01.06.2010

Verführt und verheizt

Die Nazis lockten Jugendliche mit organisierter Freizeit. Am Schluss wurden Hitlerjungen als Kindersoldaten missbraucht.
Fronthilfe und Kriegseinsatz" hieß die Jahresparole, die Reichsjugendführer Artur Axmann der Hitlerjugend (HJ) für 1945 ausgab. Und als letzte Filmaufnahme von Adolf Hitler ist eine Szene der "Deutschen Wochenschau" überliefert, vom 20. März 1945 im Garten der Reichskanzlei: Der "Führer" schreitet, von Axmann begleitet, eine Reihe von Pimpfen und Hitlerjungen im Alter von 12 bis 16 Jahren ab, die für ihren Dienst mit der Waffe dekoriert wurden.
Beim Blick auf diese Jungen, sagte Hitler, sei er "fest davon überzeugt, dass wir in diesem Kampf den Sieg erringen werden", und die Pimpfe riefen: "Heil, mein Führer!" - eine gespenstische Szene fernab der militärischen Realität.
An eine Chance, dass sich das "Kriegsglück" wenden könne, glaubten allerdings zu diesem Zeitpunkt noch viele Hitlerjungen. Wenige Wochen später versank das "Dritte Reich" in Schutt und Asche, und die Hitlerjugend verschwand nahezu spurenlos.
Der rasche Aufstieg des Nationalsozialismus seit 1929 zu einer Massenbewegung und zur wählerstärksten Partei war nicht zuletzt eine Folge der "Jugendlichkeit" der "nationalen Erhebung" gewesen - "Nationalsozialismus ist organisierter Jugendwille", hieß eine zugkräftige NS-Parole.
Der Nationalsozialismus profitierte davon, dass sich das Unbehagen an der Weimarer Demokratie mit ihrer überalterten Führungsschicht bei der nachwachsenden Generation vor 1933 immer mehr ausgebreitet hatte.
Für die nationalsozialistische Durchdringung der deutschen Gesellschaft nach 1933 hatte die Hitlerjugend große Bedeutung, und die Sozialisation durch die HJ war alles andere als unpolitisch. Sie knüpfte an besondere deutsche Formen organisierten oder "bewegten" Jugendlebens an. In ihrer Praxis stützte sich die HJ nicht nur auf Repression und Zwang, sondern auch auf Attraktion und freiwillige Eingliederung.
Die Anziehungskraft des Nationalsozialismus bei der Jugendgeneration war nicht nur ideologisch bedingt, sondern lag auch in der sozialen und beruflichen Perspektivlosigkeit, von der in der Wirtschaftskrise seit 1929 gerade junge Leute betroffen waren.
Allerdings war es den Jugendorganisationen der NSDAP (HJ, NS-Schülerbund, NS-Studentenbund) bis zu Hitlers "Machtergreifung" keineswegs gelungen, im spezifischen Feld der Jugendarbeit, der Jugendverbände und Jugendbünde eine dominierende Stellung zu erreichen.
Anfang der dreißiger Jahre war etwa ein Drittel der 10- bis 18-Jähri-gen - rund 2,5 Millionen - Mitglied in Jugendverbänden, die dem "Reichsausschuss der deutschen Jugendverbände" angehörten. Demgegenüber hatte die Hitlerjugend Ende 1932 gerade einmal 100 000 Mitglieder; Ende 1934 aber zählte sie bereits mehr als 3,5 Millionen. Zu Kriegsbeginn war sie mit fast 9 Millionen Mitgliedern die größte Jugendorganisation in der deutschen Geschichte, freilich nicht zuletzt durch Zwang.
Dieser überwältigende Aufschwung hatte politische und pädagogische Gründe. Zum einen verschaffte der NS-Staat der HJ eine Monopolstellung, indem er andere Jugendorganisationen auflöste oder gleichschaltete; von dem Verbot waren zeitweise die katholischen Jugendverbände ausgenommen.
Die Hitlerjugend bemächtigte sich zudem der Lebensformen, die von der Jugendbewegung zu Zeiten der Weimarer Republik entwickelt worden waren und anziehend wirkten: die von Jugendlichen selbst geführte Jugendgruppe abseits der Erwachsenengesellschaft, mit Heimabenden, Fahrten und Lagern.
In der Bündischen Jugend, die auch für konfessionelle und Sportverbände den Trend setzte, hatten sich jugendliche Leitbilder entwickelt und verbreitet, die dem Nationalsozialismus entgegenkamen und die dieser weltanschaulich einbinden konnte: "Führer und Gefolgschaft", "Nation und Sozialismus", "Blut und Boden", "soldatische Tugenden", "Kampf gegen Versailles und gegen Weimar".
Die Hitlerjugend nutzte bei ihrer Expansion nach 1933 eine Mentalität, wie sie in der Jugendbewegung gewachsen war. Sie befriedigte ein vages Bedürfnis nach "Einheit der Jugend", nach Abkehr von der konventionellen Politik "der Alten", nach "Erneuerung von Volk und Nation", die ein "verknöchertes, morsches System hinwegfegen" sollte.
Die HJ machte die jugendbewegten Lebensformen nun auch für Jugendliche verfügbar, die in den bisherigen Jugendbünden oder -verbänden zu kurz gekommen waren. Das galt etwa für Jungen und Mädchen auf dem Lande und überhaupt für Mädchen, die in den Jugendorganisationen vor 1933 zumeist kaum vertreten waren.
Die HJ schien der gesamten nachwachsenden Generation eine jugendspezifische Organisationschance zu eröffnen. Vor allem Artur Axmann, der im August 1940 Reichsjugendführer wurde, hatte als Leiter des "Sozialen Amtes" der HJ seinen Verband als Lobby für junge Lohnabhängige profiliert. Das von der HJ 1938 durchgesetzte Jugendarbeitsschutzgesetz, das unter anderem früher verweigerten Urlaub für Lehrlinge vorsah, hatte Forderungen der Arbeiterbewegung aufgenommen.
Soziale Abstände, Stadt-Land-Unterschiede oder geschlechtsspezifische Differenzen schienen beiseitegeräumt. Baldur von Schirach, Axmanns Vorgänger als Reichsjugendführer, brachte dies auf die Formel: "Der Millionärssohn und der Arbeitersohn tragen ein und dieselbe Uniform."
Aber beide waren nicht frei. Denn der NS-Staat band die Jugend immer enger in staatliche Zwecke ein, in bürokratische Formen, und richtete sie nach militärischem Vorbild aus.
Der Glanz jugendbewegten Lebens ging mehr und mehr verloren; am Ende dieser Entwicklung stand die "Jugenddienstpflicht", die notfalls mit Polizeigewalt durchzusetzen war. Zwar blieb in einem bis dahin nie gekannten Ausmaß "Jugend von Jugend geführt", aber ein Netz von politischen Vorgaben und Dienstvorschriften entschied, wohin und wie zu führen war.
Im Mittelpunkt der Jungenerziehung der HJ stand die "Wehrertüchtigung", eingebunden in die Lehre von der Überlegenheit deutschen "Volkstums" und "nordischer Rasse". Die Mädchenerziehung im "Bund Deutscher Mädel" (BDM), dem weiblichen Teil der HJ, war vorwiegend ausgerichtet auf eine - wiederum durch "Volkstum" und "Rasse" begründete - Rolle der Frau als "Gebärerin und Pflegerin". Sportliche und berufsbildende Tätigkeiten der HJ, die großen Raum einnahmen, verbanden sich mit "weltanschaulicher Schulung".
Die Jugenddienstpflicht verfügte das Regime im März 1939 - ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn. Nun waren alle Jugendlichen von Staats wegen dem Erziehungsanspruch der HJ unterworfen.
Kriegsbegeisterung, wie sie aus dem Jahre 1914 berichtet wird, hat es 1939 bei der jungen Generation in Deutschland nicht gegeben. Wohl aber bestand fast durchweg die Bereitschaft, sich Diensten beim Militär und an der "Heimatfront" wie selbstverständlich einzufügen.
Die Erfolge Hitlerdeutschlands bei den "Blitzkriegen" steigerten das Ansehen der Wehrmacht, "Heldenverehrung" vor allem für U-Boot-Fahrer und Kampfflieger breitete sich aus und wurde propagandistisch gefördert. Der Einsatz beim Militär konnte an ein Verhaltenstraining anknüpfen, das für die Jungen Alltag in der Hitlerjugend war: Geländedienst und Aktivitäten in den Sondereinheiten, Flieger-, Marine- und Nachrichten-HJ. Anziehungskraft gewann im Laufe des Krieges die Waffen-SS, weniger aus ideologischen Gründen, sondern weil sie als "moderne", schlagkräftige Truppe galt.
"Soldatisch" hieß in der NS-Weltanschauung "männlich". Aber auch junge Mädchen im BDM hatten Hilfsdienste für den Krieg zu leisten, angefangen bei den ständigen Sammlungen von Altmaterial und Kleidungsstücken bis zur "musischen Betreuung" von Lazaretten. Die kriegswirtschaftliche Bedeutung dieser HJ-Einsätze darf nicht unterschätzt werden; so waren zum Beispiel 1942 rund 600 000 Jungen und 1,4 Millionen Mädchen als Erntehelfer tätig.
Die Hitlerjugend, um 1939 bereits etwas antriebsarm geworden, gewann durch ihre vielfältigen Aktivitäten an der "Heimatfront" wieder an Schwung, jedenfalls bei einem Teil der Jugendgeneration. Zu ihrer Reputation trug bei, dass sie - gemeinsam mit den Schulbehörden - die großangelegte "Kinderlandverschickung" organisierte: Aufgrund dieser angeblich von Hitler persönlich angeregten Aktion wurden bis 1945 mutmaßlich fünf Millionen Kinder und Heranwachsende aus den vom Bombenkrieg gefährdeten Städten in noch ruhige Regionen evakuiert, davon 800 000 in dafür eingerichteten Lagern untergebracht.
Als Symbol der "Wehrfreude" deutscher Jugend präsentierten die Nazis die Waffen-SS-Panzerdivision "Hitlerjugend", die 1943 überwiegend aus HJ-Freiwilligen zusammengestellt wurde; bei außerordentlich verlustreichen Abwehrkämpfen nach der Invasion der Alliierten in der Normandie 1944 "opferten" sich ihre Soldaten zu Tausenden für den "Führer". Aber es war nicht so, dass damals die gesamte Jugendgeneration bis zum bitteren Ende staatsgläubig oder systemkonform war.
Selbst in der HJ wuchs, ausgelöst auch durch die brutale Besatzungspolitik im Osten, ein kritisches Potential. Die HJ organisierte 1942 in Wien einen "Europäischen Jugendkongress" mit Abgesandten aus 18 Ländern, eine Veranstaltung, die nicht nach dem Geschmack der NSDAP-Führung war.
Das zentrale "Führerorgan" der HJ, "Wille und Macht", verkündete im April 1943 gar in deutlichem Kontrast zu Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler: "Wir wollen keine Rasseideologen dulden, die da hergehen und die Völker nach rassischen Merkmalen klassifizieren."
Der Zwangscharakter der nationalsozialistischen Jugenderziehung und die Gefolgschaftstreue gegenüber Hitler verhinderten, dass solcher Widerspruchsgeist politisch wirksam wurde. Zudem berührte vorsichtig vorgetragene Kritik am Rassismus des Regimes nicht dessen Antisemitismus.
Bei vielen jungen Leuten, die im "Dritten Reich" aufwuchsen, misslang die NS- und HJ-Sozialisation. Das Spektrum abweichenden Verhaltens jugendlicher Gruppen im NS-Staat reichte von Fortsetzungen verbotener Arbeiterjugendverbände über resistente kirchliche Jugendkreise und illegale Fortführungen bündischer Jugend bis hin zu "wilden" Gruppen, wie die Behörden sie nannten. NS-Staat und Reichsjugendführung sahen in dieser jugendlichen Opposition eine Gefährdung des Systems.
Der Nationalsozialismus, der als "jugendliche Bewegung" angetreten war, musste, herrschaftlich etabliert, erleben, wie bei Teilen der nachwachsenden Generation die Integrationsfähigkeit des Regimes nachließ oder gänzlich versagte. Jugendliche suchten zunehmend nach einer Alternative zur Staatsjugendorganisation. Auch trat zunehmend "westliche" Jugendkultur in Konkurrenz zur Hitlerjugend.
Welches Ausmaß und welchen Grad an Öffentlichkeit jugendliche Oppositionsgruppen erreichten, zeigt eine interne Denkschrift der Reichsjugendführung vom September 1942, in der es heißt, der Zulauf zu eigenständigen Jugendgruppen mit "nachgeahmter bündischer Tracht, Klampfen und Balalaikas" sei "sprunghaft angestiegen".
Gruppen der "Edelweißpiraten" in Westdeutschland formierten sich in Arbeiterquartieren, die vom NS-Staat ebenso verfolgte "Swing-Jugend" hingegen hatte ihre Basis eher im großstädtischen Gewerbebürgertum. In Hamburg zeige die Swing-Jugend zum Teil "eine anglophile Haltung", berichtete die Reichsjugendführung am 8. Januar 1942 dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler. HJ-Chef Axmann empfahl die "sofortige Unterbringung dieser Menschen in ein Arbeitslager".
Gegen politisch aktive jugendliche Oppositionelle setzte das NS-Regime gnadenlos die Todesstrafe ein, etwa gegen den 17-jährigen Hamburger Lehrling Helmuth Hübener, der wegen antinazistischer Flugblätter im Oktober 1942 hingerichtet wurde.
Ernst Kaltenbrunner, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, schilderte im Oktober 1944 in einem "streng vertraulichen" Runderlass die bedrohlichen Eigenschaften oppositioneller Gruppen von Jugendlichen für das "Dritte Reich": Diese "Zusammenschlüsse Jugendlicher außerhalb der HJ" führten "nach bestimmten, mit der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht zu vereinbarenden Grundsätzen ein Sonderleben". Sie kennzeichne vor allem der "mangelnde Wille, sich den Erfordernissen des Krieges anzupassen".
Das Geheimdokument beweist, dass gegenüber der Jugend im "Dritten Reich" das Programm einer restlosen Gleichschaltung sich als Wahnidee erwiesen hat.
Dennoch band die HJ einen großen Teil der jungen Generation. Viele HJ-Mitglieder glaubten Propagandaminister Joseph Goebbels, der noch im November 1944 verkündete, die "nationalsozialistische Jugend" qualifiziere sich für die "zukünftige Führung" des Staates "auf den Schlachtfeldern dieses Krieges".
Der Einsatz von Jungvolk-Pimpfen im "Volkssturm" der letzten Wochen des "Dritten Reiches", das Verheizen verführter Kinder wurde zum trauri-gen Schlusskapitel der Geschichte der Hitlerjugend. "Nun lasst die Fahnen fliegen in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchtet oder brennt zum Tod", hieß es in einem viel gesungenen Lied des HJ-Poeten Hans Baumann.
Das "oder" darin erwies sich als prophetisch.

Arno Klönne

Der emeritierte Paderborner Soziologieprofessor, 79, ist Autor des Standardwerkes "Jugend im Dritten Reich". Darin nimmt er auch die Gegner der Hitlerjugend in den Blick.
Von Arno Klönne

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2010
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