24.11.2009

Der abenteuerliche Prinz

Als Zweitgeborener stand Erzherzog Maximilian im Hintergrund, dann wurde er doch noch Kaiser - von Mexiko. Aber der Glanz war trügerisch: Wenig später endete sein Leben im Kugelhagel der Hinrichtung.
Bis zuletzt blieb Erzherzog Ferdinand Maximilian Joseph von Österreich in Formfragen souverän. Er bat die Soldaten des mexikanischen Erschießungskommandos, nicht auf sein Gesicht zu zielen. Seine Mutter, Erzherzogin Sophie, sollte im fernen Wien beim Anblick der Leiche nicht zu sehr erschrecken. Deshalb steckte das Opfer den Soldaten sogar ein paar Goldstücke zu.
Dann geschah das Unvermeidliche: Am 19. Juni 1867 um sieben Uhr morgens donnerte die Gewehrsalve los, und der Habsburger Maximilian I. war tot. Es war das spektakuläre Ende eines wahrlich extravaganten Lebens: Der hochgewachsene Erzherzog mit imposantem Backenbart hatte stets als eine Art adliger Borderliner zwischen Macht, Kunst und Genuss gegolten, unangepasst, aufmüpfig und wagemutig bis zur Verblendung.
Geboren wurde Maximilian als zweiter von vier Brüdern am 6. Juli 1832 in Schloss Schönbrunn bei Wien. Damit erklärt sich nach Meinung seiner Biografen auch schon sein Lebenstrauma: Der Thron war ihm versperrt. "Auf Seiten Maximilians gesellten sich die psychischen Komplexe, die mit dem Rang und der Rolle des Zweitgeborenen nicht selten verbunden sind", urteilt der Historiker Friedrich Weissensteiner.
Zwar wurde Maximilian wie sein älterer Bruder Franz Joseph exzellent ausgebildet; er lernte Französisch, Italienisch, Englisch, Ungarisch und Tschechisch sowie Philosophie und Kirchenrecht. Aber anders als der Älteste liebte Maximilian die schönen Künste. Die obligatorische Militärausbildung war ihm ein Graus; stattdessen dichtete und malte er leidenschaftlich gern. Voll düsterer Ahnung zog sich Mutter Sophie, die an ihrem Sohn "die Leichtigkeit und überschäumende Fröhlichkeit" schätzte, auf den Wunsch zurück, "dass wenigstens er sein Dasein fröhlich durchleben wird". Aber es sollte anders kommen.
1848, Maximilian war gerade 16 Jahre alt, sah sich die Donaumonarchie unter Kaiser Ferdinand I. von Revolution bedroht. Sogar Wiens Hofburg wurde belagert. Obwohl die kaiserliche Familie nach Innsbruck fliehen musste, soll Maximilian mit der Revolte sympathisiert haben, die wenig später brutal niedergeschlagen wurde. Als am 2. Dezember 1848 der 18-jährige Franz Joseph auf den Thron kam, war die Herrschaft der Habsburger vorerst sicher.
Doch was blieb einem Zweitgeborenen zu tun? Maximilian musste seinen Bruder fortan mit "Seine Majestät" anreden und wie alle anderen um Audienz bitten, wenn er ihn sprechen wollte. Als "apanagierter Prinz" tröstete er sich mit kostspieligen Liebhabereien.
Nach eigenen Entwürfen ließ er sich zum Beispiel das Sommerhaus "Maxing" errichten, das durch einen unterirdischen Gang mit dem Garten des Schlosses Schönbrunn verbunden war. Prunkvoll wurde das Schloss Miramare bei Triest ausgebaut: Die Anlegestelle am Meer säumten ägyptische Sphinxe, für die Treppen wurde Tiroler Granit herangeschafft.
Doch nie hielt es Maximilian lange am selben Ort. Als erster männlicher Habsburger überquerte er den Atlantik und den Äquator. Stolz schrieb er: "Für mich, den ärgsten Feind der Kälte, ist der Eingang in die Tropen ein ganz besonderer Jubel und namentlich im sonst so grausigen Dezember."
Als Franz Joseph hörte, dass der Bruder Marineoffizier werden wollte, begrüßte er den Wunsch. Fortan zeigte Maximilian nahezu amtlich die Flagge Österreichs in allen Mittelmeerhäfen - und darüber hinaus. Schon 1851 schickte er Österreichs bedeutendstes Kriegsschiff, die "Novara", in Richtung Amerika und Karibik auf Forschungsfahrt. Nur eine Typhus-Erkrankung hinderte ihn daran, selbst mit an Bord zu gehen.
Als Oberbefehlshaber und Konteradmiral der Marine setzte Maximilian bei den Wiener Landratten sogar ein Flottenbauprogramm durch. 1855 fuhr Maximilian mit 14 Kriegsschiffen nach Palästina und Ägypten und besuchte auf der Rückfahrt auch noch Papst Pius IX. in Rom.
Liebesglück hingegen blieb dem seefesten Habsburger lange versagt. Zwar lernte er bei einem Aufenthalt in Portugal die bildschöne Prinzessin Maria Amalia von Bragança kennen und hielt sogleich mit Erfolg um ihre Hand an. Doch die Auserwählte starb 1853 an Tuberkulose. Bis an sein Lebensende soll Maximilian eine Strähne ihres Haares bei sich getragen haben.
In Brüssel lernte er Charlotte, die Tochter des belgischen Königs Leopold I., kennen und lieben. 1857 heiratete das Paar. Es war eine Habsburger-Ehe wie aus dem Lehrbuch: Maximilian hatte sich nicht nur eine der reichsten Partien Europas gesichert, die 16-jährige Charlotte war auch, so der Autor Johann Georg Lughofer, "schlank und elegant, eine hübsche junge Prinzessin".
Die ersehnte politische Verantwortung hingegen blieb aus. Zwar amtierte Maximilian nach seiner Heirat einige Zeit als Generalgouverneur der italienischen Provinzen Lombardei und Venetien. Aber erst ein Angebot des Franzosenherrschers Napoleon III. schien das rechte Format zu haben: In Mexiko, das von französischen Truppen besetzt war, sollte ein neuer Kaiser installiert werden.
Die Mexikaner, versicherte Napoleon, wünschten sich einen Monarchen. Allerdings musste Maximilian versprechen, 260 Millionen Francs für Frankreichs bisherigen Feldzug in Mexiko zu bezahlen. Obendrein sollte er gegenüber Franz Joseph auf alle Thronfolgerechte nach einer möglichen Rückkehr aus Übersee verzichten. Geblendet von der Aussicht auf eine Kaiserkrone, unterschrieb Maximilian schließlich - und stürzte sich damit ins Verderben.
"Eine fremdstämmige Monarchie, in Anwesenheit europäischer See- und Landstreitkräfte auf mexikanischem Boden errichtet, wäre ein Affront gegen die republikanische Regierungsform", warnte US-Präsident Abraham Lincoln die Europäer. Und der amerikanische Konsul in Triest analysierte: "Wer immer den Thron von Mexiko anstrebt, muss außerordentlich froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt."
Unbeirrt schiffte sich Maximilian mit seinem Hofstaat ein. Schon während der sechswöchigen Überfahrt auf der "Novara" erließ er die ersten kaiserlichen Dekrete. Wichtig war ihm auch, ein eigenes Hofzeremoniell zu entwerfen, das beispielsweise die Verleihung von Orden und die Sitzordnung beim Hofdiner regelte. Das Werk umfasste 600 Seiten.
Die Ankunft am 28. Mai 1864 in der Hafenstadt Veracruz war ernüchternd. Wohl gab es pflichtgemäße Kanonenschüsse, aber keine jubelnden Massen. In seiner ersten Verlautbarung erklärte Maximilian: "Mexikaner: Ihr habt nach mir verlangt; eure edle Nation hat mich durch eine selbständige Majorität dazu bestimmt, von heute an über die Zukunft eurer Geschicke zu wachen."
Zunächst wurde in der Hauptstadt jedoch der Regierungspalast mit 1100 Zimmern sowie das benachbarte Schloss Chapultepec nach kaiserlichen Plänen restauriert. Trotz fürstlicher Apanage war der neue Kaiser wegen seiner Vorlieben ständig ziemlich klamm.
Maximilian erkundete das riesige, wilde Land und zeigte sich an allem interessiert. Verkleidet als einfacher Soldat soll er amouröse Abenteuer mit Frauen aus dem Volk gehabt haben.
Dann rief der Republikaner Benito Juárez, der von den Franzosen als Präsident abgesetzt worden war, aber die Unterstützung der Vereinigten Staaten hatte, zum Gegenangriff auf die Monarchie. Die belgische Garde von nur 2000 Mann, gemeinsam mit rund 7000 österreichischen Infanteristen, einem polnischen Ulanenregiment und ungarischen Husaren, stand bald auf verlorenem Posten. Während die ersten Kugeln der republikanischen Artillerie die kaiserliche Residenz in der Provinzstadt Querétaro erreichten, machte sich Maximilian auf Schmetterlingsjagd.
Als nach 72 Tagen die Republikaner dank des Verrats kaiserlicher Offiziere in die Stadt eindrangen, befahl Maximilian, alle geheimen Dokumente zu verbrennen. Seinem Adjutanten Felix zu Salm-Salm raunte er kurz vor der Festnahme die Bitte zu: "Salm, jetzt eine glückliche Kugel!" Aber die kam nicht.
Gnadengesuche aus Paris, Wien, Berlin und London trafen beim mexikanischen Sieger ein. Selbst der Freiheitsrebell Giuseppe Garibaldi und der Schriftsteller Victor Hugo setzten sich für das Leben Maximilians ein - ohne Erfolg.
Wegen "Verbrechen gegen den Staat, die öffentliche Ordnung und den Landfrieden, das Völkerrecht und die Bürgerrechte" verurteilte ein Gericht aus Militärs den Habsburger zum Tode. Am 19. Juni 1867 führte man Maximilian auf den sogenannten Glockenhügel von Querétaro. Die letzten Worte des Kaisers sollen gewesen sein: "Viva México! Viva la independencia!"
Der Tote, heißt es offiziell, sei in das Kapuzinerinnenkloster geschafft worden. Entgegen dem Verlangen des Hingerichteten, dass sein Leichnam unverzüglich nach Europa gebracht werde, übernahmen ein Militärarzt und ein Gynäkologe die Einbalsamierung. Sie schlug dermaßen fehl, dass nur Monate darauf eine weitere nötig wurde.
Nach der verspäteten Ankunft von Maximilians Leiche in Wien wurde der geschundene Körper in der Kammerkapelle der Hofburg aufgebahrt, bevor er in die Kapuzinergruft überführt wurde. Mutter Sophie soll entsetzt gesagt haben: "Das ist nicht mein Sohn" - nicht einmal der Wunsch, unentstellt zu bleiben, war dem glücklosen Habsburger erfüllt worden.
Von SEBASTIAN KNAUER

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2009
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