27.07.2010

„Wer frevelnd seinem Stand entsteigt“

Harte Arbeit und unüberwindliche soziale Grenzen prägten den Alltag der Stauferzeit. Ganz unten in der Hierarchie rangierten die Bauern, sie waren meist arm und unfrei - aber ernährten Adel und Geistliche.
Ich sah ihn selbst, dem gilt die Mär, Den Bauernsohn mit schmuckem Haar. Des Meiers Helmbrecht Sohn er war, Hieß Helmbrecht auch, dem Vater gleich.
Ein hübscher Bengel, dieser Helmbrecht, und er hat Glück: Irgendwie kommt er zu einer schmucken Mütze, bestickt mit Türmen, Rittern, Helden und einer Schlachtszene vom Fall Trojas.
"Nie ward bis zur Stund' auf eines Bauern Schädelrund ein schönrer Farbenschmuck erblickt", schwärmt der Dichter, der sich Wernher der Gärtner nennt. Die Zeitgenossen wussten, was Helmbrecht da trägt, ist eine Rittermütze. Geheuer ist das Wernher nicht:
"Nein, dass ein dummer
Bauer je durft' eine sol-
che Mütze tragen."
Niemand weiß heute genau, wer Wernher der Gärtner war. Er lebte wohl in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Bayern, in der Gegend am unteren Inn. Er war ein begnadeter Dichter und hinterließ zwei Handschriften seines Dorfepos "Meier Helmbrecht". Es erzählt die Geschichte des jungen Bauern Helmbrecht, der gegen den Rat seines Vaters auszog, ein Ritter zu werden, unter die Räuber gerät und am Ende mit der Schlinge um den Hals stirbt.
Wernher macht kein Hehl aus seiner erzieherischen Erzählabsicht: Ein jeder soll Gottes Ordnung respektieren. Wer seinen Blick über die Standesgrenzen hinweg erhebt, aus Hoffart oder Großmannssucht, dem droht das Verderben.
Sein Werk in Versform gewährt phantastische Einblicke in den Alltag der späten Stauferzeit - Bauernalltag: 90 Prozent der europäischen Bevölkerung lebten im frühen Mittelalter auf dem Land; diese Quote sank zum Ende des 13. Jahrhunderts nur geringfügig. Daran änderten auch die vielen neuen Städte nichts.
An der Spitze der sozialen Ordnung standen theoretisch die Geistlichen. Sie hatten zu beten, doch traten sie auch oft genug als Herren kirchlicher oder eigener Güter auf. Viele religiöse Würdenträger entstammten dem Adel. Nur ein kleiner Bruchteil der Gesamtbevölkerung im Heiligen Römischen Reich gehörte diesem Stand an. Adlige trugen Waffen, sie waren die Machthaber. Am Boden der Pyramide rangierten die Bauern.
Kein Wunder also, dass Helmbrecht nach oben wollte. Im Lauf der Stauferzeit nämlich hatte sich eine neue, quasi mobile Schicht herausgebildet, die Ritterschaft. Es waren Söhne adliger Abstammung, die womöglich ohne Erbe blieben; aber auch freie Gefolgsleute und Soldaten, die an den Adelshöfen zu Funktionsträgern im Herrschaftssystem avancierten. Sie entwickelten ihre eigenen Waffen und ihr eigenes Ethos, das der Ritter.
In den Städten begannen unterdessen Handwerker, sich zu spezialisieren. Sie wurden mitunter reich und schlossen sich zusammen, um ihre Interessen gegenüber der Herrschaft zu vertreten.
Helmbrechts Aufstieg nimmt seinen Anfang mit der Rittermütze. Kleidung war Standesabzeichen, und der junge Heißsporn legt sich zuallererst einmal die Insignien eines Ritters zu: Ein Hemd aus "feinster weißer Leinewand" gibt ihm die Schwester. Bauern trugen normalerweise eher grobes Tuch aus Flachs, typischerweise eine Tunika mit weiten Ärmeln, einen Strohhut und Schuhe aus Rindsleder. Mäntel waren eine seltene Kostbarkeit.
Der Vater versucht den Sohn zurückzuhalten:
"Das Rittertum, lass ab davon!
Glaub mir, die höfische Lebensart
Wird allen denen drückend hart,
Die nicht von Kind auf heimisch drin.
Wer frevelnd seinem Stand entsteigt,
Gar selten dem das Glück sich neigt."
Durchaus stolz preist er seinem Sohn das Bauernleben:
"Gewisslich wird manch hohe Frau.
Durch deines Ackers Frucht verschönt.
Und mancher König sieht gekrönt.
Sich dank des Bauern Fleiß und Schweiß."
Damit hatte er durchaus recht: Der Bauern Arbeit ernährte die höheren Gesellschaftsschichten. Die "Trennung von Arbeit und Eigentum" beschreibt der Hamburger Historiker Hans-Werner Goetz als ein charakteristisches Merkmal des Mittelalters.
Den Adligen gehörte das Land. Doch bewirtschafteten sie es nicht selbst. Sie überließen unfreien Bauern einige Hektar, die diese zu beackern hatten. Vom Ertrag mussten sie dem Feudalherrn Abgaben leisten: Getreide, Eier, Schlachtvieh, Geflügel oder Geldzahlungen. Und zudem hatten sie "Hand- und Spanndienste", also körperliche Arbeit, als Fron auf den herrschaftlichen Gütern zu leisten. Die große Mehrheit der Bauern lebte wohl am Rande des Existenzminimums.
Es war ein mühseliges, arbeitsreiches Leben: Bauern waren in den seltensten Fällen freie Siedler, die sich die Wildnis untertan machten. Die große Mehrheit von ihnen lebte auf ihren Hufen, wie die ihnen per Lehnsrecht zugewiesene Parzelle Land hieß. Dort hausten sie in selbstgebauten Hütten aus Holz, Lehm und Flechtwerk. Oft gab es nur einen Raum mit offener Feuerstelle.
Verbreitet war in der Stauferzeit schon der Wagenpflug, ein primitives Gerät, gezogen von Ochsen, seltener Pferden. Der Treiber peitschte die Tiere voran, während der Pflüger den Pflügehaken, später die Schar in den Boden stemmte. Nachdem die Erde umbrochen war, säte der Bauer per Hand Flachs, Weizen, Roggen, Rüben, Bohnen, Erbsen, Mohn oder Hanf. Um den Boden nicht einseitig auszulaugen, entwickelten erfahrene Bauern schon im Mittelalter Formen des Fruchtwechsels. Häufig wurden drei Felder reihum mit verschiedenen Getreiden bebaut.
Danach folgte die Ernte mit der Handsichel, in der Stauferzeit kamen dann langsam Sensen auf.
Freizeit kannte ein Bauer des Mittelalters kaum. Im Winter, wenn es draußen zu kalt war für die Feldarbeit, galt es, Werkzeug auszubessern und Kleidung zu flicken. Lediglich die Sonntage und die christlichen Feste lockerten den Alltag ein wenig auf: Prozessionen, Ostern, Weihnachten, auch alte heidnische Feste wie zur Sonnenwende, nicht aber Geburtstage. Kaum jemand im Mittelalter wusste, an welchem Tag er geboren war.
Solch ein ödes Leben ist für Helmbrechts Sohn nichts, er widersteht dem Flehen seines Vaters: "Dem Pflug absagen will ich."
Dabei gehörte die Familie wohl schon zur agrarischen Oberschicht. Der Vater trägt den Titel eines Meiers. Das waren oft immer noch unfreie Bauern, die aber als Aufseher fungierten oder Verwaltungsaufgaben für den Feudalherrn erledigten. Erst im späteren Mittelalter wurden aus ihnen Pächter oder selbständige Bauern. Helmbrecht erwähnt auch, dass er seinen Zehnten immer pünktlich zahle.
Der ungestüme Sohn träumt von gutem Essen, "Backhuhn", "Semmelbrot" und "blinkendem Wein", statt Wasser und Grütze aus Dinkel oder anderen Körnern. Fleisch gab es bei Bauersleuten selten. Die Jagd war ein Adelsprivileg. Er hat auch keine Lust, sich bei der Landarbeit die Finger schmutzig zu machen:
"Denn schwarze Hände tragen
Weil ich dem Pfluge schreite nach
Das brächte mir bei Gott nur Schmach:
Wie dürft' ich je mich zeigen
An Frauenhand im Reigen."
Am Ende lässt sich der Vater breitschlagen. Sohn Helmbrecht bekommt "Kettenwams und Schwert" sowie einen Hengst, für den der Vater bezahlt der "Kühe viere, dazu zwei Ochsen und drei Stiere". So ausgestattet, verlässt Sohn Helmbrecht das Gehöft.
Doch der kecke Kerl kommt nicht weit. Er stößt auf einen Raubritter, der "ohne Aufhörn blutige Fehden" ficht. Dem schließt er sich an, ob aus Überzeugung oder Not, verrät der Dichter nicht. Helmbrecht mordet, plündert und brandschatzt. Meist sind nicht adlige Feinde seine Opfer, sondern seine Standesgenossen, Bauern, wie er eigentlich einer ist.
Es war immer das einfache Volk, das litt, sei es unter der Gewalt marodierender Banden oder den Händeln der Herren. Das Mittelalter kannte kein Gewaltmonopol, nur gelegentlich versuchten die Oberen, durch einen "Landfrieden" etwas Ordnung zu schaffen. Eigentlich war der adlige Herr verpflichtet, seinen hörigen Bauern Schutz und Schirm zu gewähren. Er sollte sie gegen raubendes Gesindel verteidigen, Streit schlichten und Recht sprechen. Doch das war in der Realität schwer umzusetzen, die Wege durch undurchdringliche Wälder waren kaum zu kontrollieren, entlegene Dörfer praktisch nicht zu schützen.
Oft genug mussten Bauern die Willkür der Obrigkeit ertragen. Wer einem harten, ungerechten Herrn diente, hatte keine Beschwerdeinstanz. Trotzdem verhielt sich der unterste Stand überraschend ruhig, begehrte kaum auf, die Herrschaftsverhältnisse wurden nicht wirklich in Frage gestellt. "Es gab soziale Spannungen, aber keine Klassenkämpfe", erklärt Goetz. Die Ständeordnung wurde nicht prinzipiell als ungerecht empfunden, Konflikte gab es meist, wenn die Herren den Untertanen allzu viele Extralasten zumuteten.
Nach einem Jahr kommt Helmbrecht hoch zu Ross ins väterliche Dorf zurück. Die Eltern erkennen ihn kaum, die Raubzüge haben ihn reich gemacht. Was die Dörfler besonders irritiert: Er grüßt angeberisch mit ein paar Fetzen Böhmisch ("Dobry ytra") und Latein. Die meisten Bauern verließen im Mittelalter kaum jemals ihren Hof, sie waren unfrei und konnten nicht gehen, wohin sie wollten. Fremde Sprachen lernten die Adligen, die Kleriker vor allem Latein.
Helmbrecht bringt seinem Vater ein Beil mit, "so trefflich, wie es wohl kein Schmied geschmiedet seit geraumer Zeit", einen Wetzstein und eine Sense. Das waren Kostbarkeiten, denn auf dem Dorf gab es kaum Handwerker. Der Bauer war sein eigener Architekt, Tischler, Dachdecker und Werkzeugmacher. Handwerker, die ausschließlich von ihrer Kunstfertigkeit lebten und nicht auch noch Bauern waren, gab es vor allem in den Städten.
Diese bildeten sich im Mittelalter zumeist um einen Handelsplatz oder eine Kirche herum, häufig buchstäblich im Schatten einer Feste. Der Burgherr war zunächst fast überall auch der Stadtherr. Doch sah er sich einer wachsenden Schicht wohlhabender und damit selbstbewusst werdender Händler und Handwerker gegenüber.
Gerbte und verkaufte zunächst der Metzger auch noch das Leder seiner Schlachttiere, spezialisierte sich das Handwerk immer mehr. In größeren Städten schlossen sich die Glockengießer, Tischler, Schmiede, Müller, Bäcker, Glaser und Töpfer in Bruderschaften und später Zünften zusammen. Sie kontrollierten die Qualitätsstandards ihrer Produkte, hielten die Konkurrenz klein und traten dem Grundherrn als Verband gegenüber. Sie leisteten gemeinsam Abgaben und Dienste, manchmal sogar an der Waffe. Zünfte erstritten für sich als Verband politische Mitbestimmungsrechte im Stadtregiment und für ihre Mitglieder Bürgerrechte.
Wer der Zunft nicht angehörte, durfte in der Stadt weder seinen Beruf ausüben noch seine Produkte verkaufen. Die Zunft war ein Kartell, doch sie schaffte auch den Schutzraum, handwerkliche und technische Fortschritte zu machen und Ausbildung zu organisieren.
Helmbrecht hält es im Vaterhaus gerade mal sieben Tage aus - und stiftet weiteres Unheil. Er bahnt die Ehe seiner Schwester mit einem seiner Spießgesellen an. Lämmerschlind nennt sich der Halunke. Für ihn hält Helmbrecht bei seinem Vater um Gotelindens Hand an:
"Gerne dem Freunde Lämmerschlind
Hätt' eure Tocher Gotelind
Zur Gattin ich gegeben.
Ihr wär' das beste Leben
Erblüht, das je auf dieser Erd'."
Lämmerschlind verspricht drei Säcke "schwer wie Blei, gefüllt mit Schätzen mancherlei".
Zum Beispiel: Leinen, die "Elle fünfzehn Kreuzer wert", Pelze, Schleier.
Gotelind erliegt dem Werben, ohne dass sie Lämmerschlind je gesehen hat. Sie spricht zum Bruder:
"Schaff ihn mir zum Manne:
Dann prasselt meine Pfanne,
Dann ist gekeltert mir der Wein."
Liebesheiraten waren im Mittelalter nicht nur bei Bauern eine Seltenheit. Die Ehe diente der Versorgung und wurde von den Eltern abgesprochen. Doch Helmbrecht und Gotelind übergehen Vater und Mutter einfach. "Mit der Heirat ging die Frau aus der Munt, also dem Schutz wie der Herrschaft der Eltern, in die Munt des Ehemannes über", schreibt Hans-Werner Goetz. Der Mann hatte die Brautgabe, im Falle Gotelindes die drei Säcke mit Kostbarkeiten, häufig an die Familie seiner Zukünftigen, erst im Spätmittelalter an sie selbst zu zahlen.
Die Hochzeit war zunächst ein weltlicher, durch Zeugen abgesicherter Rechtsakt. Ein Priestersegen war in der Stauferzeit aber schon lange üblich.
Nach der "Trauung" folgte die "Heimführung" der Braut in das Haus des Bräutigams. Öffentlich war auch die "Beschreitung" im Ehebett, wo die Verwandten den Brautleuten wohl noch schnell letzte Ratschläge mitgaben, wie Goetz schreibt. Die mögen sie nötig gehabt haben, denn das Mindestalter für die Ehe betrug laut kirchlichem Recht 14 Jahre für den Mann, 12 für die Frau.
Mit dem wachsenden Einfluss der Kirche gewann die voreheliche Keuschheit - vor allem der Braut - an Bedeutung. Sexuell betätigen durften sich nur Eheleute mit dem Ziel, Kinder zu zeugen. Und auch die Praktiken versuchte die Kirche zu reglementieren. Neben vielem anderen galt zum Beispiel die Rückenlage des Mannes als widernatürlich und war mit einer Buße von 40 Tagen belegt. Bis zu sieben Jahre Buße stand auf "sodomieartigen" Oral- oder Analverkehr.
Sündig waren auch Versuche, eine Empfängnis zu verhüten oder den Partner mit allerlei Zaubermitteln sexuell zu stimulieren. Dazu experimentierten Frauen mit Kräutersäften oder mischten ihren Männern Menstruationsblut ins Essen.
Ehebrecher wurden hart bestraft, vor allem, wenn der Ehebruch zwischen Angehörigen verschiedener Stände stattfand. Einer Freien, die sich mit dem Knecht einließ, drohte mancherorts sogar der Tod.
Auf der anderen Seite hatten Kinder aus solchen Verbindungen durchaus ein Recht darauf, versorgt zu werden. Uneheliche Königssöhne konnten den Thron nicht erben, aber durchaus hohe Ämter erreichen. Die ärmeren Stände regulierten die Familienplanung, indem sie überzählige Kinder gleich nach der Geburt vor Klostertoren aussetzten.
Gotelind und ihr Lämmerschlind feiern eine rauschende Hochzeit mit den neuen Freunden Helmbrechts. Einer aus der Räuberbande, "hoch an Jahren", nimmt das Jawort ab, die Spießgesellen Helmbrechts bedienen das junge Paar beim Festessen. Ein Kerl namens "Schlickenwidder" gibt den Mundschenk, der "Höllensack" führt die Gäste zur Tafel, "Kühefraß" betätigt sich als Küchenchef.
"Sie leerten manche Schüssel
Und manchen bauchigen Pokal
Bei jenem üppigen Hochzeitsmahl."
Die jungen Eheleute, die sich gerade kennengelernt haben, sind bereits in Liebe zueinander entbrannt:
"Mit artigen Worten Lämmerschlind
Schoß Pfeile gegen Gotelind
Voll Übermuts. Und Stück für Stück
Gab sie's nach Weibesart zurück."
Die Zeitgenossen hätte das nicht verwundert. Die Liebe galt nicht als Voraussetzung der Hochzeit, sondern als Ergebnis einer gelungenen Ehe.
Die Freude der frisch Getrauten währt nicht lange. Noch wärend der Feier überwältigt der "Richter" mit fünf Schergen die zehnköpfige Räuberbande. Wernher der Gärtner sagt nicht, wer dieser Richter war. Es könnte der Anführer einer Wache sein, die ein Landesherr ausgeschickt hat, um die Räuberbande dingfest zu machen. Der Trupp ist Gericht und Hinrichtungskommando in einem. Gewaltenteilung gab es noch nicht. Der Landesherr verhängte Recht, er urteilte selbst oder ließ Untergebene, wie jenen "Richter", urteilen und die Strafe vollstrecken.
Neun Männer, darunter der Bräutigam, werden aufgehängt. Gotelind wird das Brautkleid heruntergerissen. Den zehnten "verschont" die Justiz nach altem Brauch: Helmbrecht werden die Augen ausgestochen, eine Hand und ein Fuß abgehackt - als Rache, weil er die Mutter und den Vater missachtet hatte, vermerkt Wernher der Gärtner genüsslich.
Das Mittelalter kannte ein abgestuftes System von Strafen. Sie wurden nach mehr oder weniger formalisierten Prozessen verhängt. Je höher ein Delinqent im Ständesystem rangierte, desto bessere Chancen hatte er, ein faires Verfahren zu bekommen.
Trotzdem war das Justizsystem des Mittelalters weniger blutrünstig, als ihm heute allgemein nachgesagt wird. Viele Strafen waren sogenannte Ehrenstrafen. Der Verurteilte wurde öffentlich gedemütigt. Er musste zur Buße eine lächerliche Schandmaske tragen oder wurde an den Pranger gestellt. Gegen Adlige und Bürger wurden immer häufiger Geldstrafen verhängt.
Freiheitsstrafen kamen erst in der frühen Neuzeit auf. Kaiser und König konnten die "Acht" verhängen. Niemand durfte einen Geächteten aufnehmen, bewirten, mit ihm Geschäfte machen. In der schlimmsten Form der Acht durfte jedermann den Verurteilten gefangen nehmen oder töten. Der Papst konnte den Bann aussprechen, das heißt, jemanden exkommunizieren und damit vom Gottesdienst und von den anderen Sakramenten ausschließen.
Die Todesstrafe wurde bei den Armen in der Regel am Galgen vollstreckt, Adlige hatten das Vorrecht auf Enthauptung, die nicht als ehrenrührig galt.
Geblendet und verkrüppelt irrt Helmbrecht zurück zu seines Vaters Haus. Doch der nimmt ihn nicht auf, verjagt ihn mit Spott und Hohn: "Nicht kümmer' ich mich um eure Not", ruft er und lässt den Sohn vom Hofe jagen.
Ein Jahr lang irrt der Ausgestoßene humpelnd umher, bis er eines Tages im Wald auf Bauern trifft, die er zuvor beraubt hat. Dem einen nahm er die beste Kuh, dem anderen die Kleidung, das Kind eines dritten hat er einst misshandelt.
"Gib Helmbrecht auf die Mütze acht!", rufen sie. Dann zerreißen sie die bestickte Kopfbedeckung, zerren am Haar, das Helmbrecht noch immer nach Ritterart lang gelockt trägt. "Drauf an einen Baum hängten sie ihn."
Wernher der Gärtner atmet auf: "Und damit endet diese Mär."
Von Jan Puhl

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2010
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