28.09.2010

Der musterhafte Gesandte

Die Überlieferungen zu Mohammeds Leben sind neben dem Koran die wichtigste Quelle des Islam. Viele dieser „Hadithe“ sind allerdings gefälscht.
Zahnpflege lag dem Propheten am Herzen. Regelmäßig reinigte er sein Gebiss mit einem Wurzel- oder Zweigstück vom Zahnbürstenbaum (Siwak). Am liebsten hätte er das Zähneputzen zur Pflicht vor jedem Gebet gemacht, aber das schien ihm dann doch zu viel verlangt.
Dass wir über die Vorliebe Mohammeds für das auch auf der Arabischen Halbinsel gebräuchliche Zahnputzholz Bescheid wissen, verdanken wir dem Bedürfnis der frühen Muslime, ihr Leben nach seinem Vorbild auszurichten. Auch deshalb, weil der Koran auf allzu viele Alltagsprobleme keine Antwort gab, begann man schon bald nach Mohammeds Tod, sich in strittigen Fragen auf das erhabene Vorbild zu berufen. Was hatte der Gesandte Gottes getan - oder auch nur stillschweigend gebilligt?
Eine Fülle von Geschichten, Sprüchen und Anekdoten wurde zusammengetragen, von Lieblingsspeisen (der Prophet aß gern Honig und Süßigkeiten, auch Kürbis mochte er sehr) und alltäglichen Gewohnheiten (er zog immer zuerst den rechten Schuh an) über Religiöses (mittags und nachmittags betete er mit jeweils zwei Niederwerfungen) bis hin zu rechtlichen und politischen Fragen ("Einem Befehl darf nur Folge geleistet werden, wenn er im Einklang mit Recht und Gesetz steht"). Das Familienleben Mohammeds ist ebenso überliefert wie seine Antworten an Ratsuchende. Allgemeine ethische Gedanken finden sich neben konkreten Anweisungen - alles, was aus dem Leben des Propheten zu erfahren war, wurde gesammelt.
Den umfangreichen Stoff zerlegte man in kleine Episoden, die man Hadithe ("Erzählungen") nannte. Jedes Hadith besteht aus zwei Teilen: dem eigentlichen Text (arabisch Matn) und einer einleitenden Überliefererkette (Isnad), die nach dem Muster "A hat mir erzählt, dass B sagte, er habe von C gehört" idealerweise bis zu Mohammed oder seinem Umfeld zurückreicht. Die so gesammelte Sunna ("Tradition") des Propheten avancierte in der entstehenden Religion zur wichtigsten Entscheidungsquelle nach dem Koran. Alle Seiten argumentierten jeweils mit dem Vorbild Mohammeds - und dabei nicht selten auch mit erfundenen Hadithen. Schon die Rechtsgelehrten (Ulama), die das ausufernde Material im 9. Jahrhundert systematisierten, gingen davon aus, dass ein großer Teil der Überlieferungen nicht authentisch ist, und versuchten, Kriterien für die Glaubwürdigkeit zu entwickeln. Da der Islam keine Instanz kennt, die verbindlich etwas für richtig oder falsch erklären kann, hielt man sich dabei vor allem an die Kette der Gewährsleute. Wies der Isnad Lücken auf? Waren die Überlieferer zuverlässig? Als Hilfe bei der Bewertung entstand eine reiche biografische Literatur, in der die genannten Frauen und Männer systematisch überprüft wurden.
Die Ulama verschiedener islamischer Richtungen kamen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. So betrachten etwa die Schiiten all jene Hadithe nicht als authentisch, die auf Mohammeds Lieblingsfrau Aischa zurückgehen - die stellte sich nämlich nach Mohammeds Tod gegen dessen Cousin und Schwiegersohn Ali, den Stammvater der Schiiten.
Ein Hadith mit einer mehrfach bezeugten durchgehenden Kette angesehener Überlieferer gilt als sahih (wörtlich "gesund") oder auch hassan ("schön"), ein schlecht belegtes als daif ("schwach"). Inhaltliche Kriterien spielten kaum eine Rolle. So kommt es, dass sich auch gegensätzliche Positionen jeweils mit Hadithen belegen lassen - was in der islamischen Tradition positiv bewertet wird: "Die Vielfalt der Meinungen ist eine Gnade für die Gemeinde", lautet ein bekanntes Hadith.
Bis heute untermauern sowohl Kämpfer für Meinungsfreiheit als auch autoritäre Herrscher, sowohl Feministinnen als auch Taliban ihre Argumentationen mit Hadithen. Auch die im 9. Jahrhundert entstandenen großen Kompilationen "gesunder" Hadithe, die bis heute eine grundlegende Quelle der Scharia bilden, bieten den Islamgelehrten, Muftis wie Kadis, einigen Spielraum. Von den insgesamt 200 bekannten Hadith-Sammlungen gelten den Sunniten sechs als besonders autoritativ, die Schiiten stützen sich auf vier kanonische Werke.
Nicht selten bestimmten freilich die Interessen der Mächtigen und gesellschaftliche Konventionen, welche Überlieferungen sich durchsetzten. So erzählte Muawija, der ers-te Kalif der Umajjaden-Dynastie, er habe Mohammed sagen hören: "Die Herrschaft über die Muslime gebührt einzig den Kuraisch"- seinem eigenen Stamm, dem auch der Prophet angehört hat. Ein anderes Hadith zitiert den Propheten dagegen mit den Worten: "Hört auf euren Befehlshaber und gehorcht ihm, auch wenn es ein abessinischer Sklave sein sollte."
Die Stellung der Frau, die im frühen Islam besser war als in den Zeiten zuvor, wurde schon bald mit angeblichen Prophetenworten deutlich eingeschränkt. Misogyne Überlieferungen wie "Niemals wird ein Volk zu Wohlstand gelangen, das seine Geschicke einer Frau anvertraut" oder "Das Unglück liegt in drei Dingen: dem Haus, der Frau und dem Pferd" fanden weite Verbreitung. Noch heute sind sie bekannter als die (besser belegten) frauenfreundlichen Aussagen Mohammeds.
Die feministische Religionswissenschaftlerin Riffat Hassan vertritt die Ansicht, dass die untergeordnete Stellung der Frau im islamischen Recht maßgeblich einer Interpretation des Koran "durch die Brille der Hadithe" geschuldet sei, in denen sich die Diskriminierung von Frauen in der damaligen Gesellschaft und auch in christlichen und jüdischen Traditionen widerspiegle. So ist etwa die Vorstellung, dass die Frau aus einer Rippe des Mannes und damit sekundär geschaffen wurde, nicht im Koran zu finden, wohl aber in mehreren Hadithen. Ein anderes Hadith konstruiert zwischen dem Satan und unerlaubter Sexualität eine Verbindung, die sich im Koran nicht findet: "Ein Mann sollte nicht mit einer Frau allein sein, denn dann ist der Satan der Dritte."
Die Religionsbehörde der Türkei lässt eine Gruppe von Theologen seit einigen Jahren die Überlieferungen mit dem Ziel durchforsten, frauenfeindliche Hadithe aus den Sammlungen zu entfernen. Als gefälscht sollen alle Aussagen getilgt werden, die zur Gewalt gegen Frauen aufrufen oder Frauen diskriminieren und sie dem Mann unterordnen.
Unter sittenstrengen Moralaposteln können freilich auch ganz alltägliche Begebenheiten, die eher beiläufig auftauchen, zu Streitpunkten werden. So gibt es eine ganze Reihe von Hadithen, in denen der Prophet "lachte, bis seine Weisheitszähne zu sehen waren". Puristischen Theologen im 8. Jahrhundert war das ein Dorn im Auge, denn ähnlich wie ihre sinnenfeindlichen christlichen Kollegen vertraten sie die Ansicht, dass herzhaftes Lachen sich für einen Religionsstifter nicht schickt. Obwohl Mohammeds Freude am Scherzen gut belegt war, brachten sie anders- lautende Erzählungen in Umlauf und prägten die bis heute gängige Meinung, der Gesandte Gottes habe nie gelacht. Selbst wenn seine Weisheitszähne zu sehen gewesen seien, habe er gemäß seiner Prophetenwürde - allenfalls gelächelt.
Ein Mann zum Gesandten: Ich bin verloren! Ich habe im Ramadan mit meiner Frau geschlafen. - Lass einen Sklaven frei! - Ich habe keinen. - Faste zwei Monate hintereinander! - Das kann ich nicht! - Speise 60 Arme! - Ich finde nichts vor!
Da ward eben ein Korb mit Datteln gebracht; der Prophet: Wo ist der Bettler? Spende das da! - Einem Ärmeren als mir? Bei Gott, es gibt weit und breit keine ärmere Familie als unsere!
Da lachte der Prophet, bis seine Weisheitszähne erschienen: Dann eben euch!
Von Anne-Sophie Fröhlich

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2010
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