30.03.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Eine attraktive Trophäe“

Prinz Kyros Resa Pahlewi über die Politik seines Vaters, des letzten Schahs, über Iran als Spielball fremder Mächte und über die Rebellion gegen die islamische Führung in Teheran
SPIEGEL: Majestät, Kaiserliche Hoheit, Exzellenz wie sollen wir jemanden ansprechen, der als Kronprinz Kyros Resa Pahlewi ausersehen war, seinem Vater, Schah Mohammed Resa Pahlewi, auf den Pfauenthron zu folgen?
Resa Pahlewi: Das ist mir nicht so wichtig. Titel sind mir einerlei. Wichtig sind mir die Ideen und Vorstellungen, die ich vermitteln möchte zur Zukunft meines Landes
SPIEGEL: das Sie im Sommer 1978 verlassen haben.
Resa Pahlewi: Ich war siebzehneinhalb Jahre alt und ging in die USA, um meine Pilotenausbildung in Texas zu machen. Ich dachte, ich käme nach einem Jahr wieder nach Hause.
SPIEGEL: Was waren Ihre Gefühle, als Ihre Eltern im Januar 1979 ins Exil gingen?
Resa Pahlewi: Ich weiß, dass meine Eltern damit beschäftigt waren, das zu bewältigen, was Tag für Tag passierte. Ich glaube, nicht einmal die damalige Opposition konnte vorhersagen, wie es weitergehen würde. In jenen revolutionären Wirren hat mein Vater das Land freiwillig verlassen. Er glaubte, es sei das Beste für Iran. Heute, aus dem Abstand von über 30 Jahren, stellt sich vieles anders dar. Das Gegenteil dessen, was sich die Menschen versprochen hatten, ist eingetreten. Heute
ruft die junge Generation auf den Straßen Irans nach Demokratie und nach der Trennung von Staat und Religion. Diese Forderungen sind die Folgen von Korruption und Despotie, die mit dem jetzigen Regime verbunden werden.
SPIEGEL: Ihr Vater, der Iran von 1941 bis 1979 regiert hat, musste sich ähnliche Vorwürfe anhören.
Resa Pahlewi: In den frühen Zwanzigern, als mein Großvater die politische Bühne betrat, war Iran noch ein schrecklich unterentwickeltes Land. Es gab praktisch keine weiterführenden Bildungseinrichtungen. Um das Land zu modernisie-ren und voranzubringen, musste man die gesamten Lebensumstände verbessern. Das Wichtigste war, in einer traditionell von Männern dominierten Gesellschaft die Rechte der Frauen zu stärken und deren Emanzipation und berufliche Qualifikation zu fördern. Das steht in völligem Gegensatz zur rechtlichen Lage der Frauen im heutigen Iran. Erhöhung des Lebensstandards, Bildung, Gesundheitswesen, Stabilität und Sicherheit - das sind Dinge, die für die meisten Menschen erstrebenswert waren und für die mein Vater sich eingesetzt hat.
SPIEGEL: Der Erfolg aber blieb aus.
Resa Pahlewi: Das ist zu hart geurteilt. Aber vielleicht wollte er zu schnell eine Agrargesellschaft in eine industrielle verwandeln. Zum andern wollten die Intellektuellen an den Entscheidungsfindungen beteiligt werden, was aber so nicht gelungen ist. Ich persönlich glaube, dass der Liberalisierungsprozess nicht schnell genug vor sich ging. Außerdem waren auch Kräfte am Werk, die nicht unbedingt die Interessen der Nation im Auge hatten - Elemente, die eng mit ausländischen Interessen verbunden waren.
SPIEGEL: Sprechen Sie von Amerikanern oder von den Sowjets?
Resa Pahlewi: Ich meine marxistische Kräfte, die unter sowjetischem Einfluss standen. Wir waren damals im Kalten Krieg. Das Land lag an der Nahtstelle zwischen Ost und West, eingezwängt in widerstrebende Interessen. In Iran wollten beide Seiten Einfluss gewinnen. Unter den Intellektuellen war die Analyse der Situation sehr oberflächlich.
SPIEGEL: Hätte die islamische Revolution verhindert werden können, wenn Meinungsfreiheit geherrscht hätte?
Resa Pahlewi: Eine Menge Faktoren hätten die Revolution verhindern können. Unsere Gesellschaft war sich nicht darüber im Klaren, was die Konsequenzen einer religiösen Revolution sein würden. Als Chomeini seinen Fuß auf iranischen Boden setzte, war Iran nicht wichtig für ihn. Es ging ihm um die Vision einer revolutionären Interpretation des Islam. Die wollte er in den Rest der Welt exportieren.
SPIEGEL: Wann, glauben Sie, war der Punkt erreicht, von dem aus die Entwicklung unter der Herrschaft Ihres Vaters in eine falsche Richtung ging?
Resa Pahlewi: Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre stiegen die Erwartungen immer höher. Eine ganz neue Generation prägte die Gesellschaft. Das war das Ergebnis einer besseren Ausbildung. Die jungen Menschen waren intellektuell besser gerüstet für Debatten als frühere Generationen. Je mehr die Menschen an Bildung erreicht hatten, desto mehr Freiheiten forderten sie. Und weil die Forderungen ins Leere liefen, führte das zu Frustrationen, die sich in inneren Unruhen entluden. Der entscheidende Druck kam aber von außen.
SPIEGEL: War Iran ein Spielball fremder Mächte?
Resa Pahlewi: Historisch gesehen war Iran immer eine attraktive Trophäe. Und das Land ist es noch. Schauen Sie nur, wie Russland und China auf diese Region blicken, ebenso die USA und Europa. Dahinter stehen strategische Überlegungen. Die Regierungsformen mögen sich geändert haben, aber die Ansprüche gegenüber Iran sind dieselben. Iran wird immer ein Land sein, das begehrliche Blicke auf sich zieht. Doch was hat man aus all diesen Erfahrungen gelernt? Wie lässt sich das Land stabilisieren? Wie kann man Teilhabe des Volkes an politischen Entscheidungen am besten gewährleisten? Durch Demokratie und Freiheit. Die heutige Führung ordnet nur von oben nach unten an. Die Mittelschicht, die sich einbringen möchte, wird ausgeschaltet.
SPIEGEL: Genau diese Vorwürfe sind damals gegen Ihren Vater erhoben worden.
Resa Pahlewi: Was stimmt, ist, dass seine Ziele nicht richtig vermittelt wurden. So wurde ihm vorgeworfen, zu viel Geld für die Rüstung auszugeben. Warum? Saddam Hussein hat später die Antwort gegeben, als er Iran angriff. Ohne diese Bedrohung aus dem Irak hätten wir etwa keine so mächtige Armee gebraucht.
SPIEGEL: Ihr Vater galt als isoliert vom eigenen Volk, war oft mehr in St. Moritz als in der iranischen Provinz. Die große Jubiläumsshow in Persepolis 1971 hat Kritiker auf den Plan gerufen, die sagten, er sei zwar der König von Iran, aber völlig verwestlicht.
Resa Pahlewi: Ich denke, dass mein Vater die Probleme des eigenen Landes sehr gut kannte. Und ich verstehe nicht das ganze Getue, das es im Westen darüber gegeben hat, wie Iran seine Geschichte feierte. Weniger als 20 Prozent des Budgets wurden für die Zeremonie selbst ausgegeben. Von dem allergrößten Teil des Geldes wurden Straßen, Hospitäler und 2500 Schulen gebaut. Persepolis war eine gute Gelegenheit, Iran auf die Landkarte zu bringen. Es war ein Dialog der Kulturen. Die Führer aller Religionen der Welt kamen zum ersten Mal überhaupt zu einer Konferenz zusammen.
SPIEGEL: Aber mit der religiösen Opposition im eigenen Land hat Ihr Vater keinen Ausgleich gesucht.
Resa Pahlewi: Wenn die damalige Opposition nicht so verbohrt gewesen wäre, alles in Frage zu stellen, und wenn die Regierung eher zum Dialog bereit gewesen wäre, vielleicht wäre alles ganz anders verlaufen. So aber kam es zum Widerstand des schiitischen Klerus gegen die neue Rolle der Frauen. Doch wenn Sie solch einen Grad von Wachstum und Fortschritt haben wie damals in Iran, sind die Herausforderungen sehr groß. Zur Regierungszeit meines Großvaters waren 80 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Einerseits fiel es der ländlichen Bevölkerung schwer, sich auf den neuen Rhythmus einzustellen, andererseits forderten die Intellektuellen immer mehr Mitsprache. Es gab eine tiefe Kluft zwischen der bäuerlichen Schicht und dem Bildungsbürgertum.
SPIEGEL: Und das Erdöl verschärfte die Kluft zwischen Arm und Reich.
Resa Pahlewi: Nein, der Lebensstandard hat sich durch das Erdöl überall erhöht. Nicht nur die Elite wurde wohlhabend. Die Regierung führte Ausbildungsprogramme ein, um die soziale Schere zu schließen. Ganze Legionen von Lehrern wurden aufs Land geschickt. Und die Bildung war gratis, auch an den Universitäten.
SPIEGEL: Sie können doch nicht leugnen, dass eine kleine Schicht sehr, sehr reich wurde und im ganzen Land die Korruption grassierte.
Resa Pahlewi: Bei allen Gesellschaften mit solchem Wachstum liegt eine solche Entwicklung in der Natur der Sache. Vielleicht gab es damals auch in Iran eine Handvoll Personen, die sich bereichern konnten. Aber schauen Sie sich doch heute an, wie viele Leute Teil des Systems sind und ihre Vorteile daraus ziehen. Wie kann man der Korruption vorbeugen? Am besten durch Rechtsstaatlichkeit und Liberalisierung.
SPIEGEL: Unter dem heutigen Regime herrschen teilweise ähnliche Verhältnisse wie jene, die seinerzeit Ihrem Vater zum Vorwurf gemacht wurden: Folter, Hinrichtungen und Bespitzelungen. Hat Ihr Vater solche Dinge angeordnet oder zumindest gebilligt? Oder war der damalige Geheimdienst Savak ein Staat im Staate?
Resa Pahlewi: Jeder hat Verständnis dafür, dass ein Staat eine Organisation braucht, die über die Sicherheit der Nation wacht. Ist Missbrauch der Macht möglich? Ja. Können Menschen ihre Befugnisse überdehnen? Ja. Gibt es Elemente, die Menschenrechte verletzten? Ja. Niemand bestreitet das. Aber die schrecklichen Verhältnisse heute sind mit den damaligen überhaupt nicht vergleichbar - wobei nichts beschönigt werden soll. Jeder einzelne Übergriff war zu viel.
SPIEGEL: Haben Sie je mit Ihrem Vater kritisch über seine Herrschaft gesprochen?
Resa Pahlewi: Das einzige Mal, dass ich Gelegenheit hatte, eine derart persönliche Diskussion zu führen, war ganz am Ende seines Lebens, als wir im Sommer 1979 von einem Land zum anderen zogen. Aber da war er körperlich schon sehr geschwächt, er starb im Juli 1980, und es war schwierig, eine tiefgründige Unterhaltung mit ihm zu führen. Und ich hatte damals auch nicht die Informationen, die ich im Laufe der vergangenen 30 Jahre von unterschiedlichen Gruppierungen meiner Landsleute über seine Regentschaft erhalten habe. Es ist schwierig für jeden Sohn, sich mit der Kritik an seinem Vater auseinanderzusetzen. Und wenn Ihr Vater der Schah von Persien ist, ist es noch schwieriger.
SPIEGEL: Gab es eine Situation, in der Sie ihm menschlich besonders nahegekommen sind?
Resa Pahlewi: Das war noch in Iran. Mein Vater war sehr betroffen von den Vorwürfen, die ihm gemacht wurden. Er wollte kein Leid über die Menschen bringen. Er sagte, wenn die Menschen nun einen anderen Weg gehen wollten, dann sollten sie es tun. Deshalb hat er das Land verlassen. Viele seiner härtesten Kritiker rechnen ihm dies hoch an. Andere wiederum kritisieren ihn dafür, dass er nicht gekämpft hat.
SPIEGEL: Hätte Ihr Vater denn im Kräftemessen mit Chomeini überhaupt eine Chance gehabt?
Resa Pahlewi: Es gab sicherlich eine Kraft der Religion. Als Person war Chomeini den wenigsten ein Begriff. Die meisten hatten seine Schriften nicht gelesen. Das Phänomen war eine Massenhysterie, die das Volk in eine Art Trance, in einen religiösen Taumel versetzte.
SPIEGEL: War Ihr Vater enttäuscht, dass die USA ihn so schnell haben fallenlassen?
Resa Pahlewi: Die Entscheidung fiel Anfang Januar 1979 bei der Konferenz auf Guadeloupe. US-Präsident Jimmy Carter überzeugte seine Gesprächspartner - den französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing, den deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt und den britischen Premierminister James Callaghan -, dass der Schah nicht mehr zu halten sei und man einen Übergang zu Chomeini ins Auge fassen müsse. Eine der wichtigsten Theorien der damaligen US-Administration war, dass ein religiöser Gürtel des Islam in dieser Region eine Schutzzone gegenüber dem Kommunismus darstellen könnte. Und dann hatte man es plötzlich mit einem revolutionären Regime zu tun, das seine revolutionären Vorstellungen auch noch exportierte. Das führte zum Iran-Irak-Krieg, in dem Saddam Hussein von den USA unterstützt wurde.
SPIEGEL: Heute gibt es - wie damals, als Ihre Familie das Land verließ - Aufruhr in den Straßen von Teheran und anderen iranischen Städten. Wohin, meinen Sie, wird die jetzige Rebellion führen?
Resa Pahlewi: Ich glaube nicht, dass die jungen Iraner, die auf den Straßen ihr Leben aufs Spiel setzen, nur das Wahlergebnis in Frage stellen. Es geht um viel mehr: Sie kämpfen um ihre Freiheit. Das Ergebnis wird der Zusammenbruch des Regimes sein, weil die Kampagne der Menschen für zivilen Ungehorsam zu einer innenpolitischen Lähmung führen wird. Ich hoffe, dass wir ein stabiles parlamentarisches System bekommen.
SPIEGEL: Wie eng sind Ihre Kontakte zu den Menschen in Iran?
Resa Pahlewi: Meine Landsleute und ich kommunizieren täglich per Video, TV oder bevorzugt über das Internet mit den Aktivisten, die im ganzen Land tätig sind, auch während der Demonstrationen und Proteste. Ich hatte diese Kontakte über all die Jahre, aber sie sind jetzt intensiviert worden. Wir versuchen, mit ihnen zusammen so viel wie möglich zu koordinieren.
SPIEGEL: Welche Unterstützung erwarten Sie vom Ausland?
Resa Pahlewi: Bisher hat die internationale Staatengemeinschaft nicht deutlich gemacht, dass sie das iranische Volk bei seinem Wunsch nach einem Regimewechsel unterstützt. Die bisherige Politik der meisten westlichen Regierungen war bestrebt, den Status quo zu bewahren.
SPIEGEL: Hat Deutschland als ein traditioneller Handelspartner von Iran das Regime in Teheran zu sanft behandelt?
Resa Pahlewi: Nun, jedes Land muss seine wirtschaftlichen Interessen berücksichtigen. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die öffentliche Meinung die moralischen Fragen in den Vordergrund rückt. Deshalb stelle ich zufrieden fest, dass viele westliche Staaten, Deutschland eingeschlossen, die eklatanten Menschenrechtsverletzungen ansprechen. Auch finde ich, dass jetzt die Zeit gekommen ist, den Dialog mit der Opposition zu suchen.
SPIEGEL: Haben Sie die Hoffnung, eines Tages nach Iran zurückkehren zu können?
Resa Pahlewi: Natürlich, das ist meine Heimat.
SPIEGEL: Als politischer Erbe des Schahs oder als gewöhnlicher iranischer Bürger?
Resa Pahlewi: Das werden die Menschen selbst entscheiden, wenn sie in Freiheit leben.
SPIEGEL: Prinz Resa Pahlewi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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Prinz Kyros Resa Pahlewi über die Politik seines Vaters,
des letzten Schahs, über Iran als Spielball fremder Mächte und
über die Rebellion gegen die islamische Führung in Teheran
"Eine attraktive Trophäe"

ULLSTEIN BILD
KAI JUENEMANN
PICTURE ALLIANCE / DPA
ULLSTEIN BILD
Das Gespräch führten die Redakteure Dieter Bednarz und Norbert F. Pötzl in Paris.
Von Norbert F. Pötzl und Dieter Bednarz

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2010
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