27.07.2010

Kaiser und Messias Barbarossa

Schon im Mittelalter werden die Staufer-Kaiser zum Mythos - meist verherrlicht, aber auch verteufelt. Barbarossa entwickelt sich zum Helden der Deutschen, vor der Reichsgründung 1871 verkörpert er die politische Sehnsucht der Nationalbewegung.
Fünf Jahre lang gruben sich die Fürstlich-Schwarzburgischen Kumpel nun schon in den Berg am Südwestrand des Kyffhäuser-Gebirges, ganze 178 Meter tief hatten sie sich hineingearbeitet, doch den begehrten Kupferschiefer immer noch nicht gefunden.
Da plötzlich, es war im Dezember 1865, vier Tage vor Weihnachten, brachen sie mit ihren Pickeln durch eine Wand, hinter der sich ein geheimnisvoller Hohlraum öffnete. Im Schein ihrer Grubenlaternen erblickten die Bergleute bizarre Gipsgebilde an Decken und Wänden. Sie hatten eine riesige Höhle aus Anhydrit-Gestein entdeckt, die sich in vielen Verzweigungen, so zeigte sich, über 13 000 Quadratmeter erstreckte.
Der Fund war so sensationell, dass bereits drei Wochen später die erste Gruppe durch die Höhle geführt wurde. Über 2600 Besucher kamen allein im ersten Jahr. Das Mineral Anhydrit quillt unter Feuchtigkeit auf und verwandelt sich, in phantastische Formen berstend, zu Gips.
Aber da war noch etwas anderes, das zur Faszination beitrug: Erzählte nicht die Sage, dass der legendäre Kaiser Barbarossa in einer unterirdischen Zuflucht schlafend darauf warte, im rechten Moment die deutsche Kaiserschaft zur Vollendung zu führen? Dass dieses Versteck im Harz, im Kyffhäuser, liegen könne, hatte bereits um 1421 der Geschichtsschreiber Johannes Rothe in seiner "Thüringischen Chronik" beschrieben. Er berichtet darin von einem "ketzerischen Glauben", nach dem "Keißer Frederich noch lebe unde der her wander zu Kuffhußen yn Doringen uf dem wüsten Sloße".
War die Felsengrotte mit ihren sonderbaren Gipsausformungen vielleicht dieses "wüste Schloss"? 1891 wurde die inzwischen sorgfältig vermessene Höhle mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet - gerade rechtzeitig vor dem eigentlichen Ansturm. Denn zehn Kilometer weiter im Kyffhäuser-Gebirge wurde gerade ein Denkmal von nationaler Bedeutung errichtet: eine Heldengedenkstätte für den verstorbenen Kaiser Wilhelm I., der hoch erhoben und zu Ross über einer mächtigen Steinskulptur des Stauferkaisers Barbarossa thront.
Hier, in den Ruinen der mittelalterlichen Reichsburg Kyffhausen, sollte die kaiserliche Linie von den Hohenzollern zurück zu den Staufern für alle sichtbar gezogen werden. "Auf dem Kyffhäuser, in welchem nach der Sage Kaiser Friedrich der Rotbart der Erneuerung des Reiches harrte, soll Kaiser Wilhelm der Weißbart erstehen, der die Sage erfüllt hat", heißt es in der Urkunde zur Grundsteinlegung im Mai 1892 - Barbablanca, der Heldenkaiser, der 1871 endlich die langersehnte Einheit der Deutschen zustande brachte.
Und in der Anhydrit-Höhle, die längst offiziell zur "Barbarossa-Höhle" erklärt war, stand nun ein steinerner Thron für den Kaiser mit Tisch davor, durch den, wie die Sage erzählt, sein Bart schon hindurchgewachsen ist. Die Rottlebener Höhle in der idyllischen Landschaft knapp 70 Kilometer nördlich von Erfurt kann man heute besichtigen, das Wilhelm-Denkmal "Für Kaiser und Reich" ist zum Museum geworden, inmitten der wunderschönen Kulisse der Burgruine.
Der Kyffhäuser mit seinem gigantomanischen Denkmal markiert den Höhepunkt einer nationalen Überhöhung der Staufer, die das schwäbische Herrschergeschlecht zum Urbild des deutschen Kaisertums erhob.
Die Staufer waren - und sind - so beliebt wie keine andere Dynastie des Mittelalters, kein Ottone, kein Salier konnte es je mit ihnen aufnehmen an Popularität. Sie alle, ob Friedrich I., Barbarossa, Heinrich VI., Friedrich II., seine Söhne Manfred, Enzio und Heinrich, der arme Konradin, wurden zu Helden unzähliger Dramen, Balladen und Gedichte, die meisten sind heute vergessen.
Warum gerade diese Familie schwäbischer Herzöge, die sich selbst erst in der Zeit Friedrichs II. als Staufer bezeichnen? Ihr Aufstieg beginnt im Jahr 1079, als der Salier Heinrich IV. aus machtpolitischem Kalkül den jungen Grafen Friedrich, einen treuen Gefolgsmann, zum Herzog von Schwaben macht und ihm seine Tochter Agnes zur Frau gibt. Stammsitz des Schwiegersohns wird die Burg "Staufen" auf dem Hohenstaufen, der Name geht später auf die Familie über.
Der erste Staufer, dem es nach etlichen Wirren gelingt, von den deutschen Fürsten einhellig zum "König des römisch-deutschen Reiches" gewählt zu werden, ist Konrad III. 1138 ist das, und nun regiert die Dynastie fast 130 Jahre lang, bis der gerade 16-jährige Konradin im Kampf gegen Karl von Anjou und den Papst unterliegt und hingerichtet wird.
Was hebt die Staufer ab von anderen Herrscherhäusern? Warum spielen nicht Karl der Große oder Kaiser Otto I. diese prominente Rolle in der Saga der Deutschen? Die Staufer, sagt der Heidelberger Historiker Bernd Schneidmüller, eignen sich jedenfalls besonders gut dazu, "nationale, ja übernationale Größe zu zelebrieren".
Karl der Große und die Karolinger, so Schneidmüllers Argumentation, sind noch nicht deutsch, sie sind Franken. Die Ottonen stehen noch im Übergang von der fränkischen Welt zum Europa des Mittelalters, im 10. Jahrhundert fehlt auch noch der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung, der die Staufer-Welt auszeichnet. Und die Salier, das nächste große Geschlecht, verschleißen sich im Riesenkonflikt mit dem Papsttum, dem Investiturstreit, der Heinrich IV. zum Gang nach Canossa zwingt.
Die staufischen Fürsten Barbarossa und Friedrich II. sind aber auch ungemein markante Kaisergestalten, Schneidmüller spricht von "charismatischer Herrschaft". Sie leuchtet umso heller, je länger sie zurückliegt.
Vor allem Barbarossa wird zum glorifizierten Inbegriff des mächtigen, schwertumgürteten Königs. Von Friedrich II., dem schillernden Deutsch-Italiener, schwärmt Nietzsche als einem der "zauberhaften Unfassbaren und Unausdenklichen", in ihm sieht er den "ersten Europäer nach meinem Geschmack".
Die Staufer-Begeisterung hat Dichter wie Historiker über Jahrhunderte befeuert, ihre Epoche gilt manchen gar als Höhepunkt der deutschen Geschichte. Tatsächlich verbindet sich mit den Staufern die Glanzzeit der hochmittelalterlichen Architektur und Literatur, der höfisch-ritterlichen Kultur, des Burgenbaus. Der Aufbruch der Wissenschaften ereignet sich ebenso in diesen Jahrzehnten wie der Aufschwung der Städte und des Handels.
Vor der dekorativen Kulisse von Burgen und Ritterturnieren liefern die Staufer erstklassigen Stoff für Heldensagen vom Aufstieg und Fall eines Königsgeschlechts, mit allem, was dazugehört. Krieg, Triumph und Demütigung, Mord und Intrige, Liebe und Heiratspolitik.
Große historische Mythen überdauern nur, sagt Staufer-Kenner Schneidmüller, "wenn sie für jedes Jahrhundert sozusagen frisch anknüpfungsfähig sind". Auf die Friedrichs und Konrads trifft das zu. Das schwäbische Herrschergeschlecht erweist sich durch fast alle Epochen hindurch als immer wieder neu interpretierbar. Jede Epoche nahm sich, was sie brauchte - die Reformation den Widerstand gegen die Päpste, die Romantik den Minnesang und die höfische Kultur, die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts die Reichsidee. Sogar die Nazis fanden einen Weg, die Staufer propagandistisch einzuspannen.
Der Staufer-Mythos entstand nicht erst in der Neuzeit, sondern bereits im Mittelalter. Schon zu Lebzeiten wird Friedrich II. überhöht zum "größten unter den Fürsten", zum "stupor mundi", dem "Staunen der Welt".
Kräftig nährt er selbst den Personenkult um sich. "Kaiser Friedrich II., immer erhabener Caesar der Römer, König Italiens, Siziliens, Jerusalems, des Arelats; der Glückliche, der Sieger, der Triumphator", nennt er sich etwa im Vorsatz seines Gesetzbuches für Sizilien, das er 1231 veröffentlichen lässt.
Sein Großvater Barbarossa engagiert als Hofchronisten einen der bekanntesten Geschichtsschreiber der Zeit: Bischof Otto von Freising, ein Onkel des Kaisers. In dessen Auftrag verfasst er 1157/58 eine propagandistisch gefärbte Chronik der "Gesta Frederici" ("Taten Friederichs"), in der die Staufer zu Erfüllern des göttlichen Willens stilisiert werden. Lobpreis über alle Maßen spendet der zeitgenössische Kölner Vagantendichter Archipoeta: "Kaiser Friedrich, in der Welt bist du Herr der Herren, dass Posaunen dir des Feindes Burgen niederzerren. Wir verneigen uns vor dir, Ameise wie Tiger, Busch und Zeder Libanons beugen sich dem Sieger."
Bloß im Ausland ist Barbarossa herzlich unbeliebt. Denn angesichts ihres Expansionsdrangs wächst auch Abwehr gegen die Deutschen. Damals entsteht das Bild vom "barbarischen, ungezügelten und plumpen Deutschen", die Angst vor dem "furor teutonicus" nimmt Gestalt an. "Wer hat die Deutschen zu Richtern der Nationen bestellt?", erzürnt sich der englische Philosoph Johann von Salisbury, papsttreuer Bischof von Chartres, als Barbarossa 1160 einem Gegenpapst an die Macht verhilft. "Rohe und gewalttätige Menschen" nennt er die Deutschen.
Für die Mailänder und den norditalienischen Lombardenbund, die sich mit Unterstützung des Papstes von dem schwäbischen Herrscher freikämpfen wollen, ist Barbarossa ohnehin der hässliche Deutsche. Der Kaiser lässt ihre Auflehnung brutal niedermetzeln.
Gegen Ende seiner 38-jährigen Regentschaft kriselt seine Macht, da verhilft ihm sein tragischer Tod in einem anatolischen Fluss, der ihn auf dem Kreuzzug ereilt, quasi zur Unsterblichkeit. "Ein solches Ende lässt sich gut als Märtyrertod im Kampf gegen die Muslime feiern", meint Schneidmüller. "Das hat ihm ein Angedenken beschert, das letztlich alle Krisen überstrahlte."
Auch sein Enkel Friedrich stirbt im weit entfernten Reichsteil Italien, wo er aufgewachsen ist und auch die meiste Zeit seiner Regentschaft verbracht hat. Er war ein ferner Kaiser, jedenfalls für seine Untertanen im Nordreich, schon damals mehr Mythos als wirkliche Gestalt.
Die Nachricht von seinem zunächst geheim gehaltenen Tod 1250 im apulischen Castel Fiorentina kommt so spät an im Reich, dass sogleich die Spekulation beginnt - vielleicht ist er gar nicht tot und hält sich nur versteckt? In Italien kursiert die Prophezeiung der Sibylle von Erythrea, die geweissagt hat, er werde zwar sterben, aber doch nicht tot sein. Die Menschen können nicht glauben, dass die politisch beherrschende Figur der letzten drei Jahrzehnte einfach so verschwunden ist. Der Kaiser sei mit großem Gefolge in den Ätna geritten, heißt eine der Legenden.
Schon seit der Spätantike haben sich verzweifelte Menschen an dem Glauben an einen Endkaiser als eine Art Erlöser aufgerichtet, eine Tradition, die der westfränkische Mönch Adso im 10. Jahrhundert niederschreibt. Sie besagt, dass einmal ein Kaiser kommen wird, nach Jerusalem zieht, alle irdischen Feinde Christi besiegt und seine Krone in der Grabeskirche niederlegt. Dann beginnt das Jüngste Gericht. Vor allem der Verweis auf die Grabeskirche ist perfekt für Friedrich II., hat er sich doch dort 1229 mit der Krone Jerusalems geschmückt.
Die Sehnsucht nach dem politischen Messias verstärkt sich noch, als mit dem Ende der Staufer das Land in die Wirren des sogenannten Interregnums stürzt - Schiller nannte sie später "die kaiserlose, die schreckliche Zeit". Aus der Verklärung der Vergangenheit erwächst Friedrich fast heilsgeschichtliche Bedeutung. "Die Rettergestalt eines kommenden Friedrichs aus dem Geschlecht der Staufer … bestimmte während des ganzen Mittelalters den Erwartungshorizont breiter Bevölkerungsschichten", sagt der Historiker Klaus Schreiner.
Sind die Zeiten schlecht, beflügelt das die Hoffnung auf einen Erlöser, etwa als 1347 bis 1352 die große Pest wütet. In der zeitgenössischen Chronik des Johann von Winterthur wird der neue Herrscher gar zu einem Gesellschaftsrevolutionär verklärt: "Dieser Meinung nach wird Friedrich wiedererweckt werden und an die Spitze seines Reiches zurückkehren; dann wird er arme Mädchen und Frauen reichen Männern zu Ehe geben und umgekehrt. Er wird die Nonnen und Laienschwestern verheiraten und die Mönche verehelichen. Den Unmündigen, Waisen und Witwen, denen alles und jedes geraubt wurde, wird er das Weggenommene wiedererschaffen und jedermann Gerechtigkeit widerfahren lassen."
So setzt sich das fort durch die Jahrhunderte. Selbst die massiven negativen Gegenbilder, die vor allem die Propagandisten des Papstes verbreiten, können dagegen nichts ausrichten. Sie verteufeln Friedrich als Vorläufer des "Antichristen", der wie ein Untier dem Meer entsteigt, beschimpfen ihn als "Fürst der Tyrannei", "Vernichter des Glaubens", "Verderber der Welt". Der papsttreue italienische Franziskaner Salimbene de Adam schreibt, Friedrich sei "ein unheilvoller und verworfener Mensch", "ein verschlagener Mann, durchtrieben, geizig, ausschweifend, boshaft und jähzornig". Doch es schwingt auch Bewunderung mit: "Wäre er ein guter Katholik gewesen, und hätte er Gott, die Kirche und seine eigene Seele geliebt, so hätte er wenige seinesgleichen unter den Herrschern der Welt gehabt."
Der messianische Volksglaube richtet sich zunächst klar auf Friedrich II., auch wenn es ein bisschen durcheinandergeht, wo er sich denn versteckt halte: Mal ist es der Untersberg bei Salzburg, mal Sennheim im Elsass, mal eine Grotte nahe Kaiserslautern - schließlich der Kyffhäuser.
Doch dann, vom 15. Jahrhundert an, verdrängt Barbarossa seinen Enkel nach und nach aus der Rolle des kaiserlichen Erlösers. "Ohne diesen Wechsel hätte die Legende wohl kaum zum Nationalmythos der Deutschen werden können", sagt der Berliner Politologe Herfried Münkler, denn der in Umbrien und Sizilien aufgewachsene bartlose Friedrich, mehr Italiener denn Deutscher, hätte in Deutschland kaum patriotische Begeisterung wecken können.
"Nationalmythen beschwören Gestalten aus der Vergangenheit, um die Zukunft zu garantieren", erläutert Münkler. Für die Humanisten der Reformationszeit ist diese Zukunft eine, in der die Allmacht der katholischen Kirche gebrochen ist. Luther und seine intellektuellen Mitstreiter nutzen den Konflikt Friedrichs I. mit dem Papst, "um antirömische und antiklerikale Ressentiments zu schüren". Aus den Staufern werden richtige Deutsche gemacht.
Im späten 18. Jahrhundert beginnt, in Sagen und Märchen, Liedern und Erzählungen, die Suche nach den Ursprüngen eines deutschen Volkscharakters. Jetzt bekommen die Staufer Hochkonjunktur. "Sollten es nicht die Zeiten der Schwäbischen Kaiser verdienen", hatte schon 1767 der Dichter und Philosoph Johann Gottfried Herder angeregt, "dass man sie mehr in ihr Licht der deutschen Denkart setzt?"
Bald stürzen sich die Romantiker auf das Mittelalter, das sie als "das schöpferische Jugendalter deutscher Kultur" verklären und germanisieren. Ganze Sammlungen von Volkspoesie entstehen, die Brüder Grimm nehmen die Kyffhäuser-Legende 1816 in ihr Kompendium der "Deutschen Sagen" auf.
"Er soll doch noch nicht tot sein", heißt es da über "Friedrich Rotbart", "sondern bis zum jüngsten Tage leben, auch kein rechter Kaiser nach ihm mehr aufgekommen. Bis dahin sitzt er verhohlen in dem Berg Kyffhausen, und wann er hervorkommt, wird er seinen Schild hängen an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine beßre Zeit werden."
Einmal, so geht die Sage weiter, habe ein Zwerg einen Schäfer hineingeführt, da sei der Kaiser aufgestanden und habe gefragt: "Fliegen die Raben noch um den Berg?" Als der Schäfer das bejahte, rief er: "Nun muß ich noch hundert Jahre länger schlafen." Die Raben und der lange Bart, der schon in den steinernen Tisch hingewachsen ist, gehören fest zur Kyffhäuser-Geschichte.
"Welcher Nationalstoff! Kein Volk hat einen nur etwa gleich großen!", jubelt Christian Dietrich Grabbe, ein Dramatiker des Vormärz, der gleich zwei Staufer-Dramen schreibt. Wortgewaltig dichtet auch Friedrich Rückert 1817: "Der alte Barbarossa" hat mit hinabgenommen "des Reiches Herrlichkeit". Seine Verse, wer kennt sie nicht, werden zur Schullektüre bis weit ins 20. Jahrhundert.
Nun wollen alle über die Staufer schreiben, ganze Staufer-Zyklen entstehen. Das ist nicht immer hohe Kunst, mitunter, wie bei Wilhelm Nienstädt, klingt das arg bemüht: "So, auf erhabner Vorzeit dunkeln Trümmern, Ihr Licht in weite Ferne stolz gewandt, sah ich gepriesne Königs-Häupter schimmern, an Glück und Weh uns immerdar verwandt."
Bloß Goethe ist kein besonderer Fan der Staufer. Ihm genügt es, gemeinsam mit Großherzog Karl August auf den Kyffhäuser zu wandern, um den Sonnenaufgang zu erleben. Zwei Skizzen vom Berg, immerhin, bringt er mit.
Konradin, dem letzten der Staufer, widmen sich die Literaten mit besonderer Leidenschaft und Hingabe. Sein tragisches Los (siehe Seite 58) rührt das Publikum.
Über hundert Konradin-Dramen und -Fragmente entstehen, darunter der populäre Ritterroman "Konradin von Schwaben" oder die tragische Oper gleichen Namens, 1812 in Stuttgart uraufgeführt. Die Geschichte findet ihren Weg in die Lehrpläne der Schulen, und Jesuiten-Zöglinge führen Konradins Untergang in lateinischer Sprache auf. Fast jedes Jahr erscheint ein neues Rührstück, so dass der Literaturkritiker Julius Hart schließlich 1915 den Augenblick herbeisehnt, "wo auf der Bühne der letzte Staufer zum letzten Mal das Schafott betritt".
Häufig steht die Poetisierung des Mittelalters in krassem Gegensatz zu der oft grausamen Wirklichkeit der Ritterzeit. Eine bevorzugte Quelle vieler solcher Staufer-Dichtungen ist das Werk eines Historikers, Friedrich von Raumer: "Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit" (1823 bis 1825). Es ist eine idealisierend-romantisierende Darstellung, das Drama vom blendenden Aufstieg und tragischen Fall eines Königsgeschlechts. "Das entsprach der allgemeinen Sicht auf die mittelalterliche Kaiserzeit als einer glorreichen Vergangenheit, der eine Jahrhunderte währende Epoche nationaler Erniedrigung folgte", urteilt der Münchner Historiker Knut Görich.
Auch der Königsberger Geschichtsprofessor Wilhelm von Giesebrecht, dessen Werk großen Einfluss auf das Geschichtsbild des deutschen Bildungsbürgertums haben sollte, trägt seinen Teil bei zur Monumentalisierung der Staufer. In seiner sechsbändigen "Geschichte der deutschen Kaiserzeit" (ab 1855), die als solide Materialschau Verdienste hat, feiert er die staufische Kaiserzeit als "Periode, in der unser Volk, durch Einheit stark, zu seiner höchsten Machtentfaltung gedieh. Wo es nicht allein frei über sein eigenes Schicksal verfügte, sondern auch anderen Völkern gebot, wo der deutsche Mann am meisten in der Welt galt und der deutsche Name den vollsten Klang hatte". Das klingt schon stramm nationalistisch.
Ein Auslöser des Barbarossa-Fiebers von Beginn des 19. Jahrhunderts an ist sicherlich die Demütigung der Deutschen durch Napoleon und seine Besatzungstruppen gewesen. Und die Frustration endet nicht: Nach dem Sieg über Napoleon verwehrt der Wiener Kongress die erhoffte politische Einigung Deutschlands. Und die Revolution von 1848 scheitert.
Aber ihren Staufer-Mythos kann den träumenden Patrioten keiner nehmen. Barbarossa, sagt der Historiker Schneidmüller, "ist nun der nationale Recke, an dem die Deutschen ihre Sehnsucht nach der Reichseinheit festmachen".
Die Freiheitsliebenden, die Anhänger der Demokratie, haben allerdings oft ihre liebe Not mit den Staufern. Der Liberale Ludwig Pfau versucht 1847 in einem Gedicht gegen den Trend anzuschreiben: "Laß ruhn den Barbarossa doch, auf seines Schwertes Knauf. Laß ihn bei seinem Trosse doch. Und wach Du selber auf!"
Keiner aber verspottet die Staufer so kunstvoll wie Heinrich Heine. In seinem satirischen Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen" (1844) träumt der politische Dichter von einem Besuch im Kyffhäuser, wo er sich mit dem alten Barbarossa unterhält. "Geh', leg Dich schlafen", befiehlt er ihm respektlos, "wir werden uns auch ohne Dich erlösen … Bedenk' ich die Sache ganz genau. So brauchen wir gar keinen Kaiser."
Was die anderen in den Himmel heben, nennt Heine schlicht das "alte Heilige Römische Reich" mit seinem "modrigsten Plunder". Der vielgepriesene Kaiser ist bei ihm ein knauseriger Depp, der seinen Soldaten nur einen Dukaten pro Jahrhundert zahlt und die Französische Revolution verschlafen hat. Hämisch beschreibt Heine, wie er "durch die Säle herumwatschelt", der alte Rotbart, "mit mir in trautem Geschwätze, er zeigte, wie ein Antiquar, mir seine Kuriosa und Schätze".
Die Staufer müssen auch herhalten für den erbitterten Richtungsstreit um den künftigen Kurs der Reichspolitik. Es geht um die Frage, in welchen Grenzen das Reich herzustellen sei - sollte man in einer großdeutschen Lösung alle deutschsprachigen Gebiete vereinen oder, als kleindeutsche Variante, nur den Norddeutschen Bund mit Süddeutschland?
Die Staufer hätten sich in Italien verzettelt und deshalb die nationalstaatliche Entwicklung blockiert, mäkelt der Münchner Historiker Heinrich von Sybel. Sein Innsbrucker Kollege Julius Ficker, der eine großdeutsche Lösung unter habsburgischer Führung propagiert, hält dagegen - daraus sollte ein Historikerstreit werden, der bis ins nächste Jahrhundert nachwirkt.
1871 zur Reichsgründung entzweien die Staufer sogar noch die Parteien im Reichstag - als ginge es um eine aktuelle Politikvorlage. Der Sprecher der Nationalliberalen, der Abgeordnete Rudolf von Bennigsen, macht den imperialen Kurs Barbarossas und Friedrichs II. nieder: Gerade die mächtigsten Kaiser hätten sich um Deutschland nicht gekümmert und "in langen Regierungsjahren Deutschland kaum betreten". Zwar kritisiert auch der Zentrumsabgeordnete Ludwig Windthorst die Italien-Züge der Staufer, findet aber in der Erinnerung an sie eine Poesie, die "eine tiefe Saite des deutschen Charakters zum Schwingen bringe".
Tatsächlich soll die Anbindung an das erste Kaiserreich dem nüchternen Beamten- und Militärstaat Preußen etwas geschichtlichen Glanz verleihen. Praktische Politik, so Münkler, wird aus der nostalgischen Rückschau aber nicht.
Der Glanz strahlt zur prächtigen Siegesfeier gerade recht, nach dem Triumph über die Franzosen dichtet Theodor Fontane vaterländische Sentenzen über Wilhelm I., den "Kaiser Blanchebart". Zum Empfang der aus Frankreich zurückkehrenden Truppen gibt das Hoftheater in Stuttgart "Kaiser Rotbarts Erwachen", in Karlsruhe spielt man "Kaiser Rotbart" und in Berlin "Barbarossa".
Aufwendig würdigt das Wilhelminische Reich die mittelalterlichen Ahnen. Die staufische Kaiserpfalz in Goslar wird restauriert, das Nationaldenkmal auf dem Kyffhäuser geschaffen, 1896 läuft ein großes Schiff vom Stapel, die "Barbarossa".
Als der Deutsche Kriegerbund, der spätere Kyffhäuserbund, nach dem Tode Wilhelms I. 1888 einen Gedenkort für den preußischen Heldenkaiser sucht, ist der Kyffhäuser schnell Konsens. Schließlich habe, wie es der Schriftführer formuliert, "Kaiser Weißbart die Sage erfüllt und Kaiser Rotbart erlöst".
So schicken sich die Hohenzollern an, die Staufer als überlebensgroße Herrschergestalten abzulösen, wie schon ein Gedicht von Karl August Mayer (1870) zeigt: "Die Krone sendet der Stauf dem Zollern dort. In ihm hat Deutschland endlich gefunden seinen Hort. Mit starkem Arm zusammen, hat er das Reich gerafft. Indeß ich bei den Wälschen zersplittert meine Kraft. Ich war ein römischer Kaiser; Er wird ein deutscher sein." Auch die krächzenden Raben sind nun verschwunden. In einer zeitgenössischen Karikatur sieht man, wie Barbarossa den Kyffhäuser abschließt, die Raben in einem Käfig. Auf der Tür steht: "Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen!"
Nun verschwindet Barbarossa auch nach und nach aus der Dichtung.
Aber der Mythos hält sich. Selbst die Nationalsozialisten, die für das Kaisertum eigentlich nicht viel übrig haben, lockt doch der Duft des Germanischen, der die Staufer umweht. Die staufischen Helden werden "umstandslos in die neue, staatlich verordnete Geschichtskonzeption der Nationalsozialisten integriert", so Görich. Da steigt dann, wie bei der Eröffnung des "Hauses der Deutschen Kunst" 1937, "in Rotbart, dem staufischen Kaiser, die germanische Kraft zur höchsten glanzvollen Würde".
Abteilungen der Hitlerjugend ziehen nun zu Sonnwendfeiern und Fahnenweihen auf den Hohenstaufen. "Barbarossas Geist lebt wieder, hat Millionen deutscher Volksgenossen ergriffen", titelt die "Göppinger Zeitung" zum "1. Hohenstaufentreffen der Hitlerjugend" im Juni 1933.
Akademiker wie der Historiker Richard Suchenwirth, Mitbegründer der NSDAP in Österreich, später Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer in Berlin, helfen, die Staufer zu nationalsozialistischen Helden umzudichten. 1933 zur "Machtergreifung" veröffentlicht er "Zwölf Schicksalsgestalten der deutscher Geschichte". Barbarossa erscheint darin als "herrliche ideale Königsgestalt". Er und seine Gefährten, "welche Heldenreihe! Deutschland war selten so reich an großen Männern wie damals".
Bei ihm wird nun Hitler zum Erfüller der Sage: Der Kaiser werde wiederkehren, "wenn nicht mehr die Raben um den Berg flatterten. Nun - im Reiche tun sie es seit Hitlers Sieg nicht mehr. Der alte Barbarossa wird bald wiederkehren, wenn das Dritte Reich, Großdeutschland entsteht".
Es sind die Jahre des aggressivsten Staufer-Missbrauchs. Der Tiefpunkt ist mit der SS-Division "Hohenstaufen" erreicht und dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 unter dem Namen "Unternehmen Barbarossa". Hitler hat ihn selbst ausgesucht.
Auch der "Führer" pilgert zum Kyffhäuser, 1934 und 1939, er schaut sich die Ausgrabungen der mittelalterlichen Burg an, mit denen er den Reichsarbeitsdienst beauftragt hat. Die Halle im Denkmalsturm ist zu der Zeit mit Hitler-Fahnen geschmückt. In der Ecke stehen Urnen mit Erde der verlorenen Gebiete, erzählt der heutige Denkmalsleiter Ralf Rödger.
Nach dem Krieg wollen örtliche Kommunisten im Osten des nun geteilten Deutschlands das Preußen-Denkmal sofort sprengen, doch die russische Besatzungsmacht zögert. Schließlich rettet DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl dem Reiterstandbild und Barbarossa den Kopf: "Eine Verschrottung des Kyffhäuser-Denkmals kommt zurzeit nicht in Betracht", befindet er 1951.
Wohl oder übel arrangiert sich die DDR mit der ungeliebten Gedenkstätte. Um sie wenigstens ideologiekritisch zu nutzen, werden Ausstellungen arrangiert, in denen der preußische Revanchismus gegeißelt und die NVA der Bundeswehr gegenübergestellt wird, berichtet Rödger, ein ehemaliger DDR-Bürger. Ein linientreuer Künstler wird beauftragt, einen Zyklus zu entwerfen, der die Weltgeschichte seit dem Mittelalter aus der Sicht des Arbeiter-und-Bauern-Staates darstellt: Das Bronzerelief hängt noch heute in der Fahnenhalle des Museumsturms.
Der Barbarossa-Felsen in der idyllischen Burgruine ist beliebt bei den DDR-Bürgern, es kommen fast doppelt so viele Besucher wie heute. Nur der authentische Burgfried bleibt ihnen versperrt, er ist einsturzgefährdet, das Honecker-Regime hat kein Geld oder kein Interesse, die Ruine wieder aufzubauen. Das ist heute in schönster Weise gelungen. Der ganze Denkmalsort ist ein Schmuckstück, doch die Besucherzahlen gehen zurück. Das Museum wirbt schon mit riesigen Bodenbildern auf den umliegenden Feldern, die nur von der Burg aus zu sehen sind, Barbarossa reicht nicht mehr als Attraktion.
Im Westen des Landes hat sich schon in den fünfziger Jahren ein neuer Blick auf die Staufer geöffnet, wie Historiker Schneidmüller sagt. Nun wird die nationale Sicht stark gedimmt, lieber spricht man von der abendländischen Kultur, die sich in diesen Herrschern manifestiert hat. Und so wird Friedrich II. zum Multikulti-Kaiser, "der mediterran denkt und vernetzt ist" (Schneidmüller), auch wenn es an dem Bild dann einiges zu korrigieren gibt.
Die Wissenschaft entdeckt die Staufer neu, könnte man sagen, sie sieht nun mehr die Handlungsräume und Netzwerke als einzelne historische Gestalten. Die Ausstellung "Die Staufer und Italien" 2010 in Mannheim ist Ausdruck dieses frischen Zugangs. Das Reich wird zerlegt in "Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa", die Helden werden einer kritischen Revision unterzogen. Man sieht stärker auch die Gegenbilder, die Verfälschungen durch Mythen, Propaganda und Gegenpropaganda.
Schneidmüller, einer der beiden wissenschaftlichen Koordinatoren der Mannheimer Ausstellung, spricht auch von der "Zuspitzung von Grausamkeit" unter den Staufern, deren Herrschaft immer wieder in Frage gestellt war. "Wir betreiben keinen Denkmalssturz, aber in der modernen Mediävistik beachten wir sehr deutlich die Grenzen der Heroisierung."
Der fröhlichen Vermarktung steht aber auch die ambitionierte Schau nicht entgegen: Da gibt es Staufer-Wein und Staufer-Bier im Staufer-Glas. Und auf dem Rasen im Mannheimer Luisenpark prangt im Sommer ein Barbarossa-Beet mit sprießendem roten Blumenbart.

Barbarossa

Von FRIEDRICH Rückert
Der alte Barbarossa Der Kaiser Friederich, Im unterird'schen Schlosse Hält er verzaubert sich.
Er ist niemals gestorben, Er lebt darin noch jetzt; Er hat im Schloß verborgen Zum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinabgenommen Des Reiches Herrlichkeit, Und wird einst wiederkommen Mit ihr, zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern, Darauf der Kaiser sitzt; Der Tisch ist marmelsteinern, Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse, Er ist von Feuersglut, Ist durch den Tisch gewachsen, Worauf sein Kinn ausruht.
Er nickt als wie im Traume, Sein Aug' halb offen zwinkt; Und je nach langem Raume Er einem Knaben winkt.
Er spricht im Schlaf zum Knaben: Geh' hin vor's Schloß, o Zwerg, Und sieh, ob noch die Raben Herfliegen um den Berg.
Und wenn die alten Raben Noch fliegen immerdar, So muß ich auch noch schlafen Verzaubert hundert Jahr.
Der 1788 geborene Dichter Friedrich Rückert schreibt 1817 eine Ballade, die dem alten Sagenstoff aktuelle politische Bedeutung gibt: Das zersplitterte Deutschland wartet auf seine Zeit.
Von ANNETTE GROSSBONGARDT

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2010
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