01.06.2010

Drang zum Zuschlagen

Hitler kontrollierte Ende 1940 bereits wichtige Teile des europäischen Kontinents. Aber der maßlose Machthaber wollte mehr - und stürzte sich in ein militärisches Abenteuer.
In einer großen Werkhalle der Rüstungsfabrik Rheinmetall-Borsig in Berlin haben Arbeiter aus schweren Metallblöcken eine Rednertribüne errichtet. Männer in grauen Arbeitskitteln und Frauen mit weißen Schürzen und bunten Kopftüchern stehen dichtgedrängt. Aus Lautsprechern erklingt der Badenweiler Marsch.
Adolf Hitler betritt im dunklen Ledermantel die Halle, die Arbeiter empfangen ihn mit begeisterten "Heil"-Rufen. Es ist der 10. Dezember 1940, ein nasskalter Tag, mittags gegen 12 Uhr.
Im grellen Scheinwerferlicht tritt Hitler vor die Mikrofone, begrüßt "meine deutschen Arbeiter" und hält umgeben von Geschützrohren eine seiner wirkungsvollsten Ansprachen. Der Krieg zwischen Deutschland und Großbritannien, sagt er zu Beginn der im Rundfunk übertragenen Rede, sei ein "Kampf zweier Welten".
In den westlichen Demokratien, so Hitler, herrsche eine "verfluchte Plutokratie" von ein "paar Finanzdynastien, die ihren Kapitalmarkt verwalten". Deutschland dagegen errichte einen "vorbildlichen Sozialstaat" und widme sich einer "sozialistischen Aufbauarbeit". Der NS-Staat werde "talentierte Kinder unserer breiten Masse, Arbeitersöhne, Bauernsöhne", auf die besten Schulen und Universitäten schicken, damit sie "die höchsten Stellen einnehmen".
Hitler, der behauptet, er sei zeitweise Bauhilfsarbeiter gewesen, umgarnt die Werktätigen: "Ich bin aus dem Volke hervorgegangen." Er trete, so Hitler, "der Welt gegenüber als ein Vertreter der Habenichtse". Die Arbeiter reagieren mit starkem Beifall, auch als der Diktator tönt: " Jawohl, wir terrorisierten die Freiheit, auf Kosten der Gemeinschaft zu profitieren, und wenn es notwendig ist, beseitigen wir sie sogar."
Ein strahlender Hitler verlässt umjubelt von Arbeitern das Werk. Die "Deutsche Wochenschau" rühmt wenige Tage später seine "scharfe Abrechnung mit dem Kapitalismus der sogenannten Demokratie, der heute der Idee des sozialistischen Volksstaates weichen muss".
Doch die Inszenierung verdeckt Hitlers strategisches Problem, für das er keine Lösung hat. Der europäische Krieg nähert sich einem Wendepunkt. Der Kriegsgegner Großbritannien kann immer mehr auf die Unterstützung der USA setzen. Obwohl er wichtige Teile des europäischen Kontinents kontrolliert, reichen Hitlers Ressourcen nicht, um diese Allianz der Demokratien zu besiegen.
Gelänge es ihm, überraschend die Sowjetunion zu zerschlagen, so sein Kalkül, könnte ihm dies die nötigen Rohstoffe verschaffen zum Kampf gegen seine westlichen Gegner. Die Sowjetunion war zudem aus rassistischen Motiven sein alter Hauptfeind.
Fünf Tage vor der Kundgebung in den Borsig-Werken hat Hitler der Wehrmachtführung grünes Licht für den Blitzkrieg gegen Moskau gegeben und verkündet, Russland müsse "geschlagen" werden, im kommenden Frühjahr. Davon ahnen seine Zuhörer in der Werkhalle und an den Volksempfängern nichts. Vor dem Überfall auf die Sowjetunion sucht er den Rückhalt der deutschen Arbeiter, von denen acht Jahre zuvor noch rund sechs Millionen die Kommunisten gewählt haben. Im Vorfeld seines größten militärischen Abenteuers will er nicht nur als genialer Feldherr, sondern auch als größter Sozialist aller Zeiten gelten.
Wie man Kriege rechtfertigt, weiß Hitler seit dem 1. September 1939. Da verkündete er den Überfall auf Polen, behauptete, es werde "zurückgeschossen", und beteuerte zugleich "meine Friedensliebe und meine endlose Langmut".
Der Kriegsherr in der bräunlichen Uniform hat einen steilen Aufstieg hinter sich. 21 Jahre zuvor lag der Gefreite Adolf Hitler 1918 zeitweise erblindet von Giftgas in einem Lazarett im vorpommerschen Pasewalk. Das war der Ort, wo er "beschloss, Politiker zu werden", wie er in seinem Buch "Mein Kampf" schrieb. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 avancierte Hitler mit seiner NSDAP zum Führer der größten Massenpartei. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg ihn zum Reichskanzler. Bereits vier Tage später bekannte Hitler sich vor Befehlshabern der Reichswehr zu einem Kriegskurs, den er als "Wiederwehrhaftmachung" des deutschen Volkes umschrieb, und zwar "mit allen Mitteln".
Gegen das "Diktat von Versailles" konnte er sich mit seiner Aufrüstungspolitik auf einen breiten Konsens stützen. 1935 führte er die Wehrpflicht wieder ein, im Jahr darauf marschierte seine Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland ein. Im März 1938 hallten die Marschtritte seiner Soldaten durch die Straßen der österreichischen Hauptstadt. Die Wiener Bevölkerung empfing ihn begeistert, Tausende politische Gegner und Juden wurden indes sofort verfolgt.
Nur rund ein halbes Jahr später gelang dem "Führer" ein weiterer Coup: Großbritannien und Frankreich gestatteten ihm im Münchner Abkommen, das überwiegend von Deutschen besiedelte, aber nach dem Ersten Weltkrieg in Versailles der Tschechoslowakei zugeschlagene Sudetenland seinem Imperium einzuverleiben. Dabei war Hitler enttäuscht, dass die Westmächte ihm die Möglichkeit zum militärischen "Schlagen" genommen hatten.
Millionen Deutschen erschien Hitler als Vollender eines langgehegten Wunsches nach Vereinigung. "Im Ausland kann man kaum ermessen, wie sehr diese Einheit die deutsche Nation zusammengeschmiedet hat, wie sehr sie den Menschen das Gefühl von Selbstvertrauen und einer historischen Mission gegeben hat", schreibt William Shirer, amerikanischer Rundfunkkorrespondent in Berlin und überzeugter Nazi-Gegner, am 1. Dezember 1940 in sein Tagebuch.
Am 15. März 1939 ließ Hitler seine Wehrmacht nach Prag marschieren und unterwarf die Tschechen einem "Protektorat Böhmen und Mähren". Bisher hatte er sich stets auf das "Selbstbestimmungsrecht der Völker", Punkt 1 des NSDAP-Programms, berufen. Doch diese Forderung war nur Mittel zum Zweck. Der lautete "Lebensraum" im Osten Europas, vor allem "auf Kosten Russlands". So steht es seit 1924 in "Mein Kampf".
In Hitlers aggressivem Konzept waren selbst die Tschechoslowakei und Polen nur Landbrücken für den Zugriff auf das europäische Russland, die Ukraine und die ölreiche Kaukasusregion. Dabei wiederholten die Nazis ihre frühere innenpolitische Frontstellung gegen "Rotfront und Reaktion" in der Außenpolitik. Das demokratisch-kapitalistische Großbritannien verkörperte aus NS-Sicht eine überlebte bürgerliche Klassengesellschaft, die der raumgreifenden deutschen "Volksgemeinschaft" Platz machen sollte.
Die Sowjetunion, rohstoffreich und geschwächt durch Revolutionswirren sowie blutige "Säuberungen", erschien Hitler als eine verlockende Beute - was taktische Arrangements nicht ausschloss.
Hitlers Drang zum Zuschlagen nährte sich zudem aus seiner Furcht, Deutschland könnte seinen Rüstungsvorsprung gegenüber seinen imperialen Rivalen einbüßen. Auch glaubte er, er habe nur begrenzt Zeit für die Umsetzung seiner Expansions-Visionen.
Kaum hatten seine Soldaten die Hakenkreuzfahne auf dem Hradschin, der Prager Burg, gehisst, ließ der Diktator Spannungen zwischen Deutschland und Polen eskalieren. Mit dem östlichen Nachbarn hatte Hitler 1934 einen Nichtangriffsvertrag geschlossen. Polens nationalistisches Militärregime galt den Nazis zunächst als potentieller Juniorpartner gegen Moskau.
Noch im Januar 1939 schlug Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop seinem polnischen Amtskollegen Józef Beck eine "deutsch-polnische Zusammenarbeit" in der "Frage der Großukraine" vor - ein Angebot zum gemeinsamen Beutemachen bei einem Krieg gegen die Sowjetunion, was Polen keineswegs Schutz vor deutscher Aggression gegeben hätte.
In jedem Fall beendete eine britische Garantieerklärung für Polen am 31. März 1939, der sich Frankreich anschloss, diese Gedankenspiele. Hitler reagierte Anfang April mit der Weisung für den "Fall Weiß", einem Angriffsplan gegen Polen.
Parallel forderte der Diktator von Polen die Rückgliederung des von Deutschen bewohnten Freistaates Danzig und eine exterritoriale Autobahn durch Nordwestpolen, den "Korridor", der Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet trennte.
Gleichzeitig suchte Hitler ein Arrangement mit dem ideologischen Erzfeind in Moskau, um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Am 23. August 1939 landete Außenminister Ribbentrop auf dem Flughafen in Moskau. Mit einem sichtlich gut gelaunten Stalin und dessen Außenminister Wjatscheslaw Molotow schloss er einen Nichtangriffspakt samt einem geheimen Zusatzprotokoll.
Dieses Dokument, dessen Existenz die Sowjets später jahrzehntelang leugnen, sah "für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung" die Aufteilung Osteuropas in "Interessensphären" vor: Ostpolen sowie Lettland und Estland sollten an die Sowjetunion fallen, das restliche Polen an Deutschland. Eine weitere Vereinbarung kurz darauf überließ den Sowjets auch Litauen. Der Geländegewinn wird der Sowjetunion knapp zwei Jahre später beim Überfall Hitlers einen wesentlichen strategischen Vorteil bieten (siehe Gespräch Seite 64).
Nach dem "Russenpakt", wie ihn die Deutschen nennen, stand Hitlers Überfall auf Polen nichts mehr im Wege. Das polnische Regime machte es Hitler leicht, die Deutschen auf einen Krieg einzustimmen. Beflügelt von der Garantie Großbritanniens und berauscht von nationalistischer Propaganda, verkündeten Politiker und Zeitungen seit April 1939 Gebietsansprüche gegen Deutschland. Kundgebungsredner tönten, Polen werde die Deutschen "bei Berlin zusammenhauen".
Auch der NS-Propagandaapparat blieb nicht untätig. Die "Wochenschau" zeigte weinende Flüchtlinge aus Polen. Deutsche erschienen als wehrlose Opfer. Hitler aber eröffnete am 23. Mai der obersten Militärführung seine wahren Absichten: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht." Sein Ziel sei "die Erweiterung des Lebensraumes im Osten".
Seinen Soldaten verkündete der oberste Befehlshaber am 1. September 1939 in einem Aufruf an die Wehrmacht, sie kämpften, um "unerträgliche Grenzverletzungen" der Polen zu ahnden. Den NSDAP-Mitgliedern hingegen deutete er in einem Aufruf am 3. September an, dass es ihm um mehr ging: "Wir haben nichts zu verlieren, wir haben alles zu gewinnen." An diesem Tag erklärten Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich wegen des Angriffs auf Polen den Krieg. Damit hatte der erfolgverwöhnte Hitler nicht gerechnet.
Zangenartig drang die Wehrmacht am Morgen des 1. September mit 1,5 Millionen Soldaten und einer Übermacht an Panzern und motorisierten Divisionen in Polen ein. Deutsche Jagdflugzeuge beherrschten rasch den polnischen Luftraum. Die Luftwaffe griff Nachschubwege auf Schienen und Straßen sowie polnische Städte an.
Deutsche Panzer erreichten am 10. September die Vorstädte Warschaus. Am Tag zuvor hatte die eingeschlossene polnische Besatzung der Festung Westerplatte bei Danzig kapituliert. In Kesselschlachten vernichteten die Deutschen die zahlenmäßig mit 1,3 Millionen Mann nur knapp unterlegene polnische Armee. Die Stärke der Wehrmacht lag im Zusammenwirken von Panzern, Luftwaffe und mobilen Heerestruppen. Der erste moderne Blitzkrieg begründete einen Mythos.
Als Polens Lage hoffnungslos wurde, schlug auch Stalin zu. Seit dem 17. September besetzten sowjetische Truppen nach dem Abkommen mit Deutschland die mehrheitlich von Weißrussen und Ukrainern bewohnten Gebiete Ostpolens. Schließlich kapitulierte am 28. September die von den Polen tapfer verteidigte Hauptstadt Warschau. Briten und Franzosen halfen den Polen nicht.
Viele "Volksgenossen" beruhigten sich mit der "naiven Vorstellung, dass es nach dem polnischen Feldzug schnell wieder Frieden geben könnte", so ein Bericht des SPD-Exilvorstands in Paris vom Oktober 1939. Dass sie in einen Weltkrieg treiben, ist den meisten Deutschen im Herbst 1939 nicht bewusst. Cafés, Restaurants und Bars in Berlin sind Anfang Oktober überfüllt wie im Frieden. Die Berliner schauen sich Pferderennen im Hoppegarten an.
Oder sie lassen sich ab Ende September im Kino von dem Spielfilm "Robert Koch, der Bekämpfer des Todes" mit Emil Jannings als Arzt im Kampf gegen Tuberkulose zu Tränen rühren. Sie wissen nicht, dass die Gestapo einen der Hauptdarsteller, Raimund Schelcher, vier Tage vor Kriegsbeginn verhaftet und in ein Bewährungsbataillon gesteckt hat. Zwölf Jahre später wird er den Kinobesuchern in Wolfgang Staudtes Film "Der Untertan" wieder begegnen und 1957 in dem DDR-Sozialdrama "Berlin Ecke Schönhauser" als gutmütiger Volkspolizist.
Die "Wochenschauen", gezeigt meist vor dem Hauptfilm, preisen den "einzigartigen Siegeszug" in Polen, der "in der gesamten Militärgeschichte einmalig" sei. Der Zuschauer sieht Wehrmachtsoldaten, die polnische Zivilisten mit Brot und warmer Suppe verpflegen. Zu den Klängen einer Militärkapelle wiegt ein Landser in einem polnischen Dorf einen Säugling auf dem Arm. Der "Wochenschau"-Sprecher versichert mit sonorer Stimme, die deutschen Soldaten brächten "Freiheit, Sicherheit und Ordnung".
Was für eine "Ordnung" die Nazis nach Polen bringen, erfahren die meisten Deutschen nicht. "Einsatzgruppen" der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) ermorden im Herbst 1939 Tausende Polen, vor allem Angehörige der Intelligenz - "Liquidierung des führenden Polentums" heißt das in einem Vermerk des Reichssicherheitshauptamtes vom 14. Oktober 1939.
Polen wird zum Experimentierfeld für den Vernichtungskrieg im Osten. Die "Vernichtung Polens" und die "Beseitigung seiner lebendigen Kraft" hatte Hitler am 22. August 1939 der Wehrmachtführung angekündigt. Da müsse man, so der "Führer", sein "Herz verschließen gegen Mitleid".
Um ihr brutales Vorgehen zu rechtfertigen, nutzen die Nazis Übergriffe von Polen gegen die deutsche Minderheit. Während des Überfalls auf ihr Land ermorden polnische Soldaten und nationalistischer Mob mindestens 2000 Deutsche, unter anderem beim "Bromberger Blutsonntag". Die Nazis schüren Rachestimmung mit weit überhöhten Opferzahlen.
Ihr Kampfblatt "Völkischer Beobachter" sorgt noch Monate nach dem Feldzug mit Schlagzeilen über "Polenterror" für Pogromstimmung. Nach Hitlers Ansicht seien die Polen "mehr Tiere als Menschen, gänzlich stumpf und amorph", notiert Propagandaminister Joseph Goebbels im Oktober 1939 in sein Tagebuch.
Mit seiner mörderischen Besatzungspolitik in Polen bricht Hitler mit deutschen und preußischen Traditionen. Dennoch will er als maßvoller Staatsmann erscheinen und appelliert im Reichstag zweimal öffentlich an Großbritannien, sich mit dem Deutschen Reich zu verständigen.
Am 6. Oktober 1939, Polen ist gerade niedergeworfen, beteuert Hitler, er wolle einen "Weg zu einer Verständigung" mit Großbritannien suchen, "im Rahmen einer allgemeinen Zusammenarbeit der Nationen dieses Kontinents". Am 19. Juli 1940, einen Monat nach dem Sieg über Frankreich, richtet er einen "Appell an die Vernunft auch in England". Er sehe "keinen Grund, der zur Fortführung dieses Kampfes zwingen könnte".
Britische Politiker glauben ihm nicht mehr, aber bei vielen seiner Landsleute hinterlässt er den Eindruck, er wolle Frieden. Als deutlich wird, dass seine Avancen gegenüber den Briten chancenlos sind, flüchtet sich Hitler in aggressive Rhetorik und wüste Drohungen. Am 4. September 1940 geißelt er den britischen "Piratenstaat" und kündigt an: "Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Ausmaß angreifen - wir werden ihre Städte ausradieren."
Im Spätsommer 1940 sucht Hitler nach einem Prestigeerfolg und zugleich einem Instrument, die USA vom Kriegseintritt abzuschrecken. Er schließt den Dreimächtepakt, den Deutschland, Italien und Japan in seiner Gegenwart am 27. September 1940 in Berlin paraphieren. Darin verpflichten sich die drei Staaten zu gegenseitiger wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung gegenüber einer Macht, "die gegenwärtig nicht in den europäischen Krieg oder in den chinesisch-japanischen Konflikt verwickelt ist" - gemeint sind die USA.
Doch selbst der italienische Unterzeichner, Außenminister Galeazzo Ciano, zweifelt am Sinn des Paktes: "Japan ist weit weg und seine Hilfe problematisch. Nur eines ist gewiss, der Krieg wird noch lange dauern", schreibt der Diplomat in sein Tagebuch.
Eine Chance, die Amerikaner vom Krieg fernzuhalten, besteht aus Hitlers Perspektive darin, den Dreimächtepakt um die Sowjetunion zu erweitern. In einem Brief an den "sehr verehrten Herrn Stalin" am 13. Oktober 1940 lädt Außenminister Ribbentrop seinen Moskauer Kollegen Molotow nach Berlin ein. Er schlägt den Sowjets vor, gemeinsam mit Japan, Deutschland und Italien "ihre Politik auf längste Sicht zu ordnen".
Bei Nieselregen trifft Molotow am 12. November 1940 mit einem Sonderzug am Anhalter Bahnhof in Berlin ein. Zwei Tage lang verhandelt Stalins Emissär mit Hitler und Ribbentrop. Ein nervöser "Führer" streckt den Gästen seine kalte, feuchte rechte Hand entgegen.
Der sowjetische Diplomat Valentin Bereschkow empfindet Hitlers Handschlag wie "die Berührung mit einem Frosch". Den Nazi-Führer plagen Sorgen, die er seinen Gästen verschweigt: Deutschland hat wachsende Probleme, sowjetische Lieferungen von Getreide, Öl, Baumwolle und Metall zu begleichen. Und es könnte, nach Hitlers Hasardeur-Logik, sein Schuldenproblem lösen, indem es den sowjetischen Geschäftspartner beseitigt.
Im Gespräch nähern sich beide Seiten der Welt in Räubermanier. Moskau wünscht sich Zugriff auf dem Balkan, was Hitler fürchtet. Den Sowjets missfällt das deutsche Interesse an Rumänien und dessen Ölfeldern. Die aber werde er, so Hitler zu Molotow, "unter allen Umständen sicherstellen". Der "Führer" versucht die Sowjets für eine "Verteilung des britischen Weltreiches" und seiner "Konkursmasse" zu gewinnen.
Dass da noch nichts zu verteilen ist, spürt Molotow, als er mit Ribbentrop dessen Luftschutzbunker aufsuchen muss, weil Londons Luftwaffe einen Angriff auf die Reichshauptstadt fliegt. Die Verhandlungen in Berlin enden ergebnislos.
Damit ist Hitlers Versuch gescheitert, durch politische Vereinbarungen einen autarken kontinentalen Großraum zu schaffen. Jetzt entscheidet sich der maßlose Machthaber endgültig für einen Überfall auf die Sowjetunion. Seiner Weisung zum Angriff gibt er den Namen eines Stauferkaisers, der 750 Jahre zuvor bei einem Kreuzzug umkam: "Barbarossa".
Hitler war überzeugt, dass der "russische Mensch" "minderwertig" sei, die Armee "führerlos" und sie daher "zerlegt und in Paketen abgewürgt werden" könne.
Einer von Hitlers engsten Mitarbeitern ahnt zu dieser Zeit, dass die russische Wirklichkeit anders sein könnte. Goebbels hat sich einen sowjetischen Film von einer großen Sportveranstaltung in Moskau angesehen. Am 16. August 1940 notiert er in sein Tagebuch, die Aufnahmen zeigten "das andere Gesicht des Bolschewismus", ein "le-bendiges und lebensfrohes Russland" und eine "große organisatorische Leistung".
Viele der Sportler, deren Können Goebbels auf der Leinwand bewundert, müssen bald ihr Trikot eintauschen gegen die Uniform der Roten Armee. Nicht einmal fünf Jahre später werden deren Soldaten in Berlin stehen, vor den verkohlten Überresten von Goebbels.
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 3/2010
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:07

New Orleans Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt

  • Video "Konzernchef aus Schweden: Ich habe einen Chip in meiner linken Hand" Video 01:52
    Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Video "50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie" Video 05:00
    50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie
  • Video "Goldmine in Sibirien: 15 Tote bei Bruch von illegalem Damm" Video 01:01
    Goldmine in Sibirien: 15 Tote bei Bruch von illegalem Damm
  • Video "19 Stunden, 16.000 Kilometer: Längster Nonstop-Passagierflug aller Zeiten gelandet" Video 02:15
    19 Stunden, 16.000 Kilometer: Längster Nonstop-Passagierflug aller Zeiten gelandet
  • Video "3000 Jahre alter Fund in Ägypten: Das Geheimnis der versteckten Särge" Video 01:10
    3000 Jahre alter Fund in Ägypten: Das Geheimnis der versteckten Särge
  • Video "El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus" Video 01:14
    El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus
  • Video "Videoanalyse nach dem Super Saturday: Die Nerven liegen blank" Video 01:43
    Videoanalyse nach dem "Super Saturday": "Die Nerven liegen blank"
  • Video "Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr" Video 07:56
    Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Video "Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll" Video 04:23
    Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Video "Anti-Brexit-Demo: Ich mache das für meine Kinder" Video 01:50
    Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Video "Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen" Video 04:59
    Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Video "Demos gegen Syrien-Offensive: Die ganze Welt schaut zu" Video 01:30
    Demos gegen Syrien-Offensive: "Die ganze Welt schaut zu"
  • Video "Rede von Theresa May: Ich habe ein deutliches Déjà-vu" Video 02:40
    Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Video "Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen" Video 02:25
    Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Video "Medienberichte: Aufregung um rätselhaften Blob im Zoo von Paris" Video 01:15
    Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Video "New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt" Video 01:07
    New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt