30.03.2010

Doktor Allwissend

Avicenna war einer der schillerndsten Intellektuellen im mittelalterlichen Persien: ein genialer Arzt, der die Medizin geringschätzte, den Koran auswendig kannte und reihenweise Frauen verführte.
Leidend wälzte sich der Emir von Buchara in den Kissen. Linderung war nicht in Sicht. Am Hofe Nuh Bin Mansurs rätselten die Ärzte vergebens, welche Krankheit den Herrscher befallen haben mochte. In ihrer Not riefen die unkundigen Gelehrten einen kaum 17-jährigen Kollegen hinzu, der bereits seit zwei Jahren praktizierte. Der jugendliche Medicus hatte die Krise recht bald im Griff und befreite den Monarchen von seiner Pein.
Derlei Heldentaten begründeten den Mythos von Abu Ali Hossein Bin Abdullah Bin Sina, der Nachwelt besser bekannt unter seinem latinisierten Namen: Avicenna.
Der Heiler hatte angeblich so viele Patienten zu versorgen, dass er Hausbesuche drastisch reduzieren musste. Um dennoch auf dem Laufenden zu bleiben, knotete Avicenna den Leidenden Zwirnsfäden ums Handgelenk, damit er auch von fern deren Puls fühlen konnte.
Überlieferungen dieser Art sind zwar mit großer Sicherheit nur heitere Legenden, künden aber von der Heldenverehrung, die Avicenna bereits zu Lebzeiten zuteilwurde. Der Gepriesene selbst hielt die Medizin für "keine besonders schwierige Wissenschaft, und natürlich habe ich sie in kürzester Zeit herausragend beherrscht". Diese selbstbewusste Einschätzung des eigenen Wirkens konnte sich ein Wunderknabe erlauben, der bereits im Alter von zehn Jahren den Koran auswendig gelernt hatte und wenig später auch die "Metaphysik" von Aristoteles aus dem Gedächtnis beherrschte.
Avicenna sah sich selbst denn auch eher als Denker und Philosoph, nicht als Handwerker einer von ihm eher geringgeschätzten Heilkunst. Von Kindesbeinen an bis beinahe zu seinem letzten Lebenstag häufte er Wissen an.
Geboren wurde er im Jahre 980 im mittelasiatischen Buchara. Die Kleinstadt im heutigen Usbekistan gehörte zur muslimischen Welt, deren Zentrum Bagdad war. Avicenna wuchs in einer wissbegierigen Umgebung auf, die sich auch für Einflüsse anderer Kulturen offen zeigte.
Über Avicennas frühe Jahre gibt ein autobiografischer Abriss Aufschluss, den der Meister einem seiner Schüler diktiert hatte. Sein Vater, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung Bucharas, gab seinen Sohn früh in die Obhut ausgewählter Gelehrter. Nicht selten überflügelte der Hochbegabte seine Lehrer bereits nach kurzer Zeit. Der Musterschüler gedieh zu einem sogenannten Fakih - einem Gelehrten, der Theologie und Rechtswissenschaft miteinander verband. Avicenna war zwar Muslim, stemmte sich allerdings gegen eine allzu orthodoxe Auslegung des Koran. Abwegig schien ihm etwa die Vorstellung, Gott habe die Welt aus dem Nichts heraus in sechs Tagen erschaffen. Stattdessen verfocht er die Ansicht, die Welt sei immer schon da gewesen.
Fundamentalisten erkannten in dieser Argumentation reine Blasphemie. Stellte der dreiste Denker nicht die Souveränität des Schöpfers in Frage? Nicht minder ketzerisch erschien konservativen Exegeten des Koran, dass Avicenna nicht an die leibliche Auferstehung am Jüngsten Tag glauben mochte - er hielt das Dogma für eine Art Metapher.
Avicennas Philosophie wurzelte in der griechischen Tradition. Die Logik des Aristoteles war sein geistiges Fundament - bis hin zur Überzeugung, er könne die Existenz Gottes mit den Mitteln der Wissenschaft beweisen. Auf diese Weise stieg Avicenna posthum zum "obersten Scheich unter muslimischen Intellektuellen" auf, wie der Arabist und Medizinhistoriker Gotthard Strohmaier konstatiert.
Einst empfahl gar Ajatollah Chomeini Studenten die Lektüre der Schriften Avicennas. Doch im rigiden Staat des Mahmud Ahmadinedschad säße der Freigeist vermutlich längst hinter Gittern. Denn Avicenna, der jahrelang an Irans Fürstenhöfen, zuletzt in Isfahan, lehrte, war laut den Beschreibungen von Zeitgenossen auch äußerlich wohlgeraten und verfehlte seine Wirkungen auf Frauen nicht.
"Bei dem Meister waren alle Kräfte stark entwickelt, wobei unter den Kräften des begehrenden Seelenteils die sexuelle am stärksten und übermächtigsten war. Er war oft davon in Anspruch genommen, was sich auf seine Konstitution auswirkte", notierte ein Schüler.
Öfter saß der Sinnenfrohe mit seinen Studenten nach Einbruch der Dunkelheit am Lagerfeuer, bei heiterem Lautenspiel und kreisender Weinamphore. Doch Zeitgenossen kannten Avicenna auch als besessenen Arbeiter. Er schrieb häufig bis tief in die Nacht und war schon im Morgengrauen wieder zum Frühgebet auf den Beinen. Selbst zu Pferde sah man ihn Notizen kritzeln. Anflüge von Müdigkeit bekämpfte er mit großen Mengen Kaffee.
Der Vielschreiber mochte von einer großen Karriere als Philosoph träumen. Prominent wurde er vor allem als Arzt und Mediziner, der am laufenden Band Pioniertaten vollbrachte. In der muslimischen Welt waren im achten Jahrhundert die ersten Apotheken entstanden. Avicenna experimentierte mit den bekannten Kräutern und Gewächsen und erweiterte das Arsenal der Arzneien deutlich. In seinem Hauptwerk, dem "Kanon der Medizin", listet er 750 Heilmittel auf. Die Medikamente verschrieb Avicenna gegen Koliken, aber auch gegen Depressionen und Liebeskummer.
Etliche Jahrhunderte vor der Erfindung des Mikroskops identifizierte der turbantragende Medicus "kleine Organismen, die durch Luft und Wasser wandern und Krankheiten verursachen". Hygiene und Sauberkeit empfahl er als oberste Tugenden. Immer wieder legte der Meister selbst Hand an und operierte Kranke, wobei er bereits einen grünen Arztkittel trug.
Die Anatomie des menschlichen Körpers gab Avicenna gleichwohl häufiger Rätsel auf. Dem Muslim war das Sezieren von Leichen nicht gestattet. Erkenntnisse über Beschaffenheit und Lage der Organe erlangte er über das Studium der anatomischen Werke seines Vorbildes Galen. Gelegentlich scheint die Urteilskraft des Gelehrten erheblich getrübt. Im Gehirn etwa sah er vorwiegend eine Einrichtung, die das Herz vor der Überhitzung schützen sollte.
Sein eigenes Ende war nicht ohne Dramatik. Geplagt von Koliken, ließ sich Avicenna von einem anderen Arzt Petersiliensamen mit einem Klistier einführen. Der Kollege erwies sich jedoch als Pfuscher und überdosierte die Öko-Injektionen. Avicenna fiel mehrfach in Ohnmacht, berappelte sich dann jedoch noch einmal mühsam.
Kaum bei Kräften, stürzte sich der Workaholic wieder in die Arbeit. Prompt erlitt er einen heftigen Rückfall. Eine anschließende Opiumbehandlung mündete im erneuten Kollaps. Zermürbt von den andauernden Zusammenbrüchen ließ Avicenna die Behandlung abbrechen - und starb wenig später mit nur 57 Jahren.
Als Vermächtnis hinterließ er seinen "Kanon der Medizin", der zum Zeitpunkt von Avicennas Tod im Jahre 1037 das medizinische Wissen der Menschheit in beispielloser Weise zusammenfasste. Für lange sollte kaum noch etwas hinzukommen. Etwa 100 Jahre nach Avicennas Tod war der "Kanon" auch auf Latein in Europa greifbar. Rund 600 Jahre lang richteten sich Ärzte nach den Erkenntnissen ihres vielbegabten Vorgängers.

FOTOS: BRIDGEMANART.COM
Von Frank Thadeusz

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 2/2010
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz