Bolts hatte es nicht nur mit den Nikobaren versucht. In der Delagoa Bay, der heutigen Maputo-Bucht in Mosambik, hatte er im März 1777 eine Handelsstation errichten lassen. Von den beiden afrikanischen Häuptlingen Mohaar Capell und Chibauraan Matola erwarb Bolts Land und einen kleinen Hafen, er errichtete zwei mit Kanonen versehene Forts, denen er die Namen Joseph und Theresia gab, und ließ zehn Mann als Wache zurück.
Aber auch die blieben nicht lange. Schon 1781 ging die Stellung an die Portugiesen verloren. Vom kläglichen Scheitern hochfliegender Pläne wollte man später allerdings nicht mehr viel wissen. Da wurde die koloniale Selbstbeschränkung zum puren Ausdruck von Edelmut erklärt.
Ach, felix Austria! "Wenn die Reisenden anderer Länder, anderer Nationen ausziehen in die Fremde, so gilt dies ... sehr oft bestimmten Zielen, deren Erreichung direct oder indirect ihrer Heimat, sei es in politischer, colonialer oder commercieller Hinsicht zugutekommt", verkündete 1902 etwa der Präsident der "Kaiserlich-Königlichen Geographischen Gesellschaft", Hofrat Emil Tietze; "der österreichische Reisende hat in der Regel keine andere Triebfeder als die Liebe zur Forschung selbst."
Während sich raffgierigere Nationen die Welt aufgeteilt hätten, habe "Österreich die Welt durch die Musik" erobert, freute sich 1947 der Soziologe August Maria Knoll über den "Genius Austriae". Wie harmlos und sympathisch: Die Donaumonarchie als ein Reich kunstsinniger, allenfalls etwas grantliger Philanthropen, die im Café ihren Braunen schlürften und sich dazu von Mozarthaydnbrucknerstrauß verzaubern ließen.
Längst haben Historiker solch rosige Geschichtsbilder verabschiedet. Nüchtern resümiert der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistoriker Walter Sauer ( "k. u. k. kolonial - Habsburgermonarchie und europäische Herrschaft in Afrika"), das Kaiserreich sei vielleicht "kein Kolonialstaat" gewesen, aber "auch keine antikoloniale Kraft".
Nur weiß bis heute selbst in Österreich kaum jemand davon. Sauer attestiert seinen Landsleuten die "systematische Ausblendung von Konflikten" und klagt, Habsburgs Kolonialbestrebungen würden "bestenfalls am Rande", seine "Beteiligung an der ,informellen' Penetration außereuropäischer Gesellschaften überhaupt nicht angeführt".
Dabei weist der Professor auf eine ganze Reihe misslungener Bestrebungen der Donaumonarchen hin, überseeische Besitztümer zu erwerben (die Liste reicht von Suqutra im Indischen Ozean über die Westsahara bis nach Südostanatolien). Dazu kommen die drei Fälle, in denen Österreich als Kolonialmacht gewirkt habe: Neben den Nikobaren und der Delagoa Bay betrifft das auch die Jahre von 1901 bis 1914, "als die österreichisch-ungarische Armee ein circa sechs Quadratkilometer großes Stück Landes im chinesischen Tientsin okkupierte". Natürlich waren es kleine Flecken, und natürlich währte Habsburgs Einfluss vergleichsweise kurz. Nichts im Vergleich zum blutigen "Scramble for Africa", den sich Europas Großmächte, allen voran England und Frankreich, lieferten. Aber doch genug, die "These vom freiwilligen Verzicht" in Frage zu stellen.
Das sichtbarste Zeichen der Expansionsgelüste steht mitten in Wien, auf dem vielbefahrenen Praterstern. Auf einer 16 Meter hohen Marmorsäule, die mit von Seepferden gezogenen Kriegsschiffen und Siegesgöttinnen als Galionsfiguren geschmückt ist, thront dort der österreichische Seeheld Admiral Wilhelm von Tegetthoff.
Tegetthoff hatte zwei bedeutende Seesiege für Habsburg errungen. 1864, im Deutsch-Dänischen Krieg, errang er mit seinem Flaggschiff "Schwarzenberg" einen Achtungserfolg gegen eine überlegene dänische Marine, der zur Beendigung des Krieges und damit der dänischen Seeblockade deutscher Elbe- und Weserhäfen beitrug. Zwei Jahre später, im Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg, besiegte Tegetthoffs Flotte die italienische "Königliche Marine" im Nahkampf bei Lissa. Der österreichische Admiral Hans Birch von Dahlerup jubelte: "Eine schöne Zukunft liegt der österreichischen Kriegsmarine offen."
Tegetthoff, alsbald Leiter einer neugegründeten Marine-Sektion im Kriegsministerium, wollte eine mächtige Flotte aufbauen - immerhin verfügte Österreich in Triest und Pola über Adriahäfen, deren Bedeutung mit dem Bau des Suezkanals 1869 rapide wuchs. So wirkten die Marine-Ambitionen keineswegs ungewöhnlich.
Schon 1850 hatte Kaiser Franz Joseph eine Kommission einberufen, die zu dem Schluss kam, die Monarchie brauche eine ihrer Bedeutung entsprechende Seemacht. 16 Jahre später verfügte die habsburgische Marine über sieben Panzerfregatten, sieben Kanonenboote, fünf Schraubenfregatten, zwei Schraubenkorvetten und ein Linienschiff.
Dann aber stockte der Ausbau. Nur ein einziges Mal noch trat die österreichische Kriegsmarine nennenswert in Aktion. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts in China der Boxeraufstand tobte, riefen Großbritannien, Frankreich, Russland, Deutschland, Japan, Italien, die USA und auch Österreich-Ungarn zu den Waffen.
Am 10. Juni 1900, als unter dem Kommando des britischen Vizeadmirals Sir Edward Seymour die ersten 2000 Soldaten der vor Taku ankernden Alliierten an Land gingen, waren unter ihnen auch 25 Männer der habsburgischen Kriegsmarine. Sie gehörten zur Besatzung der "Zenta", einem kleinen Kreuzer, der Anfang 1899 zur ersten Überseereise aufgebrochen war. Angesichts der sich verschärfenden Lage in China erhielt die "Zenta" wenig später jedoch Verstärkung durch die Kreuzer "Kaiserin und Königin Maria Theresia", "Königin Elisabeth" und "Aspern".
Erst am 14. August 1900 nahmen die alliierten Soldaten Peking ein. Unter den Gefallenen aufseiten der Großmächte befanden sich auch vier Österreicher. Fortan hielten k.u.k. Krieger in der chinesischen Hafenstadt Stadt Tientsin ein Fleckchen Erde besetzt. Noch bis 1917 gab es diese kleine Erinnerung an Österreichs Kolonialherrschaft - mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg ging auch die verloren.
Thilo Thielke
Von Thilo Thielke

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2009
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